Sonntag, 15. Dezember 2019

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Niemalswelt (Marisha Pessl)
Geschrieben von Almut
Samstag, der 20. April 2019

pessl niemalswelt

Carlsen Verlag, 2019
Originaltitel: Neverworld Wake (2018)
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
Gebunden, 382 Seiten
€ 18,00 [D] | € 18,50 [A] | CHF 28,90
ISBN 978-3-551-58400-7

Genre: Mystery


Rezension

Damals, an der Darrow-Harker School, waren die Ich-Erzählerin Beatrice Bee Hartley und ihre fünf Freunde Jim Mason, Kipling St. John, Whitley Lansing, Cannon Beecham und Martha Ziegler eine Clique, ein Geheimbund, beneidet von den Mitschülern. Sie fühlten sich wie eine Familie, bis Jim, Beatrices Freund und kreatives Hirn der Gruppe, unter mysteriösen Umständen zu Tode kam. War es ein Unfall, Mord oder Suizid? Seitdem haben sie sich nicht mehr gesehen. Bee leidet an Alpträumen. Nach ihrem ersten Jahr am College treffen sie sich wieder zu einer Party in Wincroft, dem Anwesen von Whitleys Eltern, auf dem sie früher einen großen Teil ihrer Zeit verbracht haben.

Bee fühlt sich unwohl, möchte eigentlich nur nach Hause. Dann haben sie einen Autounfall. Kurz darauf steht ein Fremder vor ihrer Tür, der sich Wächter nennt. Er erklärt ihnen, sie seien alle beinahe tot, eingesperrt in einem Raum zwischen Leben und Tod. In einer Welt, in der die Zeit einen Sprung habe, auf der Suche nach der Wahrheit. Und nur einer von ihnen werde den Aufenthalt in der Zeitschleife überleben. Der Fremde sucht sie noch einige Male auf und erinnert sie daran, wo sie sich befinden. Sie fühlen sich in einem Wettlauf gegen die Zeit in einer Zwischenwelt, Niemalswelt genannt. Alle elf Komma zwei Stunden geht es wieder von vorne los, die Uhr wird zurückgestellt. Bis sie sich einstimmig darauf einigen, wer überleben darf. Das Durchlaufen einer solchen Zeitschleife nennt sich Wache.

Die Prämisse weist einen Bezug zum Hollywood-Film Und täglich grüßt das Murmeltier von Harold Ramis (1993) auf, offensichtlich und im Roman ausdrücklich angesprochen. Jedoch ist Niemalswelt keine Komödie, ist inhaltlich Doug Limans Hollywood-Film Edge of Tomorrow (2014) ähnlicher, in dem Tom Cruise der Logik Leben-Sterben-Wiederholen (mit leichten Änderungen) folgt. Manche Leser werden sich erinnern an das Jugendbuch Solange wir lügen (2015) von E. Lockhart, andere an eine Grundsituation, die aus Mystery-Romanen von Agatha Christie bekannt ist.

Der Wächter beschreibt sich als Summe der fünf Leben der Teenager. Je eher sie akzeptieren, wo sie sind, desto eher werden sie dem entkommen – dies weist hin auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Lebenslügen. Nachdem das Setting bereitet ist, durchlaufen die Fünf etliche Zeitschleifen, wobei sie zu Beginn herauszufinden versuchen, wie sie aus der Niemalswelt entkommen. Pessl beschäftigt sich damit, wie unterschiedlich die Jugendlichen auf die Problemlage reagieren, bis sie sich zusammenschließen und an der Aufklärung der Todesumstände Jims arbeiten. Sie führt die physikalischen Grundlagen der Geschehnisse nicht aus, sondern beschreibt nur eine absurde Ausgangssituation. Stattdessen verortet sie ihre Handlung in einem popkulturellen Umfeld, das man sich anhand von Verweisen auf insbesondere Musik, Filme und Bücher erschließen kann.

In den letzten drei Minuten einer Wache müssen Sie abstimmen, wer überleben soll. “Die Entscheidung muss einstimmig sein, mit höchstens einer Gegenstimme.” Nun ja, da die Einstimmigkeit im Verlauf der Erzählung dominiert, sei dieses logische Problem vernachlässigt. Außerdem gerät der Aspekt der Einstimmigkeit am Ende etwas in Vergessenheit. Die Frage, wer von den fünf Freunden die Niemalswelt überlebt, wird schon dadurch beantwortet, dass Bee die Ich-Erzählerin ist. Zum Ende hin leiden alle Beteiligten unter einem Übermaß an Erklärungsfreude. Hier gibt es also keine Überraschungen. Das Verhältnis Bees zu Jim ist nicht eindeutig bestimmt. Bisweilen drückt Pessl ziemlich auf die Drüse und überschreitet die Melodramatik-Grenze.

Interessant ist Niemalswelt in den Momenten, in denen es um Fragen nach Wahrheit und Einbildung geht, um konstruierte Erinnerungen. Die Zeitschleifen verwendet Pessl auf unterhaltsame Weise für teils überraschende Wendungen. Während sie so die Geschichte voranbringt und die Leser mitnimmt, kann sie sich intensiver ihren Charakteren widmen. Sie taucht tief ein in die Gedankenwelt ihrer Figuren ein, die nicht ohne sie bestimmende stereotype Merkmale auskommen. Ungefähr das erste Drittel des Romans sind die Charaktere interessant, werden dann aber, teils wiederholungsbedingt, oberflächlich. Beobachtet man ihr Verhalten, stellt sich irgendwann die Frage, warum diese Leute solch enge Freunde werden konnten. Aber vielleicht haben sie sich alle verändert. Die Beschäftigung mit Jims Tod gelangt in das Zentrum der Erzählung etwa zur Mitte des Romans, ausgehend von Marthas Vortrag.

Eine Bemerkung zur deutschen Übertragung. Sie ist gelungen, wurde allerdings leicht bereinigt. Während wir lesen: “Hi, Bee. Verdammt lang her – wie gehts dir?”, steht im Original: “Too long. WTF. #notcool. Sorry. My Tourette’s again.“ Und während im Deutschen ein Komet wie ein Zeichen des Schicksals über den Nachthimmel fliegt, beschreibt das Original ihn als „hinting of fat“. Der „emphysema muffler“ wird als kaputter Auspuff übersetzt. Spätestens, seit Schleiermacher die beiden Pole einer Übersetzung beschrieb als Heranführung des Lesers an den Schriftsteller oder des Schriftstellers an den Leser, ist die Frage, was eine gute Übersetzung ausmacht, eine Methodenfrage, die zudem zeit(geist)abhängig ist. Obige Bemerkung ist deshalb nicht als Kritik an der deutschen Fassung beabsichtigt, sondern allein ein Hinweis auf den Übersetzungsstil.


Fazit

Marisha Pessl bringt in ihrem Jugendbuch Niemalswelt fünf Teenager in eine Grenzsituation, in der sie sich mit Lebenslügen auseinandersetzen müssen. Die Autorin verbindet Elemente des Übernatürlichen mit dem bewährten Motiv der Zeitschleife und einem Mysterium aus der Vergangenheit der Hauptfiguren zu einem atmosphärisch düsteren Thriller.


Pro und Kontra

+ Auseinandersetzung mit Lebenslügen
+ behandelt Jugendliche nicht wie Kinder
+ hübsche Buchgestaltung

- liest sich konstruiert und ein wenig leblos
- enthält kleinere logische Unsauberkeiten

Wertung:sterne3.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 3/5
Lesespaß: 3/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Samstag, der 20. April 2019
 

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