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Die jungen Leute (J.D. Salinger)
Geschrieben von Almut
Dienstag, der 17. Februar 2015

salinger leute

München 2014, Piper
Originaltitel: Three Early Stories (2014)
Übersetzt von Eike Schönfeld
Leinen mit Leseband, 67 Seiten
€ 14,99 [D] | € 15,50 [A] | CHF 13,50
ISBN: 978-3-492-05698-4

Genre: Belletristik


Rezension

Jerome David Salinger veröffentlichte zwischen 1951 und 1965 vier Bücher, den Roman Der Fänger im Roggen und die Erzählungsbände Neun Erzählungen, Franny und Zooey sowie Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute und Seymour wird vorgestellt. Dann zog er sich zurück und weigerte sich, weitere Texte zu publizieren. Geschrieben hat er jedoch weiterhin. Wer den Schriftsteller Salinger mag, dürfte sich über die Veröffentlichung der drei Erzählungen in dem schmalen Bändchen Die jungen Leute freuen. Insbesondere vielleicht, weil Salinger wenig veröffentlicht hat und damit zu einem amerikanischen Mythos wurde. 

In Anlehnung an den Titel Nine Stories (Neun Erzählungen), den Salinger 1953 veröffentlichte, wurde vermutlich der Originaltitel der vorliegenden Sammlung gewählt. Die Geschichten wurden allesamt in der ersten Hälfte der 1940er Jahre veröffentlicht und waren damit rund 70 Jahre im Grunde nicht mehr allgemein zugänglich. Wie kaum ein anderer hat Salinger das Amerika seiner Zeit literarisch abgebildet, vor allem seine Charaktere sind Legende, ihre Interaktionen und Gespräche. Auch die Erzählungen in Die jungen Leute folgen einer Linie, entlang der eine kommunikative Ausgangslage geschaffen wird, die dialogisch auf eine Klimax zusteuert, unter aufmerksamer Beobachtung menschlichen Verhaltens in einer klar definierten Situation intelligenter Wortwahl und emotionaler Manipulation.

„Die jungen Leute“, 1940 abgedruckt in der Literaturzeitschrift "Story", porträtiert Studierende, die auf Lucille Hendersons Party in deren Elternhaus den Alkoholbestand wegtrinken und bedeutungslose Kommunikation betreiben. Lucille stellt fest, dass Edna Phillips seit drei Stunden unbeachtet herumsitzt und die ausgesprochen Fröhliche gibt. Sie macht Edna mit William Jameson bekannt, der Fingernägel kauend Doris Leggett beobachtet, eine aufregende Blondine, die Aufmerksamkeit erregt. William hat nur noch dieses Wochenende Zeit, um einen Aufsatz zu schreiben, der sich auf Grundlage eines Textes kritisch einer Kathedrale annähern soll. Er kennt aber weder den Grundlagentext noch die Kathedrale. Edna stellt ihm Fragen hierzu, er antwortet nichtssagend. Niemand hat wirklich Interesse an seinem Gegenüber, aber Salinger macht hier nicht Halt. Die Erzählung porträtiert Menschen, die unaufmerksam sind, weil desinteressiert am Gegenüber, aber zugleich den Tratsch und die sinnleeren Gespräche benötigen, um soziale Verbindungen zu entwickeln beziehungsweise zu erhalten. Edna sagt auffallend oft „fabelhaft“, William „keine Ahnung“. Aber seinen Text wird er vielleicht noch lesen...

In der zweiten Erzählung, "Geh zu Eddie", die 1940 im "The University of Kansas City Review" veröffentlicht wurde, befindet sich die junge Helen in ihrem Schlafzimmer, als sie Besuch von ihrem Bruder Bobby erhält. Bobby will, dass Helen in der Show von Eddie Jackson auftritt, den sie hasst. Bobby versucht, einen Teil des Lebens seiner Schwester zu kontrollieren. Die Stimmung wird zunehmend aggressiv, es ergibt sich ein Wechselspiel aus Befehlston, Verweigerung, Erpressung und körperlicher Gewalt, bis der Dialog sich in einer Klimax auflöst, die Konsequenzen für andere Personen hat. Hier unterstützt Salinger sein Anliegen durch minutiöse atmosphärische Beschreibungen von Details.

"Einmal die Woche bringt dich schon nicht um", die dritte Geschichte, erschien im Jahr 1944 in "Story". Der Soldat Richard Camson ist kurz davor, 1944 in den Krieg zu ziehen, versucht sich von seiner Frau Virginia und seiner Tante Rena zu verabschieden und seiner Frau das Versprechen abzuringen, sich um die Tante zu kümmern, wenigstens einen Tag in der Woche. Rena gibt Richard ein Empfehlungsschreiben an einen Leutnant mit, den sie gut kennt. Sie zeigt Richard ein Foto des Mannes in Uniform, aus dem Jahr 1917. "Einmal die Woche bringt dich schon nicht um" verbindet eine sich auflösende Gegenwartsbeziehung mit einer unklaren Zukunft für alle Figuren, in einem Gespräch, welches einen fordernden Möglichkeitenraum konstituiert und in einen vielleicht endgültigen Abschied mündet. Alles ist hier unerträglich und deshalb im Vagen gehalten.

Ähnlich bleiben die beiden vorhergehenden Geschichten in der Schwebe. Nachdem Bobby gegangen ist, führt Helen zwei Telefonate, deren Ergebnis sie im Unbestimmten lässt, das aber die Möglichkeit der Trennung von einem oder zwei Liebhabern andeutet. Edna Phillips, die einsame Studentin, die sich offenbar fest vorgenommen hat, Spaß zu haben, verhält sich unangenehm gezwungen, findet alles und jeden fabelhaft. Salinger charakterisiert in der dritten Erzählung die Interaktionen seiner Figuren durch eine Phrase, die mit einem typographischen Argument arbeitet: „immerzu hatte sie mit ihm in Kursiven gesprochen.“

Nur beiläufig erwähnt Salinger, dass Edna einmal für zwanzig Minuten im für Teenager verbotenen Teil des Hauses verbringt, ohne auch nur anzudeuten, was sie dort macht. Die Charaktere in Salingers Erzählungen sind junge Menschen, nicht mehr Kinder und noch nicht Erwachsene. Sie befinden sich in einer Übergangsphase, in der sie sich nicht wirklich zurechtfinden. Vielleicht stehen sie vor dem Problem, sich für eine dieser beiden Positionen entscheiden zu müssen. Als Kinder sind sie authentisch und unreif, leben in einer Schutzzone, als Erwachsene sollen sie künstliche Repräsentationen sein, Kopien irgendwelcher Vorlagen, auf die Erfüllung von Erwartungen ausgerichtete Konstrukte. Oder, wie Rilke in seinem einzigen Roman schreibt: „Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen, das sie ihm zuschreiben, und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden?“

Die Erzählungen zeigen junge Menschen auf der Suche nach sich selbst, wenn sie nicht einmal wissen, wo sie suchen sollen, und die ihnen vorgelebte Alternative sich als irritierend und befremdlich darstellt. In der konsequentesten der drei Geschichten geht diese Suche einher mit dem wahrscheinlichen Totalverlust.


Fazit

J. D. Salingers Die jungen Leute handelt von der Angst vor dem unvermeidbaren Erwachsenwerden, das in der Wahrnehmung der jungen Menschen wenig bereithält, für das sich der Weg zu lohnen scheint. Die Charaktere sind einsam, die Suche nach Nähe bringt sie einander nicht näher. Die drei Erzählungen werden ergänzt um ein acht Seiten langes Nachwort von Thomas Glavinic und fünf Seiten Lebensdaten Salingers.


Pro und Kontra

+ auch heute noch interessanter Beitrag zur Frage, was Leben und Erwachsenwerden bedeuten 
+ skizziert knapp ein gesellschaftliches Koordinatensystem

Wertung:sterne4

Inhalt: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3/5

Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, der 18. Februar 2015
 

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