Das Zeichen des Mondes (Enrique Bonet, José Luis Munuera)

Verlag: Carlsen Verlag; Auflage: 1 (März 2012)
Gebundene Ausgabe: 136 Seiten; 29,95 €
ISBN-13: 978-3551734235

Genre: fantastische Erzählung/ Drama/ Märchen


Klappentext

Es hat jemand den Wald erschaffen, auf dass Kinder sich darin verirren mögen. Nennen wir ihn Gottt. Nennen wir ihn den doppelköpfigen Grimm.
Er hat knorrige Bäume in ihm gesetzt, ihn mit Flüssen durchzogen, deren Wasser Leben und Tod bringen, und hat ihn in Nebelschleier gehüllt. Sodann hat er über den Bäumen den Mond und den Morgenstern aufgehängt, denn die Kinder sollten sich zwar verirren, aber doch nicht gänzlich.
Dann hat er die Wölfe losgelassen...

In manchen Fällen geschieht es, dass Kinder glauben, sie seien dem Wald entkommen, dass sie groß werden wie vorgesehen, sie in Wahrheit jedoch einer Täuschung erliegen, denn sie irren noch immer wie im Nebel umher. Wenn all dies geschieht, dann macht man sich besser bereit für die Reise seines Lebens.

Das Zeichen des Mondes ist eine fantastische Erzählung, dunkel und faszinierend, ein fein gesponnenens Drama aus der Feder von José Luis Munuera und Enrique Bonet.


Rezension

Am Rande eines unheimlichen Waldes im spanischen Aldea lebt das Mädchen Artemis mit ihrem kleinen Bruder. Eines nachts möchte sie sich mit ihm zusammen den Mond ansehen. Dazu wollen sie eigentlich auf ein Baumhaus, doch dieses ist schon von dem Stadtrüpel Rufo und seinen Freunden besetzt. Wäre da nicht Reisig und seine besonderen Fähigkeiten, könnte die Situation schlimm enden. Aber so ziehen Artemis und ihr Bruder auf seinen Rat hin tiefer in den Wald. Dort am Turm des Verrückten wollen sie den Mond betrachten. Doch die Alten sagen der Ort und speziell der Brunnen davor sei verflucht. Seltsame Geschichten Ranken sich um den Brunnen und Artemis Bruder meint sogar, ein Monster zu sehen. Ob das Einbildung ist, erfährt man nicht genau. Artemis verfolgen in den nächsten Tagen Träume, in denen sie ihren Bruder nicht retten kann und als dann das Unfassbare eintritt, zieht sie sich vollkommen von der Welt zurück.
Jahre später sind Artemis, Rufo und Reisig erwachsen und die Konflikte, die in der Kindheit begannen, verstärken sich. Die Nacht in der Artemis Bruder starb, ist aufgrund der Umstände an keinem spurlos vorbeigegangen und so steht am Ende ein Liebespaar gegen den Wolf aus den Märchen.

Wie schon dem Klappentext zu entnehmen, ist Das Zeichen des Mondes eine fantastische Erzählung und nicht Fantasy, ganz im Geiste der alten Märchen der Brüder Grimm und den Romanen und Geschichten eines Michael Ende. Und ebenso kann man die Geschichte um Artemis, Reisig und Rufo recht oberflächlich betrachten, wobei dann eine Erzählung herauskommt, die man so oder in ähnlicher Form schon oft gehört hat. Eine Geschichte von unerfüllter Liebe, von Zorn und Trauer. Das würde aber Das Zeichen des Mondes in keinster Weise gerecht. Denn Autor Enrique Bonet baut viele Verweise auf alte Märchen und Mythen in seine Geschichte ein, die sie um ein Vielfaches bereichern. Allein schon mit der Entdeckungssuche, auf welche Märchen er anspielt, kann man schon viel Zeit verbringen. Dazu kommen sehr gut ausgearbeitete und vor allem interessante Charaktere. Während die Hauptpersonen mit Ausnahme von Reisig, der es vermag mit Tieren zu sprechen, etwas blasser ausfallen, sind Figuren wie Nase und Wundersam die heimlichen Stars. Nase dient mehr als nur einmal als Katalysator für die Entwicklung der Handlung und erinnert an einer Stelle sicher nicht nur aus Zufall an den Rattenfänger von Hameln. Auch ist er es, der für die wenigen humoristischen Einlagen in einer ansonsten recht düsteren, melancholischen und mitunter auch grausamen Welt sorgt. Aber auch er ist nicht vor Schicksalsschlägen gefeit. Wundersam hingegen, ein fahrender Händler, ist der Einzige der handelnden Personen, der nicht direkt von den Ereignissen um Artemis betroffen ist. Allwissend und alterslos scheint er zu sein und überaus weise. Praktisch direkt einem Märchen oder eine Legende entsprungen, in der deutschen Sagenwelt vielleicht am Besten mit Pumphut zu vergleichen, einem Magier, der einst auch übers Land gezogen sein und Menschen geholfen haben soll. Und genau dies macht Wundersam eben auch. Er bringt Reisig und Artemis zurück auf ihren Weg und trägt zur letztendlichen Entscheidung frappierend bei. Alles zusammen macht dann eine Geschichte mit überaus viel Tiefgang aus, welche man sicher sofort ein weiteres mal liest, um ja alles mitzukriegen.

Noch besser als die Geschichte sind aber die Zeichnungen von José Luis Munuera. Nahezu komplett in schwarz-weiß gehalten, transportieren sie die Düsternis der Geschichte. Dabei bedient sich Munuera der ganzen Palette an Grautönen, nur hin und wieder findet sich ein Farbtupfer in Form von Artemis roten Mantel. Munuera unterwirft dabei seine Zeichnungen der Notwendigkeit der Geschichte und bekommt so eine ungeheure Dynamik in seine Zeichnung, sofern es erforderlich ist. Aber auch die ruhigen und getragenen Momente spiegeln sich immer ausgezeichnet wieder. Zudem finden sich mehrere ganz- oder sogar doppelseitige Zeichnungen, die nicht wie Seitenschinderei wirken, sondern einfach natürlich wirken und besondere Szenen vortrefflich und beeindruckend unterstreichen. Seine Figuren sind nicht übertrieben comichaft, sondern wirken relativ echt und zeigen ihre Emotionen offen. Trotzdem sieht man Munuera den ehemaligen Spirou und Fantasio-Zeichner an, was aber nie durchschlägt. Glücklicherweise wurden seine Zeichnungen nicht koloriert, so dass sie voll zu Geltung kommen können.

In dem stabilen Hardcover, befindet sich noch ein Vorwort von Alex Romero, einem Volkskundler und Soziologen, von dem ein Teil als Klappentext Verwendung fand.


Fazit

Geschichte und Bild verschmelzen bei Das Zeichen des Mondes zu einem nahezu perfekten Comic. An Munueras Zeichnungen kann man sich schwer satt sehen und Enrique Bonet liefert für sie den idealen Hintergrund. Ein Märchen über Macht, Gewalt und Liebe. Mit Sicherheit einer der Höhepunkte des Comicjahres.


Pro & Contra

+ Zeichnungen Munueras
+ Anspielungen auf viele verschiedene Märchen und Legenden
+ Wundersam
+ Nase
Bewertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4/5
Zeichnungen: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4,5/5


Literatopia-Links zu weiteren Titeln von José Luis Munuera:

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