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Die Gabe (Naomi Alderman)
Geschrieben von Lukas
Montag, der 09. April 2018

die gabe

Heyne (Februar 2018)
Klappbroschur
480 Seiten, 16,99€
ISBN: 978-3453319110

Genre: Science Fiction


Klappentext

Was würdest du tun, wenn du die Gabe hättest?

Von einem Tag auf den anderen entdecken Frauen und Mädchen überall auf der Erde, dass sie die „Gabe“ in sich tragen: Durch bloße Berührung können sie anderen Menschen Schmerzen zufügen und sie sogar töten. Von einem Tag auf den anderen werden die Männer zum schwachen Geschlecht. Aber ist eine von Frauen beherrschte Welt auch eine bessere?


Rezension

Liegt alles Übel dieser Welt am Mann und seiner physischen Überlegenheit? Und wären Frauen das physisch stärkere Geschlecht, wäre es dann paradiesisch? Naomi Alderman hat in „Die Gabe“ dieses Gedankenexperiment zu Ende geführt. Das Ergebnis ist ein zwiespältiger Roman, der sich einerseits recht realistisch entwickelt und einem auf den Magen schlagen kann, andererseits sind die Figuren und die Art der Erzählung bzw. der Schreibstilstil ein großer Dämpfer.

Erst ist es Hörensagen und im nächsten Moment ist die neue Kraft omnipräsent. In Mädchen und jungen Frauen auf der ganzen Welt erwacht ein neues Organ zum Leben, dass sie elektrische Stöße mit ihren Händen abgeben lässt. Außerdem können die Jungen bei den Alten die Kräfte erwecken, sodass schon bald die Hälfte der Weltbevölkerung Blitze schießen kann. Während die (männliche) Welt aus den Fugen gerät, fokussiert „Die Gabe“ sich überwiegend auf vier Personen:
Roxy, die Tochter eines Londoner Kriminellen und einer ermordeten Mutter. Sie ist eine der Ersten, bei der sich die Gabe entwickelt und die nach Rache sinnt. Während viele Männer sich vor der neuen weiblichen Macht fürchten, weiß Roxys Vater diese für seine eigenen Machenschaften zu nutzen und fördert seine Tochter darin, diese einsetzen zu lernen. Dann gibt es noch Allie, das dunkelhäutige Waisenkind, das bei ihrer zigsten Pflegefamilie lebt und vom Pflegevater vergewaltigt wird, bis sie sich entschließt, sich mit einem tödlichen Stromschlag zu befreien und ihren eigenen Weg zu gehen. Auf diesem mutiert sie immer mehr zum religiösen Oberhaupt einer neuen Bewegung. Die dritte Frau im Bunde ist Margot, amerikanische Bürgermeisterin, die die seuchenartige Ausbreitung der Gabe und dem daraus resultierenden Chaos Einhalt gebieten will. Mit ihrem Vorschlag die Mädchen nicht dazu zu zwingen, ihre Gabe zu verstecken, sondern sie kontrolliert und staatlich zu fördern, stößt sie bei vielen auf Gegenliebe. Damit beginnt ihr politischer Aufstieg und nebenbei erschafft sie eine Privatarmee. Letztlich begleitet man noch Tunde, einen Nigerianer und einzige männliche Hauptfigur, der sich schaulustig immer dorthin begibt, wo die Welt in Umbruch gerät und wo sich Frauen aus der Unterdrückung der Männer mit Gewalt befreien.

Besonders schwer macht es aber die dokumentarische Art des Erzählens. Denn „Die Gabe“ ist ein „historischer Roman“ über die tatsächlichen Ereignisse. Entsprechend sachlich sind die Geschehnisse formuliert und entsprechend schnell passieren alle Entscheidungen und Handlungen, was eine Bindung, oder wenigstens Nachvollziehbarkeit für die Figuren unmöglich macht. Sie passieren einfach, aber ab der zweiten Hälfte des Buches, wenn die Grausamkeiten und Chaos zunehmen, wiegt das dann auch nicht mehr so schwer.
Tunde, ist wie erwähnt, die einzige männliche Figur und ironischerweise auch die interessanteste, denn sie ist am menschlichsten und durch die Rolle der „freien Medien“ bekommt man mit, was auf der Welt geschieht. Da er immer dort ist, wo die Action ist, bekommt man wirklich gute Einblicke in Aldermans Gedankengänge. Besonders in den arabischen Ländern und den afrikanischen, in denen bekannterweise die Frauenrechte teilweise gar nicht vorhanden sind, findet man die glaubhaftesten Ideen. Auch Osteuropa, das Zentrum des Menschenhandels, bekommt die Rache der Frau glaubhaft zu spüren.

Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann man verraten, dass es mit den Frauen an der Spitze der Nahrungskette nicht viel besser ist, als mit den Männern. (Was sehr clever mit sporadischen Skizzen von archäologischen Funden untermauert wird, die das ganze Ausmaß beunruhigend in Aussicht stellt.) Denn das Problem ist nicht das Geschlecht, sondern Menschen mit Macht. Womit wir beim Originaltitel und dem Originalcover ankommen. „The Power“, was sich idealerweise mit „Kraft“ aber auch „Macht“ übersetzen lässt und viel mehr den tatsächlichen Inhalt wiederspiegelt. Auch das Cover, das an ein Propagandaplakat aus dem zweiten Weltkrieg erinnert, präsentiert den Inhalt viel besser.
Es wird also nicht besser mit einem Matriarchat. Soweit sind sich vermutlich alle einig und bis dahin hinkt der Roman auch noch nicht. Das Problem mit Aldermans Grundidee ist, dass die Frauen scheinbar nicht nur eine Gabe erhalten, die sie stärker macht, sondern sie verändern sich mit ihr auf eine primitiviere Art. Das neue Organ spricht zu ihnen, lässt sie selbstsicherer und animalisch sexueller werden. Das „echte“ Wesen der Frau verändert sich also Grundlegend und das nicht durch die Macht, die sie plötzlich haben, sondern ändern sich mit ihr von vornherein. Deshalb ist es schwer zu sagen, ob z.B. die Vergewaltigung der Männer auf der Wesensänderung beruht oder der primitiveren Manipulation durch das Organ.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich nichts ändern würde, hätte man anstatt auf Geschlechtertrennung auf Rassentrennung gesetzt. Oder eine Jung-Alt-Trennung oder einfach nur die Hälfte aller Menschen die Gabe bekäme und die andere nicht. Würden die Stärkeren mit gottähnlichen Fähigkeiten sich nicht über die Schwächeren erheben, die wiederum darum kämpfen würden, um nicht unterzugehen? Es ist zumindest anzunehmen.

Während man sich über das Gedankenszenario durchaus auslassen kann, stellt man irgendwann – spätestens in den überraschenden letzten Seiten – fest, dass sich „Die Gabe“ viel mehr dazu eignet, die Gegenwart anzuprangern. Denn Alderman gelingt es, einen Schnitt durch die Gesellschaft zu machen und ihr einen Spiegel vor das Gesicht zu halten. Hinter all der theoretischen Zukunft verbirgt sich viel Kritik an der sehr gegenwärtigen Hetze und Verschwörungstheorien im Netz. An der despotischen Führung diverser Länder und an der militärischen Einmischung von Amerika, die sich stark an den zu gewinnenden Rohstoffen orientiert. An der Unterdrückung der Frau, ihrer heimischen oder kriegsstrategischen Vergewaltigung und Genitalverstümmelung. Und zahllose andere Themen, die allesamt jedem erwachsenen Menschen bekannt sind, was aber verdrängt oder einfach vergessen wird. So alltäglich erscheinen sie. Durch den simplen Rollentausch hingegen wird einem das täglich Grauen der Welt vor Augen geführt.


Fazit

Naomi Alderman wagt mit “ Die Gabe“ ein interessantes Gedankenexperiment, das durchaus realistisch ist, dessen Umsetzung aber leider viel Angriffsfläche für Kritik bietet. Der dokumentarische Erzählstil und die schwer greifbaren und vereinfachten Figuren trüben das Lesevergnügen zusätzlich. Allerdings verbirgt sich in dem Ganzen ein Rundumschlag gegen die gegenwärtige Gesellschaft, der es in sich hat und die wahre Stärke des Romans ist. Ein hochaktuelles aber mäßig lesenswertes Buch, dessen Stärke sich erst zum Schluss offenbart, und diesen muss man erst einmal erreichen.


Pro und Contra

+ die Grundidee
+ teils realistische Entwicklung
+ sozialkritisch und sehr aktuell
+ Grafiken von archäologischen Funden

- gewöhnungsbedürftiger Erzählstil
- Figuren mangelt es an Sympathien
- das Gedankenexperiment hält einer Analyse kaum stand
- spröde erste Hälfte

Wertung:sterne3

Handlung: 3/5
Charaktere: 2,5/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 3/5

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 09. April 2018
 

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