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The Red – Morgengrauen (Linda Nagata)
Geschrieben von Swantje
Samstag, der 26. August 2017

Cross Cult (Dezember 2016)
Originaltitel: The Red: First Light
Übersetzerin: Helga Parmiter
Klappenbroschur
528 Seiten, 16,00 EUR
ISBN: 978-3-95981-152-1

Genre: Science Fiction


Klappentext

In einem ländlichen Gebiet der afrikanischen Sahelzone befehligt Lieutenant James Shelley eine hochtechnisierte Einheit von Soldaten. Jede Nacht jagen sie während grauenvoller Patrouillen Aufständische und befolgen dabei drei simple Ziele: Beschützt Zivilisten, tötet den Feind und bleibt am Leben. Denn in einem von der Verteidigungsindustrie inszenierten, profitorientierten Krieg gibt es keinen Grund, aus dem man sterben sollte. Shelley nutzt sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Hightech-Hilfsmittel, um seine Soldaten am Leben zu halten – aber seine beste Waffe ist sein untrügerisches Gespür, wenn Gefahr droht ... als stünde ihm Gott bei, um ihm warnend ins Ohr zu flüstern.


Rezension

Schon auf den ersten Seiten von „Morgengrauen“ wird klar, dass Lieutenant James Shelley sich keine Illusionen über seine Arbeit macht: Der Krieg dient nur dazu, diversen Sicherheitsunternehmen beim Absatz ihrer Waren zu helfen und womöglich bekämpft Shelley sogar den Mann, dessen Herrschaft im besten Interesse der lokalen Bevölkerung wäre. Shelley, der nur in der Armee ist, weil ein spontaner Akt zivilen Widerstands ihm sonst eine Haftstrafe eingebracht hätte, macht keinen Hehl aus seinen Ansichten. Die Leitung, die ihn dank seines Augenimplantats und einer Schädelkappe, die seine Gehirnströme liest und auch manipuliert, ständig beobachten kann, duldet seinen unverhohlenen Zynismus, weil er eine besondere Begabung dafür hat, seine Truppe am Leben zu erhalten.

Nacht für Nacht führt er die in futuristischen Exoskeletten steckenden Soldaten auf Patrouillen – und Nacht für Nacht bringt er sie lebendig wieder zurück. Das ist nur möglich, weil unerklärliche Vorahnungen ihn vor Gefahr warnen. Doch ein verhängnisvoller Überraschungsangriff gibt Shelleys Leben eine neue Richtung. Es gelingt ihm, die meisten seiner Soldaten zu retten, doch eine Fehlentscheidung kostet ihn beide Beine.

Die Verwundung markiert einen Wendepunkt in seinem Leben. Denn nach seiner Rückkehr erhält er bisher unerprobte High-Tec-Prothesen und seine Vorgesetzten beginnen, sich für seine Vorahnungen zu interessieren. Es stellt sich heraus, dass eine künstliche Intelligenz Shelley einflüstert, was er tun soll – und nicht nur ihm. Während Shelley den Einfluss des „Roten“, wie er, seine Vorgesetzten und seine Freundin, die brillante Daten-Analystin Lissa, die KI bald nennen, widerwillig akzeptiert (schließlich scheint sie mehr oder weniger auf seiner Seite zu sein und Menschen und Maschinen so zu manipulieren, dass das Resultat eine friedlichere Welt ist), sind andere fest entschlossen, sie zu vernichten. Es ist ihnen egal, wie viele Menschenleben das kosten wird. In einer Serie riskanter Missionen versucht Shelley, eine Katastrophe zu verhindern und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Der gesamte Roman wird im Präsens aus Shelleys Perspektive erzählt. Die Sprache liest sich schnell und flüssig und ist hier und da mit umgangssprachlichen oder vulgären Ausdrücken durchsetzt, die aber gut zu Shelley passen. Die Entscheidung, in der ersten Person zu erzählen und den Leser nur an den Informationen teilhaben zu lassen, die auch Shelley zur Verfügung stehen, bringt einen wichtigen Aspekt gut zur Geltung: Shelley ist (wie jeder Mensch) in seinem eigenen Kopf gefangen und unfähig, objektiv zu beurteilen, wo sein eigener Wille aufhört und wo der Einfluss des „Roten“ beginnt.

Auch andere Technologien erweisen sich als zweischneidig: Das „Overlay“ in Shelleys Auge, dass es ihm erlaubt hat, Machtmissbräuche zu dokumentieren, ist nun jederzeit für seine Vorgesetzten offen, wenn diese sehen wollen, was er sieht. Dadurch können sie ihm in brenzligen Situationen helfen, ihn aber auch überwachen. Und schon früh im Buch wird klar, dass Shelley von den beruhigenden Stimulationen seiner Schädelkappe abhängig ist. Wenn er sie nicht trägt, wird er panisch, unausgeglichen und aggressiv.

Die Technologien sind spannend und überzeugend und die Figuren wissen sie kreativ einzusetzen, insbesondere in den zahlreichen, rasant geschilderten Action-Szenen. Aber nicht nur die Action macht das Buch lesenswert. Shelleys Beobachtungen zum Zynismus von Wirtschaft und Medien mögen bissig und schwarzmalerisch sein, aber es steckt definitiv Wahrheit darin, und Linda Nagata schafft es, Technologien, die womöglich gar nicht so weit von dem entfernt sind, was in naher Zukunft möglich sein wird, als ebenso faszinierend und hilfreich wie beängstigend zu schildern.

Mit James Shelley steht ein interessanter, überzeugender Protagonist im Mittelpunkt. Shelley hat definitiv seine Schwächen, aber seine rebellische, aufbrausende Art erweist sich gelegentlich auch als Stärke, wenn er gegen alle Widerstände seinen Prinzipien folgt. Shelley ist widerstandsfähig, geistesgegenwärtig und passt sich schnell an neue Situationen an – so muss er, der überzeugte Kriegsgegner, feststellen, dass das Leben im Militär ihm ziemlich gut entspricht. Als Ich-Erzähler hat Shelley eine Stimme, die gut zu ihm passt.

Nicht alle Figuren werden so plastisch wie Shelley, aber man gewinnt als Leser z.B. einen guten Eindruck von Lissa, seiner hochintelligenten Freundin, deren logische Art, zu handeln und die Welt zu sehen, nicht im Widerspruch zu ihren starken Gefühlen steht. Auch sein Vater und einer seiner alten Freunde, der Journalist Elliot, haben mehrere Auftritte – von ihnen gewinnt man kein ganz so einprägsames Bild, aber sie machen Shelleys Vergangenheit und damit ihn als Figur noch einmal greifbarer. Von einzelnen Untergebenen und Vorgesetzten Shelleys bekommt man auch etwas mehr mit.

Shelley steht in mancher Hinsicht zwischen den Fronten. Er hasst den Einfluss der Rüstungskonzerne, aber sieht plötzlich eine Chance gekommen, in seiner Rolle als Soldat Gutes bewirken (und seine Schädelkappe und Prothesen behalten) zu können. Er weiß nicht, wem er vertrauen kann – und vor allem nicht, welche Pläne „das Rote“ mit ihm hat. Am Ende bleiben Shelley und der Leser mit einigen interessanten offenen Fragen zurück.


Fazit

Linda Nagata hat mit „Morgengrauen“ einen gelungenen Auftakt für die Reihe um „the Red“ geliefert: Das Buch trumpft mit einer Menge Action, aber auch spannenden, überzeugenden Figuren und Konflikten und einem düsteren Near-Future-Sci-Fi-Setting mit halb faszinierenden, halb beängstigenden Technologien auf. Einer der besten Aspekte ist, dass Protagonist und Leser gleichermaßen immer wieder in Frage stellen, wieviel von dem, was in seinem Kopf geschieht, das Ergebnis äußerer Manipulation ist.


Pro und Contra

+ Shelley als Protagonist
+ Sci-Fi-Technologien
+ „das Rote“ & sein Einfluss auf Shelley spannend und rätselhaft
+ interessante Konflikte mit vielen Parteien, lange keine klaren Fronten
+ viel Lesespaß

o 1. Person, Präsens

- der dramatischste Kampf, bei dem am meisten auf dem Spiel steht, findet in der Mitte des Buches statt

Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5


Rezension zu "Prüfungen" (Bd. 2)

Rezension zu "Funkstille" (Bd. 3)

Zuletzt aktualisiert: Samstag, der 17. Februar 2018
 

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