Judith und Christian Vogt (12.07.2020)

Interview mit Judith und Christian Vogt

Literatopia: Hallo, Judith, hallo, Christian! Kürzlich ist Euer neuer SF-Roman „Ace in Space“ erschienen, passend zu Eurem Rollenspiel „Aces in Space“. Was war denn zuerst da – die Romanidee oder das Spiel? Und was erwartet die Leser*innen im Roman?

Christian Vogt: Zuerst war die Romanidee da. Wir wollten nach allerhand Science-Fiction-Kurzgeschichten einen gemeinsamen Roman in diesem Genre schreiben, und da ich immer schon mal etwas über Raumjägerpilot*innen machen wollten, haben wir uns das Konzept „Battlestar Galactice meets Sons of Anarchy“ überlegt, zu dem sich später noch eine starke Social-Media-Komponente gesellte. Und genau das erwartet die Leser*innen dann auch. Rasante Stunts in Raumjägern, Kurvenkämpfe, die Spannung zwischen toxischem Einzelgängertum und Teamwork – und all das live gestreamt auf Social Media. Aber auch ernstere Inspirationen sind eingeflossen, wie die aktuelle Lage in Rojava.

Dass wir unsere eigenen Welten vor dem Romanschreiben erstmal als Rollenspiel ausprobieren, kommt nicht zum ersten Mal vor. Durch eine denkwürde Runde bei einem Erzählspieltreffen in Guatemala wollten wir das Ganze dann zusammen mit Harald Eckmüller als größeres Rollenspielprojekt veröffentlichen. Roman und Spiel ergeben eine große Erzählwelt, stehen aber auch für sich.

Literatopia: Würdest Ihr uns die wichtigsten Charaktere mit ihren Ecken und Kanten kurz vorstellen?

Judith Vogt: Wir haben drei Perspektivfiguren. Einmal die Konzernpilotin Danai, die in der Gang ihrer Mutter Marlene ganz neu anfangen muss. Der Kontrast zwischen dem Corp-Turf der Großkonzerne und dem gesetzlosen Free-Turf erschwert es ihr, herauszufinden, was sie eigentlich will. Danai ist eine klassische „Hot Shot“ – ein Fliegerass, das wenig für Regeln übrig hat und nach außen arrogant und unnahbar wirkt. Doch Danai hat ein paar innere Dämonen und Schuldgefühle von ihrer alten Heimat mitgebracht.

Kian ist Anwärter bei den Daredevils – der Gang, der Danais Mutter als President vorsteht. Er kommt aus einer Familie von Navigator*innen, die in Familienschiffen neue Zugänge zu weit entfernten Sternen finden. Ihm selbst stand der Sinn jedoch nach etwas Ruhm, und Ruhm kriegt man nicht nur, indem man ein Ass im Cockpit ist, sondern auch, indem man geschickt die Social Media bespielt. Kian ist Vollblut-Influencer, doch das ganze Leben zu streamen, sorgt dafür, dass sich dieses Leben langsam hohl anfühlt.

Neval ist Jurastudentin, die eigentlich nur ein Sabbatical einlegen wollte, humanitäre Arbeit auf dem abgelegenen Mond Valoun II. Dort werden unabhängige Siedelnde von einem Großkonzern auf der einen Seite und einer fundamentalistischen Sekte auf der anderen Seite bedroht. Nevals idealistisches und vielleicht etwas naives Sabbatical entwickelt sich zu einem Überlebenskampf – für sich selbst, aber auch für die Menschen der Siedlungen.

Literatopia:Habt Ihr die Charaktere beim Schreiben unter Euch aufgeteilt? Mit wem hattet Ihr am meisten Spaß? Und wer ist am Ende ganz anders geworden als geplant?

aces in spaceJudith Vogt: Wir haben sie nicht aufgeteilt, aber Danai ist schon eher Christians Baby, während Kian, wie er sagt, ein „typischer Judith-Charakter“ ist. Auch Neval ist eher meine Figur. Letztlich haben wir wie immer nach Interessen aufgeteilt. Mich hat Neval am meisten überrascht, ihre Perspektive ist wohl die nachvollziehbarste, denke ich, aber sie hat mich auch mehr berührt, als ich dachte. Vor allen Dingen ist der Roman aber dicker geworden, als wir dachten. Wir sind froh, dass der Verlag gelassen reagiert hat.

Literatopia: Den Jockey-Livestyle kann man knapp als „no fomo“ zusammenfassen. Die Abkürzung FOMO steht eigentlich für „Fear of missing out“, in „Ace in Space“ hingegen für „Fear of making out“ – was ist damit gemeint?

Judith Vogt: Genau, FOMO steht eigentlich dafür, dass man immer wieder das Smartphone und die Social-Media-Accounts checkt aus Angst, etwas zu verpassen. Da diese Art FOMO ohnehin bei Ace in Space Alltag ist, hatte unser Rollenspiel-Co-Designer Harald Eckmüller (von dem übrigens die meisten Slangbegriffe stammen!) die Idee für die neue Bedeutung von „no fomo“ – no fear of making out.

Die Jockey-Culture in „Ace in Space“ setzt sich von der Konzernkultur auch insofern ab, dass serielle Monogamie ziemlich out ist. Wer etwas auf sich hält, nimmt, was er*sie kriegen kann. Keine Angst vorm Herummachen! Das bedeutet auch, dass Heteronormativität den Laufpass erhalten hat. Natürlich gibt es weiterhin sexuelle Vorlieben und sexuelle Orientierungen, aber Queerness ist nicht mehr „das andere“. Da die Jockey-Kultur aber von einer toxischen Hackordnung lebt, ist nicht einfach alles gut, sondern es wird auf Leute herabgesehen, die sich zu sehr an andere Personen binden. Kian ist so ein Kandidat dafür und deshalb dem Spott seiner Gang ausgesetzt.

Literatopia: Wie sieht der Teil des Weltraums aus, in dem die Geschichte spielt? Welche futuristischen Technologien gibt es?

Christian Vogt: Interstellare Reisen mittels Wurmlöchern (sog. Highways); quantenverschränkte Kommunikation, damit man die eigenen Stunts auch in Echtzeit in die ganze Galaxis übertragen kann; Trägheitskompensation, um engere Kurven mit dem eigenen Raumjäger fliegen zu können; und vieles mehr. Die wichtigere Frage ist aber: Welche Technologien gibt es nicht? Denn es gibt keine fortgeschrittenen KIs. In der Welt von „Ace in Space“ hat sich der sogenannte Reaper-Virus in allen elektronischen Systemen eingenistet und zerstört alles, was auch nur entfernt nach autonomer KI riecht. Dadurch wird die Menschheit vor einer Herrschaft der Maschinen geschützt, muss aber größtenteils auf automatisierte Systeme verzichten und selbst Hand anlegen – deshalb werden Raumjäger auch weiterhin von menschlichen Pilot*innen geflogen.

Literatopia: Christian, Du bist ja Physiker – hast Du darauf geachtet, dass die Darstellungen physikalischer Phänomene in „Ace in Space“ korrekt sind oder habt Ihr Euch, wie in Space Operas üblich, da viele Freiheiten genommen? Ist zum Beispiel so ein quantenverschränktes Kommunikationssystem denkbar?

Christian Vogt: Wir haben uns in der Tat ein paar Freiheiten genommen, um die Space-Opera-Stimmung zu transportieren. Zum Beispiel wollten wir, dass sich die Kurvenkämpfe anfühlen wie Kurvenkämpfe in den Weltkriegen, wie das ja auch in „Star Wars“ oder „Battlestar Galactica“ der Fall ist. Die realistischere Alternative wäre ein Gefecht auf hunderttausende Kilometer Entfernung gewesen, meist bis ein Schiff die entstehende Abwärme für Waffen und Manöver nicht mehr abführen kann und von innen gekocht wird … das wäre ein völlig anderes Buch geworden.

Innerhalb dieser Grenzen haben wir aber versucht, möglichst korrekt zu sein, beispielsweise, was den Einfluss Schwarzer Löcher und hoher G-Kräfte angeht oder das Nutzen von anderen Planeten für Slingshots, um schneller ans Ziel zu kommen.

Quantenverschränke Kommunikation ist ein übliches Mittel in der Science Fiction, und sie wird auch gerne in aktuellen SF-Romanen mit hohem wissenschaftlichen Anspruch genutzt (Beispiel: „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu), ist aber leider in der Realität nach jetzigem Kenntnisstand nicht möglich und wird wahrscheinlich auch nie möglich sein, da sie gegen Naturgesetze verstoßen würde. Zwar ist eine „spukhafte Fernwirkung“ zwischen zwei verschränkten Quanten real, aber man kann sie durch Heisenbergs Unschärferelation nicht nutzen, um Informationen auszutauschen. Offenbar ist den Wissenschaftler*innen in besagten Romanen und in „Ace in Space“ noch ein Trick dazu eingefallen, der uns bisher verschlossen bleibt.

 

AiS Judith Christian

 

Literatopia: Wie sehen die Social Media Eurer Zukunft aus?

Judith Vogt: Social Media leben in diesem Kontext ja vom Wiedererkennungswert. Daher sind sie ziemlich ähnlich zu unseren Social Media, mit ähnlichen Nebenwirkungen, Einschränkungen der Privatsphäre, Monetarisierung und Überwachung. Sie spielen eine große Rolle im Leben der Protagonist*innen, aber damit Lesende sich darin wiederfinden können, gibt es im Roman vor allen Dingen Analogien zu YouTube, Instagram, Facebook, Twitter, Tinder, dem Fanfiction-Portal AO3 usw. Ich denke, Science-Fiction bildet ja immer vor allem die Gegenwart auf in die Zukunft projizierte Weise ab, statt tatsächlich Prophezeiungen über die Zukunft auszusprechen.

Literatopia: In welchen Social Media seid Ihr momentan aktiv? Welche Inhalte bietet Ihr Euren Leser*innen? Und wo können Autor*innen am meisten Aufmerksamkeit für ihre Werke generieren?

Christian Vogt: Instagram ist ja zurzeit bei Buchblogger*innen sehr beliebt, Facebook stirbt hingegen langsam vor sich hin. Wir sind auf allen gängigen Plattformen unterwegs, besonders auf Twitter, das unserer Meinung nach das größte aktivistische Potenzial hat. Auf YouTube gibt es den VOGTalk, in dem wir über allerhand Themen rund ums Schreiben, Spielen und Fechten reden. Wir haben die Crowdfunding-Plattform Kickstarter genutzt, um das Rollenspiel „Aces in Space“ zu realisieren – passend zum Thema. Außerdem kann man unsere Arbeit auf Patreon unterstützen und erhält dafür monatlich Kurzgeschichten, Erzählspiele und je nach Unterstützungslevel unsere Romane und das Pulp-Heft „Die Grüne Fee“. (www.patreon.com/dievoegte)

Literatopia: „Ace in Space“ ist ein echtes Schmuckstück geworden. Wer hat denn alles daran mitgewirkt, dieses Buch so umzusetzen?

Judith Vogt: Ja, es ist wirklich wunderschön geworden. Als Feder&Schwert Insolvenz angemeldet haben und uns sagten, dass sie den Roman nicht mehr würden herausbringen können, wussten wir erst mal nicht wirklich, wohin damit. Der Ach Je-Verlag ist in die Bresche gesprungen und war super kooperativ und offen für unsere Ideen. Daher konnten wir das Cover mit unserer Freundin Mia Steingräber so umsetzen, wie wir es uns gewünscht haben. Meine Podcast-Partnerin und Freundin Lena Richter hat lektoriert – ihr erstes Großprojekt nach mehreren Kurzgeschichten- und Rollenspiellektoraten. Unser Aces-in-Space-Partner-in-Crime Harald Eckmüller hat das Layout des Umschlags inklusive der schicken Klappbroschur hingelegt. Stephan Urbach vom Ach Je-Verlag hat sich für das eBook die Nächte um die Ohren geschlagen, und ich selbst hab die Druckversion gelayoutet. Es ist einfach ein richtiges Freundeskreis-Buchprojekt geworden, und es ist ganz fantastisch, dass sich alle so ins Zeug gelegt haben, damit es erscheinen kann.

Literatopia: Inwiefern hat sich Eure Zusammenarbeit in den letzten Jahren verändert? Und wie gelingt es Euch, dass man am Ende nicht merkt, dass zwei verschiedene Autor*innen den Roman geschrieben haben?

Christian Vogt: Wir schreiben immer routinierter zusammen, denke ich, und vermeiden dadurch auch kreative Konflikte. Ich hab zumindest bei „Ace in Space“ und „Die 13 Gezeichneten“ mehr Textanteile als vorher übernommen (Judiths Name steht aber immer noch aus gutem Grund vorne). Wir plotten wie immer zusammen und überarbeiten die jeweiligen Texte des*der anderen nachher, damit wir am Ende hoffentlich mit einer Stimme sprechen.

Literatopia: Es scheint sich ein kleines bisschen was zu tun in der deutschsprachigen SF, zumindest kommt es mir so vor, als würden nun mehr Romane von Autorinnen erscheinen – wie seht Ihr das? Geht es endlich in die richtige Richtung? Oder machen wir wieder einen Schritt vor und zwei zurück?

Judith Vogt: Es gibt eine zunehmend aktivistischere feministische SFF-Szene in Deutschland, und das ist großartig – und ernsthaft, es wird Zeit! Andererseits glaube ich, dass wir die althergebrachte Science-Fiction-Szene größtenteils ignorieren und sie uns. Und an den Berührungspunkten wird der Gegenwind heftiger. Meine Mitarbeit am SF Jahr 2019 zum Beispiel wurde mit den Worten kommentiert, das Jahrbuch dürfe „nicht in die Hände der Agendaschmiedinnen geraten, die vielerorts statt Erzählkunst ihre Weltanschauung verkaufen wollen“. Das sind halt die guten alten antifeministischen Argumente, die wir auch schon von den Sad Puppies der Hugo-Awards kennen. Das wird nicht weniger werden, darauf müssen wir uns einstellen.

Literatopia: Judith, im September erscheint die Anthologie „Wie künstlich ist Intelligenz?“ mit einer Geschichte von Dir. Wovon handelt sie? Und kannst Du uns schon etwas über die anderen Beiträge verraten?

Judith Vogt: Tatsächlich kann ich die über die anderen Beiträge gar nichts verraten, ich kenne nur meinen eigenen und bin sehr gespannt auf den Band! Meine eigene Geschichte handelt von einer Computersimulation, die Erklärungen für den zurückliegenden Kollaps einer Gesellschaft liefern soll. Bevor die Simulation abgeschaltet wird, nimmt eine Programmiererin Kontakt zu einem Menschen darin auf, dessen Leben sie simuliert hat.

Literatopia: Neben Rollenspielen, Romanen, journalistischen Artikeln … bleibt noch Zeit zum Lesen? Welche Romane haben Euch zuletzt begeistert?

Judith Vogt: Ich habe gerade „Parable of the Sower“ von Octavia Butler gelesen, das war brutal, aber auch sehr berührend. Außerdem „Synchronicity“ der Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo, eine Novelle mit einem überraschenden Fantasy-Element. Außerdem lese ich gerade die „Murderbot“-Novellen von Martha Wells, das war ein Tipp von Christian, dem ich die Empfehlung jetzt einfach wegschnappe. Und Annette Juretzkis „Von Rache und Regen“ muss ich dir ja nicht empfehlen, davon sind wir ja beide Fans!

Christian Vogt: Ich lese gerade N.K. Jemisins „Zerissene Erde“, die einfach all die Preise absolut verdient hat. Django Wexlers „The Shadow Campaign“ ist Gunpowder-Fantasy mit interessanten queeren Figuren und einer Prise Napoleon. Passend zu Raumjägern haben mich die Star Wars „Alphabet Squadron“-Romane sehr begeistert. Schon etwas älter, aber ich habe ihn erst kürzlich gelesen: James Sullivans „Chrysaor“ erschafft ebenfalls eine spannende Zukunft im All.

Literatopia: Auf Twitter kann man über den Hashtag #AnarchieDéco die Entstehung bzw. Fertigstellung Eures neuen Romans verfolgen, der 2021 erscheinen soll. Würdest Ihr uns schon ein bisschen was darüber verraten?

Judith Vogt: Es ist Urban Fantasy mit Krimielementen im Berlin der Zwanziger. 1928 arbeiten die Physikerin Nike und der Bildhauer Sandor an magischen Phänomenen, die nur in Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft entstehen, und die natürlich prompt Interessen politischer und privater Natur wecken. Der Roman erscheint Ende 2021 bei Fischer TOR.

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!


Autorenbild: Copyright by Ben Maier

Interview mit Judith C. Vogt (Januar 2018)

Interview mit Judith und Christian Vogt (November 2013)

Rezension zu "Ace in Space"

Rezension zu "Roma Nova"

Rezension zu "Die 13 Gezeichneten" (Band 1)

Rezension zu "Die 13 Gezeichneten - Die Verkehrte Stadt"  (Band 2)

Rezension zu "Die 13 Gezeichneten - Der Krumme Mann der Tiefe" (Band 3)

Rezension zu "Wasteland"

Rezension zu "Die zerbrochene Puppe"


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

Kommentare  

#1 Agendaschmiedin nenH. Punk 2020-07-14 16:58
Schönes Interview!

"Meine Mitarbeit am SF Jahr 2019 zum Beispiel wurde mit den Worten kommentiert, das Jahrbuch dürfe „nicht in die Hände der Agendaschmiedin nen geraten, die vielerorts statt Erzählkunst ihre Weltanschauung verkaufen wollen“."
- Witzig, eigentlich ist ja jede Erzählkunst Ausdruck einer Weltanschauung. Wüsste also gerne, wie man das trennen kann.

Bin froh über solche Agendaschmiede und -schmiedinnen. Ich wünsch ihnen viel Erfolg damit.

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren