Dienstag, 15. Oktober 2019

Phantast (Download)

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Hallo Jeronimus :) Ich habe die dunkle Edition gehört. Ich meine zu wissen, dass sich die zwei Editionen ...

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Hey Sniffu, ich gebe dir absolut recht. Vielleicht hätte ich die Hörbuchfassung erwähnen sollen. ABER ...

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Mattia Pascal (Luigi Pirandello)
Geschrieben von Almut
Montag, der 20. Mai 2019

pirandello mattiapascal

Wagenbach, 2018
Originaltitel: Il fu Mattia Pascal (1904)
Übersetzt aus dem Italienischen von Piero Rismondo, überarbeitet von Michael Rössner
Taschenbuch, 286 Seiten
€ 14,90 [D] | € 15,40 [A] | CHF 17,90
ISBN 978-3-8031-2603-0

Genre: Belletristik


Rezension

Mattia Pascal aus Miragno ist viereinhalb Jahre, als sein Vater auf einer Geschäftsreise am Wechselfieber stirbt. Der Vater hinterlässt seiner Frau und den beiden Söhnen, Mattia und dem zwei Jahre älteren Roberto, ein erhebliches Vermögen in Form von Häusern und Ländereien. Die Mutter ist unfähig, das Erbe zu verwalten, und beauftragt damit Batta Malagna, der ihrem Mann zu Dank verpflichtet war, sie jedoch hintergeht. In ihrer Unfähigkeit und Gutmütigkeit bemerkt sie sein Treiben nicht.

Als die Jungs erwachsen sind, ist die Familie so gut wie pleite. Berto heiratet die Tochter eines Weinbergbesitzers aus Oneglia und zieht dorthin. Mattia muss eine Arbeit annehmen und bekommt über den Vater seines Freundes Gerolamo Pomino, genannt Mino, einen Posten in der Bibliothek Boccamazza in einer entweihten Kirche, als Mäusejäger oder Hüter verschimmelnder Bücher – genau weiß er es auch nicht. Er beginnt eine Affäre mit Oliva, der jungen Tochter eines Gutsverwalters, während sich sein Freund Mino in Malagnas Nichte Romilda verliebt. Als Malagna Witwer und dadurch reich wird, heiratet er Oliva. Er hofft auf ein Baby. Als es auf sich warten lässt, verführt er Romilda, um seine Zeugungsfähigkeit zu beweisen. Beide Frauen werden fast zeitgleich schwanger – von Mattia.

Mattia heiratet Romilda widerwillig und zieht zu ihr und der intriganten verhassten Schwiegermutter, der Witwe Marianna Pescatore. Das Paar bekommt Zwillingstöchter. Das erste Baby stirbt kurz nach der Geburt, das zweite nach knapp einem Jahr, zur gleichen Zeit stirbt Mattias Mutter. Berto schickt Mattia fünfhundert Lire für die Beerdigung, doch die Kosten hat Tante Scolastica bereits übernommen, die Schwester seines Vaters. Mattia flieht mit dem Geld vor der Schwiegermutter, den Gläubigern, der depressiven Ehefrau. Er will nach Amerika und bleibt in Monte Carlo hängen, wo er im Casino viel Geld gewinnt. Auf der Rückreise nach Miragno denkt er an das Elend, das ihn dort erwartet. Da liest er in einem Zeitungsartikel von seinem Selbstmord. In einem Wassergraben hat man eine verwesende Leiche gefunden, die als die von Mattia Pascal identifiziert wurde. Mattia Pascal beginnt ein neues Leben als Adriano Meis.

Menschliche Verhaltensweisen, Lebensumstände, persönliche Erfahrungen formen Mattias Schicksal. Mattia lebt zuerst in einer Ehehölle, dann in der Hölle Einsamkeit. Aus den Zumutungen der Wirklichkeit entflieht er in eine eigene Welt. Luigi Pirandello, geboren 1867 bei Girgenti/Agrigent auf Sizilien stammte aus reichem Hause, studierte Philologie in Palermo, Rom und Bonn, verliebte sich dort in eine Offizierstochter, entzog sich damit seiner ungeliebten Verlobten auf Sizilien und der Rache ihrer Familie. Unterstützt von der Familie lebte er in Rom als freier Schriftsteller, heiratete und bekam in rascher Folge drei Kinder. 1904 brach das väterliche Unternehmen zusammen, Pirandello musste seinen Unterhalt jetzt mit dem Schreiben und als Lehrer verdienen. Er litt unter der krankhaften Eifersucht seiner Frau, die 1919 in eine Heilanstalt eingewiesen wurde. Pirandellos erster Roman, Mattia Pascal, erschien 1904 und wurde ein größerer Erfolg.

Pirandellos Held Mattia Pascal ist nach seinem „Selbstmord“ frei, kann über sein Leben verfügen und erfindet sich neu, wie ein Autor die Figur seiner Geschichte. Er nennt sich nun Adriano Meis, legt sich eine Legende zu, fühlt sich anfangs zerrissen zwischen beiden Welten. Auch muss er feststellen, dass er nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Er kann sich keinen Hund zulegen, kein Haus kaufen, keine Freunde haben, einen Diebstahl nicht bei der Polizei anzeigen, nicht die Frau heiraten, in die er sich verliebt. Sein neues Leben basiert auf einer Lüge, er macht seinen Mitmenschen etwas vor, täuscht sie über seine Identität und seine Motive. Sein Leben ist ein Schattendasein. Es fühlt sich für ihn oft an wie der Tod.

Sobald sich ein Kontakt zu den Mitmenschen herstellt, beginnen die Täuschungsmanöver und sozialen Lügen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit erneut. Mattia täuscht auch als Adriano Meis Rücksichtnahme und Ehrbarkeit, Ehrlichkeit und Opferbereitschaft vor, um im Lebenskampf zu bestehen. Er ist kein schöner Mann, aber ein guter Erzähler. Das bewundern die Frauen. Das hilft, sich elegant aus brenzligen Situationen herauszuwieseln, sich schäbig der Verantwortung zu entziehen und dabei moralische Überlegenheit zu empfinden. Das Geschick, mit dem er sich seine Argumente zurechtbiegt, ist von großer Raffinesse.

Pirandello entlarvt den Menschen, der sich aufrichtig und moralisch gibt, tatsächlich aber eigennützig handelt oder sich lediglich an die gesellschaftlichen Konventionen anpasst, um kein Außenseiter zu sein. Dabei betrachtet er seine Figuren als Humorist. Ohne zu verurteilen beschreibt er die menschliche Schwäche, sich das Leben zu erleichtern, indem man zum Mittel der Lüge greift, andere und sich selbst belügt, um sich in ein besseres Licht zu rücken. Mattia Pascal ist Protagonist und Erzähler seiner eigenen „seltsamen“ Geschichte.

In der Rahmengeschichte erfahren wir von ihm, dass er seit zwei Jahren in der Bibliothek Boccamazza (schon wieder) arbeitet und der Kustos ihn anregt, seine Geschichte niederzuschreiben. Er ziert sich, ist dann aber unter bestimmten Prämissen bereit: kurz soll es sein, nur das notwendige enthalten, ehrlich soll es sein, auch wenn einiges ihm nicht zur Ehre gereicht. Logisch, dass der Text eines Bibliothekars einiges an literarischen Hinweisen enthält. Logisch, dass der Mensch ehrlich ist, bis er spricht.


Fazit

Luigi Pirandellos erster Roman Mattia Pascal markiert den Beginn der modernen italienischen Literatur. Die Geschichte folgt den Irrungen und Wirrungen eines Mannes, der sein altes Leben nicht mehr erträgt und sich neu erfindet, als Kunstfigur jedoch abermals ins Spannungsfeld zwischen eigenen Lebenserwartungen und fremden Ansprüchen gerät, bis er sich ein drittes Mal erneuert.


Pro und Kontra

+ eine phantastische Geschichte, intelligent, tiefgründig, zeitlos
+ klar und konzentriert erzählt, ohne Verzierungen und Abschweifungen
+ das Thema „Wer bin ich“ modern angegangen
+ seziert mit ironischem Grundton menschliche Schwächen, ohne sie zu verurteilen

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Rezension zu Einer nach dem anderen

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 20. Mai 2019
 

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