Montag, 09. Dezember 2019

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Perdido Street Station (China Miéville)
Geschrieben von Swantje
Montag, der 23. September 2019

Heyne (März 2014)
Originaltitel: Perdido Street Station
Übersetzerin: Eva Bauche-Eppers
Taschenbuch
850 Seiten, 15,99 EUR
ISBN: 978-3-453-31539-6

Genre: Fantasy, Steam Fantasy

Gelesen wurde die englischsprachige Originalausgabe


Klappentext

Eine Stadt, eine Welt für sich, ein Moloch: Das ist New Crobuzon, bevölkert von Milliarden Menschen und Mutanten, unterjocht von einem strengen Regime und angefüllt mit den ungezählten Sehnsüchten, Ängsten, Problemen und Kämpfen seiner Bewohner. Als eines Tages ein seltsames Wesen den geheimen Laboren der Stadt entflieht, ahnt niemand, dass dies der Untergang New Crobuzons sein könnte. Auch Isaac Dan dar Grimnebulin ahnt die Gefahr nicht, als er dem Wesen begegnet …


Rezension

Der Schauplatz von „Perdido Street Station“, New Crobuzon, ist eine dieser Fantasy-Metropolen, die sich Lesenden ins Gedächtnis schreiben, und der Autor ist sich dessen sehr bewusst. Auch wenn es eindeutig Hauptfiguren gibt, „zoomt“ der Erzähler immer wieder heraus, zeigt, was anderswo geschieht, und liefert eindrucksvolle Panoramen einer industrialisierten Stadt voller fantastischer Wesen und okkulter Wissenschaft. Die Mehrheit der Bewohner New Crobuzons sind Menschen, aber es gibt auch Khepri, die Insektenköpfe auf humanoiden Körpern haben, die froschartigen Vodyanoi mit ihrer Wassermagie oder geflügelte Garuda.

Hin und wieder hält die Handlung kurz inne. Dann erfahren die Lesenden mehr über die Geschichte der nicht-menschlichen Minderheiten in der Stadt, oder sehen in einem großen Kameraschwenk, was an vielen Orten geschieht. New Crobuzon ist eine Stadt, in der es brodelt: Unzufriedene Arbeiter fordern mit Streiks faire Löhne (was ziemlich eindrucksvoll sind, da es sich bei den Streikenden um Vodyanoi handelt, die kurzerhand den Fluss unterbrechen) und illegale Zeitungen prangern an, dass sich das Wahlrecht auf einige wenige beschränkt. Auf der anderen Seite stehen das Parlament mit seinen Verbindungen in die Unterwelt der Stadt, die Miliz, die überall ihre Agent*innen hat und willkürlich Verhaftungen vornehmen kann, und die Drohung des „Remaking“ – Personen, die wegen eines Verbrechens verurteilt wurden, werden durch Transplantationen von Gliedmaßen oder Maschinenteilen auf entstellende Weise verändert.

In dieser Stadt führen der Wissenschaftler Isaac und die Khepri-Künstlerin Lin eine liebevolle, aber nicht konfliktfreie Beziehung, welche die meisten Menschen als einen Skandal empfinden würden. Während Lin einen sehr gefährlichen Kunden gewinnt, erhält auch Isaac einen ungewöhnlichen Auftrag: Ein verstümmelter Garuda braucht seine Hilfe, um wieder fliegen zu können. Die beiden stürzen sich in ihre jeweilige Arbeit. Doch ohne es zu wollen, sind sie im Zentrum, als Wesen befreit werden, gegen die Menschen keine Verteidigung haben. Plötzlich haben sie mächtige Feinde. Sie bekommen es auch mit Wesen zu tun, die nicht feindselig, aber auf ihre Weise womöglich noch gefährlicher als ihre eigentlichen Gegner sind, und erfahren mehr und mehr über die Geheimnisse der Stadt. Langsam begreift Isaac, dass es an ihm und seinen Gefährten – dem flügellosen Garuda Yagharek, der Journalistin Derkhan und dem zwielichtigen Lemuel – ist, New Crobuzon zu retten.

„Perdido Street Station“ beginnt langsam. Ein Viertel des Buches dient dazu, die Welt und die Figuren einzuführen und den großen Konflikt vorzubereiten. Dennoch wird es an keiner Stelle langweilig. Die Figuren wirken real, ihre Beziehungen überzeugend und vielschichtig. In der zweiten Hälfte des Buches dagegen rast die Handlung voran. Die Charaktere sind mit großen Gefahren, Verlusten und moralischen Dilemmata ohne einfachen Ausweg konfrontiert. Einige Handlungsstränge enden nicht hundertprozentig befriedigend, andere hingegen schon. Früh erwähnte Details ergeben später Sinn. Hier und da erscheint das Buch ein klein wenig überfrachtet. Deus-ex-Machina-Momente werden von solchen ausgeglichen, in denen der Zufall auch mal gegen die Hauptfiguren arbeitet.

Die Erzählweise, bei der Erzählen in der dritten Person nahe an einer der Hauptfiguren zu etwas wechselt, dass näher an allwissendem Erzählen dran ist, und die gelegentlich auch von Einschüben in der ersten Person unterbrochen ist, ist gut gewählt, um das gewaltige Panorama einer Stadt in der Krise entstehen zu lassen, zugleich aber auch Figuren zu beleuchten, die bei all den Besonderheiten ihrer Lebensumstände sehr menschlich wirken. Lin und die würdevolle, politisch engagierte Derkhan sind die sympathischsten Figuren. Isaac weckt ambivalentere Gefühle, aber ist, was deutlich wichtiger ist, eine überzeugende, plastische und kompetente Figur mit klaren Zielen.

Alle zentralen Figuren haben mehrere Seiten und Interessen, und kleine Details machen sie glaubwürdiger. Lin hat ihren Ehrgeiz als Künstlerin, aber arbeitet immer noch daran, ihre Vergangenheit und ihre komplizierte Beziehung zu den Khepri-Communities New Crobuzons zu verarbeiten, und ihre Beziehung von Isaac ist ebenso davon verkompliziert, dass sie ein Interspezies-Paar sind, wie davon, dass sie beide die Welt zu vergessen, wenn sie sich in Projekte versenken. Isaac ist stolz darauf, als Yagharek, ihm, der immer damit gerungen hat, wissenschaftliche Konzepte gut verständlich zu präsentieren, bei einer Erklärung gut folgen kann. Es gibt auch einige sehr markante Nebenfiguren, die teils einfach wegen ihrer extravaganten Fähigkeiten und ihres Erscheinungsbilds herausstechen, aber oft auch erahnen lassen, dass sie ihre ganz eigenen spannenden Geschichten mit sich herumtragen.


Fazit

„Perdido Street Station“ verbindet das überwältigende Panorama einer düsteren, faszinierenden Fantasystadt voller origineller Kreaturen mit einem actionreichen Plot und überzeugenden Charakteren. Ein ungewöhnlicher, innovativer Roman, der eindrucksvolle Bilder entstehen lässt.


Pro und Contra

+ originelle Ideen
+ New Crobuzon wirkt gleichzeitig völlig abgedreht und realistisch
+ überzeugend geschilderte Figuren und Beziehungen
+ gekonntes Foreshadowing
+ überraschende Wendungen

o langsamer Start
o teilweise ziemlich düster und brutal

- etwas zu vollgestopft mit Charakteren und Nebenhandlungen
- ein sehr cooler Charakter verschwindet für den Großteil des Buches von der Bühne

Wertung:

Handlung: 4/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5

Zuletzt aktualisiert: Montag, der 23. September 2019
 

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