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Tante Julia und der Schreibkünstler (Mario Vargas Llosa)
Geschrieben von Holger
Montag, der 26. September 2011

Suhrkamp, 1. Auflage Juli 2011
Originaltitel: La tía Julia y el escribidor
Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Gebunden, 447 Seiten
€ 22,90 [D] | € 23,60 [A] | CHF 32,90
ISBN: 978-3-518-42255-7
Leseprobe

Genre: Belletristik


Klappentext

Tante Julia, eine so attraktive wie kapriziöse 32jährige, taucht nach ihrer Scheidung in Lima auf, wo sie einen standesgemäßen neuen Ehemann zu finden hofft. Doch es kommt anders. Ihr eigener Neffe Mario verliebt sich in sie, ein gerade 18jähriger Student, der mit einem Job bei einem Radiosender etwas Geld verdient und von seinem zukünftigen Leben als Schriftsteller über den Dächern von Paris träumt. Aus der anfänglichen Verliebtheit der beiden wird die große Liebe, die zum Skandal führt: Der Familienclan versucht, eine Heirat um jeden Preis zu verhindern. Mario und Tante Julia fliehen, und auf einer irrwitzigen Fahrt durchs Land suchen sie einen bestechlichen Bürgermeister, der den Minderjährigen mit seiner Tante traut ... (weiterlesen).


Rezension

Mario Varguitas, der Peruaner und Ich-Erzähler, arbeitet in den 1950er Jahren als Nachrichtenchef für Radio Panamericana in Lima. Er möchte lieber Schriftsteller sein, doch seine Arbeit beim Sender und sein Jurastudium lassen ihm kaum Zeit, seine handwerklichen Fähigkeiten zu entwickeln. Mario schreibt unermüdlich, aber seine Texte scheinen nur ihm zu gefallen. Seine Freunde haben Verständnis dafür, dass er seinen Lebenstraum realisieren will, jedoch glauben sie, dass er kein guter Erzähler ist. Der Bolivianer Pedro Camacho, der ebenfalls für den Sender arbeitet, ist ein erfahrener Autor von Hörspielserien. Dank der Gewalt, der Intrigen und Perversionen liebt die Öffentlichkeit Pedros Sendungen. Die Bolivianerin Julia ist Marios Tante, nicht aber Blutsverwandte. Frisch geschieden, kommt sie nach Lima und will einen neuen Mann suchen. Mario verliebt sich mit seinen achtzehn Jahren in seine Tante, eine Frau von 32 Jahren.

Mario Vargas Llosa erzählt in den ungerade nummerierten Kapiteln die Geschichte von Mario, Julia und Pedro. In den gerade nummerierten Kapiteln wird je eine Folge der Radiohörspiele Pedros inhaltlich wiedergegeben. Indem Vargas Llosa die Realität des Romans gegen die (soapigen) Hörspiele setzt, eröffnen sich ihm interessante Möglichkeiten. Er zeigt, wie ähnlich sich Alltag und Soap sind. Wenn die Beziehung zwischen Mario und Julia ein Stück fortgeschritten ist, wechselt er zur Soap, wodurch der traditionelle Lesevorgang unterbrochen und das Lesetempo verringert wird. Zudem endet jedes Soap-Kapitel mit einem Cliffhanger und Fragen zur Fortsetzung in der nächsten Episode, zu der es dann doch nicht kommt.

Die Handlung des Romans wird geradlinig erzählt. Die Entwicklungslinie ist vorgegeben durch die Liebesgeschichte zwischen Mario und Julia. Anfangs lehnt Mario Tante Julia ab, die sich gerade von seinem Onkel hat scheiden lassen. Aber da er doch mehr durch seine Hormone oder Gefühle denn seine Vernunft bestimmt ist, nimmt er bald direkten Kurs zu ihr auf. Es dauert nicht lange, bis sie seine Gefühle erwidert. Aus ersten Küssen wird das, was man Liebe nennt. Marios Familie mag die Bolivianerin nicht und stellt sich gegen die Verbindung, weniger, weil sie den Altersunterschied als zu groß empfindet, sondern weil Julia geschieden ist. Die Suche Marios und Julias nach einem Bürgermeister, der willens ist, die Trauung des Minderjährigen mit seiner Tante vorzunehmen, führt das Paar über die Dörfer und in die Vorlage eines möglichen Hörspiels Pedros.

Bildet die Liebesgeschichte die schön übersichtlich gebaute Hauptstraße der Erzählung, baut Vargas Llosa Seitenstraßen, die sich mit verschiedenen Fragen des kreativen Prozesses und dessen Wertschätzung in der Kunst und bei den Lesern beschäftigen. Gleichzeitig setzt er auch zwei Qualitäten von Schriftstellern gegeneinander. Während für Mario die Arbeit an jeder Erzählung einen inneren Kampf bedeutet, schaut Pedro nur aus dem Fenster und sieht eine triviale Alltagsgeschichte, die er mühelos in ein Hörspiel übertragen kann.

Die haarsträubenden und oftmals surrealen Radiohörspiele sind bestimmt durch familiäre Spannungen, Melodrama und Komik. Federico Téllez Unzátegui macht die Jagd auf Nager zu seiner Lebensaufgabe, seit Ratten seine kleine Schwester gefressen haben. Lucho Abril Marroquín fährt ein Mädchen mit dem Auto tot, gerät dadurch an die Schwelle zum Wahnsinn und wird von Dr. Lucía Acémila geheilt, die ihn dazu bringt, einfach alle Kinder zu hassen.

Mario ist fasziniert von Pedro, der mit seinen Texten beinahe den ganzen Sendetag im Radio bestreiten kann. Zudem ist Pedro ein den Method Actors aus dem Film vergleichbarer Autor. Steht die Figur, über die Pedro gerade schreibt, vor einer Operation, sitzt er im Chirurgenkittel vor seiner Schreibmaschine und tippt die Szene. An diesem zeitlichen und inhaltlichen Überengagement scheitert Pedro auch letztlich, weil er irgendwann an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit als Autor gerät. Mit fortschreitender Handlung wird Pedros Realitätsbezug unklarer, vermischen sich die erzählerischen Ebenen. Menschen sterben und sind im nächsten Moment wieder lebendig, nur um bald darauf erneut ums Leben zu kommen. Figuren aus früheren Geschichten tauchen in neuen auf, als würden sie schon immer dazugehören. Der Polizist Lituma, Schrecken des Verbrechens in der Serie um zehn Uhr, wird dann plötzlich der Richter in der Serie um vier Uhr, der eigentlich Barreda heißt. Dieses Versetzspiel mit Figuren erinnert, worauf im Roman einmal hingewiesen wird, an Balzac. Und die Hörspiele werden in der Summe zur menschlichen Komödie, zur Historie einer Gesellschaft, deren Sekretär Pedro ist, um eine bekannte Äußerung von Balzac abzuwandeln.

Pedro versucht alles in den Tod zu überführen, weil er seine Figuren nicht mehr so gut kennt. Er ist nicht mehr fähig, sie über eine Sendezeit von mehr als einer halben Stunde weiterzuentwickeln, weil er sich nicht mehr so gut an sie erinnern kann. Während die Unschärfen in Pedros Geschichten zunehmen, gewinnt Marios Erzählung an Konturen. Marios Leben läuft in den beabsichtigten Bahnen, Pedros gerät aus der Spur. Mario wird zum Chronisten des Aufstiegs und Niedergangs Pedros.


Fazit

Mario Vargas Llosas Roman „Tante Julia und der Schreibkünstler“ aus dem Jahr 1977 war bislang unter dem Titel „Tante Julia und der Kunstschreiber“ in der Übersetzung von Heidrun Adler bei Suhrkamp erhältlich. Das Buch ist gemäß Aussage Vargas Llosas in Teilen autobiografisch, basiert auf der ersten Ehe des Schriftstellers mit Julia Urquidi.
Die Melange aus Kunst und Leben, von Alltag, Soap und Liebe, gelingt einfallsreich und sehr unterhaltsam. Die Nacherzählungen der Hörspiele weisen Verbindungen zur Ich-Erzählung Marios auf, sind aber auch unabhängig davon als Kurzgeschichten lesbar. Vargas Llosa entwickelt in seinem Roman ein amüsantes, bisweilen groteskes Gesellschaftsbild.


Pro & Contra

+ raffiniert gebauter Roman
+ sehr komische Hörspiel-Erzählungen

- kein Nachwort zur Neuübersetzung

Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5


Dies ist eine Gastrezension von Holger Wacker. Vielen Dank!

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 26. September 2011
 

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