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Motherless Brooklyn - Erzähl deine Geschichte im Gehen (Jonathan Lethem)
Geschrieben von Almut
Freitag, der 16. März 2012

Tropen, 1. Auflage Oktober 2001
Originaltitel: Motherless Brooklyn
Übersetzt von Michael Zöllner
Gebunden, 370 Seiten
€ 19,95 [D] | € 20,60 [A] | CHF 27,90
ISBN: 978-3-608-50048-6

Genre: Krimi


Klappentext

Das Waisenhaus St. Vincent in Brooklyn, frühe siebziger Jahre. Für Lionel Essrog, der am Tourette-Syndrom leidet, ist Frank Minna so etwas wie ein Erlöser. Der im ganzen Viertel beliebte Ganove taucht eines Tages auf und nimmt Lionel und drei weitere Waisen mit auf seine mysteriösen Streifzüge quer durch Brooklyn. Aus den vier Jungen werden so die Minna Men, die von Detektei- bis Fahrdiensten alles anbieten. Ihre Tage und Nächte drehen sich um Frank, den Prinzen von Brooklyn, der mit großer Klappe durchs Leben eilt. Dann kommt die Nacht, in der Frank niedergestochen aufgefunden wird und Lionel selbst den Fall übernehmen muss...


Der Autor

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem wurde 1964 in New York geboren. Er lebt als Schriftsteller in Brooklyn und ist Autor einer Reihe von Romanen, Erzählungen und Essays. Für „Motherless Brooklyn“ erhielt er den National Book Critics Circle Award for Fiction.


Rezension

Frank Minna ist ein Kleinkrimineller, der mit vier Jungen aus dem Waisenhaus St. Vincent Jobs erledigt. Mit 25 Jahren hat Frank die Jungen kennen gelernt: Lionel Essrog, 13, Tony Vermonte, 15, Danny Fantl, 14, und Gilbert Coney, 13 Jahre alt. Zwanzig Jahre später haben Frank und seine Minna Men ein Transportunternehmen mit fünf Fahrzeugen und eine Detektei. Frank ist mit Julia verheiratet. Als Frank ermordet wird, wollen die Minna Men den Täter finden. Wenig später wird Gilbert neben dem Mordopfer Ullman als Täter verhaftet, hat den Mord aber nicht begangen. Julia verlässt Brooklyn. Die Minna Men fallen als Gruppe auseinander. Lionel, der Tony misstraut, versucht auf eigene Faust, den Fall zu lösen. Es gibt zwei Namen, die man, so Lionel, nicht laut aussprechen sollte: Alphonso Matricardi und Leonardo Rockaforte. Für die beiden Männer hat Frank gelegentlich gearbeitet, die Minna Men haben sie einmal getroffen – unter bizarren Umständen. Haben die beiden etwas mit Franks Tod und der Jagd auf die Minna Men zu tun? Welche Rolle spielt Tony als Franks Nachfolger?

Im ersten Kapitel, dessen Titel einen Standardbeginn für Witze wiedergibt, führt Lethem seine Hauptfiguren ein, darunter den Ich-Erzähler mit Tourette, beschreibt eine Observierung mit anschließender Verfolgung und dem Tod Minnas, und strickt dies dramaturgisch so, dass wir eine atmosphärische Beschreibung Brooklyns erhalten, die im Weiteren ausgebaut wird. Im folgenden Kapitel gibt es einen längeren Rückblick, in dem wir erfahren, wer Minna war, wie er die Minna Men, allesamt Waisen, zu einer Ersatzfamilie für alle Beteiligten geformt hat. Dieser umfangreiche Exkurs in die Kindheit und Jugend der Minna Men verleiht dem Personal nicht nur mehr Tiefe, sondern erklärt auch das Engagement, mit dem insbesondere Lionel versucht, den Mörder Franks zu finden.

„Motherless Brooklyn“ ist an der Oberfläche ein Vertreter der Hardboiled-Romane. Die Dialoge sind oft scharf, hart und kurz. Es gibt häufige Verweise auf Literatur von Dashiell Hammett und Raymond Chandler, auf Verfilmungen von Vorlagen beider, auf die fiktionalen Detektive wie Sam Spade und Philip Marlowe, auf den Schauspieler Humphrey Bogart, direkte und indirekte Romanzitate. Das alles ist nicht nur Rahmen, auch eine Art literarischer Ehrerweisung. In dieses Umfeld setzt Lethem weitere Figuren, wie sie aus den Hardboiled-Romanen bekannt sind, so einen Riesen von Killer, der Moose Malloy aus Chandlers “Lebwohl, mein Liebling” nachgebildet ist, und Julia, die dem Stereotyp der Femme fatale entspricht.

Unter der Oberfläche versucht Lionel Essrog, ein sympathischer Mann von 33 Jahren, mit dem Tourette-Syndrom in seiner Welt, Brooklyn, er war nur einmal in einem anderen New Yorker Bezirk, zurechtzukommen. Lionels Tourette ist nicht nur ein Merkmal der Figur, sondern nimmt breiten Raum in der Erzählung ein. Für Lionel ist es schon ein Abenteuer, durch den Tag zu kommen, ohne allzu häufig verbal zu entgleisen oder Menschen zu beleidigen. Er weiß nie, was sein Gehirn mit ihm veranstaltet, welche Obszönität oder welche verbalen Assoziationen oder Knetarbeiten er als nächstes absondert. Die Handlungszeit sind die 1970er Jahre, Tourette war damals in der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt. Während Frank Lionel den Spitznamen Freakshow verpasst und ihm ein Buch über Tourette schenkt, damit er besser mit seiner Krankheit umzugehen lernt, behandeln ihn andere als lästig oder geisteskrank, im Gespräch mit einem schwarzen Polizisten droht er dessen Nachsicht zu überfordern, Gesundheitsinspektor Loomis, ein Freund von Gilbert, hält Lionels Tourette für eine Inszenierung, für schrägen Humor.


Fazit

Die Idee, die Sprache aus den Hardboiled-Romanen von Hammett, Chandler & Co mit Tourette zu durchsetzen, hat ihren Reiz, auch wenn die Auswirkungen auf die sprachlichen Genrekonventionen sich als eher gering erweisen. Es gibt einige Redundanzen, wo man sich mehr diskursiven Tiefgang gewünscht hätte. Letztlich nimmt Lionel fast durchweg nur eine Art Punktierung der Sprache mit seiner Tourette-Spritze vor. Das ist bisweilen komisch, bisweilen vorhersehbar. Aber als intelligente Metafiktion funktioniert dies nicht. Herausragend ist der Roman in der nachvollziehbaren und tiefen Gestaltung seiner Hauptfigur, als Porträt eines Mannes, der seinem toten Mentor emotional und intellektuell sehr zugeneigt war.


Pro & Contra

+ Gute Hommage an den klassischen Hardboiled-Romane und -Filme
+ Zwei attraktive Hauptfiguren, Lionel und Brooklyn
+ Behandlung von Tourette nicht als Gimmick, sondern einfallsreich, mit Tiefe und unmittelbarem Handlungsbezug

- Enthält einige Stereotypen und Klischees (wie die Mafiosi, Unternehmen und Schule als Tarnung für kriminelle Aktivitäten, osteuropäische Killermaschine)

Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Dies ist eine Gastrezension von Almut Oetjen. herzlichen Dank!

Zuletzt aktualisiert: Samstag, der 17. März 2012
 

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