Montag, 18. November 2019

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Bullshit Jobs (David Graeber)
Geschrieben von Swantje
Mittwoch, der 06. März 2019

Klett-Cotta (4. Auflage 2019)
Originaltitel: Bullshit Jobs. A Theory
Übersetzer: Sebastian Vogel
Hardcover
464 Seiten, 26,00 EUR
ISBN: 978-3-608-98108-7

Genre: Sachbuch

Gelesen wurde die englischsprachige Originalausgabe


Klappentext

Im Jahr 1930 sagte der britische Ökonom John Maynard Keynes voraus, dass durch den technischen Fortschritt heute niemand mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten müsse. Fast ein Jahrhundert danach stellt David Graeber fest, dass die Gegenwart anders aussieht: Die durchschnittliche Arbeitszeit ist gestiegen und immer mehr Menschen üben Tätigkeiten aus, die unproduktiv und daher eigentlich überflüssig sind – als Immobilienmakler, Investmentbanker oder Unternehmensberater. Es sind Jobs, die keinen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Es sind Bullshit-Jobs. Warum bezahlt eine Ökonomie solche Tätigkeiten, die sie nicht braucht? Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen? Und was können wir dagegen tun? David Graeber, einer der radikalsten politischen Denker unserer Zeit, geht diesem Phänomen auf den Grund. Ein packendes Plädoyer gegen die Ausweitung sinnloser Arbeit, die die moralischen Grundfesten unserer Gesellschaft ins Wanken bringt.


Rezension

2013 veröffentlichte der anarchistische Anthropologe David Graeber im Online-Magazin „Strike!“ ein kurzes Essay über „Bullshit Jobs“ – Tätigkeiten, die er folgendermaßen definiert: Bullshit Jobs sind bezahlte Tätigkeiten, die so sinnlos und lästig sind, dass der/die/* Angestellte ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, aber gezwungen ist, so zu tun, als ob. Das Essay erregte so viel Aufmerksamkeit, dass er ein paar Jahre später ein komplettes Buch zu dem Thema schrieb.

Nachdem er „Bullshit Jobs“ definiert hat, nennt er verschiedene Typen davon: Da gibt es „Flunkies“, die nur da sind, damit ihre Vorgesetzten stolz auf die Anzahl ihrer Untergebenen sein können, „Duct Tapers“, die die Konsequenzen von Problemen auffangen, die sich vergleichsweise leicht lösen ließen, „Box Tickers“, die dokumentieren, dass sinnlose Aufgaben auch tatsächlich erfüllt wurden, oder „Goons“, deren Arbeit die Welt ein wenig schlechter macht, oder überflüssige Vorgesetzte – „Task Masters“. Er grenzt „Bullshit Jobs“ auch von „Shit Jobs“ ab. Letztere sind Tätigkeiten, die mies bezahlt und unter schlechten Bedingungen ausgeführt werden, aber sinnvoll und notwendig sind, wie zum Beispiel Reinigungstätigkeiten.

Auf der Basis hunderter Berichte von Menschen, die nach eigener Aussage „Bullshit Jobs“ innehaben, erklärt Graeber, wie diese aussehen können, und auch, welche „spiritual violence“ es ist, dass Menschen gezwungen sind, ihre Zeit mit Tätigkeiten zu verbringen, die keinen gesellschaftlichen Mehrwert haben oder sogar Schaden anrichten. Er hat zahlreiche haarsträubende Beispiele von absolut sinnlosen Tätigkeiten parat, deren Überflüssigkeit der Person, die sie ausführt, schmerzhaft bewusst sind. Paradoxerweise kann das Wissen um die absolute Bedeutungslosigkeit des eigenen Jobs mit einer Menge Stress einhergehen und zu einem feindseligen Arbeitsumfeld und Krankheit führen.

Nachdem er die verschiedenen Typen und die sozialen Dynamiken von Bullshit Jobs vorgestellt hat, geht er darauf ein, wie diese entstehen konnten. Er beschreibt die Rolle einer sich aufblähenden Administration und der Verflechtung so gut wie aller Wirtschaftszweige mit dem Finanzsektor, aber auch kulturelle Faktoren, wie die Tendenz, Arbeit als Selbstzweck zu betrachten und davon auszugehen, dass man seinen Job hassen müsse, um seinen Lohn zu verdienen. In diesem Zusammenhang erwähnt er das sehr interessante Konzept von „moralischem Neid“. Dieser ist seiner Meinung nach die Triebkraft hinter der Idee, dass Menschen wie Krankenpfleger*innen oder Lehrer*innen keine hohen Gehälter verdienen, da sie ja bereits die Befriedigung hätten, einer offensichtlich sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Er beschreibt die Verschiebung vieler sinnvoller, erfüllender Tätigkeiten wie der Entwicklung/Verbesserung von Open-Source-Software oder Übersetzungen in die Freizeit, und wie die Bereitschaft von Menschen, diese Dinge ohne Bezahlung zu machen, von Firmen ausgenutzt werde.

Graebers Argumentation läuft darauf hinaus, dass wir unsere mit für die Existenz von Bullshit Jobs verantwortliche Einstellung zu Arbeit dringend überdenken sollten. Er macht auch darauf aufmerksam, dass unser Bild von Arbeit viele Tätigkeiten, vor allem Care-Arbeit, ausklammert, was ein Makel vieler Theorien über Arbeit sei. Er behält auch stets den Gender-Aspekt bei Arbeit(steilung) im Auge und benutzt – zumindest im englischen Original – das generische Femininum. Das Buch endet mit einem Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

„Bullshit Jobs“ ist definitiv für die breite Öffentlichkeit geschrieben und liest sich angenehm flüssig. Der Autor scheint Spaß daran gehabt zu haben, in Kapitelüberschriften Umgangssprache und eher akademische Diktion zu mischen. Die Kapitel selbst lesen sich leicht und unterhaltsam und laden zur Identifikation mit den Menschen ein, die er beschreibt und zitiert. „Bullshit Jobs“ appelliert an die Emotionen (z.B. persönliche Frustrationen oder das Gerechtigkeitsempfinden) der Leser*innen.

Graebers Thesen stützen sich vor allem auf die qualitative Analyse von Erfahrungsberichten und Anekdoten, die ihm mehrheitlich von Menschen, die sein Essay gelesen und sich damit identifiziert haben, zugeschickt wurden. Er selbst weist auf die Selbstselektion und die Informationslücken hin, die mit einer solchen Vorgehensweise einhergehen, und tatsächlich eignet sich sein Buch eher als Impulsgeber für wichtige Diskussionen denn als wirklich belastbare Bestandaufnahme. Doch auch wenn Graeber überall 100% überzeugend argumentiert, handelt es sich um ein wichtiges Buch voller Ideen und Beobachtungen, die zum Nachdenken anregen.


Fazit

David Graebers „Bullshit Jobs“ mag vielleicht keinen wissenschaftlichen Standards genügen, aber ist ein leidenschaftlicher, zugänglicher Impulsgeber für eine wichtige Debatte.


Pro und Contra

+ unterhaltsam, leicht verständlich und humorvoll
+ spannende und plausible Theorien
+ wichtiges, aktuelles Thema
+ offener Umgang mit den Schwächen der zugrundeliegenden Untersuchung

o emotional, großes Narrativ

- stützt sich sehr stark auf anekdotische Evidenz

Wertung:

Lesespaß: 5/5
Informationsgehalt: 4/5
Aktualität:5/5
Verständlichkeit: 5/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, der 06. März 2019
 

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