Sameena Jehanzeb (07.05.2020)

Interview mit Sameena Jehanzeb

Literatopia: Hallo Sameena, möchtest du ein bisschen über dein aktuelles Buch „Was Preema nicht weiß?“ erzählen? Worum geht es?

Sameena Jehanzeb: Direkt die schwierigste Frage zuerst. Ich bin so schlecht darin, meine eigenen Geschichten kurz und knapp zusammenzufassen, aber ich versuche es mal: Es ist das Jahr 2036, als die Welt untergeht. Preema erwacht ohne Erinnerungen an ihr vorheriges Leben an einem surrealen Ort. Anhand ihres unregelmäßig wiederkehrenden Gedächtnisses muss sie die Puzzleteile ihrer Existenz langsam zusammensetzen, um herauszufinden, was mit der Welt passiert ist und wer sie selbst ist. Rückblicke auf ihr Leben und mysteriöse bis unheimliche Vorfälle in ihrer neuen Umgebung wechseln sich mit Erinnerungsfetzen aus ihrer Vergangenheit ab und offenbaren nach und nach, was geschehen ist.

Das Buch ist ein surrealer Mix aus Gegenwartsroman, Science-Fiction und einer Prise Fantasy.

Literatopia: Du hast, wenn ich mich richtig erinnere, auch auf Twitter mehrfach erwähnt, dass du ein Fan ungewöhnlicher Genre-Kombinationen bist – was würdest du in der Hinsicht noch gerne ausprobieren?

Sameena Jehanzeb: Meistens mache ich das unbewusst während des Schreibens. Es fängt immer mit dem guten Vorsatz an, in EINEM Genre zu schreiben und dann kommt von irgendwoher eine Idee, die jetzt aber eher für ein anderes Genre typisch wäre. So richtig planend gehe ich an diese Vermischung also gar nicht ran, das passiert einfach. Auf die Frage habe ich daher keine konkrete Antwort. Ich weiß vorher selbst nicht, in welche Richtung sich die Geschichten entwickeln. Es startet normalerweise mit Fantasy oder Science-Fiction als Basis.

Literatopia: Wie hast du Lesen und Schreiben für dich entdeckt? Gab es Schlüsselmomente?

Sameena Jehanzeb: Schlüsselmomente … nicht so richtig. Das fing schon als Kind an. Als ich in die Schule kam und das ABC kennenlernte, war es um mich geschehen. Lesen war für mich von dem Moment an, da ich die ersten Worte bilden konnte, eine der größten Entdeckungen meines Lebens. Und ich habe einfach alles gelesen, was mir vor die Augen kam: Werbeplakate während der Autofahrt, Märchenbücher, die mir früher vorgelesen werden mussten und alle Schulbücher von vorne bis hinten, lange bevor die einzelnen Kapitel für den Unterricht relevant wurden. Mit dem Schreiben eigener Geschichten hat es bewusst erst in der vierten oder fünften Klasse angefangen. Da bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob es nicht schon früher losging, weil ich schon immer Geschichten im Kopf hatte und sie mit imaginären Freunden durchgespielt habe, bevor ich flüssig schreiben konnte.

Literatopia: Da du gerade Märchen erwähnst: Du hast auch schon Märchenmotive in Büchern/Kurzgeschichten aufgegriffen. Welche neuen Twists hast du diesen vertrauten Geschichten verpasst?

Sameena Jehanzeb: Das ist unterschiedlich. In "Brïn" habe ich einzelne Elemente aus "Schneewittchen" wie eine Art reales Ereignis benutzt, das erst auf dem magielosen Terra/der Erde zum Märchen wurde, weil man sich hier sprechende Spiegel nicht anders erklären kann. Auf Brïn dagegen kommunizieren die Menschen jeden Tag über ein magisches Spiegelnetzwerk miteinander. Da habe ich so getan, als ob unser Märchen einen realen Ursprung in einer Welt hat, die sich vor uns verborgen hält.

Bei "Winterhof" habe ich das Märchen der Scheekönigin nicht neu erzählt, sondern eher weitererzählt. Ida ist eine Nachfolgerin von Andersens Schneekönigin. Ich bin mir nicht sicher, wie ich den Twist hier beschreiben könnte oder ob es den wirklich gibt. Ungewöhnlich ist vielleicht, dass "Winterhof" wirklich düster und teilweise emotional brutal ist und nicht darauf abzielt, die Leser:innen in romantische Sphären zu entführen, was bei sehr vielen Adaptionen ja der Fall ist. Das ist ein Schauermärchen, kein Wohlfühlmärchen und es gibt Leser:innen, die das einfach nicht mehr erwarten (und auch nicht alle gut finden). Ich krame gerne in der ursprünglichen Intention von Märchen herum, die ja deutlich bitterer war als das, was vor allem Disney daraus gemacht hat.

Den deutlichsten Twist habe ich vermutlich mit "Shahrazad und das Königreich der sieben Berge" gesetzt. Da verrät der Titel eigentlich schon, dass hier die Märchenwelten der Grimms auf den Mythos von Scheherazade trifft. Ob das nun Twist oder Marotte von mir ist, müssen andere entscheiden. Wie beim Genremix werfe ich auch bei Mythen und Legenden gerne Dinge zusammen, die eigentlich weit auseinander liegen.

Literatopia: Neben dem Schreiben betreibst du auch einen Buchblog. Wie beeinflusst der Fakt, dass du selbst schreibst, dein Verhältnis zum Rezensieren und umgekehrt?

Sameena Jehanzeb: Stark. Seit ich selber schreibe bzw. veröffentliche, habe ich herausgefunden, wie verletzend und herablassend unbedachte Äußerungen in Rezensionen auf die Autoren wirken können. Seither formuliere ich bei kritischen Anmerkungen immer sehr vorsichtig und versuche es so zu beschreiben, dass die Autoren meinen Standpunkt verstehen können, aber ihn nicht als Herabwürdigung oder pauschales Verurteilen ihrer Werke verstehen. Hinter den Geschichten stehen echte Menschen, die solche Äußerungen mitbekommen.

Das ist mir erst so richtig bewusst geworden, seit ich selber veröffentliche und mitunter Kommentare bekomme, für die ich spontan Ohrfeigen verteilen möchte. Die Regel "was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu", hat für mich einfach noch mehr Gewicht bekommen. Ich mag auch die Rants anderer nicht mehr lesen.

Deutschsprachige Autor:innen rezensiere ich außerdem nur noch selten, weil sonst bei guten Wertungen der Vorwurf folgt, ich würde das nur als Werbung/aus Gefälligkeit machen und bei negativen Rezensionen ist es dann der Vorwurf des Neids und Schlechtmachens der Konkurrenz (ich sehe andere Autor:innen nicht als Konkurrenten). Da habe ich jedenfalls inzwischen das Gefühl, ich kann es mit Rezensionen nur noch falsch machen und lasse es dann meistens sein.

Literatopia: Das kommt mir sehr bekannt vor.

Was sind Bücher, die dich in letzter Zeit beeindruckt haben? Und wovon würdest du gerne insgesamt mehr auf dem deutschen Buchmarkt sehen?

Sameena Jehanzeb: Das ist wieder eine schwierige Frage. Hm. Was mir zuletzt sehr gefallen hat, sind einmal die "Murderbot Diaries" von Martha Wells. Das ist einfach mal was anderes und ich mag diese sarkastisch-flapsige Art von Murderbot. "Das sechste Erwachen" von Mur Lafferty oder "Death of a clone" von Alex Thompson sind mir stark in Erinnerung, auch wenn ich die schon vor 2-3 Jahren gelesen habe. Das sind alles Geschichten, die mich überraschen konnten, wo ich nicht das Gefühl hatte, das habe ich schon hundert Mal in verschiedenen Ausführungen gehört. Auf dem deutschen Buchmarkt vermisse ich den Mut eigene Experimente zu wagen. Geschichten, die vom Mainstream abweichen. Solche Geschichten finden sich mittlerweile aber immer öfter im Indie-Bereich, abseits der Publikumsverlage.

"Nation Alpha" von Christin Thomas fällt mir da ein oder "Als das Leben mich aufgab" von Ney Sceatcher. Beides Geschichten, die ich als anders und teilweise mutig empfinde.

Allgemein taste ich mich bei heimischen Autoren aber erst langsam wieder heran, weil ich mich viele Jahre vom deutschen Buchmarkt abgekehrt hatte. Das habe ich unter anderem deswegen gemacht, weil ich mich von der Jugendbuch-Romantasy-Welle erschlagen fühle und weil es bei uns auch nicht viel gab, was menschliche Diversität widerspiegelt. Inzwischen weicht der Markt da etwas auf, aber das ist es wohl, was ich mir wünsche: mehr Diversität, mehr Own Voice.

Literatopia: Als Grafikdesignerin hast du eine Menge Buchcover gestaltet. Wie sieht dein Arbeitsprozess dabei aus? Und was muss ein gutes Cover deiner Meinung nach mitbringen?

Sameena Jehanzeb: Ich hole mir immer ein Briefing von den Autor:innen, kläre wichtige Eckpfeiler ab wie Farbgebung, Stimmung, Grundthema, wichtige Symbole, die als Eyecatcher dienen könnten. Danach fange ich meistens altmodisch mit einer Skizze mit Bleistift auf Papier an und wenn die Idee zu mir spricht, dann arbeite ich es soweit aus, dass die Kunden damit auch ohne eigene Vorstellungskraft etwas anfangen können. Gefällt ihnen die Idee, kommt die Reinzeichnung, da wird dann meist nur noch alles ordentlich ausgerichtet, unsaubere Stellen ausgemerzt und ggf. die finale Illustration ausgearbeitet. Je nach Genre unterscheidet sich der Arbeitsprozess etwas, das anfängliche Abtasten bleibt aber immer gleich. Was ein gutes Cover können muss: es muss plakativ sein und das Zeug haben aus der Masse herauszustechen. Dazu muss es nicht immer mächtig und voll sein. Oft sind die schlichten Designs die, die am meisten Aufmerksamkeit bekommen. Worauf ich persönlich viel Wert lege, ist die saubere Ausarbeitung und möglichst wenig bis gar kein Stockmaterial. Wenn ich schlecht freigestellte Elemente sehe, Farben, die nicht harmonieren, fehlende Zentrierung oder falsch zusammengesetzte Körperteile, die eine krude Anatomie zur Folge haben, drehen sich mir die Fußnägel hoch. Man kann als Grafiker:in natürlich nicht immer den eigenen Wünschen folgen und muss es oft so machen, wie es die Kund:innen eben wollen, aber es sind nur wenige wirklich beratungsresistent.

Literatopia: Kannst du ein bisschen was über deine aktuellen/geplanten Schreibprojekte verraten?

Sameena Jehanzeb: Sie wachsen schneller, als ich sie schreiben kann …

Was ich in jedem Fall geplant habe, ist eine Romanversion von "Shahrazad und das Königreich der sieben Berge". Seit ich im letzten Jahr die Kurzgeschichte für die Drachenmond-Anthologie geschrieben habe, sind mir dazu noch tausend Dinge eingefallen, die ich gerne erzählen oder ausarbeiten möchte. Das wird dann auch wieder sehr illustrationslastig wie bei "Winterhof". Daneben will ich auch unbedingt noch das Prequel zu Brïn schreiben, in dem es um die Erdwächterin Shi Kassia geht. Hier habe ich mich irgendwann aber sehr in dem Versuch verstrickt, die Geschichte an die rein lesbische Ausrichtung des Verlags anzupassen, was zu einem überfüllten Plot geführt hat, der einfach nicht funktionieren will. Da ich nun plane beim Selfpublishing zu bleiben, werde ich bei Kassia also nochmal ganz neu ansetzen und es dann hoffentlich so hinbekommen, wie ich es ursprünglich vor hatte.

Im Science-Fiction-Bereich keimt gerade auch eine neue Idee, die ist aber noch zu unausgereift um viel darüber sagen zu können.

Literatopia: Danke für das Interview!


Autorenfoto: Copyright by Juliana Socher, Chrononauts Photography

Sameena Jehanzebs Website

Autorinnen- & Rezensionsblog “Moyas Buchgewimmel”


Dieses Interview wurde von Swantje Niemann für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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