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Ein Samstag unter Freunden (Andrea Camilleri)
Geschrieben von Almut
Montag, der 05. August 2013

camilleri samstag

Kindler Verlag, 19.07.2013
Originaltitel: Un sabato, con gli amici
Übersetzt von Moshe Kahn
Gebunden, 191 Seiten
€ 16,95 [D] | € 17,50 [A] | CHF 24,50
ISBN 9783463405810
 
Genre: Belletristik


Der Autor

Andrea Camilleri, 1925 in Porto Empedocle, Sizilien, geboren, ist Theater- und Filmregisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller und lehrte über zwanzig Jahre an der Accademia d’Arte Dramatica Silvio D’Amico. Er ist einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftsteller Italiens und wurde vielfach ausgezeichnet. Seine berühmteste Romanfigur ist der sizilianische Commissario Salvo Montalbano. Camilleri ist verheiratet, hat drei Töchter, vier Enkel und lebt in Rom.


Rezension

Matteo, Gianni, Giulia, Anna, Fabio, Andrea und Rena sind seit der Schulzeit bzw. dem Studium befreundet. Alle schleppen ein Trauma aus der frühen Kindheit mit sich herum, das sie verdrängen. Sie sind erfolgreich, äußerlich verläuft ihr Leben in geregelten Bahnen. Aber jeder hat seine Geheimnisse. Als sie sich nach zehn Jahren zum ersten Mal alle wieder treffen, brechen alte Erinnerungen, Leidenschaften und Feindschaften hervor – mit dramatischen Folgen.

Der 191 Seiten umfassende Roman beginnt mit einer episodischen Schilderung der traumatischen Erlebnisse, deutet sie jedoch nur an und unterdrückt die Namen der Kinder. Die sind drei, vier Jahre alt, zu jung, um zu begreifen oder zu verarbeiten, was sie mit ansehen müssen oder welchen Schaden sie anrichten. Ihre Erlebnisse verändern ihr Leben, ihre Handlungen drücken einen düsteren Charakterzug aus.

Der Jurist und Unternehmer Matteo ist eine der treibenden Figuren. Als Student hatte er eine Affäre mit Gianni. Heute ist er mit Anna verheiratet. Matteo träumt von der Scheidung, weil er Anna nicht liebt und sexuell seltsam findet, doch Anna besitzt den Hauptvermögensanteil an der Firma. Anna hat Philologie studiert. Vor Matteo war sie mit Andrea verheiratet. Sie waren seit der Teenagerzeit ein Paar, seit sie entdeckt haben, dass sie eine ganz spezielle Gemeinsamkeit haben. Diese Gemeinsamkeit hat sie zusammengeführt und nach einigen Jahren wieder getrennt. Der Mediziner Andrea hat nach der Scheidung von Anna Rena geheiratet. Rena hat Jura studiert und vereint eine gefährliche Kombination aus Schönheit und Skrupellosigkeit. Als Schülerin hatte sie eine Affäre mit dem wesentlich älteren Freund ihres Vaters, als Studentin mit ihrem Professor und dessen Kollegen. Nach dem Studium war sie ein Jahr mit Fabio liiert. Kurz vor dem großen Treffen macht sie Matteo Avancen, der in seiner Blauäugigkeit sofort darauf einzugehen bereit ist. Bei den Männern ist Rena aus dem gleichen Grund beliebt, aus dem sie bei den Frauen verhasst ist. Fabio ist Staatsanwalt und lebt mit Giulia zusammen. Sie ist Anwältin, weshalb er vertraulich mit ihr seine Fälle bespricht. Nach außen hin sind Matteo und Anna, Andrea und Rena, Giulia und Fabio ganz normale Paare. Nur Gianni, der eine Karriere als Politiker anstrebt, ist solo. Sie alle haben ihre Geheimnisse, die sie mit niemandem oder nur mit dem besten Freund oder Partner teilen.

Mehrere Ereignisse bringen die Geschichte auf den Kurs in die Katastrophe. Matteo und Gianni werden mit einem Foto erpresst, das sie beide bei ihrem Studienabschluss mit einem Jungen in einer kompromittierenden Situation zeigt. Das Treffen wird kurzfristig verlegt in die Wohnung von Andrea und Rena, in der früher Anna mit Andrea lebte. Fabio erfährt aus einer alten Gerichtsakte, dass Renas ältere Schwester als Kind einen tödlichen Unfall hatte. Demnächst soll er eine Anklage gegen Gianni vertreten. Alle haben mehr oder weniger Angst, dass ihr Geheimnis nicht sicher ist. So bestimmen Gefühle wie Misstrauen, Eifersucht, Hass, Angst, Leidenschaft das Treffen und schaffen ein Klima der Paranoia aus gegenseitigem Belauern und Beobachten, das sich zunehmend erhitzt. Was normalerweise unter Freunden nur zu einem ungefährlichen Strohfeuer führen würde, wirkt unter der brisanten Ansammlung neurotischer und pathologischer Persönlichkeiten als Brandbeschleuniger und löst eine über das Romanende hinausweisende Explosion aus.

Camilleris Figuren haben ein Innenleben, das ebenso komplex ist wie ihr Beziehungsgeflecht, beides bildet sich erst im Verlauf der Geschichte heraus und mündet in eine Krise. Wie in seinen historischen Romanen Streng vertraulich und Die Sekte der Engel erweist sich Camilleri als Meister der Eskalation, der es versteht, den Druck auf die Figuren sukzessive zu erhöhen, bis er eine zerstörerische Eigendynamik entwickelt, die nicht mehr aufzuhalten ist. Der Roman endet mit der Fortschreibung der Kindheitsepisoden, diesmal mit dem jeweiligen Namen des Kindes. Bis dahin darf der Leser spekulieren, welche Figur wohl welches Kindheitserlebnis gehabt haben könnte. Bei der Komplexität und Verknappung der Geschichte ist es keine schlechte Idee, während der Lektüre ein Beziehungsdiagramm mit Notizen anzufertigen, auf das man zurückgreifen kann.


Fazit

Camilleri erzählt knapp und ohne jeden Ballast eine Geschichte über sieben Freunde, die in der frühen Kindheit Tod, Missbrauch und Verlust erlebt haben, ihr Trauma verdrängen und die daraus resultierenden Verwüstungen in ihrem Innern geheimhalten. Sie funktionieren im Alltag, aber keiner ist normal, einige sind gefährlich. Camilleri jongliert gekonnt mit den vielen Motiven und Figuren und führt die Geschichte einem konsequenten Finale zu. Ein unkonventioneller, lesenswerter Roman.


Pro und Contra

+ interessantes Thema, intelligent, anspruchsvoll, unterhaltsam und spannend erzählt
+ konsequent brutal und böse, ohne den Humor oder die Ironie, für die Camilleri sonst bekannt ist
+ ein Meisterstück der Eskalation
+ kammerspielartiger Charakter, reduziert auf die Essenz

Wertung:sterne5

Handlung 5/5
Charaktere 5/5
Lesespaß 5/5
Preis/Leistung 4/5


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Zuletzt aktualisiert: Sonntag, der 23. September 2018
 

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