Dienstag, 22. Oktober 2019

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Ehepaare (John Updike)
Geschrieben von Almut
Freitag, der 21. November 2014

updike-ehepaare

Reinbek bei Hamburg 1969, rororo, 24. Auflage 2009
Originaltitel: Couples (1968)
Aus dem Englischen von Maria Carlsson
Taschenbuch, 488 Seiten
€ 9,95 [D] | € 10,30 [A] | CHF 15,90
ISBN: 978-3-499-11488-5

Genre: Belletristik


Inhalt

Das alte friedliche Städtchen Tarbox liegt knapp eine Bahnstunde von Boston entfernt. Es gibt eine Spielzeugfabrik, einen Golfplatz, einen Yachthafen, einen Tennisplatz, zwei Kirchen und neun jüngere Ehepaare aus der oberen Mittelschicht, die in den fünfziger Jahren zugezogen sind, Familien gegründet haben und eine eigene Clique bilden: die Applebys, Smiths, Thornes, Guerins, Constantines, Saltz’, Ongs, Gallaghers und Hannemas. In gepflegter Langeweile vertreibt man sich die Zeit mit Tennis und Basketball, Segel- und Wintersport, Dinner- und Cocktailpartys. Aber hinter der Kulisse der wohlstandsbürgerlichen Idylle findet aus reiner Langeweile nach unausgesprochenen Regeln ein heimlicher sexueller Austausch in wechselnden Kombinationen statt, beispielsweise zwischen den Applebys und Smiths, die darum der Einfachheit halber die Applesmiths genannt werden. Die Saltzens verkehren intim mit den Constantines, das Quartett heißt gemeinhin die Saltines.


Rezension

In Updikes tragikomischer Auseinandersetzung mit der amerikanischen Mittelschicht leuchten vor dem Hintergrund saturierten wohlstandsbürgerlichen Lebens mit Eigenheimen, Partys, gepflegter Langeweile, Konservatismus, verhaltenem Liberalismus und ausgeprägtem Konsumismus wichtige politische Ereignisse des Amerikas der Jahre 1963/64 auf: Kennedys Ermordung, Diems Tod, eine Ahnung vom bevorstehenden Vietnamkrieg. Die düstere Hintergrundstimmung passt zu der Grundstimmung der Protagonisten, die sich an der Oberfläche glücklich und zufrieden geben, tatsächlich geistig und psychisch verzweifelt sind, verfolgt von der Angst vor der Einsamkeit, der inneren Leere und dem Tod, die sie mit Partys, vor allem aber mit Sex vertreiben wollen.

Sex wird zur Ersatzreligion, gibt aber den Menschen nicht die erhoffte geistige und seelische Befriedigung, sondern verweist im Grunde auf den Tod, der sich leitmotivisch durch den Roman zieht: der Tod des Hamsters, historischer und fiktionaler Personen, die Abtreibung oder der "kleine Tod" beim Sex. Immer wieder verweist Updike auf den Wetterhahn (Hahn = cock) der Kongregationskirche, deren Mitglied Piet ist und der sich symbolisch für Sex als Ersatzreligion durch den Roman zieht. Piet steht vor der Kirche, als er Foxy das erste Mal sieht. Nach der Entdeckung von Piets und Foxys Affäre brennt die Kirche nach einem wie durch göttliche Fügung ausgelösten Blitzeinschlag aus, der Hahn bleibt unbeschädigt auf seiner Spitze. Am Ende wird die Ruine abgerissen, der Hahn abmontiert: ein Fingerzeig auf Piets Fortgang und das Ende der ehelichen Untreue in Tarbox.

Der Roman ist durchzogen von einer Vielfalt struktureller, stilistischer und thematischer Bezüge und Andeutungen auf andere Werke, grotesker Übertreibungen, Phantasien und christlicher Mythen, durch die sich neben der  modernen (fiktiven) Realität eine magische Welt eröffnet. Von zentraler Bedeutung ist die biblische Geschichte von Adam und Eva, die Vertreibung aus dem Paradies. Tarbox ist das "Pillen-Paradies", weil die Pille unbeschwertes Sexvergnügen verspricht. Freddy Thorne spielt die Rolle des Hohepriesters im Kult des Sexuellen, Piet die des Sündenbocks. Doch die paradiesische bürgerliche Existenz ist fragil: In das Applesmithsche (Apfel) Paradies schleicht sich eine "Schlange" ein, Hass und Verleumdung, mit Foxys ungewollter Schwangerschaft wird für Piet das Leben zur Hölle.

Am Ende wird er wie Adam vertrieben. Vertrieben deshalb, weil er unfähig ist, aktiv seine Situation zu ändern. "Mir bleibt nur noch abzuwarten und zu beten" lautet seine Devise in Übereinstimmung mit dem vorangestellten Motto von Paul Tillich aus Die Zukunft der Religion (in: ders., Die verlorene Dimension. Not und Hoffnung unserer Zeit). Piet fühlt sich anfangs wie ein Tier in einem Käfig, wie der Hamster seiner Töchter, der bei seinem ersten Ausflug in die Freiheit von der Nachbarskatze getötet wird, wie in einer Schachtel (Tar-Box). Unfähig, daran etwas zu ändern, überlässt er anderen, wie Angela und Gallagher, die Entscheidung über sein Leben. Seinem neuen Leben mit Foxy aber haftet genau die gleiche Fremdbestimmung an wie seinem alten Leben mit Angela – eine Andeutung der Wiederholung seines Schicksals.

Als Inspiration für seine realistische Darstellung des sozialen Milieus der upper middle class dienten Updike seine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen, die er in Ipswich in Massachusetts machte, wo er mit seiner Familie von 1957 bis 1968 lebte und arbeitete. Das zumindest deutet er in seinen Memoiren Selbst-Bewußtsein (1990) an.


Fazit

Updikes Gesellschaftsroman Ehepaare analysiert in lesenswerter Weise und in offener Darstellung das amerikanische (gehobene) Bürgertum der 1960er Jahre, das christliches durch sexuelles Pilgertum ersetzt hat.


Pro und Kontra

+ Dokumentation einer kollabierenden Gesellschaft
+ erinnert an eine gelungene Versuchsanordnung

Wertung:sterne5

Inhalt: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Rezension zu The Maples Stories

Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 08. März 2019
 

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