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Theresa Hannig (25.07.2019)
Geschrieben von Judith
Donnerstag, der 25. Juli 2019

Interview mit Theresa Hannig

theresa hannig 2019Literatopia: Hallo, Theresa! Unser letztes Interview im PHANTAST ist schon eine Weile her. Mit „Die Optimierer“ warst Du ziemlich viel unterwegs – wie war es, die Reaktionen der Leser live zu erleben? Welche Worte zu Deinem Roman sind Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Theresa Hannig: Ich habe hauptsächlich an Schulen in der 10. Jahrgangsstufe gelesen. Das läuft dann so, dass ich erst eine Stunde lese und danach mit den Schüler*innen eine Stunde über Automatisierung, KI, Bedingungsloses Grundeinkommen und alle möglichen anderen Themen, die in dem Roman vorkommen, diskutiere. Den Schwerpunkt bestimmen die Jugendlichen mit ihren Fragen. Meist sind sie beim Thema Datenschutz ziemlich gut informiert.

Aber der soziale Druck und der (gefühlte) Mangel an sicheren Alternativen führen dazu, dass sie am Ende doch alle die gleichen Apps und Dienste der Softwareriesen nutzen, die dabei so viele Daten wie möglich abzapfen. Die meisten fühlen sich klein in Anbetracht der Übermacht der Konzerne und meinen, sie könnten sowieso nichts daran ändern. Ich versuche ihnen dann zu vermitteln, dass sie selbst die Zukunft in der Hand haben und mit ihrem zukünftigen Konsumverhalten und ihren politischen Entscheidungen die Richtung weisen können. Da geht dann oft ein Raunen durchs Publikum.

Bei älterem Publikum (in Bibliotheken oder VHS) ist der Versicherungstarif „85 gute Jahre“ häufig das Thema. Die Grübeln über ihre Zukunft in so einer Gesellschaft und einige finden eine Selbstmordpille wie Aeterdormol gar nicht schlecht!

Besonders witzig fand ich, dass in manchen Büros, in denen mehrere Kollegen den Roman gelesen haben der Spruch „Jeder an seinem Platz“ das „Guten Morgen“ abgelöst hat. Erstaunlich!

Immer wieder werde ich auch gefragt, ob „Die Optimierer“ denn eine Utopie oder eine Dystopie sei. Ich sage dann, dass es an der Möglichkeit der Entscheidung des Einzelnen hängt. Wenn ich mich für Optimierung, Digitalisierung, etc. entscheiden darf, ist alles gut. Wenn ich vom Staat in eine Position gezwungen werde, lehne ich es ab.

Literatopia: Einerseits setzen sich vor allem junge Leute für den Datenschutz ein, andererseits nutzen sie am häufigsten – wie Du sagst aus Mangel an Alternativen – Apps, die regelrechte Datenkraken sind. Jüngstes Beispiel ist die Faceapp. Wie wird sich das in Zukunft entwickeln? Und haben wir unsere Privatsphäre nicht schon aufgegeben?

Theresa Hannig: Privatheit ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Im Art. 10 GG wird das Briefgeheimnis garantiert und 1983 hat das Bundesverfassungsgericht dem "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" als ein vom Grundgesetz geschütztes Gut definiert. Es ist also nicht wenig, was es zu verteidigen gilt. Ich glaube aber, dass die Zeit vorbei ist, in der wir uns als Privatpersonen darum kümmern und darum kämpfen können, dass diese Privatheit von den Konzernen geachtet und geschützt wird. Solange die Unternehmen genau mit diesen sensiblen Daten das meiste Geld verdienen, wird Datenschutz und Privatsphäre immer weniger wert sein. Deshalb muss eine politische Lösung her. Wir müssen die Rechte der Bürger gegenüber den Interessen der Konzerne strikt abgrenzen und schützen. Deshalb ermuntere ich alle dazu, bei den nächsten Wahlen im Kopf zu behalten, welche Parteien bzw. Abgeordneten zuvor für die Rechte der Bürger und welche für die Interessen der Konzerne abgestimmt haben und dementsprechend die eigene Wahlentscheidung zu treffen. Nur so kann ein sinnvoller Datenschutz in Zukunft realisiert werden.

Literatopia: „Die Optimierer“ wurde sogar als Theaterstück umgesetzt. Wie hast Du den Premierenabend erlebt? Und wurden Deine Optimierer auf der Bühne gut getroffen?

Theresa Hannig: Am 1.6.19 hatte „Die Optimierer“ im Societaetstheater in Dresden Premiere und es war absolut großartig! Nicola Bremer hat den Roman für die Bühne bearbeitet und inszeniert. Ich war total begeistert, wurde von der Welt der Schauspieler eingesaugt, einmal durch die Mangel gedreht und völlig fertig wieder ausgespuckt. Bisher habe ich die Geschichte ja nur von innen heraus erlebt und es war eine ganz neue Erfahrung, alles aus der Perspektive und der Interpretationen eines anderen Menschen zu erleben. Einerseits war alles sehr bekannt, andererseits aber auch so neu und unerwartet, dass ich gestaunt habe! Das Stück wird im Herbst noch ein paar Mal aufgeführt und ich kann es wirklich sehr empfehlen!

Literatopia: Kürzlich ist die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“ erschienen – was erwartet die Leser diesmal? Welche neuen Schwerpunkte setzt Du?

Theresa Hannig: Auf der einen Seite führt „Die Unvollkommenen“ die Geschichte von „Die Optimierer“ fort. Die Handlung spielt 5 Jahre nach dem Ende des ersten Romans. Hauptperson ist diesmal Lila, die man schon aus dem ersten Teil als Anführerin der Widerstandsgruppe „Revolutionsgarden“ kennt. Auch andere Charaktere aus dem ersten Band tauchen mit größeren oder kleineren Rollen wieder auf. Grundsätzlich ist „Die Unvollkommenen“ aber ein eigenständiger Roman, der auch thematisch ganz anders gelagert ist. Es geht nicht so sehr um die gesellschaftlichen Aspekte der Überwachung, sondern um die individuellen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Was macht das Leben noch lebenswert, wenn alles optimiert ist? Wie viel Fremdbestimmung lasse ich zu, um mir das perfekte Leben zu erkaufen? Und welchen Sinn hat ein Leben oder gar ein Leben nach dem Tod noch, wenn wir alle Perfektion bis zum Ende durchdenken. Und letztendlich: was macht uns menschlich?

Literatopia: Was für ein Mensch ist Deine Protagonistin Lila – insbesondere im Vergleich zu Samson aus „Die Optimierer“?

Theresa Hannig: Lila ist eine impulsive, selbstbewusste Frau. Sie hat einen festen moralischen Kompass, der aber durch das System aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Samson hat daran geglaubt, dass die Optimalwohlökonomie die größte Errungenschaft für unsere Gesellschaft ist. Lila hingegen hat einen kleineren, persönlicheren Fokus: Das Glück und die persönliche Verwirklichung können nur allein und nicht durch die Gesellschaft erreicht werden.

Literatopia: In „Die Optimierer“ sind die Grünen an der Macht – aktuell legt die Partei tatsächlich kräftig zu. Was hältst Du davon? Entwickelt sich da was in Richtung Deines Romans?

Theresa Hannig: Die Grünen in meinem Roman werden ziemlich schnell von den Optimierern überrollt und haben danach nichts mehr zu sagen. Ich hoffe, dass das bei uns anders läuft! Ich freue mich sehr darüber, dass grüne Themen endlich ernstgenommen werden, aber ich glaube, dass wir noch viel mehr tun müssen, als sich die Meisten im Augenblick eingestehen wollen. Aller Voraussicht nach wird es nicht ausreichen hier ein bisschen Benzin zu sparen und da einen fleischfreien Tag einzulegen. Wir müssen unser Leben radikal ändern. Dazu gehört für mich eine Abkehr vom Kapitalismus und von der Anspruchshaltung, jederzeit und überall alle Produkte der Welt im Überfluss zur Verfügung zu haben. Wir betreiben Raubbau an unserm Planeten, der unsere einzige Lebensgrundlage ist. Im Grunde ist unser Verhalten unfassbar dumm. Kohleausstieg bis 2038? Wir müssen JETZT handeln. Wenn ich mir die aktuellen Berichte der schmelzenden Gletscher in der Antarktis angucke, befürchte ich, dass alles schon zu spät sein könnte. Deshalb sollte jeder von uns SOFORT alles in seiner Kraft stehende tun, um die Umwelt zu schützen. Und wir sollten die Dinge beim Namen nennen: Natur- und Klimaschutz sind eigentlich Menschenschutz. Denn die Erde kann ziemlich gut ohne uns existieren. Wir aber nicht ohne sie.

Literatopia: Im März begann das Drama um die von Dir initiierte Liste deutschsprachiger SF-Autorinnen auf Wikipedia. Wie ist der Stand der Dinge? Und hat Dich diese Erfahrung eher abgeschreckt oder dazu ermutigt, noch mehr für die Sichtbarkeit von Autorinnen zu tun?

Theresa Hannig: Während wir dieses Interview führen geht das Projekt #wikifueralle, das sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen und nicht-binären Menschen in der Wikipedia einsetzt in die zweite Runde. Vor zwei Wochen wurde der Artikel des „Nornennetz - Netzwerk für Fantastik-Autorinnen“ wegen mangelnder Relevanz zur Löschung vorgeschlagen. Nachdem eine Woche lang nur wenig Widerspruch kam, wurde der Artikel am 20. Juli gelöscht. Als ich davon erfahren habe, habe ich sofort auf Twitter dazu aufgerufen, sich an der Löschprüfungsdiskussion zu beteiligen. In dieser Diskussion tauchte dann ein alter Bekannter aus der Anfangszeit von #wikifueralle auf: Wolfgang Rieger. Das ist der Nutzer, der seinerzeit auch meine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen wegen angeblicher Irrelevanz löschen wollte. Er echauffierte sich darüber, dass ich mal wieder Leute für die Wikipedia begeistern wollte und rief indirekt dazu auf, die gerade neu erstellte Seite des Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) e.V. zu löschen. Keine halbe Stunde später wurde der erste Löschantrag von einer anonymen IP gestellt. Es scheint so zu sein, als ob dieser Löschantrag in gewisser Weise ein Racheakt mir gegenüber war, weil ich auch Mitglied bei PAN bin und PAN daher (zumindest in den Augen des Löschantragstellers) keine Relevanz besitzt.

Kurioserweise werde ich auch in dieser Löschdiskussion immer wieder erwähnt und für verschiedene missliebige Kommentare andere User verantwortlich gemacht. Immer wieder wird mir auch der Vorwurf gemacht, dass ich diese Löschdiskussion als persönliche Werbe-Veranstaltung nutze. Und das alles, obwohl ich mit der Sache ursächlich überhaupt nichts zu tun habe!

Erfreulicherweise sieht es im Augenblick so aus, als würde der Wikipedia-Artikel über PAN doch bestehen bleiben, denn die Relevanz konnte mehrfach zweifellos nachgewiesen werden. Bei den Nornen sieht es leider nicht so gut aus. Ich weiß nicht, ob sie demnächst einen neuen Versuch starten werden und den Wikipedia-Artikel neu schreiben. Der Gegenwind ist schon heftig. Man muss viel Zeit investieren und sich ein dickes Fell zulegen, wenn man in der deutschsprachigen Wikipedia bestehen will.

Ich lasse mich von der ganzen Situation aber nicht einschüchtern, im Gegenteil. Die „alten weißen Männer“ in der Wikipedia (ich nenne das absichtlich jetzt so polemisch, obwohl ich hinzufügen möchte, dass es auch sehr coole und sehr feministische alte weiße Männer gibt), die gegen #wikifueralle agieren, sind sich offenbar gar nicht bewusst, dass gerade ihr Widerstand uns zu mehr Aufmerksamkeit und mehr Unterstützung verhilft. Ich habe mir diesen Kampf nicht ausgesucht, aber ich nehme ihn gerne an und engagiere mich weiterhin!
Im Juni war ich in Berlin auf dem von der Wikimedia Deutschland organisierten Tag des Freien Wissens und habe dort über #wikifueralle und die meiner Meinung nach in der deutsche Wikipedia existierenden Probleme in der Community-Kultur gesprochen (Von der Podiumsdiskussion gibt es ein YouTube Video).
Ende August bin ich noch einmal zum 18. Wikipedianischen Salon in Berlin und werde mit Wikipedianer*innen und Wikimedianer*innen darüber diskutieren, wie wir mehr Frauen und nicht-binäre Menschen in die Wikipedia-Community hineinbekommen und weniger nicht-männer-relevante Themen aus der Wikipedia rauslöschen.

Außerdem war ich vor kurzen in einer Sendung des Bayerischen Rundfunks zum Thema Sprache - wie wir sie und sie uns verändert . Dort habe ich mit Josef Kraus, dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, über geschlechtergerechte Sprache diskutiert. Kraus war einer der Mitinitiatoren des vom Verein Deutsche Sprache organisierten Aufrufs „Schluss mit Gender Unfug“, der so ziemlich das Gegenteil von dem fordert, was wir mit #wikifueralle möchten. Die Diskussion ging etwas eine Stunde – leider ist davon in der Sendung nur ein kleiner Teil zu sehen. Aber ich habe schon das Gefühl, dass ich auch Herrn Kraus davon überzeugen konnte, dass geschlechtergerechte Sprache nicht hässlich und nicht zerstörerisch für die deutsche Sprache sein muss, sondern durchaus elegant formuliert werden kann.

Literatopia: In den letzten Monaten gibt es im Netz allgemein viele Diskussionen zum Thema Patriachat, Diversity und Gleichberechtigung – könntest Du Dir vorstellen, in einem Deiner nächsten Romane ein Matriarchat als Gesellschaftsform zu wählen? Und wäre das dann eine Utopie oder eine Dystopie?

Theresa Hannig: Ein Matriarchat wäre für mich eine Dystopie. Ich mag freiheitliche, pluralistische Gesellschaften, in der alle Menschen gleiche Rechte und Chancen haben. Tatsächlich arbeite ich gerade an einer Utopie! Darüber kann ich aber leider im Augenblick noch gar nichts verraten, außer: es wird natürlich wieder sehr politisch!

Literatopia: Was kann man als Autor*in heutzutage alles tun, um Aufmerksamkeit für das eigene Werk zu generieren? Und bringt es wirklich was, auf den Social Media aktiv zu sein?

Theresa Hannig: Das ist sehr schwierig zu verallgemeinern. Bei all den Stimmen, die in den Sozialen Medien sprechen, ist es schwierig, Gehör zu finden, wenn man einfach nur PR machen will. Wenn man aber etwas zu sagen hat, was über die reine Werbung hinausgeht und sich politisch oder gesellschaftlich engagiert, dann findet man Gehör. Dann ergeben sich neue Netzwerke und neue Kooperationsprojekte ganz organisch. Ich habe in den letzten zwei Jahren sehr viele interessante Leute über Social Media kennengelernt, denen ich im normalen Leben (vor allem da ich als Autorin die meiste Zeit vor dem Computer verbringe) gar nicht begegnet wäre.

Literatopia: Welches Buch, das Du in den letzten Monaten gelesen hast, hat Dich besonders beeindruckt?

Theresa Hannig: „Utopien für Realisten“ von Rutger Bregman! Bitte lest euch das alle durch! Es ist toll, es ist visionär und dabei gar nicht so neu. Und es macht Hoffnung!

Literatopia: Wird es einen dritten Roman über die Optimalwohlökonomie geben? Oder arbeitest Du bereits an etwas ganz anderem?

Theresa Hannig: Mich haben schon mehrere Leser*innen gefragt, ob/wann/wie es mit den Optimierern und den Unvollkommenen weitergeht. Ursprünglich war nichts geplant, denn eigentlich beendet der zweite Roman alles… aber ich will nicht ausschließen, dass ich in ein paar Jahren noch einmal etwas aus der Optimalwohlökonomie erzähle.

Vor Kurzen habe ich ein Manuskript fertiggestellt, das hoffentlich 2020 erscheinen wird. Das ist aber etwas ganz anderes, noch nicht einmal Science-Fiction. Dann schreibe ich im Augenblick an der oben erwähnten Utopie. Außerdem habe ich noch ein paar andere Projekte, die im Laufe des nächsten Halbjahres hoffentlich konkreter werden.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Theresa Hannig: Vielen Dank an dich!


Autorenfoto: (c) privat

Autorenhomepage: theresahannig.de

Rezension zu "Die Optimierer"

Interview mit Theresa Hannig in PHANTAST #18 "Macht"


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, der 25. Juli 2019
 

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