Freitag, 15. November 2019

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Die Geschichte der schweigenden Frauen (Bina Shah)
Geschrieben von Almut
Dienstag, der 02. Juli 2019

shah geschichte

Golkonda, 2019
Originaltitel: Before She Sleeps (2018)
Übersetzung von Annette Charpentier
Gebunden, 332 Seiten
ISBN 978-3-946503-94-1

Genre: Dystopie


Rezension

In Bina Shahs Die Geschichte der schweigenden Frauen hat Ende des 21. Jahrhunderts ein Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan die Weltbevölkerung dramatisch verringert. In Südwestasien entstand nach dem Krieg die Stadt Green City, ein neues regionales Machtzentrum. Eine hochwirksame Mutation des HPV-Virus führte zum Tod des Großteils der Frauen. Die überlebenden Frauen sind ein knapper Rohstoff für den Erhalt der Gesellschaft. Sie sind die „Mütter der neuen Nation“, werden zu Hoffnungsträgerinnen bestimmt und müssen polygam werden. Sie bekommen zwangsweise Fertilitäts-Cocktails verabreicht und drei bis sechs Ehemänner zugewiesen. Ihre einzige Aufgabe ist es, zum Wohle der Gesellschaft wie am Fließband Kinder in die Welt zu setzen, bis sie wegen Erschöpfung keinen Zweck mehr erfüllen und zum Ausschuss zählen.

Frauen, die dieser Ideologie abgeneigt sind, werden bestraft, bis hin zur physischen Eliminierung. Das „Handbuch für Bürgerinnen von Green City“ regelt alles bis ins Detail. Die Macht liegt vollständig bei Männern der Obrigkeit. Aber es ist einer Gruppe von Frauen gelungen, im Untergrund der Stadt die Panah zu schaffen, eine geheime Gemeinschaft, die sich weigert, Ehefrauen und Mütter zu werden. Ihr Überleben stellen die Frauen sicher, indem sie Männern der Obrigkeit die einzige Ware anbieten, die diese nicht kaufen können: ein Gefühl von Intimität. Sie sprechen mit ihnen, hören ihnen zu, sind bei ihnen, wenn sie einschlafen. Im Gegenzug schützen die Männer sie. Entscheidend für die Frauen in der Panah ist das Schmieden von Allianzen mit Männern. Sie sind also nicht unabhängig, nur weniger abhängig.

Lin, Leiterin der Panah und Nichte deren Gründerin, hat sich um die Hauptfigur Sabine gekümmert und sie in die Panah aufgenommen. Als Kind verlor Sabine ihre Mutter, sie leidet an Schlaflosigkeit. Joseph begehrt Sabine und versucht sie zu beeindrucken, sie kann ihn jedoch nicht ausstehen. Reuben Faro ist der wichtigste Mann in Green City. Er sorgt dafür, dass die Frauen sich an die Vorschriften halten. Lin hat eine Beziehung mit ihm. Als Sabine ins Krankenhaus kommt, bittet Lin Reuben um Hilfe. Ein freundlicher Arzt hält Sabine am Leben. Aber mit zunehmender Verweildauer in der Klinik wird ihre Lage und die der Panah kritischer.

Mit dem Rückgang von Frauen und dem wachsenden quantitativen Verhältnis von Männern zu Frauen adressiert Shah implizit eine reale Politik, die in manchen Ländern zur Abtreibung weiblicher Föten oder zum Aussetzen weiblicher Babys führt. Nicht nur dies setzt ihr Buch in einen engen Zusammenhang mit Maggie Shen Kings An Excess Male (2017), dessen realer Ausgangspunkt die chinesische Ein-Kind-Politik und deren Folgen ist. Das wichtigste Politikziel der Herrschenden in Die Geschichte der schweigenden Frauen ist das Bevölkerungswachstum, das wichtigste Politikinstrument der weibliche Körper.

Viele Charaktere Shahs sind Opfer sexuellen Missbrauchs. Ihre Figuren wollen jedoch nicht definiert werden über ihre Traumata, sondern sie versuchen die Kontrolle über ihr Leben zu bekommen. Frauen der Panah können Datenbanken hacken, weshalb Sabines illegaler Aufenthalt in der Klinik verdeckt werden kann. Bewegen sich die Frauen im öffentlichen Raum, bestäuben sie sich mit Goldstaub. Dieser macht sie für die DNA-Sicherheitsscanner unsichtbar. Sie nutzen zudem autonome Fahrzeuge, die aus der Panah heraus kontrollierbar sind.

Der Roman besteht aus drei Teilen, die mit den Überschriften Unrast, Rebellion und Aufruhr die Entwicklungsdynamik anzeigen. Jedes Kapitel wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Hauptfigur Sabine hat den höchsten Erzählanteil. Andere Personen ergänzen oder relativieren Sabines Erzählung und erlauben eine andere Einschätzung. Der phantastische Weltenbau ist durchwachsen. Soweit es um gesellschaftspolitische Regeln und um technische Zusammenhänge geht, ist alles sehr knapp gehalten. Green City hat Roboter, die im Dienstleistungsbereich arbeiten, darunter Portier-Bots und Chauffeur-Bots. Die DNA-Sicherheitsscanner und Hologramm-Nummernschilder gehören zu den technologischen Errungenschaften des Kontrollsystems. Die Fertilitätstechnologie beschränkt sich augenscheinlich auf einen Cocktail.

Die Geschichte der schweigenden Frauen reiht sich in eine Veröffentlichungswelle feministischer Dystopien ein, deren Ausgangspunkt konkrete Entwicklungen der letzten Jahre in westlichen Industrienationen, insbesondere den USA, sind. Die bekanntesten Beiträge dieser Welle stammen von Naomi Alderman (The Power, 2017/Die Gabe, 2018), Leni Zumas (Red Clocks, 2018), Christina Dalcher (Vox, 2018/Vox, 2018), Idra Novey (Those Who Knew, 2018), Joyce Carol Oates (Hazards of Time Travel, 2018), Louise Erdrich (Future Home of the Living God, 2017/Der Gott am Ende der Straße, 2019) und Joanne Ramos (The Farm, 2019).

Shahs Roman nimmt eine nicht-westliche Perspektive ein, die in ihrem säkularen Setting religiösen Einflüssen keinen Raum bietet. Auch sind ihre Frauen ungewöhnlich für westliche Leserinnen, weil sie nicht kämpferisch und auf spezifische Weise selbstbewusst sind, sondern aus einem Regime der Unterdrückung in ein noch schlimmeres gelangen. Bina Shah zeigt Pakistan als ein repressives Patriarchat, in dem Frauen Menschen zweiter Klasse sind. Sie haben nicht die Rechte, die in den westlichen Dystopien beseitigt werden.


Fazit

Frauen rebellieren gegen eine patriarchale Gesellschaft, die sie auf den Status von Gebärmaschinen herabsetzt. Wenige Frauen bilden eine Schutzzone im Untergrund – Ausdruck der Weigerung, Teil von etwas zu sein, das für sie grauenhaft ist. Die Frauen in dieser Zukunftsgesellschaft haben kaum mehr Fertigkeiten, als in der Haushalts- und Schwangerschaftsführung benötigt werden. Shahs dystopische Parabel auf die Gegenwart ist mehr Soap als Science Fiction.


Pro und Kontra

+ nicht-westliche Perspektive
+ sexistische Humane Papillomviren

o am Ende hängen einige Erzählstränge in der Luft

- unterschiedliche Erzählstimmen klingen gleich
- oberflächliche Zukunftsarchitektur

Wertung:sterne3.5

Handlung: 3,5/5
Charaktere: 3,5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 02. Juli 2019
 

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