Blackhearts (Chuck Wendig)

Wendig C-Blackhearts

Verlag Bastei Lübbe, 1. Auflage, November 2013
Taschenbuch, 384 Seiten,
OT: Mockingbird
aus dem Amerikanischen von Axel Franken
12,00 Euro [D]
ISBN-13: 978-0-857-66338-2

Genre: Phantastik/ Mystery


Klappentext

Miriam versucht, ein normales Leben zu führen. Doch das ist nicht so leicht, denn sie hat eine außergewöhnliche Gabe: Bei der Berührung eines Menschen sieht sie den Moment seines Todes. Dann bekommt Miriam von einer Lehrerin an einem Mädcheninternat Geld geboten, damit sie ihr »die Hand auflegt«. Als sie dort ist, berührt sie aus Versehen eine Schülerin und sieht: Das Mädchen wird in wenigen Jahren brutal ermordet. Und es wird nicht das einzige Opfer bleiben. Kann Miriam die Mordserie verhindern?


Der Autor

Chuck Wendig schreibt Romane, Drehbücher Kurzgeschichten und Essays. Mit seinem Kollegen Lance Weller hat er das Drehbuch zum Kurzfilm „Pandemic“ verfasst, der auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde. Für das Projekt „Collapsus“ wurde n beide für den Digital Emmy nominiert. Wendig lebt mit seiner Familie in Pennsylvania.


Rezension

Miriam Black ist rastlos. Nachdem sie monatelang in einem Küstenort gelebt hat, den treuen Trucker Louis an der Seite, hat sie nun im Charakter-O-Ton „die Schnauze voll“. Sie hat es satt, an der Kasse eines kleinen Supermarkts zu sitzen, um Touristen abzukassieren, satt, ihr Leben in einem runtergekommenen Trailer abzusitzen. Ihre Flucht wird jedoch von Louis vereitelt, der ihr ein Angebot macht. Ein Bekannte von ihm, die als Lehrerin in einem Internat für schwierige Mädchen arbeitet, glaubt, bald sterben zu müssen und möchte über Miriam ihren Todeszeitpunkt und die Art ihres Ablebens erfahren. Miriam willigt ein, denn Cash kann sie immer gut gebrauchen. Auf der Schule erlebt sie allerdings eine Überraschung, denn als sie eine Schülerin berührt, sieht sie deren qualvollen Tod. Aufgewühlt versucht sie das Mädchen zu warnen und muss entdecken, dass die Schülerin nicht das einzige Opfer eines brutalen Serienkillers werden soll. Doch wer steckt hinter den Morden? Was ist das Motiv? Und, am wichtigsten, wird es ihr gelingen, die Mädchen zu retten?

» Biep. Sonnenmilch. Biep. Sandkekse. Biep. Sandkekse, Strandtuch, Ansichtskarten und – mysteriöserweise – eine Dose grüne Bohnen. Miriam fasst jeden Artikel mit einer behandschuhten schwarzen Hand an und zieht ihn über den Scanner. Ab und an guckt sie nach unten und starrt in den blinkenden Scanner. Eigentlich sollte sie das nicht machen. Aber sie tut es trotzdem, ein jämmerlicher Akt der Rebellion in ihrem brandneuen Leben. (…).
Träge zieht sie in Betracht, der Frau den Schädel einzuschlagen, die da in ihrem sandigen Muumuu steht, einem hawaiianischen Strandkleid, dessen verblasstes Hibiskusblütenmuster kaum den schwammigen Busen bedeckt, der halb hummerrot und halb engerlingweiß ist. (…) Stattdessen zieht Miriam die Dose mit einem zuckersüßen Lächeln über den Scanner.
„Stimmt, etwas nicht mit ihren Händen?“, fragt die Frau. Sie klingt besorgt.
(…) „Ach, die hier? Die muss ich anziehen. Sie wissen schon, so wie Frauen in Restaurants Haarnetze tragen müssen. Zum Schutz der Öffentlichkeit. (…) Ich habe Hep A, B, C und die ganz besonders schlimme Variante X.“ Dann, nur um den Witz zu feiern, hält Miriam die Hand zum Abklatschen hoch. « (Zitat, Seite 1-2)

Über Blackhearts bin ich auf die Serie um Miriam Black aufmerksam geworden. Bereits nach den ersten paar Zeilen musste ich diese Figur einfach lieben. Auf der einen Seite ist sie dieselbe freche Rotzgöre, deren blumige Sprache einen bereits im ersten Teil hat erröten lassen. Insbesondere wenn sie über die Touristen in dem Badeort herzieht oder sich aus schwierigen Situationen herauswindet, kann man sie nur mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Grinsen beobachten. Auf der anderen Seite ist sie aber auch reifer geworden, wenn es darum geht, mit ihrem Fluch umzugehen. Zwar lässt sie sich ihre Vision von der Lehrerin mit Whiskey und Geld vergüten, doch ihr Umgang mit dem Gegenüber ist empathischer, und als sie die Vision des sterbenden Mädchens hat, besteht für sie kein Zweifel, dass sie eingreifen muss. Ebenso weiterentwickelt haben sich ihre spirituellen Begegnungen. Im ersten Teil wurde sie noch von albtraumhaften Visionen geplagt. Diese begleiten sie nun in Form des Krähenmannes auf Schritt und Tritt und geben ihr rätselhafte Andeutungen.

In diesem Teil gelingt Chuck Wendig ein interessanter Wechsel, vom Mystery-Roadmovie des ersten Teils mit seinen wechselnden Schauplätzen zu einem spannenden Thriller, der durch seine räumliche Begrenzung beim Leser eine gewisse Beklemmung hervorruft. Wie in Blackbirds überzeugt Wendig mit seinem erfrischenden Stil. Knapp, ohne überflüssiges Geplänkel und Unmengen an Hintergrundinformationen, prescht die Geschichte voran. Die blumigen Metaphern sind dabei ebenso wieder von der Partie wie reichlich Flüche, Alkohol und surreale Visionen und Albträume.

Dieses Mal steht der rastlosen Miriam der Ruhepol Louis aus dem ersten Teil gegenüber. Die beiden sind ein Paar geworden, und er es, der sie erdet und versucht, mit ihr ein normales Leben aufzubauen, weshalb er sie bittet, in der Öffentlichkeit Handschuhe zu tragen. Gleichzeitig ist aber auch zur Stelle, als sich Miriam entschließt, ihr ruhiges Leben aufzugeben. Im Kampf gegen den Serienmörder, der die Mädchenschule unsicher macht, kann Miriam auch jede Hilfe brauchen. Kritischere Zungen stören sich daran, dass es an emotionaler Tiefe fehlt. Tatsächlich ist Wendig keiner, der sich über Absätze über die Gefühle und Gedanken seiner Figuren auslässt. Dennoch kann man die Entwicklung der Figuren, auch innerhalb des Buches, nicht übersehen. Im Prinzip des „Show-don‘t tell“ erlebt der Leser, wie Miriam in ihre Gabe und ihre Aufgab hineinwächst und sogar ihre Abneigung gegen Menschen ein kleines Bisschen ablegt. Auch die Beziehung zu Louis verändert sich im Verlauf der Geschehnisse. So muss man also die Charaktere zwischen den Zeilen entdecken – eine erfrischende Abwechslung, die den schnellen, actionreichen Charakter des Buches unterstützt.

Fans des Blackbird-Coverdesigners dürfen sich über einen weiteres schickes Cover in der Schwarz-Weiß-Optik freuen. Erneut sind Details aus der Geschichte kunstvoll verarbeitet und machen das Buch so zu einem Hingucker. Etwas störend ist der deutsche Titel des Buches, der durch die erneute Verwendung von „Black“ Verwirrungen zum ersten Teil auslöst. Zudem wird die Kongruenz der Serie gestört, die im Englischen aus Vogelnamen besteht. Der dritte Teil Cormorant (Kormoran) ist im Englischen bereits erschienen. Es bleibt abzuwarten, ob Miriam Black das gleiche Schicksal erleidet, wie viele Serienhelden vor ihr: den langsamen Serientod. Noch hält Wendig allerdings seine Qualität, legt mit Blackhearts sogar eine Schippe drauf, und liefert mit jedem Teil der Serie einen in sich geschlossenen, runden und vor allem spannenden Roman.


Fazit

Nach seinem Debutroman um die übersinnlich veranlagte Miriam Black legt Chuck Wendig mit dem Mystery-Thriller Blackhearts ordentlich nach. Erneut überzeugt Wendig durch seinen ungewöhnlichen Schreibstil, während die rotzige, aber irgendwie sympathische Miriam Black versucht, mit ihrem Fluch zu leben, ja, vielleicht sogar Gutes damit zu tun. Als sie die Vision eines brutalen Mordes einer Schülerin sieht, setzt sie alles daran, diesen zu verhindern. Eine mehr als gelungene Fortsetzung, die auch für sich alleine stehen kann.


Pro/Contra

+ Miriam Black ist zurück
+ bekannte Charaktere werden gelungen weiterentwickelt
+ knapper Schreibstil mit pointiertem Wortwitz und erfrischenden Metaphern
+ faszinierendes Coverdesign
+ spannendem, rasch erzählte Geschichte

o vulgäre Sprache

Bewertung: sterne4.5

Charaktere: 4,5/5
Handlung: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


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