Mutter Krieg (Maël, Kris)

Verlag: Splitter-Verlag; (Mai 2014)
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten; 39,80 €
ISBN-13: 978-3868697575

Genre: Historik/ Erster Weltkrieg


Klappentext

Januar 1915,
mitten in der lausigen Champagne.
Seit sechs Monaten wütet der Krieg in Europa.
Seit sechs Monaten fordert er tägliche tausende Tote.
Überdies versetzen drei Frauenleichen an der Front
den Generalstab in Angst und Schrecken.

Drei kaltblütig ermordete Frauen.
Und auf jeder Leiche liegt ein Abschiedsbrief.
Ein vom Mörder verfasster Abschiedsbrief.
Ein mit dem Schlamm der Schützengräben
versiegelter Abschiedsbrief.


Rezension

100 Jahre liegt nun der Beginn des Ersten Weltkrieges zurück. Von Historikern häufig die Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts genannt, markierte der Erste Weltkrieg den Beginn des modernen Krieges. Hier wurden zum ersten Mal Panzer, Flugzeuge und Gas eingesetzt, mit verheerender Wirkung. Von einem schnellen, kurzen Krieg war anfangs die Rede, doch die Militärs aller Länder täuschten sich schwer und Millionen starben in Stellungskriegen, ohne auch nur einen Schritt weiterzukommen. Wie wahnsinnig dieser Krieg war, lässt sich daran erkennen, dass deutsche und britische Soldaten 1914 Weihnachten gemeinsam feierten und wohl auch von sich aus nicht mehr zu den Waffen gegriffen hätten, aber schon bald wieder aufeinander schossen. Dieser Krieg war Wahnsinn und Irrsinn in seiner reinsten Form und sollte von den Opferzahlen nur noch von dem bald folgenden Zweiten Weltkrieg übertroffen werden. Trotzdem wird er nur selten in deutschen Medien thematisiert. In Frankreich hingegen ist dies anders, wird er dort als der Große Krieg bezeichnet, der sich tiefer in das kollektive Gedächtnis gebrannt hat, da die Kriegshandlungen auf französischer Seite damals länger waren und mehr Opfer forderten als der Zweite. Maël und Kris erzählen in Mutter Krieg eine Geschichte von der Front. Allerdings keine, wie sie schon hunderte Male zu lesen war. Sie verknüpfen das Schicksal einer Einheit mit den Ermittlungen in einer Mordserie.

Im Januar 1915 werden mehrere Frauenleichen gefunden. Immer mit einem Abschiedsbrief. Ein Schuldiger ist beim ersten Mord schnell gefunden, schließlich hatte sich das Opfer kurz vorher mit einem Soldaten gestritten und der wird in der Folge als Mörder hingerichtet. Aber die Mordserie geht weiter und der Generalstab und der Rest des Militärs sind mit den Ermittlungen überfordert. Ihre Methoden, die menschenverachtend sind, versagen. Leutnant Roland Vialatte, ein Gendarm, wird zur Hilfe gerufen. Er soll die Morde aufklären und macht sich schnell an die Ermittlungsarbeit. Diese führt ihn zu einer ganz besonderen Einheit und einem alten Bekannten, Gaston Peyrac. Dem Schmied des Dorfes aus dem er kommt. Vieles will in diesem Fall nicht zusammenpassen und Vialatte beginnt eine Reise durch die Schützengräben, durch Blut und Schlamm. Am Ende ist die Wahrheit anders und brutaler als gedacht.

Mutter Krieg führt in eine der vermutlich schrecklichsten Zeiten in Europa zurück. Die Schützengräben Frankreichs sind der Schauplatz für eine Geschichte, die nur vordergründig ein Krimi ist. Maël erzählt hier vom Krieg in seiner brutalsten Form und Vialatte ist der Mittler für das Grauen, welches über die Männer an der Front hereingebrochen ist. Mit ihm reist der Leser durch das Niemandsland, erlebt das Grauen und sieht die Grausamkeit des Menschen. Tiefe Blicke werden in die Seelen der Männer geworfen. Ihre Hoffnungen und Ängste gezeigt. Dabei erheben Mael und Kris keine Anklage, sie verteilen keine Schuld auf nur ein Land. Sie beschäftigen sich mit der Psyche und den Seelen der Soldaten, die zum Kampf gezwungen wurden, von Anführern, die selbst warm und sicher hinter der Front sitzen. Sie müssen einen Kampf führen, den sie in seiner Konsequenz schon bald nach Beginn des Krieges nicht mehr führen wollten. Dementsprechend ist Mutter Krieg, auch wenn der Comic auf französischer Seite spielt, in seinem Kern an kein Land gebunden. Die Geschichte hätte genau so auch auf deutscher Seite oder irgendeiner anderen spielen können und wäre in ihren Kernaussagen und Blickwinkeln gleich geblieben. Hier zeigt sich genau, dass Unschuldige zu Schuldigen werden können.
Was Erich Maria Remarques mit Worten Im Westen nichts Neues geschaffen hat, wird hier mit Wort und Bild vollbracht. Aufs eindringlichste wird in Mutter Krieg ein Krieg visualisiert, der eine neue Art von Brutalität und des Tötens hervorbrachte. Poesie und Heldenmut finden sich nicht auf diesen Seiten, nur Menschlichkeit, Verzweiflung und die Abgründe der Seele. Eine der Stärksten und eindringlichsten Momente ist, wenn der junge Jolicouer allein und verwundet im Niemandsland sitzt und seine Kameraden ihm ohnmächtig, weil sie nichts tun können, versuchen Mut zu machen, obwohl sie genau wissen, dass er keine Chance hat, zu überleben. In diesem Moment ist Mutter Krieg einfach intensiv und lässt den Leser mit einem dicken Kloß im Hals zurück. Generell werden sich die meisten dabei erwischen, wie sie häufiger schlucken müssen. Die Geschichte von Maël ist gnadenlos und Kris liefert dazu die Bilder.

Er zeichnet mit groben Strich, nicht überaus detailliert, aber immer so, dass die Gefühle und Emotionen der Charaktere perfekt beim Leser ankommen. Vor allem an den Szenen an der Front wird er teilweise fast skizzenhaft und erschafft so eine Atmosphäre der Verzweiflung und Tristesse. Die Brutalität des Krieges spart er nicht aus, Kampfhandlungen, Explosionen und Schussverletzungen stellt er dar, aber nicht voyeuristisch, sondern realistisch, aber so weit verzerrt, dass das Grauen den Leser immer noch in den Klauen hat. Seine Farbgebung ist in dunklen, erdigen Aquarelltönen gehalten, die die Atmosphäre nur noch hoffnungsloser erscheinen lassen. Es wird schnell klar: Dieser Krieg hatte keinen Platz für Helden, sondern war einfach nur ein Abschlachten.

Splitter hat die vier Bände der Serie glücklicherweise in ein dickes Hardcover gepackt, so dass die Geschichte in einem gelesen werden kann, mit Sicherheit die Intensität und Wirkung der Geschichte erhöht, da ist es auch leicht zu verschmerzen, dass kein Bonusmaterial vorhanden ist. Ein Interview mit den Machern wäre sicher interessant gewesen, aber die Geschichte steht auch so für sich und mit ihr dürfte so gut wie alles gesagt sein.


Fazit

Mutter Krieg sorgt für ein Gefühl der Beklommenheit und Betroffenheit und hallt lange in den Gedanken des Lesers nach. Eine bessere Empfehlung kann es bei diesem Sujet nicht geben. Wer sich dieses Jahr nur ein Buch oder einen Comic kaufen will, sollte hier unbedingt zu greifen.


Bewertung:

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Zeichnungen: 4,5/5
Aktualität: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


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