Carvalho im griechischen Labyrinth. Ein Kriminalroman aus Barcelona (Manuel Vázquez Montalbán)

montalban imgriechischen

Wagenbach 2015
Originaltitel: El laberinto griego (1991)
übersetzt und neu bearbeitet von Bernhard Straub
Taschenbuch, 169 Seiten
€ 9,90 [D] | € 10,20 [A] | 14,90 CHF
ISBN 978-3-8031-2733-4

Genre: Kriminalroman


Inhalt

Die atemberaubende Pariserin Claire Delmas beauftragt Privatdetektiv Pepe Carvalho mit der Suche nach dem Mann ihres Lebens, dem Griechen Alekos Farandouris. Er hatte sie nach einigen unschönen Eifersuchtsszenen wegen seiner Freundschaft zu dem jungen Mitja verlassen. Carvalho, der sich augenblicklich in die Schöne verliebt, ist sofort zu allem bereit. Claire erscheint nicht allein in seinem Büro. Begleitet wird sie von Georges Lebrun, Verkaufschef bei Office de Radiodiffusion Télévision Française, der als Sonderbeauftragter nach Barcelona kommt, um den Exklusivvertrag für eine Reihe pädagogischer Sportsendungen abzuschließen. Der merkwürdige Mann ist Alekos’ Nachbar und Freund.

Da Alekos Modell und Maler ist, konzentriert Carvalho die Suche auf die Kunstszene. Die Empfehlung seines Bekannten, des Malers Artimbau, führt ihn zu dem Maler Dotras und endet in einer verlassenen Lagerhalle im Viertel Pueblo Nuevo. Dort findet er Alekos, abgebrannt und schwerkrank, umsorgt von Mitja. Am nächsten Tag wird Alekos tot aufgefunden.
Parallel dazu bearbeitet Carvalho mit Hilfe seines Assistenten Biscuter einen weiteren Auftrag. Der wohlhabende Verleger Luis Brando möchte seine Tochter Beba überwachen lassen. Die Siebzehnjährige bereitet ihm viele Unannehmlichkeiten, hat wechselnde ältere Liebhaber und wurde bei einer Drogenrazzia festgenommen, obwohl sie keine Drogen nimmt. Jedenfalls meint das ihr Papa, der es wissen muss, er nimmt selbst welche. Carvalho soll Beba beschatten und verhindern, dass sie Dummheiten begeht. Während er ihr durch das Nachtleben von Barcelona folgt, fragt er sich, warum Señorita Brando Drogen braucht.


Rezension

Zwei Frauen, eine Göttin und eine angehende Göttin, bringen Carvalho in einen Zustand emotionaler Verwirrung. Beide sind rätselhaft: die eine undurchschaubar Luxusdame, die andere widersprüchliche Kindfrau. Nachts zieht Beba durch Bars und Tanzlokale und reißt Männer auf, bevorzugt solche im Alter ihres Vaters, bringt sie mit nach Hause, um sie am nächsten Morgen ihrem Herrn Papa am Frühstückstisch vorzustellen, während sie Toast mit Haselnussmus isst, ihr Lieblingsgericht. Ihr Lieblingsbuch ist Peter Pan, wie Carvalho erfährt, als sie ihn in einer Bar anspricht und er sich schon am nächsten Morgen am Frühstückstisch sitzen sieht. Was machen sie wirklich? Was beabsichtigen sie? Als die Aufträge abgeschlossen sind, muss sich Carvalho fragen, was wirklich geschehen ist.

Die Arbeit führt Carvalho quer durch Barcelona, hinter die Plaza de Medinaceli, in ein Viertel mit kleinen halbverfallenen Häusern für die Armen und Reichen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, mit seinen halbversteckten Gassen und Innenhöfen voll wild wuchernder Vegetation, mit Läden, die hundertgrammweise an alte Menschen und illegale, von Interpol gesuchte, Einwanderer verkaufen, mit großen Mietshäusern, in deren großzügigen Räumen sich echte oder angebliche Künstler und Modelle eingerichtet haben. Er gelangt in die sozialen Randbereiche des Barrio Chino mit seinen Prostituierten, zur Moll de la Fusta mit ihren neoklassizistischen Gebäuden im Dienste des Faschismus, voll Pomp und Bombast, in das Pueblo Nuevo, die Neustadt, ein um die Jahrhundertwende gebautes Arbeiter- und Industrieviertel, das an der Rückseite des künftigen Olympischen Dorfes liegt. Zwischen leerstehenden Fabriken und Lagerhallen mäandert Carvalho durch ein Labyrinth aus Alleen mit pflanzenüberwucherten Schienen und Schrottbergen - neue Heimat für Obdachlose und dramatischer Hintergrund für Modefotografen. Es ist eine Reise durch verschiedene Epochen, durch die zeitlichen Sedimentschichten Barcelonas, einer Stadt im Abriss und Wiederaufbau.

Abgewrackt und in einem Erneuerungsprozess befinden sich auch Sitten und Ideologien. Die Handlung ist angesiedelt im Jahr 1991, der Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Zerfall der UdSSR, dem Ende des realen Sozialismus und Kommunismus. Alte Weggefährten Carvalhos auf dem Langen Marsch, dem Kampf gegen die Franko-Diktatur, sind nun in leitenden Ämtern demokratischer Institutionen und bereiten sich auf die Olympischen Spiele in Barcelona, das fünfhundertjährige Jubiläum der Entdeckung Amerikas, die Weltausstellung in Sevilla vor, die die spanische Demokratie 1992 feiern will. Carvalho sieht ihre Transformation vom Revoluzzer zum olympischen Geschäftemacher oder Politikberater mit kritischer Distanz. Einer von ihnen, „Le normalien“, ist inzwischen Wirtschaftsfachmann im Dienst der Regierung Rocard. Le normalien habe ein skeptisches Verhältnis zur Macht, heißt es. Was Carvalho ironisch mit der Bemerkung quittiert, er kenne nur Leute, die ein skeptisches Verhältnis zur Macht haben.

Ein anderer Weggefährte von einst, „Oberst Parra“, besetzt heute einen Posten als Analyst in einer der wichtigsten Banken Spaniens. Er empfiehlt Carvalho, erwachsen zu werden. Selbst die Künstler sind nicht mehr systemkritisch, jeder versucht, ein möglichst großes Stück von dem Olympiakuchen abzubekommen. Auch jenseits von Olympia lässt sich Geld verdienen, beispielsweise mit dem Verhökern der Vergangenheit an Nostalgiker. So veranstaltet der Maler Dotras Partys, auf denen er den Mai 1968 wiederaufleben lässt. Die Gäste müssen Eintrittsgeld zahlen. Carvalho, weder Nostalgiker noch Geschäftemacher, verachtet das Event als Leichenbegängnis und bedauert den Verlust von Hilfsbereitschaft und Mitgefühl.


Fazit
Ein Kriminalroman, in dem der Privatdetektiv Pepe Carvalho aus Barcelona zwei Aufträge bekommt, die bei seiner Erfahrung und Menschenkenntnis leicht lösbar scheinen, sich jedoch als große Herausforderung erweisen und zu existentiellen Fragen zwingen. Gelungener Rekurs auf pulp fiction und film noir.


Pro und Kontra
+ ein Roman mit Substanz
+ Pepe Carvalho: ein melancholischer, emphatischer und am Ende ein vielleicht ernüchterter Privatdetektiv, verloren im Labyrinth seiner Gefühle und Illusionen
+ voll interessanter, teils seltsamer Typen
+ brillant und amüsant: das Kapitel über die Rettung von Carvalhos Taschenlampe
+ realistisches Zeitbild von Barcelona im Umbruch
+ durch Widersprüche und Mehrdeutigkeiten erzeugte Spannungszustände
+ Anhang mit hilfreichen Anmerkungen

Wertung:sterne5

Handlung 5/5
Charaktere 5/5
Lesespaß 5/5
Preis/Leistung 5/5