Die Frau am Dienstag (Massimo Carlotto)

carlotto frau

Folio, 2020
Originaltitel: La signora del martedi (2020)
Übersetzung von Ingrid Ickler
Gebunden, 216 Seiten
€ 22,00 [D] | € 22,00 [A] | CHF 33,90
ISBN 978-3-85256-815-7

Genre: Krimi


Rezension

Bonamente Fanzago, 41 Jahre alt und Pornodarsteller, bewegt sich nach einem Schlaganfall Richtung Karriereende. Das Medikament Papaverin stabilisiert sein sexuelles Stehvermögen, aber es verursacht als Nebenwirkung unvermittelte Weinanfälle. Bonamente lebt in der Pension Lisbona und ist mit dem Besitzer Signor Alfredo, einem Transvestiten, befreundet. Alfredo pflegt zudem eine freundschaftliche Verbindung mit seinem früheren Mieter Professor Federico Bassi, der Spanisch an der Uni unterrichtet hatte und als Pensionär gelegentlich noch vorbeischaut.

Bonamente hat seit Jahren eine sexuelle Beziehung mit Alfonsina Malacrida, die sich jeden Dienstag zwischen drei und vier Uhr am Nachmittag von ihm in der Pension beglücken lässt – gegen Bezahlung. Alfredo hasst Alfonsina. Seine Pension ist immer nur schwach besucht, aber er hat genug Geld für Renovierungen und kostspielige Investitionen. Tommaso Fontana, Ehemann der Dienstagsfrau, hat einen tödlichen Autounfall. Da ein Mord nicht auszuschließen ist, ermittelt Commissario Pagano. Der Journalist Pietro Maria Belli wittert eine interessante Story und schaltet sich ebenfalls ein. Kurze Zeit später gibt es einen weiteren Todesfall.

Massimo Carlotto hat einige sehr gute lakonisch und zynisch erzählte Noir-Romane geschrieben. Traditionell ist der Noir durch Regeln bestimmt, die allerdings seit Jahren erodieren. In Die Frau am Dienstag entfernt sich Carlotto so weit von ihnen, dass die Geschichte kaum noch als Noir erkennbar ist. Der Roman liest sich im Gerüst und in Details wie eine Hommage an den Klassiker Die Sonntagsfrau von Fruttero und Lucentini. Es gibt Ähnlichkeiten im Personal, der Fall läuft in beiden Büchern auf einem Nebengleis mit. Das Verbrechen dient dazu, etwas über die Folgen von Gesetzesübertretungen und die Gesellschaft zu erzählen.

Die Frau am Dienstag zeichnet das Bild einer auf Jugend und Körper fixierten Gesellschaft, die permanent diskriminiert. Die Menschen freuen sich, dass sie immer älter werden (können), hassen aber das Alter. Es wird fortlaufend gegeneinander abgegrenzt: nach Geschlecht, Hautfarbe und Alter. Journalist Belli ist als „von der alten Garde“ beschrieben und grenzt sich gegen jüngere Kollegen ab, die in der Redaktion sitzen und auf Agenturmeldungen warten. Ein Polizist redet despektierlich über das Thema Alter und Sexualität.

Beim Lesen des Buchs entsteht der Eindruck, die italienische Pornobranche sei ähnlich strukturiert und stehe vor ähnlichen Problemen wie der Drogenmarkt. Es gibt abgesteckte Claims, die von Migranten streitig gemacht werden. Oder Billigarbeitskräfte, die in der Pornobranche die Honorarstruktur zerstören, sich einen Namen machen und einen Teil des Marktes fest besetzen wollen. Die Frau am Dienstag zeigt pointiert, was geschehen kann, wenn das Zusammenleben von Menschen täglich neu verhandelt werden muss, und wie Italien sich dabei verändert.

Mit dieser täglichen Neuverhandlung einher geht die ersatzlose Aufkündigung des gesellschaftlichen Grundkonsenses. Da ist es verständlich, dass der Commissario, weil er die als schuldig vermutete Person nicht überführen kann, die Social Media als Instrument zur Manipulation nutzt, um die Öffentlichkeit einen Schuldspruch erzeugen zu lassen, auf dem er aufbauen kann. Er sorgt dafür, dass ein Minimum an Informationen das gewünschte Ergebnis liefert – Shitstorm, Drohungen, Beschimpfungen, das ganze Spektrum der „Netz-Idiotie“.

Der Zufall wirkt vielfältig auf die Realität der Hauptfiguren. Er rüttelt ihren Alltag ohne Vorwarnung durch und erzeugt starke Friktionen. Alfredo ist nicht nur Besitzer der Pension, sondern auch Besitzerin. Gleich, ob er Kleidung für Männer oder Frauen trägt, er scheint immer beides zugleich zu sein. Alfredo hat sich beizeiten prostituiert. Alfonsina wurde als Kind von ihrem Vater an andere Männer vermietet. Sie nimmt gegen Bezahlung regelmäßig sexuelle Dienstleistungen Bonamentes in Anspruch. Sie hat einen Partner für das Geld und Soziale, einen anderen für Sex. Der Sexualpartner wird bezahlt mit dem Geld des Ehemanns. So schließt sich von ihrer Kindheit bis in die Gegenwart ein perverser Kreislauf.

Bonamente hat eine Karriere als Pornodarsteller hinter sich und wirft die Frage auf, wie ein Pornodarsteller jenseits des Klischees beschreibbar sein könnte. Er ist gebildet, kennt sich besonders mit Literatur aus, artikuliert sich sprachlich einwandfrei unter Zugriff auf einen überdurchschnittlichen Wortschatz. Wenn man erlebt, wie die drei Hauptfiguren sich in einer für sie unbekannten und feindlichen Situation verhalten, kommt bald die Erinnerung, dass sie ihr ganzes Leben schon in feindlichen Kontexten verbringen, dabei aber ihre Würde bewahren. Bei Carlotto werden Körper über diskursive Prozesse konstituiert, das Individuum ist eine Nebenwirkung. Eine der drei Hauptfiguren begeht die Morde. Aber das ist im Grunde unbedeutend.


Fazit

In Die Frau am Dienstag verbinden sich die Lebenslinien verschiedener Menschen in Begegnungen, die zeigen, dass menschliche Nähe und Wärme ein Desiderat sind, weil Beziehungen auf schmerzhafte Weise auf Zweckorientierung reduziert sind. Massimo Carlotto fokussiert unangenehme Aspekte des heutigen Italiens. Der Kriminalfall dient der Analyse komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge und der Kritik sozialer Missstände. Carlotto arbeitet mit Spiegelungen und anderen noir-typischen Motiven, wie der Veränderung der Geschlechterrollen, moralischer Ambiguität, Entfremdung, antisozialem Verhalten.


Pro und Kontra

+ der Autor als Fallensteller
+ sehr unorthodox
+ intelligentes Spiel mit Wahrnehmungen und Repräsentationen

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


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