Ghetto 7 (Norma Feye)

ghetto7

Oldigor Verlag (September 2014)
Taschenbuch, 286 Seiten, 13,90 EUR
ISBN: 978-3-95815-013-3

Genre: Dystopie


Klappentext

Samantha „Sam“ Haddon ist Polizistin mit Leib und Seele. Getrieben von der Erinnerung an eine familiäre Tragödie in ihrer Jugend geht sie kompromisslos gegen jeden vor, der eine Gefahr für Sicherheit, Gesetz und Staat sein könnte. Als ein Regierungsagent mit einem Sonderauftrag an sie herantritt, zögert sie nicht, diesen anzunehmen. Sie wird in ein Hochsicherheits-Gefängnis, das Ghetto 7, eingeschleust, um dort den vermeintlichen Rädelsführer einer drohenden Gefängnisrevolte auszuschalten. Doch bald schon stellt sich heraus, dass ihr Auftraggeber nicht ehrlich zu ihr war, und die Dinge innerhalb des Gefängnisses völlig anders liegen. Und Sam muss sich entscheiden, ob sie ihren Auftrag wirklich ausführt oder ihrem Gewissen folgt.


Rezension

Nachdem ihre Schwester bei einer Demonstration ums Leben gekommen ist, hat sich Sam geschworen, gegen jede Form von Kriminalität und Anarchismus vorzugehen. Ihre Familie ist zerbrochen, doch aus Sam ist eine talentierte Polizistin geworden, die Staatsfeinden bei Undercover-Einsätzen das Handwerk legt. Dabei scheut sie auch davor nicht zurück, einen Täter zu erschießen, wenn dieser sie, zum Beispiel durch eine Geiselnahme, dazu zwingt. Ihr Engagement bleibt nicht unbemerkt und so wird Sam bald mit einem speziellen Auftrag betraut: Sie soll in einem Ghetto, einem riesigen Gefängnis, den Anführer der Samaritans töten. Diese „Gang“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen im Ghetto medizinische Hilfe zu leisten, doch ihr Anführer soll ein skrupelloser Polizistenmörder sein, der im Ghetto Stimmung gegen die Obrigkeit macht. Doch genau so, wie das Ghetto in vielen Belangen Sams Vorstellungen entspricht, beschert es ihr einige Überraschungen …

Die Welt von „Ghetto 7“ stand bereits am Rande eines Klima- und Wirtschaftskollaps und nur die schnell eingesetzt Wiederherstellungs-Regierung konnte das Schlimmste verhindern. Gesetzte wurden geändert, die Pressefreiheit stark eingeschränkt und die Auslandspolitik auf Abschottung ausgerichtet. Sam lebt in einem Staat, der mit Polizeigewalt jedwede Form von Andersdenkenden aussortiert und Kriminelle in sogenannte Ghettos deportiert. Dabei handelt es sich um riesige Gefängnisse, so groß wie eine Stadt, umgeben von hohen Betonmauern. Es wird gewährleistet, dass es niemand lebendig herausschafft, ansonsten sind die Bewohner, die sich meist in Gangs organisieren, sich selbst überlassen. Darunter sind tatsächlich viele Kriminelle, aber auch viele Unschuldige, die in der Gesellschaft negativ aufgefallen sind und aus dem Weg geschafft wurden.

Anfangs ist Sam noch vollkommen in das System integriert und tritt mit Überzeugung für die harte Vorgehensweise der Polizei ein. Es ist vollkommen normal für sie, dass der Staat die Medien zensiert und dass Menschen, die sich negativ über die Regierung äußern und behaupten, dass ihre Familienangehören und Freunde grundlos verhaftet wurden, Lügner sind. Der Schmerz über den Verlust ihrer Zwillingsschwester macht sie blind für die Ungerechtigkeit ihres Landes, denn sie glaubt, als Polizistin zumindest Rache an jenen nehmen zu können, die so wie die sind, die ihre Schwester auf dem Gewissen haben. Doch bald erkennt Sam, dass nicht jeder im Ghetto Abschaum ist. Unter den Bewohnern gibt es einige interessante und facettenreiche Charaktere, die Ideale vertreten und aus ihren Fehlern Konsequenzen gezogen haben.

Kaum im Ghetto angekommen, macht Sam Bekanntschaft mit schmierigen Kerlen, die sich an weiblichen Neuzugängen vergehen. Ihre Polizeiausbildung hilft ihr, Schlimmeres zu verhindern und durch einen glücklichen Zufall findet sie schon nach der ersten Nacht Anschluss bei den Samaritans. Es werden keine Fragen gestellt, denn selbst die geringfügigen Kenntnisse aus Sams Sanitätsausbildung sind für die Samaritans, die unter chronischem Personalmangel leiden, eine große Hilfe. Bandenkriege sorgen zudem dafür, dass der Strom an Verwundeten niemals abreist. Sam fügt sich gut in die Abläufe ein und bemerkt bald, dass sie sich unter diesem „menschlichen Abschaum“ wohl fühlt. Sie ist tief beeindruckt davon, wie sich die Samaritans für die Ghettobewohner aufopfern, allen voran ihr angeblich schwerkrimineller Anführer. Je länger Sam im Ghetto ist und je besser sie die Menschen dort kennenlernt, desto bewusster wird ihr, dass ihr Auftrag ein Fehler ist.  

Norma Feye beschreibt ihre dystopische Welt sehr atmosphärisch, vor allem das dreckige Ghetto kann man sich gut vorstellen. Das allgegenwärtige Grau schlägt aufs Gemüt und  man meint, den gärenden Müll riechen und die drückende Hitze spüren zu können. Anfangs fällt es dem Leser schwer, sich mit Sam zu identifizieren, da sie an ein offensichtlich ungerechtes System glaubt und in ihrem Schmerz nicht sehen will, dass der Staat sie benutzt. Auch im Ghetto hält sie lange an ihren Überzeugungen fest, doch je besser sie einzelne Samaritans kennenlernt, desto stärker wandelt sich ihre Einstellung. Im Laufe der Geschichte entwickeln sich Freundschaften und sogar eine Beziehung zu einem der angeblichen Verbrecher – obwohl Sam draußen eigentlich einen Freund hat. Doch das Leben vor dem Ghetto gerät immer stärker in Vergessenheit. Einerseits kann man diese entstehende Distanz nachvollziehen, andererseits geht die Autorin zu schnell über Sams Vergangenheit hinweg und am Ende bleiben zu viele Fragen offen. „Ghetto 7“ hätte gut und gerne hundert Seiten mehr umfassen dürfen.


Fazit

„Ghetto 7“ ist eine sehr persönliche Dystopie, die sich ganz auf ihre Protagonistin und deren Entwicklung konzentriert. Als systemstreue Polizei-Agentin geht Sam ins Ghetto und erkennt nach und nach, dass dort nicht nur menschlicher Abschaum lebt, sondern auch starke Persönlichkeiten mit Werten und Hoffnungen. Atmosphärisch und einfühlsam geschrieben, nur leider etwas zu kurz geraten.  


Pro & Contra

+ Sams innere Wandlung
+ bedrückende Ghetto-Atmosphäre
+ Überraschungen im Storyverlauf
+ spannender Weltentwurf
+ interessante Nebencharaktere

- überstürztes Ende mit vielen offen Fragen
- zu kurz geraten

Wertung: sterne3.5

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5

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