Schloss der Tiere Bd.1 - Miss Bengalore (Félix Delep, Xavier Dorison)

Verlag: Splitter-Verlag; (Juni 2020)
Gebundene Ausgabe: 72 Seiten; 17 €
ISBN-13: 978-3962191856

Genre: Tierfantasy/ Drama


Klappentext

„Ich rede davon, was ich sah, Miss B...
Machen sie die Ungerechtigkeit sichtbar. Beenden sie die Angst.
Das sind die einzigen Mittel, die Sie aus Ihrem Gefängnis führen werden.“

Die Menschen sind weg.
Im Schloss sind nur noch die Tiere verblieben:
Hühner, Ziegen, Esel und Schafe rackern sich ab für den
Ruhm des Präsidenten und seine grausame Hundemiliz.
Es herrschen Diktatur und Terror...
Doch dann beschließt eine Handvoll Tiere, in den Widerstand zu gehen.


Rezension

Ein einsam gelegenes Schloss irgendwo in der Einöde wird nur noch von Tieren bewohnt, nachdem die Menschen es verlassen haben. Da die Tiere auf sich allein gestellt waren, haben sie einen Weg gefunden zu überleben. Sie haben eine Republik ausgerufen, deren Präsident der Stier Silvio ist, der sich mit einer Ehrengarde von Hunden umgeben hat. Während alle anderen Tiere von ihnen zu harter Arbeit gezwungen werden, lässt es Silvio sich gut gehen. Zudem hat er eine Abmachung mit einem Menschen, die ihm Champagner sichert.
Silvios Herrschaft unter dem Deckmantel einer Republik scheint gesichert, aber dann bildet sich Widerstand, als die Gans Margerite angeklagt und getötet wird. Die Katze Miss Bengalore und das Karnickel Cäsar ergreifen auf anraten der alten Wanderratte Azelar Graugreis die Initiative und beginnen Ungehorsam zu zeigen. Ihre Waffe ist dabei friedliche Widerstand und vor allem Humor.

1945 erschien George Orwells Roman Die Farm der Tiere, in dem er sich mit Diktaturen und ihren Mechanismen auseinandersetzte.Zudem ist er eine Beschreibung der jungen Sowjetunion, die zur Zeit der Entstehung des Werkes unter Stalin litt.
Xavier Dorison wagt sich mit Schloss der Tiere an einer Hommage an den Roman und gleichzeitig einer Interpretation dessen.
Er setzt jedoch nicht bei der Eroberung des Hofes an, die ist hier überflüssig, da die Menschen den Ort vor langer Zeit freiwillig verlassen haben, sondern Xavier Dorison beschreibt, wie sich die „Republik“ der Tiere entwickelt hat. Statt eines Ortes der Hoffnung ist das Schloss mehr zu einem Gefängnis geworden. Dies ist der Ausgangspunkt für Dorisons eigener von George Orwell inspirierter Handlung. Die Tiere müssen bei ihm gegen einen der ihren vorgehen, noch dazu jemanden, der deutlich stärker ist als sie und ebenso starke Handlanger besitzt. Dorison setzt sich mit der Frage nach einer friedlichen Revolution auseinander. Was kann sie bewirken und wie wäre sie umsetzbar? Ein schwieriges, schwer fassbares Thema und dennoch ein universelles, noch dazu mit überraschend aktuellen Bezug, wenn die Black Lives Matter-Bewegung in Betracht gezogen wird. Er spielt mit den bekannten Versatzstücken und baut Verweise auf die menschliche Geschichte ein. Ghandi wird z.B. nicht mit Namen genannt, aber eindeutig prominent von der Wanderratte in einem Theaterstück in Szene gesetzt. Xavier Dorison beweist sein Können und dass er nicht nur Abenteuer- und Fantasygeschichten schreiben kann, sondern auch eine Handlung mit Anspruch, die so manche Frage an den Leser stellt. Die Charaktere sind alle sehr gut ausgearbeitet. Der Leser kann mit ihnen leiden und sich freuen. Eine große Stärke ist auch der Humor, den Xavier Dorison in die Geschichte gebracht hat und damit die Handlung etwas auflockert. Dadurch wird es nicht zu düster, zugleich wird die Geschichte aber nicht albern, sondern bleibt ernst. Xavier Dorison hält auch hier die perfekte Balance.

Schloss der Tiere ist Félix Deleps Debütwerk und nicht nur für ein Erstlingswerk ist es ein optischer Genuss. Delep hat seinen ganz eigenen Stil, der die Tiere zwar minimal notwendig vermenschlicht, schließlich müssen sie miteinander sprechen und arbeiten, ihnen aber ihre tierischen Eigenheiten lässt. Er zeichnet nicht vollkommen realistisch, sondern passt die Tiere an das Medium Comic und die Geschichte an, ohne sie allzu sehr zu verniedlichen. Silvio und seinen Anhängern gibt er ein bedrohliches Aussehen, während Miss Bengalore und ihre Freunde freundlich und sympathisch wirken. Insgesamt sind seine Zeichnungen voller Details und liebevoll gestaltet. Selten gab es ein solch starkes Erstlingswerk.


Fazit

Mit Schloss der Tiere legt Félix Delep als Zeichner ein unglaublich starkes und wunderschönes Debütwerk vor, während Xavier Dorison die passende Geschichte dazu liefert, die gleichzeitig Hommage, Interpretation und Weiterführung von George Orwells Vorlage ist, aber selbstständig genug ist, um für sich selbst zu stehen.


Pro & Contra

+ starke Zeichnungen
+ gut ausgearbeitete Charaktere
+ Geschichte mit Aussage
+ genau das richtige Maß Humor

Bewertung:

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


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