Sonntag, 05. Juli 2020

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martinez alice

M. Der Sohn des Jahrhunderts (Antonio Scurati)
Geschrieben von Almut
Donnerstag, der 11. Juni 2020

Scurati M

Klett-Cotta, 2020
Originaltitel: M. Il figlio del secolo (2018)
Übersetzung von Verena von Koskull
Gebunden, 830 Seiten
€ 32,00 [D] | € 32,90 [A] | CHF 43,90
ISBN 978-3-608-98567-2

Genre: Historischer Roman


Rezension

Der Medientheoretiker Antonio Scurati hat 2018 mit M. Il figlio del secolo den ersten Band seiner Trilogie über Benito Mussolini (29.07.1883-28.04.1945) veröffentlicht. Mussolini, Il Duce genannt, ist der Begründer des italienischen Faschismus. Scurati erzählt entlang einer Zeitlinie vom 23.03.1919 bis zum 03.01.1925. Mussolini schrieb 1915, der Krieg müsse den Italienern zeigen, was Italien ist. Während nach dem Ersten Weltkrieg Italien am Boden lag, die Regierung und die sie unterstützenden konservativen Kräfte das Land reaktionär umbauen wollten, schwebte Mussolini bereits 1915 ein anderes Italien vor, auf ein breites soziales Fundament gestellt, bestehend aus Mittelschicht und vom Sozialismus befreiter Arbeiterschaft.

Die ersten fünf Jahre des Weges in dieses neue Italien beschreibt der erste Band der Trilogie. Wir erfahren von Mussolinis Wirken als Journalist bis zur Gründung seiner eigenen Zeitung "Il Popolo d’Italia", seiner Entwicklung zum Politiker, seinen Liebschaften und seiner Familie, der Geburt des Faschismus aus den katastrophalen Wirren des frühen 20. Jahrhunderts. Zu den Kernstücken gehören die Schwarzhemden und ihre Gewaltakte, Mussolinis Verhältnis zum Nationalhelden Gabriele D’Annunzio, der Marsch auf Rom und der drohende Bürgerkrieg, die Mordserie an Antifaschisten, die Realisierung des neuen Wahlgesetzes 1923/24 und die ersten Konturen der faschistischen Zukunft, die Entführung und Ermordung des sozialistischen Oppositionsführers Giacomo Matteotti im Juni 1924. Schließlich der 31.12.1924, der Beginn der zweiten Revolutionsphase mit Erstickung der Opposition und Mussolinis beeindruckende Rede im Abgeordnetenhaus am 03.01.1925, angelegt als Selbstanklage, mit der er das Ende der Schonzeit einleitete.

Diese Kernstücke sind wie filmische Set Pieces, oder alternativ Folgen einer Fernsehserie, inszeniert. Scurati gibt ihnen viel Raum, während er anderes sehr kurz fasst. Er komprimiert die Zeitlinie, dehnt sie segmentweise und erzeugt über Zeitsprünge Auslassungen. Die Grenzlinie zwischen Fiktion und Historie ist sehr dünn. Scuratis Narrativ verbindet Fakten, Mutmaßungen und Emotionen. Einige Quellen werden am Ende des jeweiligen Abschnitts wiedergegeben, sind jedoch kein Beleg dafür, dass alles historisch akkurat ist. Das Quellmaterial wird ausgestaltet zu einer Art Doku-Fiktion mit opernhaften Anklängen und drastisch überzeichneten Gewaltdarstellungen. Kontrolliert wird das Narrativ von einem allwissenden Erzähler, der sich in jedem Kopf einer Person befindet, deren Name dem jeweiligen Abschnitt vorangestellt ist. Bisweilen kommen Äußerungen direkt aus dem Kopf einer der Figuren, bei Verlust erzählerischer Distanz.

Wochenlang befand sich Scuratis Roman auf den italienischen Bestsellerlisten. Aufgrund seines Erfolges soll M. Der Sohn des Jahrhunderts natürlich – wohl als Serie - verfilmt werden. Ebenso natürlich wird er kontrovers diskutiert. Die Befürworter betonen seine Notwendigkeit, weil er an den Faschismus erinnere, der langsam zu verblassen drohe. Die Gegner sehen genau darin das Problem. Ihnen zufolge ist die Vermarktung Mussolinis im 21. Jahrhundert, einschließlich neuer Aufbereitung und Verpackung, gefährlich, befinde sich Europa, Italien eingeschlossen, doch in einer politischen und gesellschaftlichen Rechtsbewegung.

Zwar wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass es Parallelen zwischen heutigen Politikern, autoritären oder populistischen, und Mussolini gibt, auch werbewirksam für diesen Roman. Erwähnt wird beispielsweise Matteo Salvini, italienischer Innenminister bis September 2019 und Föderaler Parteisekretär der Lega Nord, der gelegentlich Mussolini zitiert. Aber man sollte mit derlei naheliegenden Parallelen zurückhaltend sein. Geschichte besteht aus mehr als nur ein paar Analogien. Und aus Geschichte lernen ist auch etwas anders Geartetes. Sinnvoll ist es aber, durch Analogien oder Parallelen sensibilisiert zu werden für Dinge, die Leute sagen, wie sie argumentieren, bevor sie politische Macht erlangen. Jedenfalls sollte man nicht davon ausgehen, dass solche Politiker schon durch den Zwang der Verhältnisse in Schach gehalten werden können.

Scurati verdeutlicht, dass die Geburt des Faschismus und dessen rund zwanzig Jahre dauernde breite Zustimmung in der Bevölkerung primär aus dem Chaos seit dem Ende des Ersten Weltkrieges erklärbar sind. Wir haben es mit einem Roman zu tun, der nicht eine Lehrstunde des Antifaschismus ist, sondern eine Lehrstunde über die Verführbarkeit des Menschen. Der Faschismus äußert sich bei Scurati primär als Gefühlsdynamik. Das weiße Cover mit seinem großen schwarzen M, leicht in die Länge gezogen, erinnert ein wenig an ein expressionistisches Filmplakat über einen Kindermörder, den Peter Lorre gespielt hat, einen Film mit dem gleichen Titel.


Fazit

Das gesellschaftlich-politische Gewebe, in dem Mussolini seinen Aufstieg vollzog, erforderte eine Strategie, die Gewalt und Kompromiss geschickt verband. Dies geschah im Umgang mit verunsicherten politischen Gegnern und den gewalttätigen eigenen Regionalfürsten sowie deren einzuhegenden Machtansprüchen. Antonio Scurati arbeitet dies in M. Der Sohn des Jahrhunderts auf spannende und prägnante Weise heraus.


Pro und Kontra

+ fiebriger Stil
+ Zusammenhang von Verführbarkeit und Macht

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, der 11. Juni 2020
 

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