Sonntag, 05. Juli 2020

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Boris Koch (25.02.2020)
Geschrieben von Judith
Dienstag, der 25. Februar 2020

Interview mit Boris Koch

boris koch20201Literatopia: Hallo, Boris! Pünktlich zur Leipziger Buchmesse erscheint im März Dein neuer Roman „Dornenthron“ – was erwartet die Leser?

Boris Koch: Mir fiel es schon immer schwer, meine Romane kurz zusammenzufassen, weil ich immer auch über irgendwelche Details und Nebenfiguren reden will, und davon gibt es hier genug, aber ich versuche es einfach mal ...

In einer Fantasywelt, die ebenso von Märchen inspiriert ist wie vom untergegangenen Rom (aber nicht christlich, sondern polytheistisch), ist vor Jahrhunderten das Kaiserreich in dreizehn Königreiche zerbrochen, und im anschließenden dunklen Jahrhundert ging auch ein Großteil der Kultur verloren. Nun herrscht in Lathien, einem der dreizehn Königreiche, der tyrannische Tiban, und als der Regen ausbleibt und eine Dürre droht, treibt die Angst vor dem Hunger einfache Menschen dazu, Räuber oder Wilderer zu werden. Und die Männer des Königs greifen hart durch.

Vor diesem Hintergrund beschließt Ukalion, der Bastard des Königs, auf ein altes Märchen zu vertrauen, und den Vater, der ihn nie akzeptiert hat, zu stürzen. So weit, so einfach zusammenzufassen. Doch zugleich wird ein Mädchen auf der anderen Seite des Wilden Walds von ihrem Vater im Spiel an einen Großbauern verloren und der kleine Junge der ehemaligen Duftfinderin Tyra wird im benachbarten Königreich von jemandem entführt, der ein Hexer oder etwas noch Schlimmeres zu sein scheint. Und dann gibt es da noch den Narren, der sein Pferd Trottel getauft hat, und dessen grobe Späße bei einer Hinrichtung in Lathiens Hauptstadt unerwartete Folgen haben ...

All das fügt sich zu einer Geschichte zusammen, die erwachsener und düsterer als der „Drachenflüsterer“ ist, wenn man einen meiner bisherigen Romane als Vergleich bemühen mag.

Literatopia: Was ist Dein Protagonist Ukalion für ein Mensch? Und wie will er schaffen, seinen Vater vom Thron zu stürzen?

Boris Koch: Ukalion ist ein junger Mann und Bastard des Königs Tiban, der ihn jedoch nicht anerkannt hat. Er lebt bei seiner Mutter, die einen Müller geheiratet hat, der Ukalion ebenfalls nicht als Sohn angenommen hat, ihn jedoch als Gehilfen in seiner Mühle beschäftigt. Dort lernt Ukalion hart zu arbeiten und viel zu erdulden. Zudem setzt er sich für andere ein, indem er den Menschen in seinem Dorf durch eine Art „juristischen Trick“ es ermöglicht zu wildern.

Vom Thron stürzen will er seinen Vater, indem er selbst zum Kaiser wird. Doch dafür muss er in die gewaltige Ruinenstadt Ycena, die noch immer von alter Hexerei verseucht sein soll, und wo laut eines Märchens die Tochter des letzten Kaisers schlafend im dornenüberwucherten Palast auf Rettung wartet. Ukalion ist verzweifelt und vielleicht auch naiv genug, darauf zu setzen, dass genug Wahrheit in dem alten Märchen steckt.

Literatopia: Tyra war einmal Duftfinderin – was genau können wir uns darunter vorstellen?

Boris Koch: Tyra verfügte einst über einen außergewöhnlichen Geruchssinn, weit ausgeprägter als jeder Mensch, vergleichbar vielleicht mit Hunden. Zudem hatte sie ein Talent, Düfte zu kombinieren, sodass sie für einen einflussreichen Händler die Welt bereiste, um ungewöhnliche, seltene, neue Düfte zu finden, was ein ebenso gefährliches wie relativ unabhängiges Leben war. Ihre Eltern waren wenig begeistert davon, auch wenn Tyras Abenteuer ihnen ein besseres Leben ermöglichte.

Aber als Tyra Mutter wurde, verlor sie überraschend diesen Geruchssinn, was mancher Priester sofort als Strafe Gottes auslegte, weil das Kind unehelich war und Tyra nicht so der gehorsame Typ Frau. Weder Tyra noch der Händler teilten diese Einschätzung, doch mit dem Kind und ohne ihren Geruchssinn ließ Tyra das Abenteuerleben hinter sich und arbeitete in einem Parfümgeschäft im berühmten Hafen der Handelsstadt Myrthago. Bis ihr Junge entführt wird und sie ihr altes Schwert wieder herausholt, um ihn zurückzuholen ...

Literatopia: „Dornenthron“ ist offensichtlich von „Dornröschen“ inspiriert. Was gefällt Dir an dem Märchen? Und welche anderen Märchen haben Deine Kindheit geprägt?

Boris Koch: Was mir gefällt und was mich inspiriert, das sind nicht immer dieselben Dinge ... Oft ist das, was mich irritiert, ärgert oder gar wütend macht, ebenso Inspiration zum Schreiben, und bei „Dornröschen“ lässt sich beides beobachten. Die undurchdringliche Hecke voller Dornen, in der tote, gescheiterte Recken hängen, ist natürlich eine beeindruckende Vorstellung, das war es schon, als ich als Kind noch selbst auf Abenteuersuche durch Hecken gekrochen bin.

Inspiration war tatsächlich vor allem die Frage, was mit dem Königreich geschieht, wenn der ganze Palast schläft. Es ist ja nicht nur die Königstochter, die in einen hundertjährigen Schlaf sinkt, auch ihre Eltern und alle Bewohner des Schlosses, sprich: das politische Zentrum des gesamten Reichs. Wer beansprucht als Erster den verlassenen Thron? Wie reagieren die Untertanen? Fallen Nachbarreiche ein, um das Land zu erobern? Wann erlischt der Herrschaftsanspruch der Schlafenden? Das alles war Ausgangspunkt meiner Überlegungen zum „Dornenthron“.

Prägende Märchen in dem Sinn gab es in meiner Kindheit nicht, ich habe Märchen an sich gemocht, wie wohl fast jedes Kind. Ich habe viele unterschiedliche gern gelesen oder mir vorlesen lassen, ohne ein besonderes Lieblingsmärchen zu haben. Von „Zwerg Nase“ habe ich eine Fassung in der Augsburger Puppenkiste gesehen, die hat mir unheimlich Spaß gemacht, daran erinnere ich mich noch. Auch mochte ich die Sammlung „Die schöne Rora“ mit Märchen aus Rumänien und Siebenbürgen, und in meinem „Die schönsten Märchen aus aller Welt“ hat mich die Illustration eines großen, flügellosen Drachens begeistert. Das Bild habe ich bis heute vor Augen, an das Märchen erinnere ich mich leider nicht mehr, aber - ich habe schnell nachgesehen - es war „Die drei Freier“ aus Indien. Das dürfte aber eher zum „Drachenflüsterer“ beigetragen haben als zum „Dornenthron“ - obwohl sich im „Dornenthron“ letztlich mehr Märchen als „Dornröschen“ verstecken …

die schoene und die biesterLiteratopia: Ebenfalls im März erscheint der Comic „Die Schöne und die Biester“ basierend auf Deiner Kurzgeschichte „Krieg den Tauben“. Worum geht’s? Und wie nah ist der Comic an Deiner Story?

Boris Koch: Im Unterschied zum „Dornenthron“ ist der Comic leichter zusammenzufassen und weit weniger ernst - obwohl ich dem Humor natürlich keinesfalls seine Ernsthaftigkeit absprechen mag ...

Grob geht es darum, dass eine betrunkene Fee dem äußerst starken und willensstarken König Siegbart prophezeit, eines Tages wird eine Taube seinem Sohn dreimal auf den Kopf kacken, und dann wird der die Macht an sich reißen. Daraufhin setzt der König ein Kopfgeld auf die Tauben (die „Biester“) aus, Taubenjäger werden reich, die Steuern erhöht und Rebellen zu Taubenzüchtern. Als dieser abstruse Krieg gegen die Tauben beginnt, wird einem Bäckerpaar eine Tochter (die „Schöne“) geboren, die, obwohl sie schön ist und später stark umworben wird, doch lieber etwas Nützliches tun will als einfach verheiratet zu werden. Und so wird sie in den Krieg gegen die Tauben hineingezogen ...

Der Comic ist im Prinzip sehr nah an der Kurzgeschichte dran, auch wenn sich viele Details natürlich unterscheiden, da Comic und Prosa ganz unterschiedliche Möglichkeiten bieten, etwas zu erzählen. Nur zum Schluss haben wir dank der Zeichnerin Frauke Berger noch eine mehrseitige Extra-Schleife mit der Handlung gedreht, weil sich das visuell und inhaltlich einfach angeboten hat. Die Story ist so tatsächlich noch etwas runder geworden, und Frauke hat da auch einige meiner Lieblingsbilder gezeichnet. Überhaupt hat mich ihre Umsetzung einfach nur glücklich gemacht, jede neue Seite zu sehen war ein Vergnügen. Und ganz zum Schluss haben wir noch eine Kleinigkeit draufgesetzt, weil es sich angeboten hat ...

Zu guter Letzt hat der Comic auch noch ein längeres Nachwort, in dem der Hofdichter aus der Geschichte Frauke und mir diverse Vorwürfe macht, was das Urheberrecht der Geschichte anbelangt, und dies mit Skizzen ausführlich belegt, was mir echt viel Spaß gemacht hat. Ein solches Spiel mit den Wirklichkeitsebenen lässt sich natürlich bei einer Anthologieveröffentlichung nicht machen, aber hier ging das prima.

Literatopia: Wie ist die Zusammenarbeit mit Frauke Berger entstanden? Hast Du jemanden für die Comicadaption gesucht?

Boris Koch: Nicht zwingend für diese Adaption, aber ich hatte schon lange Lust, ein Comicalbum zu machen, doch diverse Projekte sind aus unterschiedlichen Gründen im Sand verlaufen. Als ich vor zwei Jahren Dirk Schulz und Horst Gotta auf der Leipziger Buchmesse am Stand ihres Splitter-Verlags besucht habe (ohne irgendwelche Hintergedanken, wir kennen uns seit bald 20 Jahren), habe ich dort Frauke Berger kennengelernt, deren Zeichnungen in GRÜN mich richtig begeistert haben. Wir haben geredet, uns gut verstanden, und Frauke konnte sich vorstellen, auch mit einem Autor zusammenzuarbeiten.

Also haben wir im Anschluss an die Messe Texte und Skizzen ausgetauscht und überlegt, was wir tun könnten, und Frauke ist dabei irgendwie sehr schnell an der Kurzgeschichte „Krieg den Tauben“ hängengeblieben. Sie hat ihren Stil aus GRÜN passend zum Märchen variiert und die Figuren gezeichnet, und plötzlich waren wir mittendrin im Arbeiten.

Literatopia: Wenn man auf Deiner Homepage auf den Link zu Deinem Kleinverlag Medusenblut klickt, kommt eine leere Seite – was ist auf Deinem kleinen Verlag geworden?

boris koch2020Boris Koch: Liegt – um beim Märchen-Schwerpunkt dieses Interviews zu bleiben – im Dornröschenschlaf …

Nein, im Ernst, ich war in den letzten zwei Jahren einfach zu oft krank. Nichts Wildes, aber hier eine Grippe, da eine Erkältung, dann dies und das, wieder und wieder, und da blieb neben dem Schreiben einfach zu wenig Zeit für Nebenprojekte wie Medusenblut oder auch meinen Youtube-Kanal. Bei den Domains von Medusenblut und dem StirnhirnhinterZimmer kam erschwerend hinzu, dass im Zuge der Datenschutz-Geschichte mein damaliger Provider ganz aufgehört hat. Ich bin also mit den Seiten umgezogen, wollte sie aber auch ganz neu machen, weil die alten völlig veraltet waren und auch nicht fürs Smartphone gemacht.

Das hängt jetzt und wartet darauf, dass ich meinen aktuellen Roman beende, denn dann ist hoffentlich endlich wieder etwas Luft, um das anzugehen.

Literatopia: Deine Partnerin, Kathleen Weise, ist ebenfalls Autorin. Gebt Ihr Euch gegenseitig Feedback während dem Schreiben?

Boris Koch: Während des Schreibens selbst eher selten (es sei denn in bestimmten kleinen Szenen), weil wir uns gegenseitig ja nicht aus dem Rhythmus bringen wollen. Aber manchmal reden wir in der „Exposé-Phase“ und bei der Ideenfindung über die Bücher. Und natürlich reden wir während des Schreibens auch über die jeweiligen Projekte, oder lesen dem anderen ein paar Sätze vor, wenn wir gerade Lust dazu haben und denken, das könnte dem anderen gefallen, aber nicht, um Feedback zu holen.

Die fertigen Manuskripte des jeweils anderen lesen wir natürlich, in den meisten Fällen auch jeweils als Erster, und da geben wir uns ausführlich Feedback. Und da ist es eben wichtig, zuvor nicht schon zu viel zu wissen, denn falls man das Buch schon häppchenweise in der Rohfassung gelesen hat, trübt dieses Vorwissen das Urteil, ob der Spannungsaufbau stimmt, ob Andeutungen zu verstehen sind, ob die Figuren glaubwürdig agieren. Wenn ich Kathleen beispielsweise eine Figur schon erklärt habe, dann weiß sie zu viel, um diese unvoreingenommen zu erleben, so wie es der Leser später tut. Das macht das Feedback dann schwieriger.

Mindestens so entscheidend sind aber die Gespräche, die wir allgemein über das Schreiben führen, über das, was in der Branche los ist, über das, was wir lesen, und das, was uns im Kopf umgeht. So haben wir über die Jahre hinweg viel voneinander gelernt, ganz unabhängig von dem konkreten Feedback zu bestimmten Szenen.

Literatopia: Welcher Roman hat Dich zuletzt so richtig begeistert?

Boris Koch: Zuletzt war es wahrscheinlich „Der dunkle Turm“ von Stephen King, was genau genommen acht Bücher sind, aber sie haben mich vor allem in ihrer Gesamtheit begeistert. Ein ganz eigenständiger Weltenbau, mehrere Genres durcheinander, mal eben eine Rückblende von 500 Seiten einfügen, ein freies, ausuferndes Erzählen, wie ich es selten in solcher Perfektion gelesen habe.

John Irvings Erzählweise ist da vielleicht vergleichbar, aber sein „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ habe ich – wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht – kurz vor dem Turm gelesen, also nicht zuletzt ...

drachenfluesterer arknonLiteratopia: Du bist inzwischen auch auf Instagram. Sind Social Media heutzutage ein Muss für Autor*innen?

Boris Koch: Ich glaube, das einzige wirkliche Muss für Autoren ist es, möglichst gute Bücher zu schreiben …

Und es gibt ja Kollegen, die ohne Social Media auskommen, und ich nutze sie privat auch quasi nicht, aber nachdem sich viele Menschen inzwischen über Social Media informieren und nur selten die News-Sektion deiner Domain besuchen, dachte ich, ich sollte vielleicht auch etwas machen. Instagram war dann am spannendsten, weil es eben über das Bild funktioniert, was ich ja beim Schreiben selbst sonst eher nicht habe. Aber das macht Spaß, und ich hoffe, ich finde demnächst Zeit, da noch ein paar Dinge auszuprobieren. Außerdem scheint es mir auch das soziale Medium zu sein, das am entspanntesten ist, und das kommt mir entgegen …

Literatopia: Mit „Sabotage“ und „Der Schattenlehrling“ hast Du früher auch Science Fiction geschrieben. Kannst Du Dir vorstellen, demnächst wieder einen SF-Roman zu schreiben?

Boris Koch: Momentan überlasse ich die SF familienintern doch eher Kathleen …

Nein, im Ernst, ich habe zwei, drei Ideen für SF-Romane, aber die sind noch sehr unausgereift, und ob daraus irgendwann richtige Geschichten werden, ob sie tatsächlich einen ganzen Roman tragen, weiß ich noch nicht. Darüber hinaus habe ich noch ungefähr ein Dutzend Romanideen unterschiedlichster Art, die ich wirklich gern schreiben würde.

Aktuell stelle ich gerade ein eher humoriges und phantastisches Jugendbuch fertig, das im Herbstprogramm bei Thienemann erscheinen soll. Dann steht die Fortsetzung zu „Dornenthron“ an, also wieder eher düstere Fantasy für Erwachsene. Was dann geschieht, weiß ich noch nicht, das werde ich ganz in Ruhe demnächst überlegen.

Von daher gibt es auf keinen Fall ein grundsätzliches „Nein“ zur SF, ganz sicher nicht, aber ein „demnächst“ kann ich wohl eher ausschließen.

Literatopia: Vielen Dank für das Interview!

Boris Koch: Danke für dein Interesse!


Autorenfotos: Copyright by Boris Koch

Autorenhomepage: www.boriskoch.de 

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Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, der 25. Februar 2020
 

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