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Coin Locker Babys (Ryū Murakami)
Geschrieben von Almut
Sonntag, der 27. Januar 2019

murakami coinlockerbabys

Septime Verlag, 2015
Originaltitel: コインロッカー・ベイビーズ /Koinrokkā Beibīzu (1980)
Übersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Gebunden, 558 Seiten
€ 24,90 [D] | € 25,60 [A] | CHF 35,90
ISBN 978-3-902711-35-9

Genre: Belletristik


Rezension

Wer Ryū Murakami kennt, weiß, dass es in seinen Geschichten mitunter heftig zugehen kann. Sein Coin Locker Babys hat sich einen Ruf erworben als einer der verstörendsten Romane der letzten Jahrzehnte. Er enthält Szenen, die durch ein hohes Maß an Gewalt bestimmt sind, halluzinatorische Sequenzen, ist unheimlich und düster, dekadent und pervers. Schon der erste Satz gibt den Lesern und Leserinnen Aufschluss darüber, was sie in etwa erwartet: „Die Frau drückte dem Säugling auf den Bauch und sog sein kleines Glied in ihren Mund.“

Hier beginnt nicht eine Erzählung, sondern man befindet sich bereits in ihr. Er langweilt nicht, was für einen ersten Satz offenbar wichtig ist, damit er Interesse weckt, die Lektüre fortzusetzen. Der erste Satz in Murakamis Roman verstört. Auch wenn er abstößt, ist man gewillt, weiterzulesen. Das Schicksal zweier Menschen wird auf sehr intime Weise zu einem, wobei der Säugling hilflos ist, die Frau hingegen etwas macht, was an Missbrauch denken lässt. Wenig später setzt sie ihr Kind aus, die Möglichkeit seines qualvollen Todes in Kauf nehmend. Aber schicksalhaft und auf perverse Art verbunden bleiben sie für die Zukunft.

Die Story in Kürze: Hashi und Kiku sind zwei Babys, die von ihren Müttern in Münzschließfächern eines Bahnhofs entsorgt werden. Empirisch etwas, was auch heute noch, wenngleich weniger häufig als im ausgehenden 20. Jahrhundert, in Japan geschieht, und gelegentlich kommt es für die Kleinen einem Todesurteil gleich. Aber Hashi und Kiku werden gerettet, wachsen in einem Waisenhaus auf, werden dort untrennbar und später als Brüder adoptiert. Im Waisenhaus zeigen sie Symptome von Autismus, weshalb sie behandelt werden. Ein Therapeut spielt ihnen den menschlichen Herzschlag vor, den sie verinnerlichen und der fortan diffuse Erinnerungen in ihnen wachruft.

Die Erzählung folgt ihrem weiteren Leben, in dem sie sich in verschiedene Richtungen entwickeln. Gemeinsam ist all diesen Wegabschnitten, dass sie überwiegend in beengten Räumen stattfinden, physischen wie institutionellen. Die Schule, ein Gefängnis, ein Aufnahmestudio, eine psychiatrische Einrichtung, um nur ein paar zu nennen. Freiräume äußern sich in den Beschreibungen einer Lebensumwelt, die charakterisiert ist durch im Niedergang begriffene Orte und Architekturen. Recht früh schon wird eine solche Szene in eindrücklichen Bildern beschrieben. Hashi, mit Kiku unterwegs, sieht in einem verlassenen Bergwerk nur Schönheit.

Ein Ort der Freiheit ist für sie auch das Giftghetto, eine verseuchte Region in Tokio, in der die von der Gesellschaft Ausgesonderten, Drogenabhängige, Hedonisten und Soziopathen, Obdachlose, in vielfältiger Weise psychisch beschädigte Menschen, Zuhälter und Huren, zu überleben versuchen. Ein dystopischer Raum, in dem die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht gelten, sondern allenfalls Gesetzmäßigkeiten des Dschungels. Sieht man genau hin, ist jedoch noch eine sehr dünne zivilisatorische Haut erkennbar, die diesen Raum stabilisiert und am Zerbersten hindert.

In diesem Giftghetto, wird Haki ein bisexueller Rocksänger, dessen Stimme die Menschen lieben. Kiku lebt mit dem Model Anemone zusammen, die ihre Wohnung in ein Sumpfgebiet für ihren Gavial transformiert hat. Das hört sich eigenartig an, und noch eigenartiger wird es, wenn man sich fragt, ob Anemone in der Lage wäre, ihre Riesenechse in einem Sympathiewettbewerb zu schlagen. Hashi und Kiku suchen ihre Mütter, um sich an ihnen zu rächen. Aber Kiku hat weit mehr vor.

Murakami beschreibt eine Gesellschaft, die es so nicht gibt. Coin Locker Babys ist in keinem realistischen Raum verortet, auch wenn Murakami viel über Japan schreibt. Er greift reale Phänomene auf, übersteigert sie in einer schnell erzählten Geschichte, deren Handlung, vielleicht unwiderruflich und damit schicksalhaft, auf die finale Eruption zuläuft. Das Giftghetto ist eine imaginäre Sphäre, die auf den Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn verweist, der 1995 durch die Aum-Sekte begangen wurde, mit dreizehn Toten und mehr als 6000 Verletzten. Eine weitere Verbindung ergibt sich durch eine toxische Substanz namens DATURA, die in einem Plan eine wichtige Rolle spielt.

Wer die ersten Seiten des Romans durchsteht, kann ein menschliches Gehirn von Tofu unterscheiden und schafft auch den Rest des Buchs, ohne dass das Wohlbefinden leiden muss. Man kann den Roman auch als Lehrtext lesen, aus dem ersichtlich wird, was man mit einer Schere an der Zunge machen kann. Genaugenommen ist Coin Locker Babys kein Bildungs- oder Entwicklungsroman, sondern das genaue Gegenteil. Ein Werk für tapfere Leser und Leserinnen, die auch mal in einem Haibecken schwimmen wollen. Die englische Sprache kennt dafür den Begriff mind blowing. Er passt ganz gut, für die Handlung, für die Lektüre. Die Geschichte wird über bizarre Ereignisse vorangebracht und fesselt, obgleich die Plotstruktur nicht offensichtlich ist.


Fazit

Ryū Murakami konstruiert in Coin Locker Babys eine erzählerische Abwärtsspirale mit vielen Windungen, die von zwei einsamen Protagonisten in dem Bemühen, ihren Platz im Leben zu finden, durchlaufen wird.


Pro und Kontra

+ übersprudelnde Imagination
+ als komplexer Diskursbeitrag über Moral lesbar, der unter die Haut geht

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Rezension zu Das Casting

Rezension zu In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion

Zuletzt aktualisiert: Sonntag, der 27. Januar 2019
 

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