Der Sternwanderer (Neil Gaiman, Charles Vess)

Verlag: Panini (Januar 2015)
Gebundene Ausgabe: 228 Seiten; 24,99 €
ISBN-13: 978-3957981936

Genre: Fantasy


Klappentext

Zu Beginn des Viktorianischen Zeitalters lag in einer verschlafenen Ecke auf dem Land in England das Dörfchen Wall. Seinen Namen erhielt der abgelegene Ort wegen des mächtigen Steinwalls, der das fruchtbare Weideland umgab. Der gemächliche Lauf der Dinge in Wall wurde nur alle neun Jahre einmal gestört – dann nämlich, wenn sich Menschen und Zauberwesen auf einer verwunschenen Wiese zu einem Markt trafen, wie es keinen zweiten gibt.
Dort in Wall verliert der junge Tristran Thorn sein Herz an die Dorfschöne – ein Mädchen, so kalt und distanziert wie der Stern, den die beiden in einer kühlen Oktobernacht vom Himmel fallen sehen. Um die Hand seiner Geliebten zu gewinnen, verspricht Tristran voreilig, ihr den Stern zu holen, und bricht auf zu einer Suche, die ihn über den alten Steinwall hinweg in eine Welt jenseits seiner kühnsten Träume führt...

Der Sternwanderer ist eine faszinierende Geschichte voller Poesie und Magie, großartig illustriert und bezaubernd geschrieben vom einzigen Comic-Team, das je einen World Fantasy Award gewann. Das Buch war Vorlage für den hochkarätig besetzten gleichnamigen Film mit Michelle Pfeiffer und Robert De Niro.


Rezension

Wer bisher nur die Taschenbuchausgabe von Heyne ohne die Illustrationen kannte, hat endlich wieder die Möglichkeit den Sternwanderer so zu genießen, wie er ursprünglich gedacht war. Panini bringt nach langer Zeit wieder den kompletten Roman heraus, mit den Zeichnungen von Charles Vess und das ist wirklich ein Glücksfall, denn beim Lesen merkt man unweigerlich, wie sehr Text und Bild zusammengehören.

In Der Sternwanderer erzählt Neil Gaiman ein Märchen für Erwachsene, welches geradlinig aufgebaut ist und sich nicht groß mit Nebenschauplätzen aufhält. Was an Nebenhandlung existiert und notwendig ist, wird recht schnell abgehandelt, so weit es für das Verständnis wichtig ist, mehr nicht. Ansonsten konzentriert er sich auf seine Hauptcharaktere und ihre Abenteuer in der Welt der Feen.
Gemeinsam mit Tristran lernt der Leser diese fremde magische Welt kennen und wird dabei ebenso wie Tristran von den vielen Eindrücken nahezu überwältigt. Jede Seite bietet etwas Neues und Originelles und da wo es solches nicht gibt, variiert Neil Gaiman Bekanntes auf unnachahmliche Weise. Die Zeit vergeht beim Lesen wie im Flug und an jeder Stelle des Buches möchte der Leser verweilen und träumen. Die Mischung aus großem Abenteuer und märchenhaften Elementen hat nicht so viel mit klassischer Fantasy zu tun, wie vermutet werden könnte und lässt eine ganz eigene Welt entstehen, durch die Neil Gaiman den Leser führt und ihn immer wieder staunen lässt. Gaimans Feenwelt ist ein Reich voller Wunder, in dem ein Stern vom Himmel fällt und Schiffe am Himmel fahren und auf Blitzjagd gehen. Neil Gaiman orientiert sich in seinem Schreibstil an dem Grundton eines Märchens, lässt aber genug Raum für Humor. Wenn Yvaine immer mal wieder einem Wutausbruch nachgibt, so legt sich fast sofort ein Lächeln aufs Gesicht. Denn ihr Verhalten entspricht in solchen Momenten ganz und gar nicht dem Erwarteten. Und so wartet man förmlich nur darauf, wie sie sich das nächste Mal Luft verschafft. Zusammen ergeben Stil und Geschichte ein harmonisches Ganzes und stellen eine wunderbare Mixtur aus den verschiedensten Märchen und Legenden dar. Der Sternwanderer ist kein hochkomplexes Werk und gerade deshalb so faszinierend. Die sympathischen Hauptfiguren und die Welt, die sie umgibt lassen den Leser so schnell nicht los.

Ein besonderes Lob verdient sich Neil Gaiman allein dadurch, dass er einen großen Showdown verweigert. Eine allumfassende Schlacht braucht er nicht, die Konflikte bei Der Sternwanderer werden mehr im Kleinen gelöst und wirken trotzdem imposanter als jede Schlacht es könnte.

Neben Neil Gaiman darf aber Charles Vess nicht vergessen werden. Mit diesem arbeitete Neil Gaiman schon früher mehrmals zusammen. Unter anderem bei Die Bücher der Magie oder seiner legendären Comic-Reihe Sandman, wofür die beiden ausgezeichnet wurden. Autor und Zeichner kennen sich also schon länger und das ist sofort spürbar. Charles Vess weiß, wie er die Geschichten Gaimans illustrieren muss und so war er von Anfang in die Entstehung des Sternwanderers involviert. Seine Zeichnungen sind es, die den Leser noch tiefer in die Geschichte eintauchen lassen. Die Welt der Feen wird augenblicklich plastischer und märchenhafter, wenn der Blick auf seine Zeichnungen fällt und lassen Gaimans Geschichte weiter lebendig werden. Dabei erinnern die Bilder des Marktes mit Sicherheit nicht von ungefähr an die des Feenmarktes in Die Bücher der Magie. Charles Vess weiß genau, wie er eine Szene optisch umsetzen muss, damit sie ihre volle Wirkung entfalten kann. Dabei macht er nicht den Fehler alles comicartig wirken zu lassen, sondern sein Stil erinnert an klassische Buchillustrationen. Teilweise eben wie aus einer anderen Welt oder einer anderen Epoche und damit trifft er die Stimmung und die Atmosphäre des Sternwanderers perfekt.

Im hinteren Teil des Buches erhält der Leser noch Einblicke in den Entstehungsprozess der Zeichnungen und des Titelbildes. Gemeinsam mit der Umschlaggestaltung, die etwas an alte Bücher erinnert und einfach schön aussieht, rundet sich das Gesamtbild zu einer Ausgabe ab, die man einfach haben muss. Schöner war Der Sternwanderer noch nie zuvor.


Fazit

Der Sternwanderer ist einfach ein wunderbares schönes Märchen für Erwachsene, welches perfekt von Charles Vess illustriert wurde und so weiter an Faszination und Tiefe gewinnt.
Seine Geschichte wird von Neil Gaiman mit einem Augenzwinkern versehen und lädt zum Träumen ein. Nur für Kinder ist der Roman bedingt geeignet, denn in den wenigen Gewaltausbrüchen sind Autor und Zeichner nicht gerade zimperlich.


Pro & Contra

+ neue Ideen und altbekanntes aufs Beste vermengt
+ ein Stil, der zum Träumen verführt
+ Charles Vess Zeichnungen sind wunderbar passend

0 die meisten Charaktere bleiben eher blass
0 leider etwas kurz, hätte ruhig länger sein können
0 nur bedingt für Kinder geeignet

Bewertung:

Charaktere: 3,5/5
Handlung: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Zeichnungen: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


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