Die Erfindung der Null (Michael Wildenhain)

wildenhain erfindung

Klett-Cotta, 25.07.2020
Gebunden, 300 Seiten
€ 22,00 [D] | € 22,70 [A] | CHF 33,90
ISBN 978-3-608-98305-0

Genre: Kriminalroman


Rezension

Die 47-jährige Susanne Melforsch wird am 14. Juli während ihres Urlaubs in der Provence als vermisst gemeldet. Ihr Begleiter Dr. Martin Gödeler gerät unter Mordverdacht, als in einem Gebüsch ihre Kleidung mit Spermien und Butspuren gefunden wird. Melforsch und Gödeler sind in Stuttgart gemeldet. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg übernimmt den Fall und übergibt ihn einem noch nicht 30-jährigen Staatsanwalt.

Am 20. Juli wird Gödeler in seiner Wohnung verhaftet. Im Verlauf der mehrwöchigen Verhöre entwickelt sich zwischen Staatsanwalt und Mordverdächtigem eine Atmosphäre eigenartiger Vertrautheit. Gödeler ist sehr auskunftsfreudig. Der Haftbefehl wird aufgehoben, Gödeler verschwindet, der Staatsanwalt erhält kurz darauf zwei Pakete mit ungewöhnlich vielen, akkurat geordneten Unterlagen, Notizen und Material. Er nimmt unbefristeten Sonderurlaub und zieht sich zurück, um die Hinterlassenschaft Gödelers zu sichten.

Die Arbeit von Polizei oder Staatsanwaltschaft bezeichnet man als induktives Schließen, wenn sie aufgrund von Indizien zu einer Schlussfolgerung führt. Induktionsvoraussetzung ist das Erkennen von Regelmäßigkeiten. An der Jeans und am Shirt der Vermissten befinden sich Blut und Sperma. Die Frau könnte also verletzt sein oder ein Mordopfer. Da die Sachen im Wald gefunden wurden, wurde die Frau wahrscheinlich ermordet. Die Spermaspuren an ihrer Kleidung sind ein Indiz dafür, dass der Täter ein Mann sein könnte. Es handelt sich hierbei um Plausibilitätsüberlegungen auf Grundlage von Wissen. Wenn der Staatsanwalt von den Indizien ausgeht, kann er nicht analytisch einen Induktionsschluss erzeugen.

Michael Wildenhain hat Die Erfindung der Null in der Form eines Induktionsbeweises strukturiert. Die Kapitelüberschriften bezeichnen Bausteine eines formalen Induktionsbeweises. Ein Induktionsanfang ist die wahre Aussage: Martin Gödeler wird verdächtigt, für den Tod von Susanne Melforsch verantwortlich zu sein. Eine andere wahre Aussage, die sich aus der Lektüre ergibt, ist, dass der Staatsanwalt Gödeler des Mordes an Susanne Melforsch überführen will.

Der Roman beginnt wie eine Auseinandersetzung zwischen zwei Männern im Rahmen der Aufklärung eines vielleicht begangenen Mordes. Es gibt forensische Details, Ermittlungsarbeiten, Vernehmungen. Denkt man nach wenigen Seiten, die Unterlagen, die Gödeler dem Staatsanwalt geschickt hat, wären Bestandteil der Aufklärung des Falls, nimmt die Erzählung bald eine andere Richtung und refokussiert vom Fall Melforsch auf das Leben Gödelers. Und auf die Frage, wieweit Logik und Hedonismus, Mathematik und die Unberechenbarkeit des Lebens in Einklang gebracht werden können. Die Binnenperspektive in den Unterlagen dient auch dazu, dass dem Staatsanwalt von Gödeler formulierte Annahmen ersichtlich werden.

In den Induktionsschritten wird auch aus dem Leben Gödelers als Lehrer erzählt. Gödeler gibt zwei Jungen und einem Mädchen Nachhilfe. Sie besuchen ihn zuhause, als er krank ist, und kümmern sich um ihn an einem Tag, während sie ihn an einem anderen misshandeln und ausrauben. Sie sind nicht die einzigen Figuren, die sich inkonsistent verhalten. Sie probieren sich aus, so in Gewalt, in Mathematik, scheinen um Zuneigung bemüht, ihr Denken und Handeln ist mal eigennützig, mal gleichgültig.

Gödeler liebt es, den Genuss von Wein zu verbinden mit sexuellen Interaktionen. Er ist verheiratet, betrügt seine Frau. Eine Beziehung Gödelers speist sich aus dem gegenseitigen Zufügen von Schmerzen, beim Sex und im Gespräch. Zur Induktionsverankerung gehören eine Erotik, die beschreibbar ist durch das Ineinander von Körpern und Mathematik, sowie Eroberung und Hingabe in der SM-Beziehung, auf die Gödeler sich mit der Mathematikern Elisabeth Lucile Trouvé (Lu) einlässt, einer Schlüsselfigur des Romans. Verschiedene Konzepte von Sexualität (Internetpornografie, Sex mit Tieren, Gewalt) werden thematisiert, mitunter wird gefragt, warum Menschen beim Sex bestimmte Dinge machen.

Bei Gödelers Ausführungen mag man gelegentlich denken, sie könnten unzuverlässig sein, da sie aus dem Gedächtnis geholt werden. Andererseits ist der Mathematiker um Präzision bis in kleine Details bemüht, ist ein weitgehend aufmerksamer Beobachter der Welt und versucht zumindest über seine sprachlichen Konstruktionen ein festes Verhältnis zur Welt zu konstituieren. Soweit Gödeler rückblickend erzählt, stellt sich die Frage, wie genau die Erinnerung an Details überhaupt sein kann.

Der Induktionslogik folgend, ergibt es keinen Sinn, die Annahme der Schuld an einem (möglicherweise vollzogenen) Mord als Ausgangspunkt für weitere Morde zu nehmen. Betrachtet man Gödelers Verhalten im Leben oder, pointierter, gegenüber Frauen, dann kann die Analyse seines Verhältnisses mit Melforsch und Lu durchaus Element eines Induktionsbeweises sein. Am Ende nimmt die Erzählung eine Wendung, die auf ein tieferliegendes Problem und einen damit einhergehenden archaischen Konflikt hindeutet. Dabei stellt Wildenhain eine Verbindung zu einem althochdeutschen dramatischen Heldenlied aus dem 9. Jahrhundert her. So erscheint der Kriminalfall wie das Shakespearesche Steinchen, das ins Wasser geworfen wird, damit etwas in Bewegung kommt, sich entwickelt.

Als der Staatsanwalt sich unbefristet freistellen lässt, um Gödelers Unterlagen zu sichten, bemerkt man schnell, dass dies eine ungewöhnliche und erklärungsbedürftige Handlung ist. Gegen Ende des Romans wird sein Handeln einsichtig.


Fazit

Michael Wildenhain erzählt in Die Erfindung der Null vom Aufeinandertreffen eines Staatsanwalts und eines Mathematikers in einem möglichen Mordfall. Die formale Strenge, die die Überschriften implizieren, findet ihren Widerhall gutteils in der Sprache, kaum jedoch im gewollten Leben, das unter dieser Textur pulsiert und sich anschickt, sie aufzubrechen. Der Sprachstil ist variabel, so gibt es trockene Beschreibungen, präzise abgefasst, Jargon und Sprachverstümmelungen. Für die erste Lektüre reichen Grundlagen des induktiven Schließens, wie wir sie von Conan Doyle und seinem Meisterdetektiv Sherlock Holmes kennen.


Pro und Kontra

+ im induktiven Verfahren werden geschickt die Erzählinstanzen verbunden
+ interessante Spannungen zwischen Verstand und Gefühl, kontrolliertem und exzessivem Leben
+ in Gegenproben lassen sich Varianten überprüfen
+ Lemmata liefern für die Beweisführung brauchbare Schlüsselgedanken

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5

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