Schatten über den Brettern (David Misch)

schatten ueber den brettern

duotincta (2020)
Taschenbuch, 298 Seiten, 17,00 EUR
ISBN: 978-3946086543

Genre: Gesellschafts- und Entwicklungsroman / Dystopie


Klappentext

Ein Theaterspieler in Zeiten zunehmender Repression. Er ist hin- und hergerissen zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und dem Streben nach Selbstverwirklichung. Seine Figuren und Rollen, die er nicht spielen muss, weil sie in ihm zur Realität geworden sind, bedeuten ihm alles. Eine Kulturverordnung droht sie ihm zu nehmen und der Kampf gegen die neue Autorität im Lande stellt Beziehungen und eigenes Ich mehr denn je in Frage.

In seinem ersten Roman beschwört David Misch eine abgrundtief böse Macht herauf, die aus der Mitte einer Gesellschaft entsteht, in der Reflexionsvermögen und mahnende Erinnerungen schwinden. Eine konkrete Dystopie: Prinzip Warnung.


Rezension

Wieso konnte er nicht, nur ein einziges Mal, sein loses Mundwerk halten? Er hat diese romantische Ader, hatte sie schon immer, aber es ist nicht die Zeit für Romantik, es ist die Zeit, in der man seinen Kopf einzieht und auf Besserung hofft. (Seite 161)

In einem kleinen Land in Westeuropa, das nie namentlich genannt wird und doch als Österreich erkennbar ist, wandelt sich vieles zum Schlechten. Während der Erzähler und Protagonist sich in der Schule meist im Hintergrund hält, wofür er sich später schämt, und sein Arbeitsleben in einer Folienfabrik beginnt, werden rechte Stimmen immer lauter. Erst als der Protagonist seine Liebe zum Theater entdeckt und auf einer kleinen Bühne mehrere Männer verkörpert, nutzt er seine Kunst, um sich gegen die rechte Strömung zu stemmen. Doch eine neue Kulturverordnung droht das, was er am meisten im Leben liebt, zu zerstören. Gleichzeitig erleben wir die Kindheit und Jugend von IHM, dem ultimativen Bösen, dem Sinnbild des Populisten, der stets perfekt angepasst sein eigenes Spiel spielt. Sein Ziel: Macht …

David Misch macht es seinen Lesern nicht leicht, da er es vermeidet, Namen zu nennen, was – wie man später erfährt – aus gutem Grund geschieht. Zusätzlich gibt es Zeitsprünge in eine dystopische Zukunft, in der unsere heute selbstverständlichen Freiheiten eingeschränkt sind und in der jeder aufpassen muss, seine Gedanken für sich zu behalten, insbesondere wenn sie gegen geltende Regeln verstoßen. Damit weiß man früh, wie sich das Leben des Erzählers entwickelt, und so deprimierend diese Aussicht ist, so spannend ist es zu erfahren, wie es dazu kommen konnte. Das Erstarken und Lauterwerden rechter Ideologie bemerken wir schon seit Jahren und David Misch spinnt daraus eine Warnung vor einer erneuten Machtergreifung der Rechten – mit Hilfe der sogenannten Liberalen, die nur ihr eigenes Vorankommen und das Vermehren ihres Kapitals im Blick haben.

Wenn mich etwas besonders schockiert oder angeekelt hatte, erwischte ich mich oft dabei, dass ich mir nach Verlassen der Vorstellung wünschte, irgendjemand würde weitere Vorführungen verbieten, damit der Anstand in Zukunft gewahrt bliebe. Dann dachte ich darüber nach, wer nun schlimmer war, der, der inmitten der Zuschauermenge ausrastete und das zur Kunst ernannte, oder der, der sich anmaßte, es zu verbieten. (Seite 137)

Der Roman beginnt mit Eindrücken aus Kindheit und Jugend des Erzählers und von IHM. Während der Protagonist beim Mobbing tatenlos zusieht, was er später sehr bereut, geht ER sehr gezielt gegen Konkurrenten vor, allerdings ohne sich als Täter entlarven zu lassen. Die Schilderungen der kindlichen Grausamkeiten stoßen einem übel auf, vor allem, da niemand eingreift und das hässliche Spiel seinen Lauf nimmt. Der Autor verweilt etwas zu lange in der Kindheit und Jugend, denn als Leser wird man ungeduldig und will endlich etwas über das im Klappentext versprochene Theater und den Umbruch in der Gesellschaft lesen. Stattdessen erleben wir nun den Erzähler und IHN als junge Erwachsene. Während der Protagonist in der Folienfabrik eines Freundes seines Vaters landet und seine Arbeit täglich als sinnloser empfindet, arbeitet ER bereits auf seine Ziele hin. Dafür benutzt er Menschen, auch solche, deren rechtsradikale Ansichten er abstoßend findet. Doch früh erkennt er den Nutzen der Nationalisten für sein persönliches Vorankommen.

Alle, die zu Reflexion und Besonnenheit aufriefen, mussten als Teil eines Verschwörungskomplexes gebrandmarkt werden; der Begriff Elite bot sich an, gerne auch mit dem negativ konnotierten Begriff der Bildung verknüpft – als wäre es erstrebenswert, ungebildet zu sein. (Seite 245)

Während ER früh seine politische Karriere beginnt, entdeckt der Erzähler seine Leidenschaft fürs Theater. Auf der kleinen Bühne eines guten Freundes verkörpert er verschiedene Männer, die zunehmend auch in seinem Privatleben auftreten. Als er seine zukünftige Frau kennenlernt und mit ihr ein Kind bekommt, kehrt der Protagonist kurze Zeit zurück ins Leben, doch die Bretter rufen ihn bald zurück. Während er auf der Bühne aufblüht und die Zuschauer berührt und zum Nachdenken anregt, verkümmert seine Ehe, die nur eine Nebenrolle in diesem Roman spielt. Je weiter die Erzählung fortschreitet, desto mehr verwischen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit und desto deutlicher erkennt man reale Personen hinter den namenlosen Rollen.

Während die Sprünge in die Zukunft des Erzählers klar erkennbar und bedrohlich sind, gibt es einzelne Szenen, die sich zunächst schwer einordnen lassen. Doch nach und verflechtet David Misch alle Fäden zu einer stimmigen Geschichte, die Überraschungen und einen nicht ganz hoffnungslosen Abschluss bietet Trotzdem bleibt auch am Ende noch viel Raum für Interpretation. So präsent der Schatten in jeder Zeile ist, so stark verschwimmen seine Konturen und man erkennt, dass es das personifizierte Böse, dem man alle Schuld zuschieben kann, nicht gibt, sondern dass der Schatten in jedem aufflackern und ihn im schlimmsten Fall gänzlich einnehmen kann. Der Schatten gewinnt dann, wenn zu viele wegschauen, wenn wir zu oft relativieren und unsere heutige Freiheit als zu sicher und unverwüstlich empfinden. Leider konzentriert sich der Roman zu stark auf die männliche Sichtweise, denn die weiblichen Rollen sind zu stark mit Klischees behaftet, auch wenn eine Dame am Schluss positiv überrascht. 

Durch die systematische Diskreditierung, die Teil ihrer Langzeitstrategie war, hatten sie es geschafft, das Hauptaugenmerk des Wutbürgertums (eine herrliche Analogie zum Volkszorn des Dunkelhaarigen, wie er findet) von sich auf die Kritiker – und die Randgruppen ohne dementsprechende Stimme – abzulenken. (Seiten 250/251)


Fazit

“Schatten über den Brettern“ ist ein Roman voller Metaphern, der Aufmerksamkeit von seinen Leser*innen fordert und dessen Erzählfragmente nach und nach zu einem sinnvollen Ganzen verschmelzen. Gerne wäre man tiefer in die Welt des Theaters eingetaucht, dennoch gelingt es David Misch eindrucksvoll, aufzuzeigen, wie wir als Gesellschaft darin versagen, unsere Werte gegen einen erstarkenden Nationalismus zu verteidigen.


Pro und Contra

+ eindrückliche Warnung vor dem Erstarken rechter Ideologie
+ der ambivalente, vielschichtige Charakter des Erzählers
+ Faszination des Theaters
+ Bezüge zu realen Ereignissen und Personen
+ viele Details, die nachdenklich stimmen

o das Gesamtbild ist erst am Ende richtig erkennbar

- anfangs verweilt die Geschichte zu lange in der Kindheit
- weibliche Figuren entsprechen zu oft Klischees

Wertungsterne4

Handlung: 4,5/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 3,5/5


Interview mit David Misch (2020)

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