Alessandra Reß (17.01.2014)

Interview mit Alessandra Reß

alessandra ressLiteratopia: Hallo, Alessandra! Schön, ein wenig mit Dir zu plaudern. Stell Dich doch unseren Lesern bitte kurz mit Deinen eigenen Worten vor. Wer bist Du und was schreibst Du?

Alessandra Reß: Hallo. :) Joa, ich heiße – Überraschung! – Alessandra, bin 24 Jahre alt, arbeite derzeit „hauptberuflich“ an meiner Masterarbeit zur Szeneforschung und lebe in einer WG im Rheinland.  Die meisten meiner Geschichten stammen aus dem Dunstkreis der Phantastik. Den Anfang hat bei mir (Dark) Fantasy gemacht, inzwischen starte ich auch immer mal mehr oder weniger ausgiebige Reisen in Richtung Mystery oder Science Fiction.

Literatopia: Im Sommer letzten Jahres ist bei Art Skript Phantastik Dein Roman „Vor meiner Ewigkeit“ erschienen – würdest Du kurz umreißen, worum es geht?

Alessandra Reß: Die Grundidee ist, dass es zwei Arten gibt, die Welt wahrzunehmen. Während also die Menschen die Welt auf die für uns „normale“ Art wahrnehmen und erleben, präsentiert sie sich für andere Humanoide – beispielsweise Vampire oder Geister – ganz anders. Sehr viel lebendiger, farbintensiver, aber dadurch auch chaotischer und verstörender. Damit diese zweite, „übernatürliche“ Wahrnehmungswelt nicht aus den Fugen gerät, muss das Gleichgewicht zwischen den Völkern des Lichts und der Dunkelheit erhalten bleiben. Droht eine der beiden Seiten zu dominieren, werden sogenannte „Schläfer“ erweckt, die solange die Zugehörigen der dominanten Seite bekämpfen, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist.

Mein Protagonist Simon muss nun feststellen, ein zweites Ich als ein ebensolcher, völlig aufs Töten seiner Gegner ausgerichteter Schläfer zu besitzen. Als dieses erweckt wird, um die Vampire in Simons Heimatstadt zu bekämpfen, fügt er sich diesem zweiten Ich zunächst. Doch als er erkennt, wie dieses sein „normales“, menschliches Ich völlig zurückdrängt, versucht er, dagegen anzugehen und einen Weg zu finden, den Schläfer in sich wieder zu bannen.

Literatopia: Dein Protagonist Simon wird zum Vampirjäger mit übermenschlichen Kräften. Was genau passiert mit ihm? Und was hebt „Vor meiner Ewigkeit“ von anderen Vampirromanen ab?

Alessandra Reß: Der Vampirjäger in ihm ist weniger Ausdruck einer Fähigkeit, sondern mehr ein eigenständig denkender und handelnder Teil von ihm.  Jegliche moralische Vorstellungen sind für den Schläfer nichtig und Zufriedenheit kann er nur empfinden, wenn er seine Gegner bekämpft und besiegt. Solange der Schläfer aktiv ist – was im Roman auf die ein oder andere Art permanent der Fall ist –, hat Simon zudem nahezu keinerlei Erinnerungen an sein menschliches Leben. Beides ängstigt Simon und stößt ihn ab. Aber das Problem ist, dass er in der zweiten Wahrnehmungswelt gefangen ist und in dieser eigentlich nur sein Schläfer-Ich überhaupt lebensfähig ist.

Ich glaube, im Moment erwarten die meisten Leute beim Stichwort „Vampir“ entweder Romantasy oder Action.  Ich kann weder mit dem einen, noch besonders intensiv mit dem anderen dienen. Für mich standen Themen wie Selbst- und Fremdbestimmung, der Umgang mit Macht und die Frage nach dem Einfluss der Erinnerungen auf unsere Identität und unser Handeln im Zentrum. Eine Rezensentin meinte, dafür hätte es keine Vampire gebraucht. Vielleicht hat sie damit recht, aber ich empfinde Fantasy und in diesem Fall Vampire eigentlich als ideal, um solche Themen zu behandeln. Vampire sind ebenso wie Schläfer die ultimativen Sieger beim Kampf gegen den Tod und bleiben doch immer Verlierer. Was gibt es Besseres, um das Thema der Selbst- und Fremdbestimmung zu symbolisieren?!

vor meiner ewigkeitLiteratopia: Die Atmosphäre in „Vor meiner Ewigkeit“ ist surreal und düster – was hat Dich zu diesem Roman inspiriert? Und steckte diese bizarre Stimmung von Anfang an zwischen den Zeilen oder hast Du sie erst hineinarbeiten müssen?

Alessandra Reß: Depeche Mode sind schuld! Als ich mit „Vor meiner Ewigkeit“ angefangen habe, stand ich total auf „Enjoy the Silence“ (daran hat sich eigentlich auch bis heute nichts geändert ;)). Ich hab das Lied rauf und runter gehört. Irgendwie ist dabei vor meinen Augen das Bild eines einsamen Wanderers in einer extrem farbintensiven und dabei gleichzeitig faszinierenden, wie auch verstörenden Großstadt entstanden. Diese „bizarre Stimmung“ war also eigentlich mein Ausgangspunkt, von dem aus sich die Handlung dann nach und nach entwickelt hat.

Literatopia: Ist „Vor meiner Ewigkeit“ Dein erster Roman? Oder tummeln sich noch zahlreiche weitere Bücher in Deiner Schublade?

Alessandra Reß: Zumindest aus jetziger Sicht betrachtet, ist „Vor meiner Ewigkeit“ der erste „richtige“ Roman, den ich fabriziert habe. Also es existieren schon noch Graue-Vorzeits-Manuskripte in virtuellen und realen Schubladen, aber keine, die auf eine Veröffentlichung warten würden. Das waren Fun-Projekte.  Manche von ihnen lese ich mir heute gerne nochmal durch und ich kann mir auch vorstellen, Elemente oder einzelne Handlungsstränge einmal wiederzuverwerten. Teilweise habe ich das auch schon mit „Vor meiner Ewigkeit“ getan. Aber das sind wie gesagt keine Manuskripte, die ich heute noch Agenturen oder Verlagen anbieten würde.

Literatopia: Das Feedback im Netz zu „Vor meiner Ewigkeit“ ist bisher recht positiv. Verfolgst Du regelmäßig die Rezensionen? Oder willst Du Dich lieber nicht davon beeinflussen lassen?

Alessandra Reß: Wenn ich von ihnen erfahre, lese ich alle Rezensionen, die zu dem Roman kommen, und sie interessieren mich wirklich sehr.  Wenn mich das Feedback der Leser nicht interessieren und ich glauben würde, über jede Kritik erhaben zu sein, bräuchte ich nicht zu veröffentlichen.  Mich freut es, wenn Leute schreiben, was sie am Buch gut oder auch weniger gut fanden. Es zeigt mir, dass sie sich mit dem Buch auseinandergesetzt haben, und das ist doch in jedem Falle besser als Gleichgültigkeit.

Außerdem möchte ich nicht an einem Punkt verweilen. Ich bin zufrieden mit „Vor meiner Ewigkeit“, aber das heißt ja nicht, dass ich mich in meiner Art des Erzählens nicht auch weiterentwickeln kann. Von „Beeinflussung“ würde ich nicht sprechen, aber wenn ein Kritikpunkt häufig auftaucht, mache ich mir schon Gedanken, ob ich da vielleicht in zukünftigen Projekten anders vorgehen sollte. Mal entscheide ich mich dann dafür, mal dagegen. ;-) Und umgekehrt ist es natürlich noch umso schöner, zu wissen, was gut bei den Lesern ankommt.

Im Übrigen finde ich es unterhaltsam, wie sich Informationen in Rezensionen verselbstständigen. In einer der ersten Rezensionen wurde Simon als „Philosophiestudent“ betitelt. Inzwischen ist das in mehreren Rezensionen aufgetaucht, was ich doch ziemlich unterhaltsam finde, denn eigentlich dachte ich, er wäre Kunstgeschichtsstudent (was aber auch nie explizit erwähnt wird). Offenbar habe ich mich da geirrt. ;-)

Literatopia: Du betreibst auch einen Blog, der nach der Stadt aus Deinem Roman – Dew Linae – benannt ist. Was finden interessierte Leser dort?

Alessandra Reß: Ursprünglich diente der Blog vor allem dazu, News zu posten und Hintergrundinformationen zu „Vor meiner Ewigkeit“ beisteuern, die es in dieser Ausführlichkeit nicht in den Roman hineingeschafft haben.  Aber inzwischen findet auch vieles Mehr seinen Weg auf meinen Blog; beispielsweise Event-Berichte, Erörterungen und Kommentare zur Phantastik und ihrer Szene oder Interviews mit Kollegen. Die einzige Beschränkung, die ich mir aufgelegt habe, ist, dass es mit Phantastik zu tun haben sollte. Manchmal reizt es mich auch, über andere Dinge zu bloggen, aber ich möchte die thematische Fokussierung beibehalten.

Der Unterschied zu den Artikeln, die ich in Magazinen und Online-Magazinen veröffentliche, ist, dass ich es mir auf meinem Blog erlaube, deutlich impulsiver und subjektiver zu schreiben.

Literatopia: Fünf Deiner Kurzgeschichten sind bereits in Anthologien erschienen, unter anderem auch zwei, die stark nach Science Fiction klingen. Magst Du uns darüber etwas erzählen?

roboterliebeAlessandra Reß: In Sachen Phantastik war die Fantasy immer mein besonderes Steckenpferd, jedenfalls wenn es um Literatur ging. Science Fiction mochte ich dafür auf der Leinwand lieber. Im vorletzten Jahr hat sich das ein bisschen geändert, als ich den Cyberpunk für mich entdeckt habe. Naja, prompt wollte ich mich auch mal schriftstellerisch in Richtung Science Fiction versuchen, und bin dabei auf zwei Kurzgeschichten-Ausschreibungen der Verlage Saphir im Stahl und ohneohren gestoßen. Ich habe mein Glück einfach mal versucht und glücklicherweise haben es auch beide Geschichten in die Anthologien geschafft.  Mit einiger Verspätung ist mir aufgefallen, dass beide sich das Motiv geflügelter Androiden bzw. Cyborgs teilen. Insbesondere die Vorstellung von „Cyborg-Engeln“ hat irgendwie etwas sehr faszinierendes, finde ich. Es verspricht gleichzeitig Freiheit und Zügellosigkeit, und drückt damit Sehnsucht ebenso aus wie das Gefühl einer diffusen Bedrohung.

Literatopia: Unsere beliebte Standardfrage – wann und warum hast Du mit dem Schreiben angefangen? Hast Du Dir schon immer Geschichten ausgedacht und ausgeschrieben? Oder gab es eine Art Schlüsselereignis, das deine Leidenschaft fürs Schreiben entfacht hat?

Alessandra Reß: Geschichten ausgedacht habe ich mir glaube ich tatsächlich schon immer oder zumindest, solange ich mich zurückerinnern kann. Seit ich wusste, wie es geht, habe ich auch mal mehr, mal weniger erfolgreiche Versuche unternommen, diese Geschichten auf Papier zu bannen. Dass ich da irgendwann auch mal ernsthafter rangegangen bin, später auch mit dem Ziel der Veröffentlichung, verdanke ich wahrscheinlich in erster Linie meiner älteren Schwester.  Sie war die Erste in der Familie, die ihre Geschichten an Verlage geschickt hat, teilweise auch mit Erfolg. Ich war dann die nervige kleine Schwester, die alles nachgemacht hat. ;-)

Literatopia: Wann bist Du am kreativsten? Gehörst Du zu jenen, die sich abends an den Computer setzen und die ganze Nacht durchschreiben? Oder nutzt Du einfach jede Lücke, die sich zwischen Arbeit und Studium ergibt?

Alessandra Reß: Die ganze Nacht durchzuschreiben, habe ich zwar noch nicht fertig gebracht, aber tendenziell bin ich schon ein Abendschreiber. Tagsüber locken mehr Ablenkungen und sind mehr Unterbrechungen nötig, da fällt es mir schwerer, am Ball zu bleiben. Feste Schreibzeiten habe ich aber nicht. Manchmal überkommt mich auch mittags der totale Schreibflash oder ich wache nachts mit dem plötzlichen Bedürfnis auf, eine Szene fertig zu schreiben.

Literatopia: Du schreibst auch Artikel für Onlinemagazine. Wo kann man beispielsweise etwas von Dir lesen? Und wie wichtig schätzt Du Onlinemedien für die Verlagsbranche – insbesondere für Kleinverlage – ein?

Alessandra Reß: Die meisten meiner Artikel erscheinen im Onlinemagazin „Geisterspiegel“. Im Moment versuche ich mich da beispielsweise an einer Reihe, in der ich mir pro Folge ein anderes Land vornehme und schaue, was dieses so an Fantasyautoren zu bieten hat.  

Ich kann nicht sagen, wie es in anderen Genres und Szenen aussieht, aber mein Eindruck ist, dass es sich bei der Phantastikszene um eine sehr internetaffine Gruppe handelt,  was den Kleinverlagen zu Gute kommt. Die „Hegemonialmedien“, also die Feuilletons der großen deutschsprachigen Zeitungen und Magazine, sind ja bekanntlich nicht besonders aufgeschlossen gegenüber der Phantastik und eigene Printmedien hat die Szene nur relativ wenige zu bieten. Da schließen Onlinemagazine, Blogs und soziale Netzwerke eine große Lücke. Durch sie können auch Kleinverlage und deren Autoren viel stärker und differenzierter auf sich aufmerksam machen, als es durch Printmedien möglich ist; von den Möglichkeiten der Vernetzung mal ganz abgesehen.

vampire cocktailLiteratopia: Was hältst Du persönlich von eBooks? Und glaubst Du, eBooks werden irgendwann Printbücher komplett ersetzen?

Alessandra Reß: Wenn ich die Wahl habe, greife ich immer noch lieber aufs Printbuch zurück. Es hat für mich einfach eine andere Aura und ich mag dieses haptische Erlebnis beim Lesen. Klar sollte es rein theoretisch nur um den Inhalt gehen, und der ist auch die Hauptsache; trotzdem zählen für mich beim Lesen auch noch andere Sache mit rein. Ich mag es, über das Cover zu fahren, mir bei geliebten Büchern Markierungen ins Buch zu machen, die den ebook-Reader überfordern würden, und irgendwie mag ich sogar die Knicke im Buchrücken (obwohl es mich manchmal ärgert, wenn ich ein Buch verleihe und den schiefen Turm von Pisa zurückbekomme). Das klingt jetzt wahrscheinlich nach Retro-Romantik, aber wenn ich das alles nicht hab, fehlt irgendwas. Ähnlich geht es mir übrigens auch mit CDs. Wobei sich da die Sache mit den Markierungen und Knicken etwas schwierig gestaltet.

Trotzdem möchte ich auch eBooks nicht mehr missen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich langsam wirklich nicht mehr weiß, wohin mit den Büchern, bieten sie in einigen Bereichen ungeheure Vorteile.  Beispielsweise ist es nun viel einfacher geworden, an Novellen oder Kurzgeschichten heranzukommen, die vorher höchstens mal in irgendwelchem Sammlereditionen erschienen sind. Zudem nutzen ja einige Autoren wie Kenneth C. Flint über eBooks die Möglichkeit, ihre vergriffenen Romane neu aufzulegen oder begonnene Reihen weiterzuführen. Und wenn ein Verlag sich dank eBooks mal etwas experimentierfreudiger zeigt, finde ich das auch nicht schlecht.

Im Moment sehe ich keine Gefahr, dass die eBooks die Printbücher komplett ersetzen könnten. Aber für die ferne Zukunft will ich es nicht völlig ausschließen.

Literatopia: Was wird uns in Zukunft von Dir erwarten? Arbeitest Du bereits an einem neuen Roman?

Alessandra Reß: Im Moment bin ich gerade das Exposé eines neuen Fantasy -Manuskripts am Aufhübschen, das dann in den nächsten Wochen auf seine große Agenturquest geschickt wird. Davon abgesehen werden demnächst noch zwei Kurzgeschichten erscheinen. Derzeit arbeite ich außerdem am Manuskript zu einer bestehenden Roman-Serie. Es erfreut das Autorenherz natürlich besonders, wenn man etwas völlig Eigenständiges auf den Markt bringen kann, aber mich hat auch mal die Aussicht gereizt, eigene Ideen in ein bestehendes Setting zu integrieren.  

Literatopia: Herzlichen Dank für das schöne Interview, Alessandra!

Alessandra Reß: Ich hab für das Interesse zu danken. :-)


Autorenfoto: Copyright by Fabian Dombrowski

Autorenblog: http://dew-linae.blogspot.de

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Dieses Interview wurde von Judith Gor für Literatopia.de geführt. Alle Rechte vorbehalten.