Wika und Oberons Zorn (Thomas Day und Olivier Ledroit)

wika oberon

Splitter (November 2014)
Übersetzt von Swantje Baumgart
Hardcover, 72 Seiten, 15,80 EUR
ISBN: 978-3-95839-005-8

Genre: Steamfantasy


Klappentext

Es war einmal, im Königreich der Elfen, ein Prinz mit gebrochenem Herzen. Da er es nicht verwinden konnte, dass sich Titania, die Liebe seines Lebens, mit dem Herzog Claymore Grimm vermählt hatte, setzte Prinz Oberon seine Truppen zum Angriff auf Burg Grimm in Marsch, tötete den Grafen und zerstörte die Hohe Fee, die er so sehr geliebt hatte.
Mit Hilfe des Waffenmeisters Haggis Cornelly konnte die kleine Wika Grimm dem Massaker an ihrer Familie entrinnen. Ihrer Flügel beraubt, um unerkannt zu bleiben, wächst das zarte Kleinkind behütet heran.
Aber eine Fee bleibt eine Fee, auch wenn sie verstümmelt ist. Ihre Kräfte müssen am Ende durchbrechen. Was wird mächtiger sein?


Rezension

Oberon, der der Technik mehr vertraut als der Magie, kann es nicht ertragen, dass seine einstige Liebe Titania einen anderen geheiratet und sogar ein Kind mit ihm bekommen hat. Voller Zorn tötet er ihren Gatten, Claymore Grimm, und zerstört seine Liebste, indem er ihr die Flügel herausreißt. Ihr Kind, die kleine Wika, hat er seiner neuen Gefährtin, einer Wölfin, versprochen. Die will das Kleinkind zerfleischen, doch dem Waffenmeister Haggis gelingt es, die Wölfin zu schlagen und Wika zu retten. Er schneidet ihr die Flügel ab und versiegelt die Wunden mit Elfenmagie, woraufhin Blumentätowierungen auf Wikas Körper sprießen. Sie soll unerkannt leben und wächst behütet bei Bauern auf. Doch als aus dem Kind eine wilde junge Dame geworden ist, zieht es sie hinaus in die Welt. In Avalon, der Hauptstadt des Elfenreichs, lernt Wika den Dieb Bran kennen und entwickelt sich zu einer gewitzten Halunkin – dabei ahnt sie nichts von der Gefahr, in der sie in Oberons Nähe schwebt …

Schon bei ihrem ersten Auftritt als (beinahe) Erwachsene verzaubert Wika die Leser mit ihrer ungestümen Art. Sie ist frech, leidenschaftlich und unheimlich charmant. Auch der Dieb Bran erliegt ihrem Zauber und nimmt die abenteuerlustige junge Frau bei sich auf. Seine bisher mäßig erfolgreichen Diebeszüge sind fortan Vergangenheit: Während Wika ihre Opfer um den Finger wickelt, bestiehlt Bran diese und beschert seiner Piratenbraut die glücklichste Zeit ihres Lebens. Etwas schade ist, dass man gar nichts über Wikas Stiefeltern erfährt. Sie wird in die Obhut einer Bauernfamilie gegeben und auf der nächsten Seite ist sie bereits halb erwachsen und hat das sichere Heim verlassen. Wika denkt zwar manchmal an ihre leibliche Mutter, die sie in ihren Träumen sieht, aber an ihre Zieheltern denkt sie überhaupt nicht – es scheint, als hätten Thomas Day und Olivier Ledroit diesen Aspekt einfach vergessen.

„Eine Pan-Oper, die ihresgleichen sucht: ein Operntheater auf großer Leinwand, umrahmt von elegantem Flechtwerk, von Titanias feinen Stickereien, von Rosen und Stahl, voll von Magie und Hexerei, grausamen Fängen und sinnlichen Lippen, augenzwinkernden Anspielungen, Rapieren, Musketen, Pferdestärken, Helmbüschen und Klappzylindern …“ (aus dem Vorwort von Pierre Dubois)

Bei der Gestaltung der Welt des Pan waren Autor und Zeichner dafür umso gründlicher: „Wika“ spielt in einer Märchenwelt, in der Fantasy- und Steampunkelemente zu einer opulenten Comicoper voller Anspielungen auf große Werke phantastischer Genres verschmelzen. Hier gibt es Elfen mit Schmetterlingsflügeln, manche leuchtend bunt und in strahlendem Gold, andere eisig kalt oder finster wie die Nacht. Es gibt Gestaltwandler, Oger, sprechende Schweine – und Oberons Wolfskinder, die ebenso wie er der Technik verfallen sind und als schwarze Steampunkmonster daherkommen. Sie machen bald Jagd auf Wika, die ihre Kräfte erst noch entdecken muss. Bereits im ersten Band erwarten sie gemeine Schicksalsschläge, doch sie findet auch Verbündete, die Oberon fürchtet. Dabei werden diverse Klischees verdient – bis hin zu epischen Erzähltexten, die teilweise komisch und abgedroschen wirken.  Ob das noch gewollt war?

„Wika“ hebt sich vor allem durch den detailverliebten und farbenfrohen Zeichenstil von der Masse ab: Olivier Ledroit gestaltet seine oftmals riesigen Panels mit so vielen Ornamenten, Schnörkeln, Schmetterlingen und kleinteiligen Ausschmückungen, dass man auf den ersten Blick erschlagen wird. Wer einen zweiten Blick riskiert, wird sich jedoch kaum sattsehen können, denn es gibt unheimlich viel zu entdecken. Besonders schön sind die Tätowierungen auf Wikas Körper, die sich verändern, wenn sie wütend oder traurig ist. Man muss sich für „Wika“ Zeit nehmen und die einzelnen Panels lange betrachten, wenn man auch nur annähernd alles aufnehmen will, was dieser Comic einem bietet. Bei kleineren Panels sind Olivier Ledroit die Gesichter leider nicht so gut gelungen – im Großformat spiegelt sich dafür die ganze Bandbreite an Emotionen in den Augen der Charaktere. Im Anhang des tollen Hardcovers finden sich einige Skizzen aus der Entstehung sowie ein kleines Einblick in die Entstehungsgeschichte von „Wika“.


Fazit

Die Welt des Pan quillt über vor Lebendigkeit und Extremen: Märchen, Fantasy und Steampunk verbinden sich zu einer schicksalsträchtigen Geschichte voller Leidenschaft, Verrat, Licht und Schatten. Gewollte Klischees treffen auf ziselierte Elfenflügel und kreative Technologie aus Kupfer und Stahl. Wika ist dabei eine verdammt sympathische Heldin, eine rothaarige, freche Piratenbraut, die gleichermaßen naiv wie abgebrüht daherkommt. „Wika“ hat sich die selbstgewählte Bezeichnung Comicoper redlich verdient und besticht mit schillernder Opulenz und gewagtem Farbenspiel.  


Pro & Contra

+ supersympathische, freche Protagonistin
+ gelungener Mix aus Märchen-, Fantasy- und Steampunkelementen
+ Spiel mit phantastischen Klischees
+ Liebe, Verrat und Intrigen
+ außergewöhnlicher, detailverliebter Zeichenstil

- man erfährt nichts übers Wikas Zieheltern
- Erzähltext teilweise zu abgedroschen

Wertung: sterne4

Handlung: 3,5/5
Charaktere:  4/5
Zeichnungen: 4,5/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 4/5

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