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In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang (Ryū Murakami)
Geschrieben von Almut
Freitag, der 26. April 2019

murakami inliebe2

Septime Verlag, 2019
Originaltitel: 半島を出よ/Hantō o Deyo (2005)
Übersetzt aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Gebunden, 500 Seiten
€ 26,00 [D] | € 26,00 [A] | CHF 39,90
ISBN 978-3-902711-80-9

Genre: Science Fiction, Dystopie


Rezension

Nordkoreanische Soldaten landen getarnt als Rebellen in der Hafenstadt Fukuoka. Die japanische Küstenwache und das Militär greifen nicht ein. Die politisch Verantwortlichen diskutieren, ob es sich um einen Akt der Aggression handelt, wie dieser durch ihr Eingreifen zum Krieg werden könnte, warum es besser sein könnte, gar nichts zu tun. Es folgen weitere Einheiten, neugierige Fischer werden getötet, das Stadion wird besetzt, Fukuoka ist vollständig in nordkoreanischer Hand. Die Verwaltung wird übernommen, die Polizei sieht zu. Bald darauf ist das Fernsehen unter Kontrolle der Invasoren.

Die Japaner fühlen sich gedemütigt, immerhin lässt die Regierung jetzt die Hafeneinfahrt blockieren. Die Untergrundbewegung Ishihara will das Hochhaushotel Sea Hawk in die Luft jagen, in dem die Koryos, wie sie die Eindringlinge nennen, untergebracht sind. Kommt es zur geplanten Invasion durch große nordkoreanische Truppenverbände? Wie sieht es aus mit der Entschlussunfähigkeit der japanischen Regierung oder dem Einfallsreichtum des Widerstandes?

In Liebe, Dein Vaterland. II: Der Untergang setzt Murakamis In Liebe, Dein Vaterland. I: Die Invasion fort. Auch der zweite Band enthält eine hilfreiche Personalübersicht. Manche Akteure aus Band 1 sind nicht mehr dabei, neue sind hinzugekommen. Die Handlung wechselt zwischen den Städten Fukuoka, Tokio und Pjöngjang sowie der Insel Sakito. Die Schwerpunkte wechseln ebenfalls, unter anderem von Geopolitik zu Passagen, die an Mangas erinnern, zu solchen, die Spionageromanen entnommen scheinen.

Murakami geht der Frage nach, wie das Leben unter einem nordkoreanischen Besatzungs-Regime aussehen könnte. Seine Perspektive auf Japan ist geprägt durch opportunistische Politiker und Bürokraten, ein schwaches Militär. Das Arbeitslosenheer und die vielen Obdachlosen, die den Roman bevölkern, gibt es mittlerweile und noch immer in Japan. Auch andere Inhalte lesen sich, als ginge es um die Gegenwart. Japans Einfluss in der asiatischen Region ist mit der ökonomischen Krise gesunken. 

In den 1990ern gab es noch den Handelskrieg, der sich begründete aus dem dramatischen Außenhandelsdefizit zu Lasten der USA. In der Folge wurde von einer Eiszeit gesprochen, als die Arbeitslosigkeit der 15-24jährigen fast doppelt so hoch wie die durchschnittliche Arbeitslosigkeit war (5,4%). Ein Jahr später wurde die Situation aber noch drastischer und die Arbeitslosigkeit stieg auf 6,9% an. Nun war von einer Super-Eiszeit (chóhyóga-ki) die Rede. (Heute ist die Situation ähnlich zwischen den USA und China.) Die aktuellen Probleme der USA führten zu einer Abwendung von Japan, die bei Murakami vollzogen ist.

Der Autor verdeutlicht, wie die Yakuza ihr kriminelles Milieu im Griff haben. Dies wird bereits im ersten Band am Beispiel einer Toilettenszene eindringlich durchgespielt. Die Gangster kümmern sich um die Obdachlosen im Ryokko-Park, natürlich unter Verwendung hierarchischer Beziehungen und mit den daran gebundenen Privilegien. Die Yakuza sind eng in das japanische Sozialsystem eingebunden. Auf ähnliche Weise wie die Yakuza können sich die Nordkoreaner eine Machtposition verschaffen: weil es kaum Widerstand gegen das gewalttätige und autoritäre Auftreten gibt. Eine zynische Alternative zum kollabierten Japan bietet der Führungsoffizier der Koryos. Er erzählt den Medien von den bevorstehenden Bauarbeiten für die Unterkünfte der erwarteten Truppen und von der damit einhergehenden wirtschaftlichen Neubelebung Fukuokas.

Ist Japan grundsätzlich kein Gegner für die nordkoreanischen Invasoren, so erweisen sich die durch das gesellschaftliche Raster gefallenen Außenseiter als harter Brocken. Diese haben es auf extreme Weise in sich. Der 17-jährige Toyohara hat mit 12 Jahren einen Zug entführt und den Schaffner getötet. Der 18-jährige Ando hat eine Mitschülerin ermordet und zerstückelt. Der 19-jährige Matsuyama hat mit 14 einen Fernsehsender gestürmt und zwei Menschen erschossen. Der 23-jährige Fukuda hat mit 15 einen Saunaclub in die Luft gejagt. Anführer der Gruppe ist der bekannte Dichter Ishihara. Die Ishihara-Gruppe ist offensichtlich ein Sammelbecken für gesellschaftliche Außenseiter. Der Einzelne sucht in dieser Gruppe Geborgenheit (amae) und will durch seine Zugehörigkeit das Ansehen der Gruppe steigern, weniger aus ihr herausragen. Innerhalb der Gruppe kann er sich persönlich entfalten.

Anders die Politiker, die nicht nur rückgratlos, sondern seltsam knochenlos wirken und nichts Besseres zu tun haben, als einen Sündenbock für ihr Versagen zu suchen. Auch eigenartig heutig ist die Szene, in der eine Gruppe Hausfrauen vor dem Hauptquartier aufläuft und dem Anführer der Einheit Blumen und Kekse schenkt, gleichsam als Willkommensgruß. Diese Besatzergroupies erinnern an Frauen, die sich bewundernd über Fumihiro Joyu, den 1962 in Fukuoka geborenen Pressesprecher der Aum-Sekte äußerten, nachdem der Giftanschlag auf die Tokioter U-Bahn am 20. März 1995 erfolgt war.

Die japanische Gesellschaft Murakamis ist geprägt durch Entwicklungen vor der Krise, ökonomischen Überfluss im Verbund mit Infantilisierung, nichts, was uns unbekannt wäre. Der Text liest sich wie die Analyse einer im Niedergang befindlichen Gesellschaft. Ein Nordkoreaner denkt einmal, die Japaner seien nicht an Gewalt gewöhnt. In seiner Vorstellung leben sie in einer Welt der weichen Papiertücher. Die Invasion durch die Nordkoreaner könnte so etwa als therapeutische Maßnahme gegen die Dekadenz gesehen werden.

Produkte, Menschen, Unternehmen, Gesellschaften, Nationen, alle folgen einem je eigenen Lebenszyklus, der allenfalls qualitativ prognostizierbar ist, auch wenn wir uns einbilden, das Geschehen in der Welt bis auf eine Nachkommastelle beeinflussen zu können. Aber wir konnten ja auch schon zu Zeiten des guten alten Plattenspielers Gleichlaufschwankungen bis zur vierten Nachkommastelle hören. Der zweite Teil macht deutlicher, dass es wesentlich um die Beziehung zwischen Ordnung und Unordnung geht. Ein schöner Roman über die Universalität menschlicher Erfahrungen von Unwohlsein und Hoffnung sowie die mangelhafte Einübung in das Leben.


Fazit

Ryū Murakami entwickelt in In Liebe, Dein Vaterland eine Alternativwelt, in der Japan nach dem Kollaps von Nordkorea angegriffen wird. Nur eine kleine Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter ist willens und in der Lage, sich den Aggressoren entgegenzustellen. Die Zukunft des Romans ist unsere Vergangenheit, vielleicht aber auch die Gegenwart in irgendeiner Parallelwelt. Ein ambitionierter dystopischer Text.


Pro und Kontra

+ klar ausgestaltete, multiple Konfliktlinien
+ politisch-satirische Erzählung über Verantwortung und Entscheidung in einer sich dramatisch wandelnden Welt

Wertung:sterne4.5

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


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Zuletzt aktualisiert: Freitag, der 26. April 2019
 

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