Lass keine Fremden ins Haus (Carolin Schairer)

schairer c-lass keine fremden ins haus

Ulrike Helmer Verlag, 1. Auflage 2011
Taschenbuch, 300 Seiten
€ 19,99 [D]
ISBN: 978-3-89741-311-5

Genre: Belletristik/ Liebesroman


Klappentext

Diese Frau ist unfassbar schön, aber das ist nicht das einzig Verwirrende an ihr. Denn außerdem trägt sie zerrissene Kleider und einen einzelnen Stiletto ...
Die mysteriöse Begegnung geht Laura nicht mehr aus dem Kopf. Als Krimiliebhaberin entschließt sie sich, hinter das Geheimnis der Namenlosen zu kommen – und tut etwas, das in ihrem eher grauen Leben viel Staub aufwirbelt. Denn jäh findet sie sich in einer realen Kriminalgeschichte wieder.
Carolin Schairer präsentiert hier eine packende Melange aus Wirtschaftskrimi(nalität) und der erwachenden Liebe zweier höchst ungleicher Frauen.


Rezension

Fremde ins Haus zu lassen, kann, wie man aus Zeitungen und Fernsehen weiß, unangenehm enden. Raub, Vergewaltigung, im schlimmsten Falle Mord. All dies hat Laura im Hinterkopf, als sie die Fremde von der Haltestelle in ihre Wohnung bittet. Schon am Morgen war ihr diese in der U-Bahn aufgefallen - leichenblass, zerzaust, die Kleidung derangiert, teilweise zerrissen, aber dennoch zu gepflegt für eine Obdachlose. Der Anblick lässt sie nicht los, und als sie die Frau vor ihrer Wohnung wiedersieht, wie sie offenbar hilflos in der Haltestelle kauert, kann sie nicht anders, als sie aus der kalten Herbstnacht zu retten. Fast schon apathisch folgt die Fremde ihr. Kein Wort kommt über ihre Lippen, nur schrecklicher Husten, der sich zu einer ausgewachsenen Bronchitis entwickelt. Über Tage hinweg pflegt Laura ihren Hausgast gesund und vernachlässigt darüber sogar ihre Arbeit.

Neben der bizarren Situation Zuhause ist die Arbeitsstelle von Laura zweiter großer Schauplatz von Lass keine Fremden ins Haus. Obwohl sie studiert hat, sitzt die Mittdreißigerin seit Jahren im Verkaufsraum eines großen Auktionshauses fest. Bei der Einstellung wurden ihr zwar Aufstiegsmöglichkeiten versprochen, doch noch immer berät sie Kunden, sortiert und verpackt Waren. Das alles unter einer Chefin, die nie ein gutes Haar an ihr findet. Dennoch verharrt sie in dieser Position.

„Verharren“ ist ohnehin das Wort, das Laura am besten beschreibt. Sie steckt fest in einem Leben, unter dem sie eigentlich nur leidet, aus dem sie aber nicht ausbrechen kann, oder will. Schuld daran trägt vor allem ihre Mutter – eine dominante Frau, die ihr Kind an sich fesselte, sie mit Regeln und Ängsten band und ihr jegliche Freiheit absprach. Bis zu ihrem 32. Lebensjahr wohnten die beiden zusammen in der kleinen Eigentumswohnung, wobei Laura nur eine winzige Kammer für sich hatte. Die Mutter ist mittlerweile verstorben und Laura in das große Schlafzimmer umgezogen. Aber der Geist der Toten ist omnipräsent: Die Möbel, die Papiere in den Schränken, die CDs – einfach alles trägt die Handschrift der Mutter bzw. gehörte ihr.

Es ist Tosca, die Fremde von der Straße, die ihr die schmerzliche Wahrheit vor Augen führt. Obwohl dieser das Gedächtnis fehlt und sie manchmal stundenlang stumm vor sich hinstarrt, in dem Bemühen, eine Erinnerung zu finden, ist sie die aktivere in der ungewöhnlichen WG. Je mehr sie Einblick in Lauras Leben bekommt, desto mehr wächst ihr Mitgefühl, aber auch die Kritik.

(...) Ich finde es nur eigenartig, wenn ich nach Hause komme und du sitzt da, so gemütlich und erholt ... und mir tut alles weh ... und du redest nicht mit mir ...“
„Laura.“ Tosca richtete sich im Lehnstuhl kerzengrade auf. „Ich rede mit dir. Aber du, du jammerst nur. Das ist in Wahrheit das Einzige, was du willst: jammern. (...)“

Die ungewohnte Kritik, noch dazu von der Frau, die sie gerettet hat und kostenlos bei sich wohnen lässt, trifft Laura hart. Mehr als einmal kommt es zum Streit. Rauswerfen tut sie die Fremde aber nicht, ist diese doch das für sie, was einer Freundin am nächsten kommt. Eine zarte Beziehung entspinnt sich. Eine Beziehung, die von Toscas Erinnerungen bedroht wird, denn deren Kleidung zeugt nicht nur von Geld, sondern ist zudem mit Blut versehen. Als Laura kurz vor Weihnachten durch ein Bild auf Toscas wahre Identität stößt, steht sie vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie der Frau, die sie liebt, die Wahrheit sagen, und somit riskieren, diese für immer zu verlieren, oder schweigen, um weiterhin das Beisammensein zu genießen ... So ambivalent wie den Charakter gestaltet Schairer auch die Beziehung zu Tosca. So wie Laura die Fremde als Anstoß braucht, um ihr Leben zu ändern, ist sie gleichzeitig deren Fels in der Brandung. Die Frau ohne Identität wird nachts von Albträumen geplagt und droht langsam an der Passivität und Unwissenheit zu zerbrechen. Das Wissen darum wer sie ist, macht ihr Leben allerdings nicht einfacher: ihre Vergangenheit ist mit Affären bestückt, die Polizei fahndet nach ihr wegen eines Millionen umfassenden Finanzbetrugs und es gibt zwei ungeklärte Mordfälle, die mit ihr in Verbindung stehen.

Obwohl als Melange aus Liebesroman und Kriminalroman ausgezeichnet, liegt der Schwerpunkt von Lass keine Fremden ins Haus eindeutig auf der Entwicklung Lauras und der keimenden Beziehung zu der so unterschiedlichen Tosca/Alexandra. Carolin Schairers wahre Kunst. Einfühlsam und vorteilsfrei erhält der Leser Einblick in Lauras Welt, ohne das diese sich dem Vorwurf der Künstlichkeit vorwerfen lassen muss. Von der Unterdrückung durch die Mutter, die Kämpfe am Arbeitsplatz bis hin zu den Problemen mit Toscas Kritik umzugehen – alles ist stimmig. Die Sprache dabei schlicht, aber einprägsam. Manchmal möchte man nur den Kopfschütteln über ihre Lethargie. Während der Streits mit Tosca schwankt man zwischen Frustration und Verständnis, um sich dann beim innerlichen Jubeln zu erwischen man sich, wenn sie endlich den Befreiungsschlag wagt. In gewisser Weise vollzieht Laura innerhalb weniger Monate den Wandel vom unmündigen Kind zur selbstbewussten Frau.


Fazit

Lass keine Fremden ins Haus bezaubert durch ungewöhnliche, aber durch und durch realistische Protagonistinnen, die in einer Ausnahmesituation zueinander finden und sich danach in wahren Leben bewähren müssen. Carolin Schairer gelingt ein einmaliger Balanceakt zwischen einfühlsamem Seelenportrait und Liebesroman, gewürzt mit einer Prise Krimi, die dem ganzen nicht nur eine gefährliche Note, sondern vor allem einen interessanten Bezug zu unserer heutigen Zeit verleiht. Prädikat: Lesenswert!


Pro & Contra

+ Lauras ungewöhnlicher Charakter und dessen Entwicklung
+ Interarktion zwischen Laura und Tosca
+ schörkelloser, fesselnder Stil
o Preis

Wertung: alt

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5

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