Montag, 21. Oktober 2019

Phantast (Download)

Neueste Kommentare

Sehr interessant
Ich habe eine frage zu dem Buch die sabrina hat die eigendlich denn max von der strasse geschupst ...

Weiterlesen...

Ich bin begeistert von Ihren Arbeiten als Kabarettists und Autor. Immer weiter so.
Hallo Jeronimus :) Ich habe die dunkle Edition gehört. Ich meine zu wissen, dass sich die zwei Editionen ...

Weiterlesen...

Hey Sniffu, ich gebe dir absolut recht. Vielleicht hätte ich die Hörbuchfassung erwähnen sollen. ABER ...

Weiterlesen...

Friday Black (Nana Kwame Adjei-Brenyah)
Geschrieben von Almut
Donnerstag, der 29. August 2019

adjei friday

Quercus Books, 23.10.2018
Broschiert, 352 Seiten
978-1-328-91124-7 (USA), 978-1-78747-599-1 (UK)

Genre: Belletristik


Inhalt

The Finkelstein 5 | Things My Mother Said | The Era | Lark Street | The Hospital Where | Zimmer Land | Friday Black | The Lion & the Spider | Light Spitter | How to Sell a Jacket as Told by IceKing | In Retail | Through the Flash


Rezension

Nana Kwame Adjei-Brenyah veröffentlichte im Jahr 2018 sein Debüt, den Erzählungsband Friday Black. Im gleichen Jahr zählte die National Book Foundation ihn zu den „5 under 35 Authors“. Der damit einhergehende Preis, etabliert 2006, ist eine Auszeichnung für junge Debütanten, deren Buch einen bleibenden Eindruck in der Literaturlandschaft verspricht. Vorgeschlagen wurde Adjei-Brenyah von Colson Whitehead.

Friday Black ist eine erstaunliche Sammlung von Kurzgeschichten. Die Perspektive ist männlich, randsituiert, düster und herausfordernd. Die erste Story, The Finkelstein 5, handelt von dem jungen Emmanuel, der seine blackness auf einer Punkteskala von 0 bis 10 einordnet, in Abhängigkeit von der konkreten Alltagslage, in der er sich jeweils befindet. Er weiß, dass er für ein Bewerbungsgespräch mit Hilfe einer auf bestimmte Weise codierten Kleidung, Krawatte, Anzug, mit an den Seiten ruhig gehaltenen Armen, seine blackness auf ungefähr 4,2 heruntersetzen könnte. Hingegen wären mit einem schwarzen Hoodie, Snapback Cap, Cargohose und Space Jams nur solide 7,6 realisierbar.

Der Mord an unschuldigen afroamerikanischen Kindern durch einen Weißen, George Dunn, verstört Emmanuel umso mehr, als die Verteidigung des Mörders vor Gericht versucht, die Tat zu rechtfertigen: Abwenden einer Bedrohung aus Liebe zu Dunns kleinen Kindern. Eine Liebe, die sich darin äußert, dass er Amerika mehr liebt als seine Kinder, aber seine Kinder mehr liebt als das Gesetz. Die U.S.-Justiz als ein System, das eine groteske Entwicklung genommen hat, dargeboten in einer Geschichte, die so ähnlich auch in der TV-Serie Boston Legal zu sehen gewesen sein könnte.

Things My Mother Said ist ein zwei Seiten kurzer Text, der davon erzählt, wie eine Mutter, die den ganzen Tag über in der Bibel zu lesen scheint, sich bemüht, ihrem Kind Nahrung auf den Tisch zu bringen, obwohl ihr dazu die nötigen Mittel fehlen. The Era spielt in einem Umfeld, in dem die Menschen genetisch optimierte und sozial konditionierte Stoffwechselmaschinen sind. Sie verfügen über abnehmende Fähigkeiten und Fertigkeiten und befinden sich dadurch in einer zunehmend problematischen Lage.

In Lark Street hat eine Frau die Föten ihrer Zwillinge abgetrieben. Am nächsten Tag erscheinen diese Föten dem Freund der Frau. Sie heißen Jackie und Jamie, nennen ihn Dad, Pops und Daddy, werfen ihm vor, schwach zu sein, sind alptraumhafte Konkretisierungen seiner Ablehnung der Abtreibung. Sie wollen von ihrem Vater Antworten. In Zimmer Land kann man in einem Vergnügungspark seine pervertierten Vorstellungen von Gerechtigkeit für Geld in Gewaltsimulationen ausleben.

Die Titelgeschichte heißt Friday Black und spielt an einem Black Friday. Ein Verkäufer erlebt, wie ein reißender Fluss von Menschen, die angesichts der Möglichkeit, sich ein wenig Glückseligkeit günstig anzuschaffen, in Raserei über die Ufer tritt. How to Sell a Jacket as Told by IceKing und In Retail sind Storys, die in einem vergleichbaren Umfeld spielen.

In Light Spitter wird der von seinen Mitschülern Fuckton genannte Mörder einer jungen Frau von deren Geist dazu gebracht, gemeinsam einen anderen Jungen, der ständig gemobbt wird, an einem Massaker zu hindern. In Through the Flash lesen wir das Geständnis einer Frau, die sich in einer Endlosschleife des Grauens befindet und ihre Angst verinnerlicht, mit dem Ergebnis, dass sie keine Angst mehr vor äußeren Dingen hat, dafür aber umso mehr vor ihrem Inneren.

Adjei-Brenyah arbeitet mit dem Stilmittel der Übertreibung, entwickelt groteske Vorstellungen, die weniger grotesk zum Teil längst Eingang in den Alltag gefunden haben, aber irgendwie sozial akzeptiert scheinen. Sozialkritik, Kapitalismuskritik, Rassismus, Amokläufe an Schulen und andere Gewaltakte bestimmen die Erzählungen. Sie greifen teils mittlerweile klischierte Vorstellungen auf, werden dabei aber selbst nicht Klischee.

Der Autor übt auf eine Weise Kritik an den heutigen USA, die sich bisweilen problemlos auf andere geografische Bereiche übertragen lässt. Dabei verallgemeinert er nicht, sondern belässt die Probleme immer in seinen Figuren. Er schafft Mitgefühl für die Marginalisierten, was zugleich wünschenswert ist und zu einem fragwürdigen Gestus der Mitfühlenden werden kann, wie er schön zeigt. Viele der Stories erzählen von frustrierten Männern, die verzweifelt versuchen, in ihrem Leben zurande zu kommen. Sie sind soziale Randfiguren, die einen Rucksack voller Probleme tragen und diesen nicht abnehmen können. Adjei-Brenyah kreiert einfallsreich streng abgezirkelte Existenzräume, Räume psychischer wie sozialer Desintegration, in denen ständig irgendwer oder irgendetwas kurz vor der Explosion steht.

Die Gewalt, die die Geschichtensammlung durchzieht, ist systemischer Natur. Sie wird ausgeübt von Menschen, die Macht über andere, seien es Angeklagte oder Kinder, haben, oder von Menschen, die sich vorübergehend Macht kaufen müssen, um sie ohne Konsequenzen für sich ausüben zu können. Sie äußert sich gegen Kinder, Frauen, Schwarze, Arbeitnehmer in prekären Jobs. Zum Teil wird diese Gewalt mit, zum Teil ohne Herrschaft ausgeübt, und sie betrifft die Gesellschaft als Ganzes. Es werden Ausgrenzungsdiskurse sichtbar, die mit Abwertungen von Subjekten einhergehen. Die Texte sind allesamt etwas anderes als moralische Erzählungen.


Fazit

Nana Kwame Adjei-Brenyah zeigt in seiner brillanten Erzählungssammlung Friday Black alltägliche und zugleich grotesk überzeichnete Möglichkeiten auf, wie Menschen einer kaputten Welt begegnen – laut, verzweifelt, gewalttätig, sich aufbäumend, gleichgültig. Egal wie, das eine Verhalten ist ebenso gültig wie das andere, keines trägt wirklich etwas zur Veränderung bei, alles löst sich im Rauschen auf. Auch das große Thema der dysfunktionalen Familie durchzieht die Geschichten. Ein Buch über den Abgrund, der nicht zurückschaut, weil die Schauenden sich bereits darin befinden. Leider nicht in deutscher Übersetzung erhältlich.


Pro und Kontra

+ kraftvolle und innovative Erzählungen

Wertung:sterne5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, der 29. August 2019
 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren