Aus dem Schattenreich (Hyakken Uchida)

DVA Belletristik (Mai 2009)
Originaltitel: Meido
Originalverlag: Tomondo Shoten
Aus dem Japanischen von Lisette Gebhardt
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 176 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
€ 17,95 [D] | € 18,50 [A] | CHF 31,90
ISBN: 978-3-421-04422-8

Genre: Phantastik / Surrealismus


Klappentext

Die Entdeckung aus Japan: ein Meister der fantastischen Literatur

Ein Mann, der plötzlich einen Pferdekopf trägt, eine gespensterhafte Frau, die hinter sich das Land in Flammen setzt, ein Männlein, das sich bei genauerem Hinsehen als Ameise entpuppt – unheimliche Gestalten bevölkern das Schattenreich, in dem die Realität beständig ihre Form wandelt.

Traumgeschichten vom Seltsamwerden der Welt, abgründig und von großer visueller Kraft.

LESEPROBE


Rezension

„Aus dem Schattenreich“ bietet 18 Erzählungen, die den Leser in eine Welt entführen, die gleichermaßen fremd wie vertraut ist. Wer sich den grotesken Worten öffnet und bereit ist, sich eingehend den seltsamen Bildern zu widmen, wird sich wie in einem Traum fühlen. Allgegenwärtig: ein leiser Hauch von Unwirklichkeit, manchmal in kräftigen Farben, manchmal düster und verschwommen. Als Leser tastet man sich wachsam durch Hyakken Uchidas Geschichten, bemüht, kein Detail zu verpassen – jeden Schatten in sich aufzunehmen und ihm seine Geheimnisse zu entlocken.

„Es ist so beklemmend, als stecke man seinen Kopf in einen dunklen Raum, dessen Ausmaße man nicht kennt.“
(aus „Eine kurze Nacht“ von Hyakken Uchida)

Wer ins „Schattenreich“ blickt, wird eben diese Beklemmung fühlen. Sie verbirgt sich hinter scheinbar alltäglichen Situationen und lauert dort im Hintergrund, sodass sie zunächst mehr eine Ahnung als echte Empfindung ist. Nach und nach offenbaren die Worte schließlich ihre eigenartig stille Dunkelheit. Hyakken Uchida arbeitet dabei sehr subtil – und sehr „natürlich“. Alles, was geschieht, wird hingenommen, sei es ein Spaziergang über einen Damm, das Drehen von Pulver zu Pillen oder ein Fabeltier, halb Mensch, halb Rind, das Prophezeiungen sprechen soll. Eben wie in einem Traum, in dem man die absurdesten Dialoge führt und keinerlei Zweifel an ihrer Ernsthaftigkeit hegt. In dem eine Mauer aus Menschengesichtern zu sorgsam aufgereihten Maiskolben wird, als man vor einem Puter flieht.

Der Stil ist sehr ungewöhnlich – sehr ruhig und beobachtend. Ähnlich einem Haiku. Der Protagonist scheint nicht wirklich Teil der Welt zu sein, durch die er wandelt, und dennoch wird nichts in Frage gestellt. Genau wie die anderen Menschen und Wesen, die dem Leser im „Schattenreich“ begegnen: sie sind manchmal ganz nah und dann wieder unfassbar fern. Mal hüllt ein gelber Mond das Land in schummrige Schleier, mal zeichnen sich Szenen gestochen scharf vor dem Auge des Protagonisten – und des Lesers – ab. Hyakken Uchida gelingt es, mit wenigen Worten phantastische und eindrucksvolle Bilder zu zeichnen, die wie seine Erzählungen ganz eigenartig, düster und irgendwie manchmal auch „komisch“ sind.

Wer Fantasywesen wie Orks und Elben liebt und auf spannungsgeladene Szenen steht, sollte lieber die Finger von diesem Buch lassen. Hyakken Uchida schreibt Phantastik, aber nicht so, wie sie heutzutage verstanden wird. Am ehesten vergleichen könnte man sein Schattenreich mit „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll oder auch mit „Die Verwandlung“ von Franz Kafka, wobei ein wirklicher Vergleich zwischen westlicher und japanischer Literatur ein schwieriges Unterfangen ist. Faszinierend dabei ist, dass auch Hyakken Uchida Germanist war und seine psychodramatischen, surrealen Erzählungen aus Kafkas Zeit stammen: alle im Buch enthaltenen Geschichten sind 1921 erstmals erschienen („Die Verwandlung“ 1912).

„Aus dem Schattenreich“ enthält einige Anmerkungen zur japanischen Mythologie und zu den wiederkehrenden Motiven wie z.B. dem Fuchsgeist, der zu den klassischen japanischen Wandlungswesen zählt. Ein Nachwort von Lisette Gerbhardt rundet das Lesevergnügen mit Informationen zum Autor und Gedanken zu seinem Werk ab – auch eröffnet sich der eine oder andere neue Blickwinkel auf die Geschichten. Besonders gelungen ist zudem die Gestaltung der Kurzgeschichtensammlung: DVA bietet ein wunderschönes, übersichtlich gestaltetes Hardcover.


Fazit

Das Schattenreich ist grotesk, düster und komisch. Es zeigt eine andere Welt, magisch und still – finster, ohne dunkel zu sein. Wer das Surreale und Traumhafte mag, sich gerne düsterer Seltsamkeit aussetzt oder einfach mal etwas „ganz anderes“ lesen will, wird dieses Buch lieben!



Pro & Kontra

+ surreal / traumhaft
+ düstere Tiefe
+ extrem originell
+ vielseitig deutbar

Wertung:

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5

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