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In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion (Ryū Murakami)
Geschrieben von Almut
Montag, der 29. Oktober 2018

murakami inliebe

Septime Verlag, 2018
Originaltitel: 半島を出よ/Hantō o Deyo (2005)
Übersetzt aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Gebunden, 456 Seiten
€ 26,00 [D] | € 26,00 [A] | CHF 39,90
ISBN 978-3-902711-76-2

Genre: Science Fiction, Dystopie


Rezension

Nach dem Zusammenbruch der Volkswirtschaft ist Japan bestimmt durch hohe Arbeitslosigkeit, Hunger und Obdachlosigkeit. Andere Staaten, darunter die Schutzmacht USA, ziehen sich von Japan zurück. Die Machthaber von Nordkorea wollen die Schwäche und Isolation Japans nutzen, um ein Vorhaben zu realisieren, dass sie „In Liebe, Dein Vaterland“ nennen, die Invasion Japans durch 120.000 Soldaten. Zur Vorbereitung der Invasion landet eine Kommandoeinheit aus neun schwer bewaffneten nordkoreanischen Elitesoldaten auf japanischem Boden und dringt in das ausverkaufte Baseball Stadion in Fukuoka, den Fukuoka Dome ein. Die Soldaten nehmen die Besucher als Geiseln. Es folgen neun Offiziere und 484 Mannschaften. Die Eindringlinge geben vor, eine nordkoreanische Rebellenarmee zu sein, die fortan mit den Japanern zusammenleben will.

Das Kabinett steht vor der Entscheidung, den Tod tausender Japaner oder eine Invasion in Kauf zu nehmen. Die Regierung kann sich nicht zum Handeln durchringen, weshalb sie tatenlos zusieht. Schon bald übernimmt das nordkoreanische Militär die Verwaltung der Stadt. Da die Regierung handlungsunfähig ist, nimmt eine Gruppe soziopathischer Teenager das Heft in die Hand. Von der Gesellschaft werden sie abgelehnt, leiden alle unter irgendeiner traumatischen Erfahrung und der Obsession, das Problem auf abwegige Weise zu klären. Einer zieht giftige Insekten und Amphibien groß, ein anderer will rasiermesserscharfe Bumerangs einsetzen, ein weiterer Bomben. Der bekannte Lyriker und Exzentriker Ishihara wird zu ihrem Anführer. Die Gruppe hat ihr Quartier in einem verlassenen Warenhaus in der Hafengegend Fukuokas, wo sie Waffen sammelt und sich auf einen Angriff gegen die Invasoren vorbereitet.

Die japanische Originalfassung des Romans erschien 2005 als Hantō o Deyo (ungefähr: Verschwindet von der Halbinsel). Die Handlung spielt im Jahr 2011, weshalb für Leser der gerade erschienenen deutschen Übersetzung der Zukunftsaspekt hinfällig ist. Murakami hat seinen Roman intensiv angereichert mit Fachtermini, darunter aus den Bereichen Internationale Beziehungen, Wirtschaft und Toxikologie. Der Roman ist durchsetzt mit viszeralen Szenen, die durch Blut und Gewalt bestimmt sind, was manche Leser abschrecken könnte, im Kontext jedoch durchaus plausibel ist. Jedes der 13 Kapitel hat einen anderen, zu Beginn namentlich genannten, Protagonisten. Rund sechs Dutzend weitere Figuren treten auf, manche nur innerhalb weniger Absätze. Dankenswerterweise enthält das Buch ein Namensverzeichnis.

Wir erleben die Invasoren als empfindsame Menschen, die unter einem grausamen Unterdrückungssystem leiden müssen. Dieser Blick auf die Nordkoreaner ist einer der interessanteren Aspekte des Romans, für den Murakami eigener Aussage zur Folge Dissidenten aus Nordkorea interviewt hat. Auf ihrem Weg nach Japan sollen sich die Soldaten etwas in lockere Alltagsgespräche einüben, was ihnen schwerfällt. In Japan beginnen sie sich zu verändern. Sie werden etwas entspannter im Umgang miteinander und mit den Japanern, sie nehmen manche Verhaltensweisen der Einheimischen an.

Wenn Murakami seinen Fokus auf den japanischen Regierungsbezirk in Tokio zieht, zeigt er uns eine Regierung, die in alten Strukturen verwachsen und unfähig ist, mit bisher unbekannten Problemen und Bedrohungen umzugehen, wie im Übrigen die Bevölkerung insgesamt auch. Ein demokratisches System hat systemische Nachteile in Zusammenhängen, in denen es um die Abwägung von Verteidigungsinteressen und im weiteren Sinne unpopuläre Entscheidungen geht. Die Einwohner von Fukuoka hingegen sind zu Beginn der Okkupation entrüstet, dass die Regierung ihnen nicht hilft. Sie passen sich jedoch schnell an und nehmen ihre alten Gewohnheiten wieder auf.

In seinem spekulativen Szenario beleuchtet Murakami Facetten heutiger Politik. Er zeigt ein Land, dessen größter Feind es selbst ist, repräsentiert durch die politische Kaste. Eine Regierung, die die Überzeugung vertritt, dass die befreundeten USA für sie die Drecksarbeit übernehmen werden, weil sie ja gerne Krieg führen. Die Gesellschaft und ihre Bürger jedenfalls sind nicht mehr in der Lage sich zu wehren, weder nach außen noch nach innen. Nur die gestörten Teenager begreifen, dass Gewalt auch in Friedenszeiten das Herzstück einer humanen Gesellschaft ist. 

Ein Gefühl von Paranoia ist das gesamte Buch über spürbar. Diese wird angereichert mit absurdem Humor. So fährt ein nordkoreanischer Soldat mit einem ängstlichen japanischen Arzt in Fukuoka durch die militärische Basis der Besatzer und erzählt ihm, während er ihm die Anlage zeigt, von einem leckeren Keksrezept. Oder die jungen Außenseiter, die zur Rettung Japans angetreten sind, führen wie auf dem Laufsteg ihre Ausrüstung und Bewaffnung vor. Diese absichtsvollen Retter in größter Bedrängnis sind zugleich desillusioniert. Sie sind unbeleckt von moralischen Überlegungen und haben einen ausgeprägten Hang zur Gewalttätigkeit.

Ein verbreitetes Thema in der japanischen Literatur ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Wie kann man in einer Gesellschaft, die bestimmt ist durch ein festes Regelsystem, einen Verhaltenskodex und restriktive Strukturen, überhaupt Individuum werden oder sein, ohne, sollte dies gelingen, von der Gesellschaft zum Außenseiter erklärt zu werden. Diese Problematik begegnet insbesondere in der Ishihara-Gruppe, überwiegend Jugendlichen, ausschließlich männlichen, sozial Geächteten, die sich nach Gewalt sehnen. Sie sind in einer ähnlichen Funktion wie "Die sieben Samurai" in Akira Kurosawas Film von 1954, oder "Die glorreichen Sieben" im Western von John Sturges aus dem Jahr 1960, der 2016 von Antoine Fuqua neuverfilmt wurde. Bei Murakami sind dreimal sieben Samurai, vielleicht die glorreichen 21, die ebenso außerhalb der Gesellschaft stehen wie ihre Vorgänger, gleichwohl die einzigen möglichen Retter sind. Im Personenregister werden die neun Nordkoreaner „Die glorreichen Neun“ genannt.


Fazit

Ryū Murakami entwickelt in In Liebe, Dein Vaterland eine Alternativwelt, in der Japan nach dem Kollaps von Nordkorea angegriffen wird. Nur eine kleine Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter ist willens und in der Lage, sich den Aggressoren entgegenzustellen. Am Ende des Buches, dessen Fortsetzung für den März 2019 angekündigt ist, ist man überzeugt, ein hervorragendes Werk spekulativer Fiktion in Händen zu halten.


Pro und Kontra

+ differenzierte Erzählung zum Verhältnis von Individuum und Gesellschaft
+ durchaus verallgemeinerbares politisch-ökonomisches Szenario
+ perspektivisch reiche Erzählung
+ interessanter Blick auf das Verhältnis einer demokratisch gewählten Regierung zu ihrer Bevölkerung

Wertung:sterne4.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 29. Oktober 2018
 

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