Interview mit Valentine & The True Believers (28.06.2012)

Interview mit Valentine & The True Believers

Literatopia: Hey Valentina, hallo Malte! Schön, dass ihr ein wenig Zeit für unser Interview habt. Stellt euch bitte meinen Lesern kurz vor und verratet uns, wer sich hinter "Valentine & The True Believers" verbirgt und welche Art Musik man bei einem Konzertbesuch erwarten darf.

Valentina: Malte ist unser Brain - der Texter und Gitarrist, Maik - unser Tüftler - sitzt am Schlagwerk und an der Technik, Elena ist mit Geige und Gesang dabei, Tine am Akkordeon und Lars am Bass. Und ich selbst singe und spiele den Klöterkram. Wir sind 'ne bunte Mischung aus verschiedenen Ecken Schleswig-Holsteins, nur Malte hat Dortmunder ‚Migrationshintergrund’. Genauso bunt ist die Musik, die wir machen: pikanter Pop mit Soul.

Literatopia: Welche Bedeutung steckt hinter eurem Bandnamen? Seid ihr selbst gläubig oder ist das eher eine Art Wortspiel? Woran glaubt ihr?

Malte: In erster Linie glauben wir natürlich an Valentina. So ist der Bandname auch eine Hommage an die Soulzeit der Siebziger. Es steckt aber noch eine Geschichte dahinter: Die "True Believers" sind Anhänger unserer selbst gegründeten "Superreligion". Die wiederum ist eine Mischung aus Religionskritik und Klamauk - wir werden in zehn Jahren die Weltherrschaft an uns reißen...

Literatopia: Noch eine künstlerische Frage zu eurem wundervollen CD-Cover. Entworfen wurde es von Deiner Mutter, die auch das komplette Booklet gezeichnet und beschriftet hat. Welche Aussage verbirgt sich hinter diesem farbenfrohen Haufen verschiedener Musikinstrumente, der mitten an einem Strand liegt?

Valentina: Vor 2 Jahren waren wir auf unserer ersten Straßenmusiktour durch Frankreich und Spanien. Letztes Jahr sind wir im Norden Deutschlands umhergezogen. Viele Küsten und Ufer waren beim Spielen an unserer Schulter. All das, was wir mit uns getragen und mitgenommen haben, drückt dieses Bild aus.

Literatopia: Der Großteil der "Besatzung" stammt aus dem hohen Norden – wie habt ihr zueinander gefunden und welche Kriterien waren bei jedem Einzelnen wichtig, um es "in die Band zu schaffen"?

Valentina: Bei Malte und mir hat es musikalisch und textlich einfach gestimmt, das war sehr schnell klar, nach den ersten kleinen Auftrittsprojekten. Wir können uns sehr gut verständigen und einfühlen, in das was der andere mit der Musik ausdrücken will. Schnell kamen Maltes Mitbewohner Alex, der bei uns am Anfang (2008 bis Ende 2009) als Bassist dabei war, und über ihn Maik an der Cajon hinzu. Eine Zeit lang waren Christian und anschließend Daniel (der Malte und mich auch einander vorgestellt hat) als Sänger und Gitarristen dabei. Vor zwei Jahren dann hat sich die wunderbare Berlinerin Viktor Viohl bei uns eingefunden und sowohl die zweite Stimme als auch Leadinstrument (Geige) übernommen. Ein halbes Jahr spielten wir in der Formation Gitarre, Geige, Schlagzeug/Cajon und Stimme, bis wir endlich Tine (Maiks Frau) überzeugen konnten mit ihrem Akkordeon einzusteigen. Wir wollten sie 2010 auf unserer Deutschland-Frankreich-Spanien-Tour unbedingt mit dabeihaben und probten so lange, bis sie ein fester Teil der Band wurde. Es fehlte nur noch der perfekte Bassist. Auch hier hat sich schließlich ein alter Freund und Mitbewohner gefunden: Lars ist seit Anfang 2011 mit unterwegs. Diese 6er-Formation haben wir seit rund 1 ½ Jahren und wir hoffen, dass es lange so bleibt :)

Literatopia: Valentina, Dein musikalisches Talent hast Du laut eigener Aussage wohl von Deiner Mutter geerbt. Bist Du von klein auf mit Musik aufgewachsen? Spielte die Musik schon immer in Deinem Leben eine derart große Rolle, dass Du wusstest, Du willst später Dein Geld genau damit verdienen? Wie ist das bei den anderen Bandmitgliedern?

Valentina: Ich wollte früher am liebsten eine Balletttänzerin und eine Sängerin werden. Ich bin in einem mit Musik erfüllten Haus aufgewachsen, da meine Mutter, seit ich denken kann, selbst singt und Instrumente spielt. Mein Vater hat mir damals die Liebe zum Tanzen nahe gebracht.

Literatopia: Wenn die Eltern ebenfalls eine musikalische Ader haben, bleibt Beeinflussung nicht aus. Welchen Einfluss hatte der Musikgeschmack Deiner Eltern auf Deine eigene Entwicklung? Wer hat Dich in Deiner Kindheit am meisten fasziniert und inspiriert?

Valentina: Meine Mutter hörte viel Joni Mitchell, Sade, Lucio Dalla, Steve Miller Band, James Taylor, Stevie Wonder und viele Jazz- und Bluesgrößen. Und ich liebte Peter und der Wolf und die Zauberflöte. Als ich mir dann selbst CDs kaufen konnte, hat die Popmusik allerdings auch einen großen Einfluss auf meinen Gesangsstil gehabt. Am meisten hat mich Stevie Wonders Album "Songs in The Key Of Life" berührt.

Literatopia: Bei sechs Bandmitgliedern ist die Arbeit an neuen Songs sicherlich nicht immer einfach. Wer von euch ist normalerweise zuständig, wie weit dürfen die anderen dann dazwischenfunken und wovon lasst ihr euch inspirieren? Und wie ist der Entstehungsprozess normalerweise getaktet: Ist da zuerst der Text oder die Melodie?

Valentina: Als erstes bringt meist Malte den wichtigsten Input mit Text und Akkorden und Melodieskizze und wir gehen das Lied alleine an. Dann arbeiten alle mit, bis wir es uns zu Eigen machen. Aber Malte hat keine leichte Jury vor sich. Oft werden seine neuen Lieder von allen auf Herz und Nieren beurteilt.

Literatopia: Jedes Lied hat eine bestimmte Bedeutung für den einzelnen Musiker. Welche eurer Songs liegen Dir weshalb ganz besonders am Herzen? Und gibt es Lieder, bei denen Du Dich ärgern könntest, dass die Ideen dazu nicht aus Deinem Kopf stammen?

Valentina: "Niemals schnell genug" ist, nach langem Kampf mit mir selbst und wie ich es interpretiere, zu meinem Herzenslied geworden. Von der Genialität der Worte und der Leichtigkeit der Melodie habe ich „Kleine Lügen“ immer noch als Favoriten. Ja, auf Deutsch würde ich auch gerne mal was schreiben, aber Malte macht das einfach so gut!

Literatopia: Eure Lieder sind überwiegend in Deutsch und Englisch gehalten, doch in eurem Programm finden sich auch mindestens zwei französische Titel. In welcher Sprache singst Du am liebsten und woran würdest Du Dich gerne mal ausprobieren?

Valentina: Natürlich liebe ich die französische Sprache. Da ist einem von vornherein verziehen, wenn es kitschig klingt. Beim Englischen ist es da schon abgenutzter. Worin ich gerade angefangen habe, mich auszuprobieren ist Plattdeutsch. Da werde ich mich noch länger mit befassen, weil es eine warme und offene, witzige Art hat. Mein Traum ist auch noch auf Russisch oder Polnisch zu singen. Und den Klang des Jiddischen liebe ich sehr.

Literatopia: Wodurch lasst ihr euch für neue Lieder inspirieren? Und habt ihr kennt ihr das berühmte KreaTief, die inspirations- und musenlose Phase, in der gar nichts so aufs Papier will, wie es im Kopf ist? Welche Geheimtipps habt ihr, um dagegen anzugehen?

Malte: In den meisten Fällen entstehen bei mir neue Lieder „einfach so“. Meist gibt es am Anfang einen Aufhänger, eine Akkordfolge, eine Melodie oder eine Textzeile, etwas auf dem man aufbauen kann. Ich war zum Glück noch nie in der Situation, ein Lied schreiben zu müssen. Mal einige Monate ohne KreativitätsHoch zu haben, war daher bis jetzt kein Problem. Irgendwann kommt es wieder, dann durchaus auch mal mit zwei Liedern in einer Nacht…

Valentina: Wenn wir eine Woche in dem kleinen Bandhäuschen aufeinanderhocken, kann es vorkommen, dass es sich antikreativ auswirkt. Wir sind ja nicht immer alle zur gleichen Zeit total in derselben Stimmung. Ich bin manchmal am besten, wenn es mir richtig dreckig geht. Da kann man alles rauslassen, ich benutze unsere Musik auch als Ventil um Emotionen zu entladen – positive, sowie negative. Tipps? Ich fühle mich eher in der Lage durch Austausch mit anderen aus dem musenlosen Tal herauszukommen. Ich finde richtig hart feiern gehen bringt sehr viel. "Der Morgen danach" kann sehr inspirierend sein.

Literatopia: Wenn ihr an neuen Songs arbeitet, wie sieht das normalerweise aus? Trefft ihr euch bei einem Bandmitglied am Küchentisch und kritzelt eure Ideen wild auf rumliegendes Papier?

Valentina: Am plattdeutschen "Schon kloar" saßen wir nach langer Zeit mal wieder alle am Küchentisch! Der Text existierte schon auf Englisch und alle haben mitgeholfen ihn auf Platt zu übersetzen. Ansonsten kam noch der unser B-Seiten-Schlager "St. Peter" mit allen gemeinsam zustande – auch in der Küche. Und Mélodie de Séjour wurde in Mainz in einer Küche begonnen und in Strasbourg schließlich von Malte und mir zu Ende geschrieben. Das Arrangement arbeiten wir dann alle zusammen beim Proben aus, manchmal dauert es Wochen, manchmal nur einen Tag. Einige Lieder sind vom Gefühl her nie ganz fertig, andere spielen wir schon seit Jahren auf die gleiche Weise. Oft kommen kleine instrumentale Melodien hinzu, oft von Maik, Tine oder Elena. Wir bauen Breaks ein, kleine Details, die es vor allem für uns selbst interessant machen, das Lied wieder und wieder zu spielen…

Literatopia: Als Literaturbegeisterte komme ich natürlich nicht umhin, auch einige Fragen zur schriftlichen Sprache zu stellen. Wie passen Deiner Meinung nach Musik und Literatur zusammen? Teilst Du die Meinung, dass Musik ebenfalls eine Art Literatur, vielleicht in Form von Poesie ist?

Malte: Poetisch ist sie sicher, Literatur würde ich sie nicht nennen. Grade auch instrumentale Musik kann natürlich poetisch erzählen, man kann über Musik kommunizieren, Botschaften transportieren. Bei uns finden sich die Botschaften eher in den Texten, die Musik dient meist als Katalysator oder Brechung dieser. Gesprochen kommen mir meine Texte oft nackt vor, als seien sie nicht ganz bei sich. Es ist der Gesamteindruck der zählt, die Magie, die durch jede Note und jedes Wort entsteht – oder nicht, wenn es mal schlecht läuft …

Literatopia: Musik selbst kann ebenfalls sehr inspirierend wirken. Gab es für euch schon mal Feedback in Form von Geschichten oder auf eure Lieder aufbauenden Gedichten erhalten? Falls ja, was war das für ein Gefühl? Und falls nein, wie wäre das für euch?

Valentina: Wir haben schon sehr schöne und traurige Geschichten gehört, die mit unseren Liedern zu tun haben. Aber immer haben sie die Menschen begleitet und es hat Ihnen geholfen um sich zu erinnern, sich zu freuen oder über Schmerz hinwegzukommen. Das ist das Schönste, was einem als Musiker passieren kann.

Literatopia: Wenn ihr nicht grad an neuen Songs arbeitet oder euch auf Konzerte vorbereitet, wie sieht euer Alltag dann aus? Findet ihr die Möglichkeit, auch "normaler" Literatur Platz in eurem Leben zu geben, und welche Genres sind am ehesten in euren Regalen zu finden? Gibt es Lieblingsautoren oder -bücher, die in der Kindheit wichtig waren und es bis heute sind?

Malte: Wir arbeiten alle neben der Musik, die meisten in Teilzeit, in den unterschiedlichsten Bereichen. Dabei ist „Musik machen“ tatsächlich das Alltägliche, das uns alle verbindet. Wir sind am besten wenn wir „einfach machen“ und nicht viel darüber reden oder nachdenken. Daneben ist die Beschäftigung mit Literatur für mich eher ein Ausflug aus diesem Alltag, ähnlich einem Kino- oder Theaterbesuch. Manchmal entspannend, manchmal fordernd und in der ganzen Bandbreite berechtigt – meine Lieblingsbücher hängen sehr von Stimmung und Situation ab. Um eins zu nennen: "Der Plan von der Abschaffung des Dunkels" von Peter Hoeg.

Valentina: Michael Ende war für mich ganz groß und ist es heute noch. Zu zeit lese ich eher gerne Reise- oder Abenteuerromane: T.C. Boyle ist da mein Favorit mit "Wassermusik" und "Imperium" von Christian Kracht.

Literatopia: Langsam kommen wir zum Ende, doch eine Frage darf zum Abschluss selbstverständlich nicht fehlen: Was plant ihr für die nächste Zeit, worauf darf man sich freuen?

Valentina: Konzerte, Konzerte, Konzerte! Und: Wir planen auch eine neue CD in 2012 rauszubringen, bevor die Welt unerwartet doch nicht untergeht. Sie wird die Grenzen der Relativität durchbrechen … mehr verrate ich nicht ;)

Literatopia: Ich danke euch ganz herzlich für eure Zeit und die ausführlichen, interessanten Antworten. Viel Erfolg weiterhin für die True Believers und hoffentlich bis bald mal wieder bei einem Konzert!


Dieses Interview wurde von Jessica Idczak geführt.
Alle Rechte vorbehalten.

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