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Henning Mützlitz (12.02.2019)
Geschrieben von Judith
Dienstag, der 12. Februar 2019

Interview mit Henning Mützlitz

henning muetzlitz2019Literatopia: Hallo, Henning! Mit „Hexagon – Pakt der Sechs“ kehrst Du in phantastische Gefilde zurück - was erwartet die Leser?

Henning Mützlitz: Die Leser*innen erwartet eine düstere Mantel&Degen-Abenteuergeschichte vor dem Hintergrund einer politischen Intrige im Frankreich des 17. Jahrhunderts. „Hexagon“ bedient sich eines realhistorischen Hintergrunds, fügt diesem allerdings phantastische Elemente wie Magie und Dämonen hinzu. Auch einige Figuren aus den „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas treten darin auf.

Literatopia: Da wollen wir jetzt natürlich wissen, wer aus „Die drei Musketiere“ bei Dir einen Gastauftritt hat?

Henning Mützlitz: Eine aus den Musketieren bekannte Figur ist sogar einer der Protagonisten, wie gleich noch erläutert wird. Daneben treffen wir auf Capitaine-Lieutenant de Treville, den Kommandanten der Königlichen Musketiere. Darüber hinaus ... nein, die weiteren werde ich euch nicht verraten! ;-)

Literatopia: Bezieht sich „Pakt der Sechs“ auf Deine Protagonisten? Wer sind sie?

Henning Mützlitz: Nein, der Titel bezieht sich auf die Antagonist*innen. Viel mehr werde ich allerdings aus dramaturgischen Gründen nicht verraten – wer hinter dem „Pakt der Sechs“ steht, müssen die Leser*innen dann schon gemeinsam mit den Hauptfiguren herausfinden.

Diese rekrutieren sich vor allem aus dem sogenannten „Schwarzen Banner“, einer Sondereinheit der Garde unter Kardinal Richelieu, deren Musketiere über arkane Kräfte verfügen und gegen übernatürliche Feinde von König und Kardinal vorgehen, wie zum Beispiel Untote oder dämonische Wesenheiten. Der Protagonist Armand wurde in die Provinz strafversetzt und wird dort durch die magiebegabte Kammerdienerin Cécile mit Schrecken konfrontiert, die nicht nur die beschauliche Provinz Poitou im Westen Frankreichs, sondern das gesamte Königreich bedrohen. Dieser Gefahr wird auch der Anführer des Banners Capitaine César de Rochefort (ja, der Rochefort!) gewahr und stellt ebenfalls Nachforschungen zu den dunklen Umtrieben an, die nicht nur Paris heimsuchen.

Literatopia: In „Hexagon“ ist seit der Auferstehung Christi die Magie in die Welt getreten. Wie äußert sich diese? Welche phantastischen Kreaturen gibt es in Deinem Roman?

Henning Mützlitz: Haha, da bist du aber der Dogmatik der Katholischen Kirche aufgesessen! Die Kirche in „Hexagon – Der Pakt der Sechs“ versucht nämlich, die Kontrolle über die arkanen Kräfte auszuüben, die manchen Menschen zur Verfügung stehen. Nach ihrer Lesart ist diese magische „Essenz“ die Gabe Gottes, die nur von geweihten Priestern oder allenfalls kirchlich legitimierten Streitern wie denen des Schwarzen Banners ausgeübt werden darf. Alle anderen sind für sie Höllendiener oder Hexen, die entweder in ihren Dienst gepresst oder gerichtet werden. Darunter fallen vor allem Menschen, die über eine natürliche Verbindung zur Essenz verfügen und diese formen können, ohne sich je eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben – abgesehen davon, dass sie ihre Kraft aus einer (vermeintlich) anderen Quelle beziehen.

Allerdings existiert sehr wohl eine dunkle Form der Magie, die auch unbegabten Menschen durch einen Pakt mit den Fürsten der Hölle offensteht. Diesen Teil der Magie brachte einst der gefallene Engel und Höllenfürst Luzifer bei seinem Angriff auf die Festungen des Himmels in die Welt: Als sein Drachenleib zurück in die Hölle geschleudert wurde, entlud er einen Teil seiner Kraft auf das Erdenrund und schuf ein Band zur Unterwelt, das trotz seiner Verbannung bestehen blieb.

Die dämonischen Herrscher der „Dunklen Domänen“ der Hölle machen ihre Kräfte seitdem Menschen verfügbar, die schwach im Willen oder hungrig nach Macht sind. Mittels finsterer Pakte und Rituale lassen sich magische Künste erlernen und Dämonen herbeirufen. Allerdings wissen wir ja traditionell um den Preis, der dafür zu entrichten ist: Körperliche und seelische Unversehrtheit der Paktierer kann keinesfalls garantiert werden ...

Viele Aspekte dieses Wirkens treten im Frankreich des fortschreitenden 17. Jahrhunderts verstärkt in Erscheinung: Daimonoide Kreaturen, Untote und Geister verheeren die Lande und verführen die Rechtschaffenen. Vergessene Kulte leben auf, allerorten erliegen Menschen der Verführung der Dunklen Domänen oder fallen ihnen zum Opfer.

Im Roman begegnen wir deshalb phantastischen Kreaturen, die nichts Gutes im Schilde führen, bis hin zu sehr mächtigen Dämonen und deren teilweise nicht mehr besonders menschlichen Dienern. Gewöhnliche Menschen kennen diese Kreaturen allerdings meist nur aus Schauergeschichten und Albträumen und wissen oft nicht, inwiefern sie tatsächlich existieren. Gegen diese Wesenheiten wären sie, ebenso wie profane Musketiere, machtlos, aber zu ihrem Schutz existieren ja glücklicherweise die arkan begabten Musketiere des Schwarzen Banners – wenn gerade welche in der Nähe sind, denn es gibt viel zu wenige von ihnen.

Literatopia: „Hexagon“ spielt im Frankreich des Jahres 1642 – wie realistisch ist das Setting? Hast Du viele historische Fakten recherchiert und eingebaut?

Henning Mützlitz: Der historische Hintergrund und die Ausgangssituation des Romans sind nahezu identisch mit den realen Verhältnissen zu dieser Zeit. Wir befinden uns im letzten Lebensjahr von Kardinal Richelieu, und nachdem seine Feinde in den vorherigen 18 Jahren seines Dienstes für den König allesamt gescheitert waren, treten jetzt neue Gegenspieler auf den Plan, die den verhassten Kirchenmann loswerden wollen.

Das Setting könnte also einem historischen Roman entsprechen, wir treffen auf historische Figuren wie Richelieu oder Louis XIII., und die Verschwörung, auf die die Geschichte Bezug nimmt, hat tatsächlich stattgefunden. Durch die phantastischen Elemente gestaltet sie sich allerdings etwas anders, und auch einige Rahmenbedingungen unterscheiden sich von den realen. Beispielsweise existiert neben Richelieu ein Bischofsrat, der seine Macht auf geistiger Ebene etwas beschneidet, zudem stellt der christliche Glaube die Dreifaltigkeit mehr in den Mittelpunkt und bezieht sich seltener auf deren einzelne Elemente.

Literatopia: Warum eigentlich gerade Frankreich und das 17. Jahrhundert? Was fasziniert Dich an dieser Zeit?

Henning Mützlitz: Ich war schon immer ein großer Fan der Epoche, ausgelöst durch die Romane von Alexandre Dumas und deren Verfilmungen, später getriggert durch Pen&Paper-Rollenspiele und die Beschäftigung mit der Politik und Geschichte Frankreichs im Studium. Meine ersten Romane für „Das Schwarze Auge“ sind ebenfalls in einem phantastischen Mantel&Degen-Setting angesiedelt, dem Horasreich.

Das 17. Jahrhundert markierte in Frankreich die endgültige Etablierung des Absolutismus, die innere Integration des Staats schritt rasch voran, die Religionskriege des 16. Jahrhunderts klangen langsam ab (zumindest ab 1628), wir finden während eines kurzen Zeitraums sehr viele spannende historische Figuren, gleichzeitig erschütterten regelmäßig Intrigen und Verschwörungen das Reich und den Königshof, da die Ausbildung einer zentralen Staatsgewalt alles andere als konfliktfrei über die Bühne ging.

Daneben fasziniert mich der „Style“ des Mantel&Degen-Genres: Angefangen bei der Eleganz und der Leichtigkeit von Degenkämpfen und Duellen, garniert mit einem markigen Spruch, über die vielfältigen Möglichkeiten, diese in einen komplexen politischen Hintergrund einzuweben oder den Figuren mehr Tiefe zu verleihen und sie an persönliche Abgründe zu führen. Gleichzeitig macht es Spaß, mit Stereotypen zu spielen und diese aufzubrechen, indem zum Beispiel den „Musketier-Chauvis“ starke Frauenfiguren gegenübergestellt werden, die ihnen die Sprüche zurück ins Maul stopfen.

Literatopia: Ist Kammerdienerin Cécile eine solch starke Frauenfigur? Was zeichnet sie aus? Und auf welche starken Damen dürfen wir uns noch freuen?

Henning Mützlitz: Cécile ist die wichtigste weibliche Figur des Romans, allerdings erst einmal eine typische „Damsel in Distress“. Als Hausdienerin eines Gouverneurs weiß sie nicht viel von der Welt und wird mit Ereignissen und Schrecken konfrontiert, die weit über ihr bisheriges Vorstellungsvermögen hinausgehen. Im Musketier Armand sieht sie so etwas wie ihren Beschützer, den sie zunächst bewundert, aber schnell feststellt, dass dieser so viele Probleme mit sich herumträgt, dass er dieser Rolle nur bedingt gerecht werden kann. Daneben offenbaren sich bereits zu Beginn des Romans bislang unterdrückte magische Fähigkeiten in ihr, die Cécile im Verlauf der Handlung immer besser zu nutzen weiß und sich damit nicht nur über den zwar ebenfalls arkan begabten, jedoch in seinen Fähigkeiten begrenzten, Musketier des Schwarzen Banners erhebt.

Daneben hat sich eine weitere weibliche Figur in den Vordergrund der Handlung geschlichen, die zunächst nur einen Kurzauftritt haben sollte. Nachdem sie einmal in Erscheinung getreten war, pochte sie mit Vehemenz darauf, sich den Protagonisten anschließen zu dürfen, und ich bin sie beim Schreiben nicht mehr losgeworden - stattdessen hat sie sich sogar zu einer meiner Lieblingsfiguren entwickelt.

Literatopia: Mit „Tod an der Aurach“ hast Du, gemeinsam mit Bernd Greber, einen „augenzwinkernden Regionalkrimi“ verfasst. Worum geht es?

Henning Mützlitz: Oh, abrupter Themenwechsel ... „Tod an der Aurach“ nimmt sich tatsächlich nicht sonderlich ernst, ohne allerdings vollends ins humoristische Fach abzudriften. Der Frührentner Hajo (Typ: querulanter Onkel, der sich über alles beschwert und alles besser weiß – wir kennen ihn alle!) wird mit dem Tod eines Bekannten konfrontiert. Seiner Meinung nach bemüht sich die Polizei nicht ausreichend um die Aufklärung des Mordes, und so stellt er gemeinsam mit seiner Nichte Verena Nachforschungen an – die mitunter mehr Probleme verursachen als lösen.

 Literatopia: Wie bist Du dazu gekommen, einen Regionalkrimi zu verfassen?

Henning Mützlitz: Das entstand tatsächlich eher aus einem Jux heraus. Ich und mein Mitautor Bernd Greber (der eine Buchhandlung nebst Café in Herzogenaurach betrieb und leider letztes Jahr kurz nach dem Erscheinen des Buchs verstorben ist), überlegten spaßeshalber, wie es wäre, vor Ort einen Regionalkrimi anzusiedeln. Eigentlich lesen wir keine Krimis und standen auch dem Regionalkrimi eher kritisch gegenüber.

Als ich allerdings auf der Frankfurter Buchmesse gegenüber Emons erwähnte, dass es eine grobe Idee dafür gäbe, wurde aus dem Spaß schnell Ernst. Da ich zu dieser Zeit keines meiner Phantastikprojekte verkauft bekam, habe ich eben einen Regionalkrimi geschrieben. Ich hätte vorher auch nicht gedacht, dass ich das mal mache ...

Das Ganze verstand sich als Buch für die Menschen in Herzogenaurach und will niemandem wehtun. Es erzählt eine Geschichte ohne einen klischeehaften Standardpolizeikommissar und unabhängig von den üblichen Bezugspunkten zu den beiden großen Sportartikelherstellern vor Ort. Stattdessen haben wir Elemente mit aufgenommen, die auch Phantastikfreunden das eine oder andere Stöckchen hinwerfen: Die Handlung spielt während des jährlichen Mittelaltermarkts, es wird eine Klingonenklinge gezückt und immer mal wieder werden Nerd-Referenzen angeführt.

Literatopia: Krimis verkaufen sich in der Regel besser als phantastische Bücher – ist das auch bei Deinen Werken so? Warum werden Krimis so gerne gelesen?

Henning Mützlitz: Da fehlt mir ein wenig der Vergleich. Meine historischen Krimis verkaufen sich natürlich besser als die phantastischen Werke, was aber schlichtweg an der Größe und Reichweite des Verlags und der Präsenz der Bücher in den Buchhandlungen liegt. Bislang habe ich keinen Phantastikroman in einem größeren Publikumsverlag veröffentlicht, so dass ich nur vom Hörensagen von Kolleg*innen weiß, dass die Zahlen dort oft nicht gut sind.

Generell werden Krimis und Thriller von einer deutlich breiteren Leserschaft angenommen, und bei allen Erfolgen der Phantastik in der öffentlichen Wahrnehmung habe ich in letzter Zeit das Gefühl, dass es wieder etwas zurück in die Nische geht. Seit dem „Lied von Eis und Feuer“ fehlen auch ein wenig die Welterfolge, die dem Genre (oder zumindest einem bestimmten Subgenre) wieder die Aufmerksamkeit des Mainstreampublikums verschaffen. Darüber könnte ich mich jetzt länger auslassen, aber zurück zur Frage ...

Der Erfolg der Regionalkrimis liegt meiner Meinung nach in erster Linie in der Ortsnähe begründet: Viele Leser*innen schätzen den Bezug zur Heimatstadt oder zur Region, freuen sich, dass sie die Örtlichkeiten kennen, amüsieren sich über Anspielungen auf die Lokalprominenz, die Einbettung regionalkultureller Aspekte, von Dialekten oder besonderen Eigenarten der Menschen – darüber hinaus wollen sie vielleicht sogar noch wissen, wer der Mörder ist ...

Die Zielgruppe ist eine völlig andere als in der Phantastik und zieht sich durch alle Altersschichten, vor allem auch hin zu älteren Leser*innen, die einen Phantastikroman nach wie vor für „ausgedachtes Zeug“ halten. Das war für mich ebenfalls neu: Ich habe noch nie so viel persönliches Feedback auf ein Buch bekommen wie auf die „Aurach“, gleichzeitig existiert aber nahezu keine überregionale Leserschaft – die bildet sich wohl immer erst dann heraus, wenn eine Regiokrimireihe einen gewissen „Kultstatus“ erlangt und auch national vermarktet wird.

Literatopia: In unserem letzten Interview, das immerhin schon fünf Jahre auf dem Buckel hat, meintest Du, dass die großen Verlage zu wenig auf deutsche Autoren setzen. Hat sich da Deiner Meinung nach etwas getan?

tod an der aurachHenning Mützlitz: Nicht wirklich, eher im Gegenteil. Klar, die großen Namen sind noch da, aber darunter? Natürlich sind die eine oder der andere neu hinzugekommen, manche sind dagegen verschwunden. Mir sind die wirtschaftlichen Zwänge bewusst, denen Lektoren und Verlage in einem schrumpfenden Buchmarkt unterliegen, allerdings wird sich ja kaum einmal die Mühe gemacht, eine*n Autor*in vernünftig zu entwickeln und zu bewerben. Stattdessen sehe ich viele übersetzte Mittelmaßtitel, die irgendwann irgendwo mal einen Preis gewonnen haben, was als Marketingargument offenbar ausreicht, um es zu vertreiben. Zur Not garniert man das Ganze noch mit einem „Ich bin begeistert von diesem Buch!“-Zitat von G.R.R. Martin (unglaublich, was der gute Mann wegliest – kein Wunder, dass er mit seinem eigenen Kram nicht fertig wird!), und dann hat man ein akkurates Marketinginstrument.

Wenn dann doch mal ein deutscher Name abseits der Bestsellerautoren auftaucht, landen die meisten irgendwo hinten im Katalog, werden so gut wie nicht beworben und im Nachhinein für schlechte Zahlen verantwortlich gemacht. So kann es natürlich nicht funktionieren, ganz unabhängig vom Inhalt und der Qualität.

In der Kleinverlagsszene steckt daneben nach wie vor sehr viel Leben, und ich würde mir wünschen, dass der Buchhandel dort öfter mal einen Blick drauf wirft, und – zumindest punktuell – auch Publikationen dieser Verlage empfiehlt oder in die Auslagen stellt. Da die Phantastik aber im Vergleich zu anderen Unterhaltungsgenres weniger Umsatz erzielt, steht das im Handel nicht unbedingt ganz oben auf der Agenda.

Literatopia: Fehlt da schlicht ein wenig Herzblut, sowohl bei den großen Verlagen, als auch bei den Buchhändlern? Sollte man den Lesern einfach mal mehr zutrauen? Oder funktioniert der Roman im 21. Jahrhundert neben Serien auf Netflix und Co. nicht mehr?

Henning Mützlitz: Das ist natürlich ein komplexes Thema, das man von vielen Seiten beleuchten muss. Ich versuche, mich mal punktuell anzunähern. Der Roman bzw. das Lesen allgemein hat sich so vieler anderer medialer Angebote zu erwehren wie nie zuvor, und ich glaube, die genannten Punkte fließen dort alle mit ein. Die Leserschaft schrumpft ja insgesamt, und der Buchhandel hat daneben mit vielen weiteren Problemen zu kämpfen (das fängt bei steigenden Mieten an, setzt sich über die Online-Konkurrenz fort sowie den Anspruch der Kund*innen, jederzeit alles auf Vorrat haben zu müssen oder zumindest darüber Bescheid zu wissen). Da ist es verständlich, dass sich vor allem um die umsatzstarken Genres gekümmert wird. Allerdings will ich gerade den inhabergeführten Buchläden keineswegs das Herzblut absprechen – es ist ja nicht so, dass man dort nicht das ein oder andere Buch findet oder empfohlen bekommt, das man sonst nie entdeckt hätte.

Dazu kommt sicher auch, dass das Phantastikpublikum sehr unterschiedlich ist: Leser*innen, die seit Jahrzehnten dabei sind, verlangen nach anspruchsvollen Titeln, lesen diese teilweise aber schon in Englisch und fallen dann als Kund*innen für deren deutsche Versionen aus – gerade diese wären aber nötig, um überhaupt Zahlen generieren zu können, die für einen Publikumsverlag halbwegs vertretbar sind. Floppt dann ein hervorragendes Buch, hört man von den Verlagen, dass es in Deutschland keinen Markt für den Titel gebe – so geschehen bei einigen hochgelobten Titeln der letzten Jahre.

Ausgeglichen werden muss das Ganze ohnehin durch die Brot-und-Butter-Titel, und diese werden ja von erfahreneren Leser*innen oft verpönt. Das etwas jüngere Publikum, das durch Fantasy-Verfilmungen und Völkerromane zum Genre kam, sowie Fantasy-Gelegenheitsleser*innen kaufen eher diese Mainstreamtitel, die Ältere gar nicht (mehr) anfassen würden. Dass dabei oft klassische (High-)Fantasy bevorzugt wird, mit denen andere schon in den 90ern abgeschlossen hatten, sorgt dann eben dafür, dass der deutsche Publikumsmarkt eher konservativ und gleichförmig erscheint. Aber wie gesagt: Es werden auch von deutschsprachigen Autor*innen sehr viele Subgenres der Phantastik bedient – leider eben oftmals für die breitere Öffentlichkeit nicht sichtbar.

Literatopia: Du bist unter anderem Mitglied beim PAN-Autorennetzwerk. Wie aktiv bist Du da? Und welche Vorteile siehst Du in der Mitgliedschaft?

Henning Mützlitz: Ich bin dort eher passives Mitglied, also nicht im Vorstand oder anderen Funktionen tätig. Als Sprachrohr des Genres ist PAN hinsichtlich der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit über die Szene hinaus sehr wichtig – hier finden sich viele deutschsprachige Phantastikautor*innen, die man in den Regalen der Buchhandlungen oft vergebens sucht. Mitglied bei PAN zu sein, bietet für mich persönlich vor allem die Möglichkeit, mich mit anderen Autor*innen auszutauschen. Dies schätze ich sehr, denn alle von uns haben auf die eine oder andere Weise Erfahrungen beim Schreiben oder Veröffentlichen gemacht, die wertvoll für andere sein können.

Literatopia: Wenn Du auf Deinen Debütroman zurückblickst – gehst Du heute beim Schreiben anders vor? Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der Arbeit an mehreren phantastischen Büchern und Krimis?

Henning Mützlitz: Dabei würde ich natürlich einiges anders machen. Der erste Roman stellt wahrscheinlich für die meisten Autor*innen die spannendste Herausforderung dar, so war es auch bei mir. Handwerklich stimmt dort noch nicht viel, und es gibt eine Reihe überflüssiger Szenen, wenngleich die Grundanlage nicht schlecht war.

Ich gehe heute in der Grundkonzeption zwar nicht sonderlich anders an einen Romanentwurf heran, wenngleich sich das Worldbuilding für ein eigenes Setting nicht mit dem Entwurf für einen Lizenzroman in einer Shared World vergleichen lässt. Früher habe ich einen Roman vor allem nach Gefühl entworfen, heutzutage achte ich bei einem Handlungsentwurf viel bewusster auf Faktoren wie die Charakterentwicklung, Dramaturgie, Repräsentation oder Alleinstellungsmerkmale des Settings. Als Haupterkenntnis gilt für mich generell: Je mehr Gedanken ich mir hinsichtlich der Charaktere und des Settings gemacht habe, desto besser lässt sich mit ihnen eine Handlung gestalten, die organisch in den Hintergrund eingebettet ist. Ich habe allerdings Projekte in der Schublade liegen, die sehr gut ausgearbeitet waren und sich dennoch nicht verkauft haben, während es zum Beispiel bei der „Aurach“ nur aufgrund einer groben Idee hieß: „Macht mal!“ Danach musste ich erstmal darüber nachdenken, wie denn ein für mich genrefremder Roman aussehen könnte, so dass ich ihn ebenfalls lesen würde.

Literatopia: Was liest Du aktuell gerne? Immer noch überwiegend Phantastik? Und gibt es vielleicht ein Buch, das Du unseren Lesern ans Herz legen möchtest?

Henning Mützlitz: Nach wie vor lese ich fast ausschließlich Phantastik, allerdings familiär bedingt weniger, als ich gerne möchte. Tendenziell bevorzuge ich High Fantasy und kehre in letzter Zeit immer mal wieder zu Werken zurück, die mich in der Jugend begeistert haben. Daneben streue ich gerne Lizenzromane zu bekannten Franchises ein, zuletzt zum „Pathfinder“-Rollenspiel und „Star Trek – Deep Space Nine“. Als halbwegs aktuellen Tipp würde ich „Autonom“ von Annalee Newitz nennen, die darin ein interessantes Cyberpunk-Szenario bietet und auch Fragen wie die Verschmelzung von Mensch und Maschine und Geschlechtsidentität aufgreift.

Literatopia: Kannst Du und schon einen Ausblick auf weitere Veröffentlichungen geben? Wirst Du Dich wieder mehr der Phantastik widmen oder stärker auf Krimis setzen?

Henning Mützlitz: Meine Heimat ist die Phantastik, und die nächsten Projekte, die gerade im Gespräch bzw. schon entstanden sind, sind lupenreine High Fantasy. Man sollte als Autor zwar nie etwas ausschließen, aber ich beabsichtige derzeit nicht, weitere zeitgenössische oder historische Krimis zu schreiben.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autorenfoto: Copyright by Henning Mützlitz

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Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 12. Februar 2019
 

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