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Vergissdeinnicht (Cat Clarke)
Geschrieben von Jessica
Freitag, der 18. Mai 2012

Lübbe Paperback, 1. Auflage März 2012
Originaltitel: Entangled
Aus dem Englischen von Zoë Beck
Klappenbroschur, 286 Seiten
€ 12,99 (D) | € 13,40 (A)
ISBN: 978-3-7857-6061-1
Leseprobe

Genre: Jugendbelletristik mit Thrillerelementen


Klappentext:
Ein weißer Raum. Und nichts darin als ein Tisch, Stapel von Papier und Stifte. Und Grace. Sie weiß nicht, wie sie in diesen Raum gekommen ist, sie weiß nicht, warum sie dort ist. Und wie sie jemals wieder aus dem endlosen Weiß entfliehen kann. Um nicht verrückt zu werden, beginnt sie, ihre Gedanken niederzuschreiben. Ganz allmählich setzt sich dabei das Puzzle ihrer Vergangenheit zusammen - und Grace spürt: Um sich befreien zu können, muss sie die ganze Wahrheit über sich selbst herausfinden ...

Rezension:

Je länger das hier läuft, ohne dass irgendwas passiert, desto verwirrter bin ich. Ich habe gar keine richtige Angst mehr. Vielleicht kann man nur eine bestimmte Zeit lang ein gewisses Maß an Angst aufrechterhalten, bevor es zu anstrengend wird.
Ich bin seit zehn Tagen hier. Ich frage mich, wie es Mum geht. Wahrscheinlich ist sie am Durchdrehen. Gibt sich vielleicht ein bisschen Frustshoppen, um sich von ihrem Trauma abzulenken. Oder sitzt neben einer Polizistin auf dem Sofa, wie jemand aus einem Fernsehfilm. Führt sich auf wie eine gute Mutter - eine, die sich sorgt. Ich frage mich, ob die Polizei noch nach mir sucht. Vielleicht haben sie schon aufgegeben. Vielleicht kann man auch nur eine bestimmte Zeit lang ein gewisses Maß an Hoffnung aufrechterhalten.
(Seite 27)


Grace wacht in einem weißen Raum auf. Als letztes erinnert sie sich an die Begegnung mit Ethan auf dem Spielplatz, wo sie eigentlich vorhatte, sich das Leben zu nehmen und von dieser Welt zu verschwinden, die scheinbar nichts Gutes für sie bereit hält. Allem Anschein nach hat Ethan sie also entführt und in diesem weißen Raum eingesperrt, in dem alles weiß ist – die Möbel, die Wände, die Klamotten. Doch Ethan behandelt Grace gut, sie bekommt ihr Lieblingsessen und manchmal bleibt er sogar länger und unterhält sich mit ihr. Eines Tages bringt er ihr einen Stapel Papier und zahlreiche Stifte, mit der Aufgabe, ihre Geschichte aufzuschreiben. Denn das ist ihr Schlüssel zurück in die Freiheit und zu sich selbst. Grace findet diese Methode zuerst seltsam und setzt sich nur widerwillig an die Aufgabe, doch mit der Zeit macht ihr das Schreiben Spaß und wird sogar fast zu einem Drang, einem alltäglichen Ritual. Und mit jeder geschriebenen Seite kommt Grace dem Geheimnis des weißen Raumes immer näher und entdeckt dabei auch die Wahrheit über sich selbst.

Aufwachen und nicht wissen, wo man sich befindet oder wie man dorthin gekommen ist, nur den Verdacht im Hinterkopf, wie es gewesen sein könnte – Cat Clarke bietet dem Leser einen direkten Einstieg in ihre Geschichte und behält über den gesamten Lesezeitraum die Spannungszügel deutlich in der Hand. In paralleler Erzählweise führt sie immer tiefer in den weißen Raum hinein, in dem ihre Protagonistin Grace festgehalten wird. Doch von wem eigentlich? Der Leser erfährt nicht viel über den vermeintlichen Entführer Ethan, seine wenigen Auftritte zeigen ihn von einer sehr ruhigen und besonnenen Seite, sodass seine Tat kaum nachvollziehbar scheint. Grace hingegen wird dem Leser auf vielseitige Weise näher gebracht: Zum einen durch die Erzählung selbst und zum anderen natürlich durch das, was Grace selbst aufschreibt. Tagebuchähnlich hält sie nicht nur ihre Tage im weißen Raum fest, sondern beginnt auch, das Leben vor ihrer Gefangenschaft zu beleuchten. Dabei durchlebt sie verschiedene Gemütszustände und gesteht sich selbst gegenüber ein paar wichtige Dinge ein. Die Ursachen für ihre Zerrissenheit analysiert sie mit einem eher pseudohaften Verständnis für die Materie, doch auf Grund ihres Alters und einiger traumatischer Erfahrungen ist ihr Versuch, sich selbst und das Leben besser zu verstehen, eine wunderbare Leseerfahrung. Gerade für junge Menschen, die ebenfalls auf der Suche nach sich selbst sind, stellt Vergissdeinnicht eine besondere Möglichkeit dar, Denkansätze zu erlangen, die nicht von Psychologen entwickelt wurden, sondern quasi aus der Feder einer Gleichaltrigen stammen.

Was dem Leser irrtümlicherweise als simpler Jugendthriller schmackhaft gemacht wird, ist in Wirklichkeit sehr viel tiefgehender. Die vermeintliche Entführung spielt nur eine kleine Randrolle, auch die Hintergründe von Grace‘ Entwicklung sind eher unwichtig, sieht man von der notwendigen Auflösung einmal ab. Worum es in diesem Buch geht, ist vor allem der Mut, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen, und hier ist es der Autorin erstaunlich gut gelungen, realitätsnah zu schreiben. Auch wenn Grace sicherlich nicht viele Sympathiepunkte sammeln kann und das ganze Buch über ein eher schwieriger Charakter bleibt, auch wenn die Story an sich relativ vorhersehbar ist und man recht schnell hinter die Wahrheit kommt, so gehört Vergissdeinnicht mit seinem schlichten Äußeren definitiv zu den Büchern, die mit kräftigem Inhalt zu überzeugen wissen und zu Recht den Namen „Page-Turner“ tragen. Auch nach Beenden des Buches bleibt der Kopf in Aufruhr, denn ein wirkliches Ende lässt Cat Clarke offen – was gut ist, denn so behält der Leser die Möglichkeit in der Hand, die Geschichte um Grace selbst weiterzuspinnen. Und da gibt es viele mögliche Varianten, von denen jede einzelne ein Folgeroman wert wäre.

Ein Überraschungspaket in schlichtem Outfit und mit tiefgehendem Inhalt: Vergissdeinnicht ist ein atemberaubendes Debüt, das auch nach längerem Nachwirkenlassen immer noch Wellen schlägt. Und wenn man genau hinliest, könnte man fast eine Liebeserklärung an das Schreiben darin entdecken. Auf jeden Fall aber steckt hinter diesem Debüt eine begabte Autorin, von der man hoffentlich noch viel lesen wird.


Fazit:

Während einer schweren Phase den Weg zu sich selbst zurück zu finden und dann auch bei sich zu bleiben, ist ein schwieriger Prozess - in Vergissdeinnicht begibt sich die Protagonistin Grace auf die Suche nach der Wahrheit ihres Ichs. Cat Clarke gelingt mit dieser Geschichte ein überraschender Roman, der im Kopf wahre Schleusen öffnet und dem Leser auf vielfache Weise die Möglichkeit gibt, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Ein Buch, das unerwartet tief geht.


Wertung:

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 18. Mai 2012
 

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