Thomas Finn (07.02.2013)

Interview mit Thomas Finn

Literatopia: Hallo Thomas! Im März wird mit „Der silberne Traum“ ein Prequel zu Deiner Trilogie „Die Chroniken der Nebelkriege“ erscheinen. Was kannst Du unseren Lesern darüber verraten?

Thomas Finn: „Der silberne Traum“ spielt ein gutes Jahr vor ‚Das unendliche Licht’ mit der Elfe Fi in der Hauptrolle, die in der ursprünglichen Trilogie die wichtigste Begleiterin des Irrlichtjägers Kai ist. Im Kern geht es bei der Geschichte um einen Konflikt, der sich ein Jahr vor der Trilogie abspielte und auf den in den Büchern immer wieder Bezug genommen wird. Die größte Herausforderung bei diesem Roman lag darin, sowohl die Altleser der Trilogie zu überraschen, als auch Neueinsteiger für die Saga zu begeistern, die jetzt im Halbjahresabstand komplett neu als Taschenbuch wiederveröffentlicht wird. Ich hoffe doch sehr, dass mir das gelungen ist, denn es hat mir einen immensen Spaß gemacht, wieder in die Welt der Chroniken zurückzukehren. Das war für mich so ein bisschen wie eine Rückkehr nach Hause :)

Literatopia: Warum hast Du Dich entschlossen, ein Prequel zu schreiben? War die Trilogie einfach nicht vollständig? Und wird es vielleicht noch weitere Romane dazu geben?

Thomas Finn: Den alles entscheidenden Ausschlag dazu gab natürlich die Hobbit-Verfilmung, die seit Ende 2012 vielen neuen High-Fantasy-Stoffen den Weg ebnet. Nicht ganz ohne Grund erscheinen derzeit zahlreiche Fortsetzungen bekannter Mehrteiler. Aber das sind Gründe, die mehr die Verlage interessieren, denn tatsächlich empfand ich die bisherige Saga tatsächlich nicht als ganz vollständig. Der einstige Band 1, also „Das unendliche Licht“, ist ja eigentlich wie ein Band 1b aufgebaut, da er zentral auf Ereignisse setzt, die ich jetzt in „Der silberne Traum“ schildere. In dem neuen Roman hatte ich auch die Chance, bestimmte Figuren und Settings näher zu beleuchten, die ich in der bisherigen Trilogie aussparen musste. Dazu zählen zum Beispiel die Elfen, aber auch das Völkchen der Klabauter. So zeichnete sich die Beliebtheit des Klabauterkapitäns Koggs Windjammer damals erscheinungsbedingt erst ab, als ich mit Band 2 der Trilogie, also „Der eisige Schatten“ schon fast fertig war. Und da nimmt er nur eine Nebenrolle ein. „Der silberne Traum“ kommt also auch einem Herzenswunsch vieler Leser entgegen, die gern noch mehr über ihn gelesen hätten. Die Frage nach weiteren Fortsetzungen der Saga entscheidet – wie immer – allein der Erfolg.

Literatopia: Du hast vor kurzem das Manuskript zu „Schwarze Tränen“ abgeschlossen, ein phantastischer Roman, den Du selbst zur Contemporary Fantasy rechnest. Kannst Du uns vielleicht schon einen kleinen Ausblick geben? An welche Zielgruppe richtet sich der Roman?

Thomas Finn: Der Roman spielt in Deutschland und wird Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres bei Droemer-Knaur erscheinen (die Tendenz liegt derzeit bei Anfang 2014). Worum es geht? Um einen Nachfahren Doktor Fausts, des wohl berühmtesten deutschen Zauberers. Er gerät in wahrhaft höllische Ränke seines berühmten Vorfahren und bekommt es dabei natürlich auch mit dem listigen Zyniker Mephistopheles zu tun, dessen Wirken den Roman wie ein rabenschwarzer Faden durchzieht. Zielgruppe? All jene, die auf rasante Aktion, rabenschwarzen Humor und die Symbiose unserer Welt mit alten Legenden und Sagen stehen. Mehr verrate ich noch nicht.

Literatopia: Was hat Dich dazu bewogen, ausgerechnet um Doktor Faust eine neue Story zu spinnen? Und ist diese vielleicht ein wenig von Goethes „Faust“ inspiriert?

Thomas Finn: Es wurde einfach Zeit. Und sicher ist die Story durch Goethes "Faust" inspiriert. Goethe haben wir es schließlich zu verdanken, dass die Figur des Doktor Faust zu Weltruhm gelangte. Es gibt auch ein paar Referenzen, die der Kenner hoffentlich goutiert. Aber mein Ziel war es nicht, Goethe nachzueifern, sondern einen modernen und spannenden Phantastikroman zu schreiben, der im Hier und Jetzt spielt.

Literatopia: Mit „Mind Control“ erschien 2011 ein Roman aus dem Justifiers-Universum von Dir. Wie ist es dazu gekommen, dass Du für die SF-Reihe schreibst? Und wie hast Du die Welt von Justifiers erlebt?

Thomas Finn: Herausgeber Markus Heitz fragte mich ziemlich früh, ob ich nicht Lust hätte, einen Roman in der Justifiers-Welt zu schreiben. Klar hatte ich das. Denn wann bekommt man als deutscher Autor schon die Gelegenheit geboten, einen knackigen SF-Roman zu schreiben, in dem man Raumschiffe im Laserfeuer verglühen und Intrigen wahrhaft kosmischen Ausmaßes ausspinnen kann?

„Mind Control“ war beim Schreiben eine echte Freude, und ich hatte viel Spaß daran, meine Geschichte auch mit den Stories der Kollegen zu verknüpfen.

Literatopia: Wenn es Dir so viel Spaß gemacht hat, einen knackigen SF-Roman zu schreiben – warum gibt es nicht mehr Science Fiction von Dir? Und was hältst Du eigentlich vom Trend zur Dystopie? Wäre das ein Thema für Dich?

Thomas Finn: Die erste Frage lässt sich ganz einfach beantworten. Außerhalb von Reihen verkauft sich SF in Deutschland nicht - wenn du nicht gerade Andreas Eschbach heißt. Und der sogenannte „Trend“ der Dystopie hat sich ja eher als „Trendchen“ entpuppt. Sicher wäre das ein Thema für mich, aber bei dem Vorlauf, den Bücher haben, ist der sogenannte Trend meist wieder vergessen, wenn du selbst etwas dazu publizierst. Der lange Hype um den Herrn der Ringe, Harry Potter und Twilight waren da ganz deutliche Ausnahmen. Ich bleibe mir lieber treu und erzähle die Geschichten, an die ich glaube.

Literatopia: „Weißer Schrecken“ unterhält auf gruselige Weise – was macht guten Horror für Dich aus? Und ist Dir beim Schreiben der ein oder andere Schauer den Rücken heruntergelaufen?

Thomas Finn: Hm, was macht guten Horror aus? Ich würde sagen, eindeutig das erzeugte Kopfkino. Und ja, da solle man dann auch darauf achten, dass man das zu Papier bringt, was einem selbst Angst einjagt. Das zugrunde liegende Thema von „Weißer Schrecken“, also der Ursprung des Knecht Ruprechts, dem düsteren Begleiter des Weihnachtsmannes, bot dazu ja reichlich Stoff. Ich fand den jedenfalls schon immer gruselig.

Literatopia: Du schreibst phantastische Bücher, hast für phantastische Magazine geschrieben – was fasziniert Dich an der Phantastik?

Thomas Finn: Ich finde Geschichten, die die Grenzen unserer Realität sprengen, einfach aufregend. Irgendwo in mir verborgen ist noch immer der Junge, der mit Lego begeistert Raumschiffe baute, der mit elf Jahren gebannt seine ersten „Geisterjäger John Sinclair-Romane“ las und der noch heute aufjubelt, wenn er im Kino die Avengers im Kampf gegen finstere Schurken erlebt. Ich finde, die Phantastik ist besser als viele andere Genres in der Lage , das ganze Kaleidoskop der Gefühle heraufzubeschwören, dessen ein Mensch zu empfinden fähig ist. Freude. Leid. Aufregung. Pathos. Und das oftmals alles in einer einzigen Geschichte.

Literatopia: Über Definitionen wird bis heute gestritten – was ist Phantastik für Dich?

Thomas Finn: Wenn du schon so fragst, dann zählt für mich zur Phantastik jede Geschichte, in der übernatürliche Elemente aufschlagen.

Literatopia: Du hast für das Fantasy-Rollenspiel „Das schwarze Auge“ geschrieben – wie bist Du dazu gekommen? War es schwierig, eine bereits fertige Welt anzunehmen oder hat das die Arbeit eher erleichtert?

Thomas Finn: Die Fantasy-Rollenspiele, darunter auch das bekannte H. P. Lovecrafts Cthulhu, boten mir ab 1984 erstmals die Gelegenheit, meine Phantasie in geordnete Bahnen zu lenken. Und sie ermöglichten es mir erstmals, mich einem Publikum vorzustellen und mir meine ersten schriftstellerischen Meriten zu verdienen. Ich habe ihnen also ein Gutteil meiner jetzigen beruflichen Laufbahn zu verdanken. Sich auf bestehende Weltenschöpfungen einzulassen und diese aktiv weiter auszuspinnen, hat mir im Nachhinein betrachtet ein extrem gutes Gefühl für den Aufbau plausibler Welten vermittelt. Und das ist – nicht zuletzt in der High-Fantasy – das A und O einer jeden phantastischen Geschichte.

Literatopia: Wie stark orientiert sich das Cthulhu-Rollenspiel an Lovecrafts Mythos? Und hast Du die Originalgeschichten von Lovecraft gelesen?

Thomas Finn: Ja, ich habe sie alle gelesen. Verschlungen, würde es besser treffen – auch wenn die Stories ziemlich pulpig sind. Aber, hey, die entstammen den Gründerjahren der phantastischen Literatur. Das Cthulhu-Rollenspiel orientiert sich sogar sehr stark an den Vorgaben Lovecrafts und seiner Epigonen und ermöglicht bis heute als einziges Rollenspiel am Spieltisch die Heraufbeschwörung echten Grusels. Es gibt auch andere Dark Fantasy-Rollenspiele, die ähnliches für sich beanspruchen, aber der entscheidende Unterschied ist, dass echter Horror nur dann aufkommt, wenn du dem Grauen ebenso verletzlich gegenüber stehst, wie im richtigen Leben. Mein Roman „Weißer Schrecken“ basiert übrigens auf einem Cthulhu-Rollenspielabenteuer, das ich vor acht Jahren kreiert hatte.

Literatopia: Die beliebte Standardfrage: Wie und wann hast Du das erste Mal zur Schreibfeder gegriffen? Gehörst Du zu der Sorte, die schon immer Geschichten aufgeschrieben haben oder gab es eine Art Auslöser?

Thomas Finn: Das erste Mal zur Schreibfeder habe ich mit etwa 13 Jahren gegriffen. Damals sind zwei Gruselgeschichten im Stil der Heftserie „Geisterjäger John Sinclair“ entstanden. Und ich habe einige „Drehbücher“ für die Produktion von selbstgemachten Hörspielen angefertigt. Damals hatte ich aber keine Ahnung, dass ich mal beruflich Schriftsteller werden würde. Damals wollte ich noch Biologe werden. Aber erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt :)

Literatopia: Welche Genres tummeln sich in Deinen Bücherregalen? Hast Du eindeutige Präferenzen oder liest Du Dich quer durchs Blumenbeet? Gibt es vielleicht einen Roman, den Du unseren Lesern besonders ans Herz legen möchtest?

Thomas Finn: Die phantastische Literatur überwiegt bei mir natürlich. Hinzu kommt – seit Justifiers - auch zunehmend wieder SF. Vor allem aber lese ich in meiner Freizeit Wissenschaftsartikel, Biographien und Geschichtsdokumentationen, die mich nicht nur inspirieren, sondern mir beständig die Gewissheit geben, dass unsere Welt sehr viel phantastischer ist, als viele wahrhaben wollen. Buchempfehlungen? Dann sei mir der Hinweis auf drei deutsche Kollegen gestattet: „Sturmwelten“ von Christoph Hardebusch, „Der Drachenflüsterer“ von Boris Koch und „Die Geisterseher“ von Kai Meyer.

Literatopia: Würdest Du sagen, andere Autoren haben Deine eigenen Geschichten beeinflusst? Hast Du vielleicht Vorbilder?

Thomas Finn: Schwierig. Ich habe in der Vergangenheit so vieles gelesen, dass ich auf diese Frage keine befriedigende Antwort geben kann. Wenn es einen Autor gab, der mich aufgrund der Besonderheiten seiner Geschichten beeindruckt hat, dann war es wohl Tim Powers. Wie alle Kollegen bemühe ich mich aber um eine eigene Erzählstimme.

Literatopia: Auf Deiner Homepage hast Du eine sehr schöne Fan-Ecke eingerichtet – wie fühlt es sich an, wenn Du siehst, wie Deine Romane fremde Menschen inspirieren? Da Du auf Deiner Homepage sogar dazu aufrufst, Dir FanArts zu schicken – wie stehst Du zum Thema FanFictions?

Thomas Finn: Ersteres ist natürlich toll. Für einen Autor gibt es schlichtweg kein schöneres Kompliment. Was echte FanFiction betrifft, kenne ich mich ehrlich gesagt nicht so gut aus. Am ehesten bin ich im Netz noch auf welche zu "Harry Potter" gestoßen. Gelesen habe ich sie aber nicht, da mir das Original dann doch ausreichte :)

Literatopia: Naja, manche Autoren sprechen sich offen gegen FanFictions aus und „verbieten“ sie. Würde es Dich freuen, wenn jemand mit Deinen Charakteren in einer Deiner Welten eine neue Geschichte erfindet? Und was würdest Du davon halten, wenn Hobbyautoren Deine Charaktere zu Pärchen verkuppeln?

Thomas Finn: *lacht* Da wäre ich völlig schmerzbefreit, mal davon abgesehen, dass ich meine Romanpärchen in der Regel bereits selbst verkuppele. Oder meinst du Sexszenen, wie man sie bei der "Harry Potter"- und "Twilight"-FanFiction findet? Meine Güte, wenn DAS die Phantasie der Leute ist ... Shit happens. Der alles entscheidende Punkt besteht darin, dass das niemand kommerziell macht. Darauf würde mein Agent relativ unentspannt reagieren.

Literatopia: Wie wichtig ist Dir der Kontakt mit Deinen Fans? Das Internet bietet ja viele Möglichkeiten, sich auszutauschen – oder bevorzugst Du letztlich doch den persönlichen Kontakt auf Lesungen und Messen?

Thomas Finn: Sehr wichtig, denn ich schreibe ja nicht für den luftleeren Raum. Und ich mag beides, also virtuelle wie reale Begegnungen, wobei ich Conventions, Lesungen und Messen natürlich bevorzuge. Nur trauen sich viele Leser eher auf dem elektronischen Weg, dich anzusprechen. Was eigentlich schade ist.

Literatopia: Das Feedback zu „Die Chroniken der Nebelkriege“ und „Die Wächter von Astaria“ fiel recht positiv auf – liest Du Rezensionen auf Webseiten und Amazon? Und gab es mal eine Rezension, über die Du Dich besonders gefreut oder auch geärgert hast?

Thomas Finn: Natürlich lese ich Rezensionen. Wenn du drei oder vier Monate lang tagein, tagaus vor dem Rechner sitzt, um deine Geschichte aufs Papier zu bringen, dann interessiert es dich auch, wie sie beim Leser ankommt. Was die schlechten Kritiken angeht, mache man sich am besten ganz professionell klar, dass es keine Geschichte auf der Welt gibt, die allen Lesern gleichermaßen gefällt. In diesem Sinne interessieren mich schlechte Kritiken vor allem dann, wenn sie mich auf vermeintliche erzählerische oder dramaturgische Fehler hinweisen, die mir (oder meinen Lektoren) entgangen sind. Wenn sie aber bloß auf Bashing abzielen oder gar vermeintlich von neidischen Kollegen stammen – was leider gar nicht so selten vorkommt - , dann ignoriere ich sie.

Literatopia: Wie geht es nach „Der silberne Traum“ weiter? Planst Du bereits eine neue Trilogie oder vielleicht einen Einzelroman?

Thomas Finn: Jetzt stehen bei mir erst einmal ein Umzug, das Lektorat von „Schwarze Tränen“ sowie die Erstellung dringend überfälliger Exposés an. Und die laufen zunächst auf Einzelromane hinaus.

Literatopia: Herzlichen Dank für das ausführliche Interview, Thomas!


Autorenfoto: Copyright by Florian Lacina

Autorenhomepage: www.thomas-finn.de


Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia.de geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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