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David Grade (17.04.2018)
Geschrieben von Judith
Dienstag, der 17. April 2018

Interview mit David Grade

david grade20182Literatopia: Hallo, David! Mit „Iwans Weg“ hast Du Deinen ersten Shadowrun-Roman geschrieben. Was erwartet Deine Protagonisten im Jahr 2078?

David Grade: Eine dystopische Cyberpunkwelt, mehr grim&gritty als fun&witty. Alle Charaktere kämpfen dafür Normalität erleben zu dürfen. Ganz besonders Iwan, der 17jährige Hauptcharakter, ein Hacker, der seine große Chance verspielt. Viele Shadowrunromane neigen dazu die Ränder der Gesellschaft, in denen ihre Protagonisten agieren, zu glorifizieren und als cool darzustellen. Iwans Weg nicht. Er zeigt den schier aussichtslosen Kampf geborener Verlierer auch ein Stück vom Glück zu ergattern.

Literatopia: Cyberpunktypisch wartet auch „Iwans Weg“ mit derben Charakteren auf. Mit welcher Figur hattest Du beim Schreiben am meisten Spaß?

David Grade: Rhoslyn. Einen mieseren Schweinehund hat die sechste Welt noch nicht gesehen. Bei fast allen seinen Passagen hatte ich Rose Tattoo von Dropkick Murphy als Soundtrack auf Dauerschleife (sofern ich nicht in irgendeinem Zug oder Bus schrieb). Er hielt sich am wenigsten an das was ich vorher geplant hatte und ich war manchmal abgestoßen von dem was er veranstaltete. Am schönsten war es Iwan zu schreiben, weil er der Charakter ist in dessen Kopf ich am tiefsten drinsteckte.

Literatopia: Sind bei der Darstellung Iwans auch Deine beruflichen Erfahrungen in der Kinder- und Jugendklinik eingeflossen?

David Grade: Ja. Einer meiner Schwerpunkte liegt auf posttraumatischen Belastungsstörungen, der psychischen Stabilisierung von Menschen, die Traumata erlebt haben und der gelingenden Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Mein Wissen darum ist vor allem in die Gestaltung von Iwans Gedankenwelt eingeflossen. Wobei ich mehr Wert auf Lesbarkeit und Spannung gelegt habe, als auf wissenschaftliche Genauigkeit. Iwan hatte nie das Glück seine Erlebnisse mit jemanden aufzuarbeiten, der Ideen beisteuern konnte, wie das gut geht, also hat er sich (wie viele andere Menschen in der realen Welt) sein eigenes Verarbeitungsystem gebaut. Es klappt ganz gut, es hält ihn meistens Funktionsfähig, bricht aber unter Belastung schnell zusammen. Es gibt gelingendere Traumamodelle. Das einzige Kriterium ob so ein Traumamodell gut ist, ist übrigens wie hilfreich es für den Nutzer ist. Die spezifischen Dinge die Iwan erlebt hat sind ausgedacht - die Realität ist oft viel erschreckender.

Literatopia: Für alle, die „Shadowrun“ noch nicht kennen: Wie sieht die düstere Zukunftsvision konkret aus? Und welche Fantasyelemente mischen sich in das Cyberpunk-Setting?

David Grade: Für Shadowrun gibt es dutzende Hintergrundbücher. Die beste Kurzeinführung die mir je gelungen ist, bildet die erste Hälfte von „Iwans Weg“ Klappentext. Also copy-paste:

„2078. Die Welt hat sich verändert. Einige sagen sie sei erwacht. Seit Jahrzehnten zählen Zwerge, Elfen, Orks und Trolle zur Metamenschheit. Drachen wurden Präsidenten und ermordet. Großkonzerne bestimmen das Geschick der Länder. Wer Geld hat, verbessert sich mit Bio- und Cyberware. Wer Glück hat, kann Magie wirken. Und alle sind in der weltumspannenden Matrix unterwegs, die aus dem letzten Netz-Crash allumfassender erwuchs als je zuvor. Das Ruhrgebiet, Köln und Düsseldorf sind zu einem riesigen Moloch zusammengewuchert – dem Rhein-Ruhr-Megaplex. Während die Arkologien der Megakonzerne in Licht erstrahlen, versinken ganze Stadtgebiete in Schatten und Chaos.“

Diese Mischung aus Matrix, Maschine und Magie macht Shadowrun zu einem ganz einzigartigen Setting, in dem erzähl- und erlebnistechnisch weit mehr möglich ist als in jeder vergleichbaren Welt.

Literatopia: „Iwans Weg“ spielt in Deiner Heimatstadt, sogar in Deinem „Turf“, der Dortmunder Nordstadt. Wie viel Realität spiegelt sich in Deinem Roman?

David Grade: Viele Schauplätze finden sich in der Realität wieder. Die Nordstadt ist auch heute in der Darstellung der Medien ein Ghetto, in der sich, auch in der nichtmedialen Wirklichkeit, gesellschaftliche Herausforderungen fokussieren. Ein Schmelztiegel und Ankunftsort. Das macht die Nordstadt zu einem der Spannendsten und vielfältigsten Stadtteile Deutschlands, in dem alle möglichen Extreme aufeinanderprallen. Ich liebe es hier zu leben.

Literatopia: In „Iwans Weg“ finden sich viele Bezüge auf Technologien unserer Gegenwart wie beispielsweise RFID-Chips. Inwiefern hat sich das „Shadowrun“-Universum in den letzten Jahren gewandelt? Und wie frei warst Du in Deiner Interpretation?

David Grade: Ich habe mich technologisch und geschichtlich an die Quellenlage gehalten, sonst wäre ich von Shadowrun-Fanatics zerfetzt worden und könnte dieses Interview nicht geben. Auch das Korrektorat hat auf Welttreue geachtet und besonders die Beschreibungen der Matrix gelobt. Shadowrun hat eine erhebliche Wandlung erlebt in den letzten Jahren. Zu dem Cyber-, sind seit längerem Bio- und Nanopunk gekommen. Strengenommen ist die Shadowrunwelt Alternate Science Fiction, da die historische Zeitlinie sich weit vor 2018 zu trennen beginnt. Shadowrun hatte seine Geburtsstunde in den 80ern des vorherigen Jahrhunderts. Entsprechend wirkten einzelne technologische Details vom Zukunftsszenario Shadowrun altbacken. Die Redakteure haben das in den letzten Editionen behutsam und gründlich erneuert. Shadowrun ist im Wifi-Zeitalter angekommen. Und in was für einem. Ich prophezeie das Shadowrun da genauso visionär ist, wie bei vielen anderen, neuen Entwicklungen, die Shadowrunspieler schon seit Jahrzehnten aus ihrem Science-Fiction-Spiel kennen.

Literatopia: Wie bist Du dazu gekommen, einen Roman für „Shadowrun“ zu schreiben? Und warum hat es eigentlich so lange gedauert, bis ein neuer deutscher Roman erscheint?

David Grade: „Iwans Weg“ ist der erste Shadowrunroman aus deutscher Feder seit knapp zehn Jahren. Soweit ich weiß, gab es Lizenzprobleme – wie die aussahen und wie sie gelöst wurden, weiß ich nicht. Anfang 2017 bekam ich mit, dass Jan-Tobias Kitzel dabei war einen Shadowrunroman zu schreiben. Ich fragte ihn ob noch mehr Autoren gesucht werden und er sagte, ich solle Tigger fragen. Das tat ich und Tigger (alias Tobias Hamelmann, Chefoberboss von Shadowrun-Deutschland) sagte ich solle ein Exsposé schicken. Habe ich auch gemacht. Nach ein paar Änderungswünschen, die ich klaglos erfüllte, wurden Vertrag und Deadline ausgehandelt.

Literatopia: Welcher „Shadowrun“-Roman hat Dir am besten gefallen?

David Grade: Die ersten Hälfte von „Wechselbalg“ von Chris Kubasik, dort werden die Goblinisierung eines Menschen zum Troll und seine Schwierigkeiten beschrieben. Das Orkmädchen Rani von Carl Sargent, ich glaube das war in „Blutige Straßen“, fand ich ebenfalls grandios. Ansonsten haben mir die Romane von Nigel Findley gut gefallen. Von Hans Joachim Alpers Triologie mochte ich vor allem die Weltbeschreibungen und die historischen Abrisse. Der Schreibstil von Leo Lukas in „Wiener Blei“ fand ich interessant. Außer Konkurrenz laufen für mich die Shadowrunromane des leider verstorbenen André Wieslers, die ich allesamt testgelesen habe. Simmons und Walker sind für mich das beste Buddy-Duo, die das Cyberpunkgenre je gesehen hat (Shelley). Die Bücher um Kyon fand ich etwas schwächer und „Altes Eisen“ war wieder genial. Nur das Ende war mir zu rosig, vielleicht weil André seine Charaktere zu sehr mochte. Das sollte mir bei einem eigenen Roman nicht passieren, habe ich mir damals gesagt.

Literatopia: In "Iwans Weg" gibt es ein paar richtig abgebrühte Frauen. Auch sonst hat das Cyberpunk-Genre oftmals starke Frauenfiguren zu bieten (Major aus "Ghost in the Shell" oder Molly aus "Neuromancer"). Würdest Du sagen, Frauen und Männer sind im Cyberpunk gleichberechtigt?

david grade20181David Grade: Nein sind sie nicht. Einer der Merkmale von Cyberpunk ist es gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu übertreiben. Dazu gehört auch die Tatsache, dass Frauen in den meisten Kulturen benachteiligt sind. 
Innerhalb der Cyberpunk-Welten sind Frauen also häufig benachteiligt. Die Frage ist ob in einem Buch oder Film diese Benachteiligung unreflektiert übernommen wird oder nicht. Rosa und Muwu sind bzw. waren beispielsweise beides alleinerziehende Mütter und ich wette niemand fand es seltsam, dass sich jeweils die Väter aus dem Staub gemacht haben. Sie sind in der Welt benachteiligt, werden im Buch aber hoffentlich vielseitig, in all ihrem Vermögen und Unvermögen, dargestellt - also gleichberechtigt und als Menschen, nicht als tittenbewehrte Lustobjekte, Scream-Queens oder Rettmaterial. Es gibt eine einzige Frau im Roman, bei der ich mich wissentlich einem frauenfeindlichen Klischee bedient habe. Und zwar dem der Femme Fatale, wer das Buch gelesen hat, wird wissen wer das ist.
 
Literatopia: In den vergangenen Jahren sind auch einige englische „Shadowrun“-Romane erschienen, zudem durften wir letztes Jahr die Realverfilmung von „Ghost in the Shell“ und den neuen „Blade Runner“ erleben. Ist Cyberpunk wieder im Kommen?

David Grade: Cyberpunk war nie weg. Es wellt sich immer wieder in den Mainstream hinauf. Der Urknall für das Genre in den 80gern ist vorbei und jetzt breitet es sich ruhig in die Weiten der Kultur aus, wird referenziert, vermischt sich mit Anderem und differenziert sich aus. Die neuesten Beispiele sind „Ready Player One“ von Spielberg und „Altered Carbon“, eine Netflix-Serie, die beide ältere Romanvorlagen haben. Cowboy Bebop aus den Nuller Jahren hat viele Cyberpunkelemente und schaut euch mal die Städte in „Star Wars“ an, vor allem die dreckigen Hochhausschluchten im kommenden Han Solo Film, wenn das kein Cyberpunk ist weiß ich auch nicht.

Literatopia: Wie bist Du überhaupt zum Schreiben gekommen? Über Rollenspiele? Und gibt es auch Werke von Dir ohne Rollenspielbezug?

David Grade: Seit ich schreiben kann, habe ich Geschichten geschrieben. Erst per Hand, dann auf der elektronischen Schreibmaschine, die sich meine Mutter für ihr Studium gekauft hatte, und dann per Computer. Meine ersten Veröffentlichungen waren in einer selbsproduzierten Schülerzeitschrift. Ich gehörte zum festen Team des Rollenspiels Lodland, habe mit André Wiesler zusammen ein DSA-Abenteuer geschrieben (Imuhar) und Kurzgeschichten außerhalb des RPG-Genres veröffentlicht, von denen die Erwähnenswerteste wohl Samstag in der Anthologie „Das Buch der lebenden Toten“ ist. „Iwans Weg“ ist mein Debütroman.

Literatopia: Du hast für das „Envoyer“-Magazin einen Artikel über „Äpfel im Rollenspiel“ geschrieben – ging es da wirklich um Äpfel?

David Grade: Es ging wirklich um Äpfel und verschiedene Apfelsorten als Detail und Aufhänger in Rollenspielabenteuern. Was wenn statt der guten Winteräpfel, die über die kalte Jahreszeit bringen sollten, eine minderwertige Apfelsorte gelagert wurde, die schon zur Jahreswende zu schimmeln beginnt? Was passiert wenn mensch in einen Dämonenapfel beißt? Und was hat der Rajhaapfel mit der Liebe zu tun? So etwas eben.

Literatopia: Vorab meintest Du, Du könntest auch etwas über die Verbindung von Musik und Büchern erzählen – inwiefern?

David Grade: Viele Autoren hören Musik beim Schreiben. Einerseits um die Langeweile zu bekämpfen und in den richtigen Flow zu kommen, andererseits, um den Ton, das Feeling des Geschriebenen zu beeinflussen. „Silence is Sexy“ von den Einstürzenden Neubauten erzeugt eine andere Stimmung als „Light Bulb“ von Rachel Goodrich oder die Einmarschmelodie von Shawn Michaels. Entsprechend bin ich gezielt an die Musikauswahl für „Iwans Weg“ heran gegangen. „Only for You“ von den Heartless Bastards war das Main Theme, es kam immer zum Einsatz, wenn ich ein paar Tage nicht geschrieben hatte und in die Story zurückfinden musste, das hat hervorragend geklappt. Andere Songs waren auf bestimmte Arten von Szenen oder Charaktere festgelegt. Letztendlich hängen sie alle an Charakteren, auch wenn mir das, wie bei „Griechischer Wein“, erst sehr spät klar wurde. Und deswegen hier, Weltexklusiv für Literatopia die „Iwans Weg“ Playlist mit zugeordneten Charakteren:

Heartless Bastards – Only for You (Main Theme)

Placebo – Song to say Goodbye (Iwans Song)

Dropkick Murphy – Rose Tattoo (Rhoslyns Song)

Brian Adams – Have you ever really loved a woman (Saschas Song)

AWOLNATION – Sail (Rosas Song)

Griechischer Wein – Udo Jürgens (Iwans Vater Song)

Nur ein Kuss – Die Ärzte (Izbeths Song)

R.E.M. - Drive (Karls Song)

Milky Chance – Down by the River (Calibans & Löwes Song)

Literatopia: Du bist politisch aktiv und zwar in der Piratenpartei. Wie stark ist diese im Ruhrgebiet? Und wofür stehst Du persönlich?

David Grade: Im Ruhrgebiet sind wir, wie in den meisten urbanen Räumen, stärker als in Kleinstädten oder auf dem Land. Viele unserer Themen werden auch von anderen Parteien bespielt, oft aber im Sinne von Konzernen und anderen mächtigen Einzelinteressenten. Viele unser Mitglieder sind stark in Flüchtlingshilfe, Projekte für offene Software und freien Zugang zu Information und Internet eingebunden. Ich persönlich stehe für (vorsicht copy&paste) eine offene Gesellschaftskonstruktion, die ein Maximum an individueller Freiheit und Teilhabe für jeden ermöglicht, auch mit den Mitteln der Digitalen Revolution. Genauer gibt’s das hier: https://piratenpartei-dortmund.de/wahlkampf-2017-wofuer-stehen-wir/

Literatopia: Wird es weitere „Shadowrun“-Romane von Dir oder auch anderen deutschen Autoren geben? Oder wird Dein nächster Roman eher Fantasy sein?

David Grade: Ja, es wird weitere Shadowrunromane aus deutscher Feder geben. Der nächste vom oben erwähnten Jan-Tobias Kitzel. Sein Roman „Orks weinen nicht“ dreht sich um den Ork Rex, der ein aufstrebendes Runnerteam anführt. Den dritte Roman „Alter EGO“ hat Mike Krzywik-Groß geschrieben. Er spielt in Berlin, wo der Privatermittler Paul Dante arbeitet. Weitere Bücher sind geplant, darunter eines vom Phantastikpreisträger Bernd Perplies. Ich schreibe gerne einen weiteren Shadowrunroman. Bisher ist das nicht fix. Ich tippe Pegasus will erstmal sehen, wie sich „Iwans Weg“ am Markt entwickelt. Ich kann mir gut vorstellen Romane in anderen Genres zu schreiben – allerdings möchte ich dafür vorher einen Vertrag abschließen. Ich schreibe für Menschen, nicht für Schubladen.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

 

david grade auf demo

 


Autorenfotos: Copyright by David Grade (oben und Mitte) und Achillesphotos.com (unten)

Autorenhomepage: https://davidgrade.com

Rezension zu "Iwans Weg"


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Zuletzt aktualisiert: Samstag, der 21. April 2018
 

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