Montag, 18. November 2019

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Die Wurzeln des Lebens (Richard Powers)
Geschrieben von Almut
Dienstag, der 13. November 2018

powers diewurzeln

S. Fischer Verlag, 2018
Originaltitel: The Overstory (2018)
Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Gebunden, 624 Seiten
€ 26,00 [D] | € 26,80 [A] | CHF 39,90
ISBN 978-3-10-397372-3

Genre: Belletristik


Rezension

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis von Die Wurzeln des Lebens könnte den Eindruck vermitteln, das Buch sei eine Sammlung von Kurzgeschichten. Es beginnt mit einer Familiensaga über norwegische Einwanderer, die Hoels, deren Geschichte mit Kastanienbäumen verbunden wird. Familie wie Bäume entwickeln sich vorzüglich, um schließlich zahlenmäßig stark vermindert zu werden. Nicholas setzt in der Gegenwart ein 1903 begonnenes Mehrgenerationen-Projekt seiner Familie fort, in dem einmal im Monat der letzte Kastanienbaum fotografiert wird. Der hat es im Lauf der Zeit zu einem Wächterbaum gebracht und ist Orientierungspunkt sowie Besucherattraktion.

Im Leben der Ingenieurin Mimi Ma ist ein gekrümmter Maulbeerbaum bedeutsam. Der Psychologe Adam Appich untersucht die Wege, auf denen Menschen sich gegen Katastrophen abstumpfen, besonders solche, die sich schrittweise entfalten. Urheberrechtsanwalt Ray Brinkman und Gerichtsstenographin Dorothy Cazaly sind ein Ehepaar und Laienschauspieler. Ray geht der Frage nach, ob Bäume rechtsfähig sein könnten. Douglas Pavlicek ist ein Vietnam-Veteran. Sein Überleben im Krieg war auf schicksalhafte Weise mit einer jahrhundertealten Feige verknüpft. Douglas versucht nach einer Runderneuerung als Öko-Aktivist herauszufinden, was mit der Menschheit schiefgelaufen ist. Als Teilnehmer am berüchtigten Stanford-Experiment gelangte er zu der Einsicht, einer unserer größten Mängel bestehe darin, Übereinstimmung mit Wahrheit zu verwechseln.

Neelay Mehta ist behindert, seit er mit elf Jahren von einem Baum fiel. Er wurde steinreich mit einem Computerspiel, bei dessen Codierung er sich vom genetischen Code einiger Bäume inspirieren ließ. In diesem Spiel können User sich ihre eigene digitale Welt bauen, während die physische immer weiter zerstört wird. In der vorletzten dieser Geschichten findet die Botanikerin Dr. Pat Westerford heraus, was man heute als gesichert ansieht: Bäume kommunizieren über einen chemischen Code. Die letzte Person in diesem Ensemble ist die Studentin und passionierte Partygängerin Olivia Vandergriff, die nach einer Überdosis und einer Art Nahtoderfahrung zur Umweltaktivistin wird.

Die Biografien der Charaktere sind in prägender Weise mit Bäumen verbunden. Die Geschichten der einzelnen Personen laufen zusammen in einer anderen, größeren, in der es um tiefe Gefühle geht und um den Kampf gegen ein Unternehmen der Holzwirtschaft, das einen der letzten Bestände der kalifornischen Küstenmammutbäume liquidiert. Fünf der Charaktere beteiligen sich später an einer Baumrettungsaktion, dem sogenannten Baumkrieg.

Powers verhandelt in Die Wurzeln des Lebens auch unseren Intelligenzbegriff, der Probleme damit hat, nicht-menschliche natürliche Intelligenz zu akzeptieren. Deswegen gibt es, als menschliche Schöpfung, zwar künstliche Intelligenz, aber natürliche Intelligenz stellt ein Problem dar, soweit sie nicht auf nur wenige höhere Arten beschränkt bleibt. Wie es sich mit Intelligenz bei Bäumen verhält, dem geht Powers mit seinen neun Charakteren nach.

Da Menschen besser zu verstehen glauben, was ihnen ähnlich ist, werden Ähnlichkeiten von Menschen und Bäumen herausgearbeitet. Bäume kommunizieren auf eine uns schwer verständliche Weise, sie können sich offenkundig anpassen, weisen also eine Form von Lernfähigkeit auf. Es gibt sogar so etwas wie Austauschbeziehungen zwischen Bäumen, sie handeln mit Gütern und Dienstleistungen. Wird ein Baum von einem Insekt angegriffen, setzt es ein Insektizid frei und warnt zudem die Nachbarn, die vorsorglich eine Verteidigung aufbauen. Manche Bäume können sich über ihr Wurzelwerk vereinen, eine symbiotische Beziehung eingehen, in der ein gesunder Baum sogar einen kranken unterstützt. Bei Powers wird  diese Listung von Ähnlichkeiten noch fortgesetzt.

Die Charaktere und Powers als Erzählinstanz sprechen mit Blick auf den Naturschutz mit einer Stimme. Es geschehen einige Dinge, die auch im Umfeld des Hambacher Forsts beobachtbar sind, sowohl mit Blick auf Aktivisten, Baum-Sitter, Polizisten, Naturabrissunternehmen, und es sind im Kern die gleichen Motive, die Menschen Gewalt gegen Menschen und bei Powers Bäume anwenden lassen: Gier, Ignoranz, Machtstreben und andere primitive Instinkte.

Richard Powers arbeitet in einigen seiner Romane mit verschränkten Narrativen, so auch in Die Wurzeln des Lebens. Zugleich legt er Wert darauf, dass seine Sprachgestaltung klanglich interessant ist und dass mindestens ein wissenschaftlich gewichtiges Thema behandelt wird. Powers spricht auch politische Themen an, im Regelfall geschieht dies indirekt, indem er aus der Erzählung heraus Zusammenhänge sichtbar werden lässt. Die „Overstory“ des Originaltitels erzeugt eine Verbindung zwischen den vielen menschlichen Charakteren und Bäumen aus den einzelnen Geschichten. Im Verlauf der Lektüre gewinnt diese Über-Geschichte Konturen, konstantes Thema sind Bäume, Menschen bestimmen einen Handlungsstrang, in den gelegentlich weitere Personen eintreten oder nur aus der Entfernung sich bemerkbar machen.

Die große Zahl an Charakteren, die zudem dem Hauptanliegen sich unterordnen, erlaubt im Grunde keine Charakterentwicklung. Die Charaktere sind beim Eintritt in die Handlung bestimmt. Daran ändern auch kleinere Momente wie das Eingehen einer Liebesbeziehung nichts. Ein dramaturgischer Bogen wird nur sichtbar in der konsequenten Bewegung hin zum finalen Sabotageakt, den Nicholas, Olivia, Douglas, Mimi und Adam ausführen. Diese Bewegung und ihre Konsequenzen sind es, die dem Roman seine innere Geschlossenheit verleihen. Dagegen sind die überzeugendsten Charaktere Neelay und Patricia, Randfiguren mit Blick auf den großen Bogen, aber am intensivsten entwickelt.

Und die tatsächlichen Hauptfiguren sind die Bäume. Dazu gehören um die tausend Jahre alte Bestände, lebende Naturdenkmäler, die unter bestimmten restriktiven Umweltbedingungen wachsen, nur an bestimmten Orten existieren können und mit ihrer Vernichtung unwiderruflich verloren sind. Powers scheint in seinem Roman auch zu untersuchen, was es bedeutet, aus der Perspektive von Bäumen zu schreiben. Eine Frage, die er natürlich nicht beantworten kann, die dennoch auf das menschliche Denken wirkt.


Fazit

Richard Powers erzählt in seinem zwölften Roman, Die Wurzeln des Lebens, Geschichten von Bäumen und Menschen. Wie ein Wald sind die Protagonisten durch soziales Wurzelwerk miteinander verbunden. Dem gegenüber steht die bekannte durch Macht und Herrschaft determinierte vertikale Organisation der Gesellschaft. Spätestens im Baumkrieg treffen beide hart aufeinander.


Pro und Kontra

+ leidenschaftlicher Roman über grundlegende Konflikte zwischen Mensch und Natur
+ ineinandergreifende Geschichten darüber, wie man lernen kann, die Welt anders zu sehen
+ historisches Umfeld: die Timber Wars im Nordwesten der USA
+ hochambitioniert und innovativ

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 13. November 2018
 

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