Tad Williams (deutsche Übersetzung - 07.07.2013)

Interview mit Tad Williams

Literatopia: Hallo, Tad! Unser letztes Interview ist schon fünf Jahre her – wie ist es Dir ergangen? Und wie geht es Deiner bezaubernden Frau Deborah?

Tad Williams: Sie ist noch immer bezaubernd. Und mir geht es auch gut. Unsere Kinder sind jetzt Teenager, wir leben als Familie in einem unterhaltsamen und ein wenig chaotischen Haushalt aus Menschen und Tieren in den waldigen Hügeln nahe dem Pazifik. Und alle meine Feinde sind tot. (In Wahrheit glaube ich nicht, dass ich echte Feinde habe. Den letzten Satz hab ich nur geschrieben, weil er sich gut anhört.)

Literatopia: Im Juli erscheint der Auftakt Deiner neuen Trilogie – „Die dunklen Gassen des Himmels“. Was kannst Du unseren Lesern über den Roman verraten? Die Buchbeschreibung klingt stark nach Urban Fantasy?

Tad Williams: Wenn ihr eine Kategorie braucht, dann stimmt Urban Fantasy wohl. Die Hauptfigur ist ein Engel, ein Funktionär im herrschenden Kalten Krieg zwischen Himmel und Hölle. Er ist ein kleinerer Unruhestifter und kommt nicht mit den herrschenden Mächten zurecht.

Die Lage verschlechtert sich allerdings drastisch, als eine Seele nicht erscheint, um gerichtet zu werden, dann schickt jemand einen vorchristlichen Dämon, um die Hauptfigur zu töten. Bald gerät er zwischen die Fronten, kann niemandem mehr vertrauen und wird von allen gejagt. Ab da werden die Dinge dann ein wenig schwierig für ihn.

Literatopia: Was ist Bobby Dollar für ein Kerl? Und warum hast Du ihn zu einem Engel und nicht zu einem Teufel gemacht?

Tad Williams: Weil er ein Engel IST. Er hat einfach so seine Probleme mit Papierkram und mit Regeln. Klassische Noir-Hauptfigur. Eigentlich ist sein Hauptproblem, dass er zu intelligent ist, um ein Dasein als braver, kleiner Engel wirklich zu mögen, aber zu dumm, um einfach weiter Teil des Programms zu bleiben und sich aus Schwierigkeiten fern zu halten. Er ist grundsätzlich so wie ich, nur dass er seine Impulse schlechter unter Kontrolle hat.

Literatopia: Ein Krieg zwischen Himmel und Hölle – das klingt sehr episch und religiös. Spielt Religion eine Rolle in Deiner Trilogie? Und kann man Himmel und Hölle in „gut“ und „böse“ einteilen?

Tad Williams: Schwer, das auf die Schnelle zu erklären, aber wie ich hoffe, dass meine Leser es erwarten, ist alles ein bisschen komplizierter als bei Standardbüchern. Im zweiten Buch geht Bobby sogar direkt in die Hölle, also hat der Leser ausreichend Möglichkeit, über meine Philosophie und Einstellungen nachzudenken. Religion ist in der ganzen Geschichte präsent, aber eher in philosophischer Weise und der Art, wie die Welt im Buch aufgebaut ist. Wie ich schon sagte, schwer zu erklären. Trotzdem glaube ich, dass Leute, die sich ein religiöses Traktat erwarten, enttäuscht sein werden, und jemand, der eine rasante, fesselnde und manchmal lustige Geschichte will, ziemlich zufrieden sein wird.

Literatopia: Dein erster Fantasyroman, "Traumjäger und Goldpfote", wird als Animationsfilm umgesetzt. Wie stark hält er sich an Deine Geschichte? Und inwiefern bist Du in die Arbeit am Film involviert?

Tad Williams: Das Drehbuch und was ich bisher von den Plänen für den Film so gesehen habe, haben sich wirklich sehr an das Buch gehalten. Ich hab zu der kreativen Arbeit am Film selbst nicht viel beigetragen, weil es einfach nicht viel für mich zu tun gibt. Aber ich habe Feedback angeboten, und Vorschläge gemacht, wenn man mich danach gefragt hat. Aber die Leute, die daran arbeiten, wissen, wie man Animationen macht, also lehn ich mich eigentlich nur zurück und warte auf das, was sie sich so einfallen lassen. Bisher bin ich sehr zufrieden.

Literatopia: Wie fühlt es sich an, seine Geschichte als Film umzusetzen und seine erdachten Figuren in bewegten Bildern zu erleben? Und wird es weitere Verfilmungen Deiner Werke geben?

Tad Williams: Es ist toll. Ich habe mich kreativ immer in Medien bewegt, wo viel zusammen gearbeitet wird, also mag ich den Gedanken, dass jemand auf meine eigenen Ideen aufbaut.

Ich erwarte mir auch gar nicht, dass ein Film (oder ein Spiel) eine exakte Version meines Buches ist. Das ist auch gar nicht machbar. Man hofft einfach darauf, dass man mit Leuten zusammenkommt, die Aspekte deiner Werke genauso sehen wie du, oder (wenn sie eine andere Sichtweise haben) noch besser.

Literatopia: "Otherland" wird als MMO-Rollenspiel umgesetzt - was erwartet die Spieler? Für welche Plattformen wird es erscheinen? Und können auch deutsche Fans darauf hoffen?

Tad Williams: Das Otherland-MMO-Rollenspiel wird gerade fertig gestellt und weil sich am Markt für Spiele in den letzten Jahren einiges geändert hat, bin ich nicht die beste Ansprechperson zum Erscheinungsdatum. Soweit ich weiß, soll es für den PC sein, aber das könnte sich inzwischen auch geändert haben. Ich hoffe jedenfalls, dass sie es bald fertig bekommen – es ist wunderschön und fantastisch und ich möchte, dass die Leute es endlich spielen können.

Literatopia: Wenn Du die amerikanischen und deutschen Cover Deiner Bücher betrachtest – welche gefallen Dir besser? Freust Du Dich über die schöne Hardcoveraufmachung bei uns? Oder ist Dir das letztlich gar nicht wichtig?

Tad Williams: Ich habe selbst eine künstlerische Neigung, also schau ich mir die Cover immer an. Bisher haben mir die deutschen Cover gut gefallen, meistens gerade weil sie sich so von dem unterschieden, was ich woanders so bekam. Klett-Cotta war schon immer vorne dabei, wenn’s um eine gewagte, spannende Verpackung der Bücher ging. Aber mich zu fragen, welche Version mir besser gefällt – das ist so, als würdet ihr Eltern fragen, euch ihr Lieblingskind zu nennen. Wie die meisten von ihnen weigere ich mich, das zu tun.

Literatopia: Wir haben gehört, Du lernst deutsch? Wieso wolltest Du ausgerechnet die deutsche Sprache lernen? Und wie gut beherrschst Du sie schon?

Tad Williams: Ich versuche, Deutsch zu lernen, seit meinen ersten Deutschlandbesuchen nach 2000. Aber ich mache nur schleppend Fortschritte, weil ich 1) Sprachen nicht mehr so schnell lerne, wie in meiner Jugend und weil ich 2) mit meinem Leben so verdammt ausgelastet bin, dass ich nicht viel Zeit habe, zu üben. Eigentlich hab ich es die letzten paar Jahre eher brach liegen lassen, also wird es beim nächsten Besuch ziemlich peinlich werden, wenn jemand von mir erwartet, dass ich fließend Deutsch spreche.

Literatopia: In unserem letzten Interview meintest Du, dass Du in Deutschland als „ernstzunehmender“ Autor gehandelt wirst – ist das in Amerika nicht so? Welchen Stellenwert hat Phantastik in Amerika?

Tad Williams: Der Stellenwert der Phantastik ist nicht der einzige Faktor, obwohl in Europa die Science Fiction und Fantasy als Genre schon immer ernster genommen wurden, als in den USA.

Ich hatte aber auch das große Glück, dass ich in Deutschland bei einem etablierten Verlag unterkam, der für ernstzunehmende Bücher bekannt ist, was meine Bücher ins Interesse von Rezensenten rückte, die meine Bücher sonst niemals rezensiert hätten. Und da das erste Buch (Otherland), das so behandelt wurde, viele aktuelle Themen und Ideen beinhaltet, hat mir das sehr dabei geholfen, mich als ein Autor zu etablieren, der es wert ist, besprochen zu werden. Das finde ich richtig gut.

Literatopia: Du meintest auch, Du hörst lieber, was andere Leute zu erzählen haben. Gab es eine besonders spannende Begegnung in den letzten fünf Jahren, von der Du uns erzählen würdest? Vielleicht mit einem Autor, dessen Arbeit Dich besonders beeindruckt?

Tad Williams: Ich gebe dir ein Beispiel, das viel von all dem abdeckt, obwohl ich die Person vorher schon gekannt habe. Mein guter Freund Josh Stallings, den ich seit der High School kenne, hat einen Karrierewechsel von der Filmbearbeitung zum Schreiben vorgenommen und schreibt tolle Hardcore-Kriminalgeschichten. Gerade hat er aber das Buch “All the Wild Children” (All die wilden Kinder) veröffentlicht, das sich um seine Kindheit im San Francisco Bay Gebiet dreht, unter anderem auch um all die Jahre bevor wir uns kennen gelernt haben.

Es ist schon von sich aus ein sehr gutes Buch, aber diese Geschichten zu lesen (obwohl ich bei vielen Erlebnissen selbst dabei war) war, als würde mich jemand zu einem Haus führen, das ich kenne (nämlich meiner eigenen Jugend), von dem ich gedacht hatte, dass ich jeden Winkel kenne, um dann plötzlich alle Fenster und Türen aufzureißen, sodass ich plötzlich den Garten, die Umgebung und lauter andere Dinge sehen konnte, die ich vorher nie bemerkt hatte.

All die alten Geschichten bekamen plötzlich eine ganz neue Dimension. Ungefähr so wie der Film „Rashomon“ in deinem eigenen Leben. Und wenn ich an all die Leute denke, die ich einmal gekannt habe und immer noch kenne, und dass jeder Einzelne von ihnen seine eigene Geschichte lebt, mit der ich mich nur überkreuze… naja, dann ist das eine faszinierende Erinnerung daran, wie verschlossen wir die meiste Zeit vor uns hinleben und nur das sehen, was vor uns ist und uns kaum jemals fragen, „Wie sieht es eigentlich auf der anderen Seite aus?“

Literatopia: In wie viele Sprachen wurden Deine Romane bisher übersetzt? Und bekommst Du beispielsweise deutsche Autorenexemplare oder kaufst Dir die Ausgaben?

Tad Williams: Soweit ich weiß, werden meine Bücher in ein paar Dutzend Sprachen übersetzt. Ich bekomme viele Freiexemplare fast aller Übersetzungen, darunter auch meine deutschen Editionen. Deutsch, Spanisch, Französisch kann ich beim Lesen sogar ein bisschen verstehen – Japanisch, Bulgarisch und Finnisch nicht so wirklich.

Literatopia: Das eBook hat sich längst als Alternative zum gedruckten Buch etabliert. Was hältst Du von digitalen Büchern? Und glaubst Du, dass gedruckte Bücher bald aussterben werden?

Tad Williams: Ich glaube nicht, dass eBooks gedruckte Bücher ausrotten werden, aber ich glaube, dass sie großteils die Taschenbücher ersetzen werden. Die Leute werden immer schöne, gut gemachte Versionen von wichtigen Dingen haben, so wie jetzt mit Musikinstrumenten und Autos, aber die Version für den Massenmarkt wird wahrscheinlich elektronisch werden. Aber das kann niemand genau sagen – eins der Dinge, die meinen Marktzweig momentan sehr interessant und beängstigend gleichzeitig machen.

Literatopia: Wann werden wir eigentlich wieder neue Abenteuer auf der „Die Drachen der Tinkerfarm“ erleben?

Tad Williams: Deborah und ich sind gerade, zum ersten Mal seit Jahren, wieder dabei, an “Die Drachen der Tinkerfarm“ zu arbeiten. Das dritte Buch sollte bald fertig sein. Es gibt noch keinen Titel, aber wir lassen ihn euch rechtzeitig wissen.

Literatopia: Und was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Tad Williams: Der dritte (und letzte) Bobby Dollar heißt „Sleeping Late on Judgement Day“ und ist fast fertig. Nachher möchte ich die Bobby Dollar-Bücher als einzelne Romane weiterführen, während ich daneben auch andere Bücher schreibe.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview, Tad!

Tad Williams: Sehr gerne. Es war nett, von euch zu hören!

 

 (Tad Williams mit seiner Frau Deborah Beale)

 


Autorenfotos: Copyright by Tad Williams and Deborah Beale

Tailchaser's Song Animated Poster: Copyright by Animetropolis

www.tadwilliams.com

Rezension zu "Die Hexenholzkrone 1"

Rezension zu Die Hexenholzkrone 2

Rezension zu "Die dunklen Gassen des Himmels" (Bobby Dollar 1)

Rezension zu "Die Drachen der Tinkerfarm" (Band 1)

Rezension zu "Die Geheimnisse der Tinkerfarm" (Band 2)

englische Original-Version des Interviews (2013)

Interview with Tad Williams (2008)

Interview mit Tad Williams (2008, deutsch)

Interview with Deborah Beale (2008)

Interview mit Deborah Beale (2008, deutsch)


Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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