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Daniela Winterfeld (21.05.2014)
Geschrieben von Eva B.
Mittwoch, der 21. Mai 2014

Interview mit Daniela Winterfeld

Literatopia: Vielen Dank Daniela, dass Du Dir die Zeit für unsere Interviewfragen nimmst. Vielleicht magst Du Dich unseren Lesern zu Beginn kurz vorstellen?  Wie und wo Du lebst und wie Du zum Schreiben gekommen bist?

Daniela WinterfeldDaniela Winterfeld: Ja, dann sage ich doch auch mal „Hallo“ und bedanke mich schon mal dafür, dass ihr euch für meine Antworten interessiert :D

Also, mein richtiger Name, unter dem ich ebenfalls Bücher veröffentliche, ist „Daniela Ohms“. Ich bin jetzt (Anfang 2014) 35 Jahre alt und lebe seit 12 Jahren zusammen mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern in Berlin Kreuzberg. Aufgewachsen bin ich allerdings in einem kleinen Ort in der Nähe von Bielefeld, ganz idyllisch auf einem Bauernhof.

Geschrieben habe ich eigentlich „schon immer“. Bereits mit meiner ersten längeren Geschichte in der Grundschule hab ich beschlossen, dass ich mal Schriftstellerin werde – und seitdem hat mich auch nichts mehr von diesem Gedanken abbringen können. Mit 14 hab ich dann meinen ersten Roman begonnen, der allerdings nie fertig wurde. Aber ich hab einfach einen neuen angefangen und meine Eltern rechtzeitig zu meinem Abitur darauf vorbereitet, dass ich nach meinem Abi erst mal nur schreiben werde.

Das habe ich dann auch getan, hochdiszipliniert und mindestens acht Stunden am Tag. Bis zu meiner ersten Veröffentlichung hat es allerdings trotzdem noch seeeehr lange gedauert. Aber diese Geschichte, rund um den harten Weg zum Schriftsteller, muss ich euch wohl ein anderes Mal erzählen, sonst sprenge ich hier den Rahmen (lässt sich notfalls auf meiner Homepage nachlesen) ;-)

Literatopia: In der Danksagung in Deinem Buch „Der Geheime Name“ erklärst Du, wie es zu der Storyidee gekommen ist, wie der zündende Funken über Rumpelstilzchen zu schreiben von Deiner Agentin auf dich übergesprungen ist. Was hat Dich denn an der Figur Rumpelstilzchen so spontan fasziniert?

Daniela Winterfeld: Seine Motivation! Was will der hässliche Wicht eigentlich mit dem Baby? Mit einem Mädchen noch dazu? Diese Beweggründe habe ich als Kind nie so ganz durchschaut und im Märchen werden sie nicht erklärt. Bis er dieses Kind von der Müllerstochter verlangt hat, war er ja eigentlich ganz nett, aber spätestens dann mag man ihn nicht mehr, und allein die Vorstellung, bei so einem Wesen aufwachsen zu müssen, hat etwas zutiefst Schauriges.

Ungefähr diese Dinge gingen mir durch den Kopf, als meine Agentin das Wort „Rumpelstilzchen“ ausgesprochen hat. In dem Moment hatte ich sofort das Potential der Geschichte vor Augen: Wie muss es sein, wenn man das Mädchen ist, das diesem Wicht versprochen wurde? 19 Jahre nach dem unglückseligen Pakt. Daraus wollte ich eine Geschichte machen, unbedingt!

Literatopia: Hast Du Dir andere aktuelle Märchenadaptionen angeschaut, zum Beispiel die Serie „Once Upon A Time“ oder auch die „Hänsel und Gretel“ Märchenadaption  von Deiner Verlagskollegin Diana Menschig  „So finster, so kalt“? Mochtest Du die Serie und/oder das Buch?

Daniela Winterfeld: Vor oder nachdem „Der geheime Name“ erschienen ist? Vorher habe ich tatsächlich keine einzige Märchenadaption gelesen oder geschaut. Zum einen deshalb, weil sich der Märchentrend erst am Horizont abgezeichnet hat, als ich 2010 damit begonnen habe, dieses Buch zu planen. Da gab es einfach noch kaum aktuelle Märchenadaptionen auf dem Markt.

Aber tatsächlich handhabe ich es meistens so, dass ich einen großen Bogen um Bücher schlage, die „so ähnlich“ sind oder sein könnten, wie das, was ich gerade plane. Mir ist es wichtig, meine eigene Sache zu machen und mich dabei von nichts beeinflussen zu lassen. Ich glaube zwar nicht, dass mich eine andere Märchenadaption dazu gebracht hätte, sie in irgendeiner Form zu „kopieren“ oder „nachzumachen“. Aber was sollte ich zum Beispiel tun, wenn ich für mein Buch etwas Bestimmtes geplant habe – und dann in einem anderen Buch etwas lese, was meiner Idee ähnlich ist? Ändere ich dann mein Konzept? Auf jeden Fall würde ich versuchen, es irgendwie anders zu machen und würde mich dabei unwohl fühlen.

Also vermeide ich diese Situation lieber gleich. Und in der Regel erfahre ich dann von meinen Lesern später, dass meine Bücher ganz anders sind als andere Bücher zu dem Thema.

Aber inzwischen möchte ich natürlich schon gerne wissen, was andere Autoren bzw. Filmemacher aus einem Märchen zaubern. Deshalb stehen „Once upon a time“ und das neue Buch von Diana Menschig auch ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste. Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nicht dazu gekommen bin.

Literatopia: Wie erklärst Du Dir, dass Märchen-Adaptionen derzeit so im Trend liegen?  Auch in den letzten Jahren wurden immer mal wieder welche veröffentlicht und es waren richtig gute Geschichten dabei.  Aber zurzeit scheint das Märchen eine wahre Renaissance zu erleben.  Ist es also immer auch eine Zeitgeistfrage, wann bestimmte Motive beim Lesepublikum einen Nerv treffen?

Daniela Winterfeld: In der Verlagswelt hört man immer wieder, dass bestimmte Themen alle 10 Jahre wiederkehren. Gerade bei Fantasythemen ist davon die Rede: Hexen, Zauberer, Vampire, Geister. Das alles wurde ja nicht erst von Joanne K. Rowling oder Stephenie Meyer erfunden. Das hat es immer schon gegeben. Selbst im Mittelalter. Nur die Ebene, auf der es behandelt wird, ändert sich. Im Mittelalter hat man daran geglaubt und die Hexen gejagt. Dann hat man darüber nur noch Märchen erzählt und heute macht man es ausführlicher und schreibt Romane oder dreht Filme.  

Aber im Grunde spricht man damit ein Bedürfnis an, das sich in jedem Menschen verbirgt. Bei manchen ein bisschen mehr, bei anderen etwas weniger – aber eigentlich wollen wir doch alle wissen, ob es auf dieser Welt vielleicht noch Dinge gibt, die nicht sofort sichtbar sind und die man nicht so einfach erforschen kann. Und weil wir es wissen wollen, beschäftigen wir uns damit. Für manche ist das dann nur eine Phase, bei anderen dauert diese Phase ein Leben lang. Aber in der Masse der Menschen und dem „Markt“ auf dem entsprechende Lektüre verkauft wird, sorgt es dafür, dass bestimmte Themen in Zehnjahreswellen „wiederentdeckt“ werden, immer dann, wenn eine neue Generation herangewachsen ist, denen man es noch als neu verkaufen kann.

Und in diesem ganzen Fantasyhype der letzten Jahre, war das Thema „Märchen“ eben einfach noch nicht dran. Da war es nur eine Frage der Zeit, wann es soweit ist.

Literatopia: Was war die schwierigste Herausforderung für Dich bei dieser Märchenadaption?

Daniela Winterfeld: Am schwierigsten war ganz eindeutig die Figur von Finas Mutter. Was veranlasst eine Frau dazu, ihr Kind gegen Gold einzutauschen und an so einen sonderbaren Wicht zu versprechen? Für mich als Mutter ist das ziemlich schwer nachzuvollziehen. Zumal mir Geld als Motivation sowieso immer sehr fremd war.

Gut, das Kind ist noch nicht gezeugt, genaugenommen noch nicht einmal angedacht und diese ganze Situation mit dem Wicht im Moor ist überhaupt ziemlich bizarr. Wenn einem das in Wirklichkeit passieren würde … in unserer Welt?

Ich glaube, die meisten von uns würden lachen – es zumindest nicht ernst nehmen. Na gut. Es ist extrem gruselig, da vergeht einem das Lachen vielleicht. Aber glaubwürdig? Ganz bestimmt nicht. Es ließe uns eher an unserem Verstand zweifeln oder an einen faulen Trick glauben. Wenn nur das Gold nicht wäre, ganz reales Gold, das der Wicht ihr gibt.

Na ja, also dieser Punkt des Märchens war in unserer Realität ein ziemlich surrealer Brocken, den ich nur mit größter Verwirrung der Protagonistin lösen konnte.

Aber wenigstens durfte Finas Mutter dabei ruhig ein paar Sympathiepunkte verlieren. Jemand, der sein Kind gegen Geld verspricht … Tse! Und dann noch das, was sie danach getan hat (ich will jetzt nicht spoilern) … das alles hat sie schnell zu einer zwiespältigen Figur gemacht, die es zwar auf ihre Weise gut meint und dennoch Böses tut. Solche Figuren mag ich dann wiederum sehr gerne :D

Literatopia: Was gilt es zu beachten, wenn man einen phantastischen Stoff aus dem frühen 18. Jahrhundert (legt man als Ursprung die Version  von Marie-Jeanne L'Héritier de Villandon „Ricdin Ricdon“ – 1705 zugrunde) in unsere moderne Zeit adaptiert?

Daniela Winterfeld: Man muss für alles eine Entsprechung finden, was bedeutet, dass man das Märchen erst mal bis auf seine Moral entkleiden muss, um zu schauen, wie die Moral in unsere Zeit passt. Im Fall von Rumpelstilzchen passt sie sehr gut: Was wir Menschen nicht alles für Geld tun … Ich denke, ich muss das hier nicht näher ausführen, ihr wisst, was ich meine. Und für Rumpelstilzchen, diesen hässlichen, grässlichen Wicht, der sich unbedingt das Mädchen wünscht und alles tut, um sie zu bekommen. Na ja. Auch den hätte ich mit Leichtigkeit in eine reale Figur überführen können. Aber das wäre mir dann doch zu hart gewesen und ich habe mich lieber an die Märchenfigur gehalten.

Was dabei dann noch ein bisschen kniffelig war, war der Schauplatz. Wo in Deutschland findet man einen Ort, der noch so natürlich und wild ist, dass sich eine derartige Geschichte dort abspielen könnte? Ja, es gibt dieses Grundlose Moor in der Lüneburger Heide, das ich mir dafür ausgesucht habe. Es ist auch ziemlich urig dort. Aber hey, das ist wie überall in Deutschland: Mit Wanderwegen, Zäunen und Hinweisschildern befestigt.

Zum Glück konnte ich wenigstens in eine Parallelwelt ausweichen und mit literarischen Mitteln ein wenig an der Atmosphäre schrauben. Das ist das Schöne an der Fantasy: Da ist dann im Grunde alles erlaubt, solange es einem gelingt, das einigermaßen plausibel zu erzählen.

Literatopia: Was war Dir bei der charakterlichen Anlage der Figur des Rumpelstilzchen-Pendants  „Der Geheime“ besonders wichtig?  

Daniela Winterfeld: Ich wollte seine Zwiespältigkeit darstellen und begreifbar machen. Einerseits hat er etwas zutiefst Bösartiges an sich. Er will der Mutter ihr Kind wegnehmen und es für sich „nutzen“. Etwas Derartiges könnte man nicht tun, wenn man auch nur eine Spur von Mitgefühl in sich hat.

Aber andererseits wollte ich den Lesern klarmachen, dass auch diese bösartige Figur ihre Gründe hat. Uralte Gründe, um auf diese Weise zu hassen und nur noch an sich selbst zu denken. Mir war es wichtig, dass der Leser diese perfide Figur verstehen kann und vielleicht sogar hin und wieder einen Anflug von Sympathie für ihn empfindet.

Literatopia: Blendet man das Märchen Rumpelstilzchen einmal aus, könnte man auch sagen, dass Du in „Der Geheime Name“ ein an “ Kaspar Hauser“ erinnerndes Motiv aufgegriffen hast, betrachtet man die Figur Mora und seine Rückführung in die moderne Welt.  Was hat Dich an diesem Motiv von einem isoliert und fernab von der zivilisierten Welt aufwachsenden Jungen gereizt?

Daniela Winterfeld: Ja, das Kasper Hauser Motiv hat mich tatsächlich immer schon angesprochen. Was ich an dem echten Kasper Hauser und vergleichbaren „wilden Kindern“ allerdings immer sehr schade fand, war die Tatsache, dass sie ihre Defizite nie ganz aufholen konnten. Vor allem in sozialer und emotionaler Hinsicht.

Bei Mora war es mir deshalb wichtig, dass ich zwar einerseits eine Figur erschaffe, die unter den psychologischen Problemen und Abhängigkeiten leidet, die durch die sadistische Erziehung seines „Herren“ entstanden sind. Aber andererseits sollte er über genug Intelligenz und innere Stärke verfügen, um sich aus seiner isolierten Welt befreien zu können und sich letztendlich auf eine emotionale Bindung einzulassen.

Aber unabhängig davon, hat das Motiv auch etwas sehr Romantisches an sich: Stell dir vor, du findest einen hübschen Jungen im Wald – und kein anderer ist da, der sich um ihn kümmern würde. Ich finde, das hat was! ;-)

Literatopia: Mit Mora hast Du ja auch eine sozialkritische Komponente in Dein Buch hineingebracht. Du schreibst einiges darüber, welches Unrecht die Vertreibung der Roma darstellt. Liegt Dir das Thema besonders am Herzen?

Daniela Winterfeld: Ja, dieses Thema liegt mir tatsächlich am Herzen, obwohl ich eigentlich keine persönlichen Gründe dafür habe. Aber seitdem ich angefangen habe, mich mit der Geschichte der Roma zu befassen, ist mir einfach diese himmelschreiende Ungerechtigkeit aufgefallen, die in der Öffentlichkeit kaum präsent ist. In meiner Jugend habe ich immer daran geglaubt, dass wir „Deutschen“, und überhaupt Europa, das dritte Reich inzwischen überwunden haben. Aber vor einigen Jahren (es war in etwa zur Zeit der EU-Öffnung) tauchten auf Kreuzbergs Straßen plötzlich zahlreiche junge Frauen mit ihren Kindern auf, die auf dem Bürgersteig saßen (und dies bis heute tun), um zu betteln. Und dazu junge Männer, die an den Ampelkreuzungen stehen, um für ein paar Cents Fensterscheiben zu waschen. Ich wollte wissen, was das für Menschen sind, die hier in Deutschland darauf angewiesen sind zu betteln. Und so fand ich schnell heraus, dass es Roma sind, von vielen auch verächtlich „Bettel-Roma“ genannt.

Ich habe weiter recherchiert und festgestellt, dass sich die Situation der Roma seit dem 3. Reich immer noch nicht verbessert hat. Ganz im Gegenteil: Die Menschen, die in der Nazi-Zeit durch ihre sogenannte „Zigeunerforschung“ maßgeblich die Verfolgung der Roma vorangetrieben haben, waren nach dem Krieg diejenigen, die über die Entschädigungsanträge der Roma und Sinti entscheiden sollten. Auf diese Weise wurden diese Anträge im großen Rahmen abgelehnt und erst Helmut Kohl hat es in den 80er Jahren geschafft, die Verfolgung der Roma in der NS-Zeit überhaupt offiziell anzuerkennen. Aber auch danach wurden Entschädigungen nur in kleinem Rahmen gewährt und die soziale Situation der Roma hat sich mitnichten verbessert. Bis zur EU-Öffnung lebten die meisten von ihnen in den Ostblockstaaten, insbesondere in Rumänien und Bulgarien, wo sie aber bis heute verfolgt und ausgegrenzt werden. Die Kinder erhalten nur selten eine Schulbildung und sind später auf Bettelei und mitunter sogar Diebstähle angewiesen, um zu überleben. Mit der EU-Öffnung kamen viele von ihnen wieder in die reicheren Länder, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber jetzt zeigt sich auf frappierende Weise, dass der Antiziganismus in ganz Europa noch immer unvermindert vor sich hin köchelt. Egal, wo sie hinkommen, die Roma werden überall angefeindet und verjagt, und es gibt bis heute viele ethnische Roma, die ihre Identität aus Angst vor Verfolgung verstecken. Auch in Deutschland, was mich angesichts unserer Vergangenheit besonders erschreckt hat!

Ich vertrete die Meinung, dass Europa und insbesondere Deutschland in der Verantwortung steht, den Roma eine menschenwürdige Heimat zu bieten und ihren Kindern eine umfassende Bildung zu ermöglichen. Auch wenn das oft schwierig ist, weil die Angst und das Misstrauen dieser Bevölkerungsgruppe verständlicherweise sehr tief sitzt. Aber alle Bemühungen sollten dahingehen, das geschehene Unrecht endlich(!) wieder gutzumachen.

Also, ihr ahnt es schon. Mit dem Thema bin ich noch nicht ganz fertig und ihr werdet noch mindestens ein weiteres Buch von mir lesen, das sich damit beschäftigt.

Literatopia: Auf Deiner Homepage schreibst Du in Deinem „Plauderstündchen“ über Dich und Deinen Werdegang als Autorin. Unter anderem auch über die Reaktionen deiner  Literaturwissenschaft Kommilitonen, als Du ihnen erzählt hast, dass Du Fantasy schreibst: „Unterhaltung? Wo ist denn da die Wahrheit? Wo ist denn da die Botschaft, die du deiner Nachwelt schuldest“  Was würdest Du ihnen heute antworten?

Daniela Winterfeld: Ich würde ihnen sagen, dass die Menschen sich immer schon Märchen erzählt haben, um darin auf unterhaltende Weise von bedeutenden Wahrheiten zu sprechen. Und genau das tue ich, indem ich Fantasy schreibe. Was ich schreibe, ist eine der ältesten Literaturgattungen, nur eben in modernerer Form.

harpyienblutLiteratopia: Apropos Studium, außer der Literaturwissenschaft hast Du auch Psychologie studiert. Helfen Dir diese Erkenntnisse bei der Figurenzeichnung? Wie gehst Du dabei vor, wenn Du einen Charakter entwirfst?

Daniela Winterfeld: Ja, Psychologie war mein Nebenfach. Und ja, die Erkenntnisse helfen tatsächlich häufig, besonders dann, wenn es um die Reaktionen auf extreme Erlebnisse geht oder um die Zusammenhänge, wie sich ein Mensch aufgrund bestimmter Erfahrungen entwickelt. Auch bei meinen Charakterentwürfen gehe ich ziemlich psychologisch vor. Therapeuten fragen ihre Patienten immer nach ihrer Kindheit und genau das mache ich auch: Was für eine Kindheit hatte meine Figur? Was waren die kleinen und die großen Verletzungen, die sie erlitten hat? Die Antworten darauf paare ich dann mit einer Persönlichkeit: Manche Menschen sind z.B. von Natur aus stärker als andere, ganz unabhängig von ihrer Erziehung (diese naturgegebene innere Stärke nennt man Resilienz, daran hab ich bei Mora immer gedacht). Andere Menschen sind dagegen so sensibel, dass sie sich schon von kleinen Rückschlägen kaum noch erholen können. Und beides zusammen, Erlebnisse und Persönlichkeit, formen einen Charakter, der sich auf seine ganz eigene Art und Weise verhält und handelt.

Wenn diese Dinge für mich klar sind, dann kann in der Geschichte passieren was will, ich werde immer wissen, wie sich meine Figuren dabei fühlen und wie sie handeln. In meinem Studium habe ich sogar schon mal Persönlichkeitstests für meine Figuren ausgefüllt. Und als Ergebnis kam eine sehr treffende Charakterisierung meiner Hauptfiguren heraus. Das fand ich sehr beeindruckend.

Ja, insofern hilft es schon. Trotzdem bin ich der Meinung, dass gerade das psychologische Gespür für eine Figur etwas ist, was man „als Talent“ mitbringen muss. In einem Studium kann dieses Talent dann reifen und man erfährt die fachlichen Namen für Phänomene, die man immer schon „erahnt“ hat. Aber wenn einem das psychologische Gespür fehlt, glaube ich nicht, dass man es auf akademische Weise erlernen kann.

Literatopia: Welche Deiner Hauptfiguren, Fina, Mora und „Der Geheime“,  findest du selbst am interessantesten und warum?

Daniela Winterfeld: Ich mag sie alle drei sehr gerne. Aber Mora liebe ich am meisten. Immer, wenn ich eine Szene aus seiner Perspektive geschrieben habe, war ich ganz überrascht darüber, dass er von Anfang an eine eigene Stimme hatte, eine ganz eigene Sichtweise auf die Dinge, die einerseits völlig weltfremd und andererseits aber auch sehr gefühlvoll und fast schon poetisch ist. Mora würde ich wirklich gerne mal in der Realität kennenlernen – wobei ich befürchte, dass er sich mir gegenüber sehr verschlossen zeigen würde.

Literatopia: Welche der drei Figuren hat Dich beim Schreiben am meisten geärgert?

Daniela Winterfeld: So richtig geärgert hat mich eigentlich keiner von den dreien. Aber manchmal war es nicht ganz leicht, etwas zu finden, womit Fina den doch sehr übermächtigen „Geheimen“ noch irgendwie austricksen konnte. Das war stellenweise ziemlich knifflig, aber ärgern musste ich mich deswegen nicht.

Literatopia: Du publizierst unter zwei verschiedenen Namen, unter Deinem Familiennamen Ohms im Bereich Jugendfantasy und unter dem Pseudonym Winterfeld phantastische Literatur für Erwachsene. Warum machst Du das und wie kam es zur Auswahl des Namens „Winterfeld“?

Daniela Winterfeld: Ob ein Autor unter Pseudonym schreibt oder nicht, ist meistens die Entscheidung der Verlage. Wir Autoren haben damit in der Regel ziemlich wenig zu tun. In diesem Fall wollte Knaur gerne ein Pseudonym etablieren, um meine Erwachsenenbücher von den Jugendbüchern abzugrenzen. Allerdings muss ich auch sagen, dass „Der geheime Name“ ein Buch ist, was noch an der Grenze zum Jugendbuch kratzt. Aber Knaur wollte es gerne eindeutiger gestalten, da sie offiziell ja gar kein Jugendbuchprogramm mehr führen.

Tja, und der Name selbst – ist eigentlich frei erfunden. Es gibt also keine Großeltern oder andere bedeutende Menschen in meinem Leben, die so heißen. Eigentlich war es eine Assoziation, die mir spontan kam und die gut zu mir und der düsteren Stimmung in meinen Büchern passt.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autorenfoto: Copyright by Jenny Woste

Autorenhomepage: www.daniela-ohms.de

Rezension zu "Der geheime Name"


Dieses Interview wurde von Eva Bergschneider für Literatopia.de geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, der 21. Mai 2014
 

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