Arkadia - Greedy, Band 1 (Bernhard Kempen)

arkadia greedy1

p.machinery (2020)
Taschenbuch, 160 Seiten, 15,90 EUR
ISBN: 978-3957652102

Genre: Science Fiction


Klappentext

Im Jahr 2197 besucht der Sensationsreporter Adrian Ginjeet den Kolonialplaneten Arkadia, um dort nach der "Schlange im Paradies" der freizügigen nudistischen Gesellschaft der Arkadier zu suchen. Er lernt eine atemberaubende Frau namens Greedy kennen, und kurz darauf geschieht der erste Mord in der Geschichte des Planeten. Welches Geheimnis verbirgt sich unter der scheinbar makellosen Oberfläche der arkadischen Utopie? Oder hat der Besucher von der Erde den Sündenfall ausgelöst?


Rezension

Adrian Ginjeet ist alles andere als begeistert, als sein Chef ihn nach Arkadia schickt, um eine Enthüllungsreportage über die dort lebende nudistische Gesellschaft zu schreiben. Es gibt schließlich keinen langweiligeren Planeten im bekannten Universum: Tagsüber scheint fast immer die Sonne, während es nachts genug regnet, es gibt nur grüne Pflanzen und keine Tiere, die den Bewohnern gefährlich werden könnten, und unter den komplett haarlosen Nudisten herrscht Friede-Freude-Eierkuchen. Als Adrian auf Arkadia ankommt, zweifelt er noch daran, die „Schlange im Paradies“ zu finden, und mit der sexuellen Freizügigkeit hat er seine Probleme. Wirklich beeindruckt ist er hingegen von Pilotin Greedy, einer starken jungen Frau, die ihn einschüchtert – und einzigartige Fähigkeiten besitzt. Als dann auch noch ein Mord geschieht, der erste in der kurzen Geschichte Arkadias, hat Adrian seine Sensation gefunden …

Nudisten auf einem paradiesischen Planeten, das klingt wie ein feuchter SF-Traum voller Klischees, könnte aber auch ein spannender, vielschichtiger Gesellschaftsentwurf sein. Nach wenigen Seiten ist bei „Arkadia“ klar: Es sind leider die Klischees, die die Handlung bestimmen, und Protagonist Adrian ist ein unsympathischer Egozentriker, das bei Trash Universe über Nutten vom Mars schreibt, sexuellen Abenteuer keinesfalls abgeneigt ist und auf Arkadia den Moralapostel gibt. Die allgegenwärtige Nacktheit überreizt seine Sinne und mit Frauen, die offen auf ihn zugehen und sagen, was sie wollen, kommt er nicht klar. Stattdessen fühlt er sich belästigt, während er unter den Arkadiern als verklemmt gilt, da er sich weigert, seine Kleidung abzulegen. Bernhard Kempen lässt seinen Protagonisten teils schön auflaufen und spielt mit Vorurteilen, doch der positive Eindruck ist nur von kurzer Dauer.

Die arkadische Gesellschaft wird als offen und tolerant beschrieben. Vor allem wird betont, dass die Nudisten niemandem etwas aufzwingen wollen. Dazu passt nicht, dass sie Adrian permanent ihre Lebensweise aufdrängen wollen, ihn kritisieren, weil er Kleidung trägt, ihm zu nah kommen und sich über seine Verklemmtheit lustig machen. Auch für die titelgebende Greedy und ihre ausgeprägte Libido haben die Arkadier ekligen Spott übrig („Angeblich hat sie bereits die Beine breitgemacht, bevor sie richtig damit laufen konnte.“ Seite 37). Zwar hat hier fast jeder wechselnde Sexualpartner, aber eine Frau, die mehr als der Durchschnitt hat, wird verspottet. Einen Pädophilen nimmt man hingegen nahezu kritiklos in die Gemeinschaft auf und amüsiert sich darüber, dass er unter den haarlosen, jungen (und gerade so volljährigen) Arkadienerinnen seiner Neigung frönen kann. Mit so einer Thematik muss man sensibler umgehen. 

Man wundert sich, dass der Autor immer wieder in den Fettnapf springt, und gleichzeitig gute Ansätze zum Nachdenken über gesellschaftliche Konventionen liefert. Die arkadische Gesellschaft scheint wunderbar zu funktionieren, die Menschen leben in Einklang mit der Natur, sind sehr gebildet, helfen einander und respektieren die Privatsphäre der anderen – zumindest in den eigenen vier Wänden. Draußen scheint jeder Freiwild zu sein. In der Autorenbiografie unter dem Klappentext heißt es, der Autor verbinde in diesem Roman sein Interesse für Science Fiction und Erotik, aber mit Erotik haben die permanenten sexuellen Anspielungen und das ständige Berühren und Zeigen der primären und sekundären Geschlechtsteile wenig zu tun. Protagonist Adrian sagt es sogar selbst, weniger ist manchmal mehr. Hier bleibt kein Platz für Phantasie und über nicht-zeitgemäße Metaphern wie „imposanter Hammer“ und „Freudenspender“ kann man höchstens schmunzeln.

Bernhard Kempen bemüht sich um Diversität, gibt sie aber der Lächerlichkeit preis. So gibt Adrian stolz an, dass er sowohl mit Frauen als auch Männern Erfahrungen habe, sorgt sich im nächsten Moment jedoch beim Anblick eines nackten Mannes um seinen Hintern. Gentechnik und chirurgische Perfektion ermöglichen es, den Körper nach eigenen Wünschen zu gestalten, und so gibt es auch Zwitter auf Arkadia – die angeblich toleriert und dann doch in ein schlechtes Licht gerückt werden. Dabei hätte man genau hier die Vielfalt der arkadischen Gesellschaft darstellen und das Thema Gender vertiefen können. Stattdessen wird die "Ausstattung" der Zwitter als Kuriosum dargestellt und herzhaft gelacht. So wie sich fast jeder in diesem Buch über andere lustig macht. 

Im Hinblick auf die einzigartige Biologie und Geologie des Planeten Arkadia ist der Roman gut durchdacht und bietet spannende Ansätze, die jedoch nicht weiterverfolgt werden. Was Reporter Adrian als langweilig beschreibt, ist durchaus interessant und die Ausflüge in die Natur sind sehr atmosphärisch. Neben mehr Informationen über Arkadia hätte man sich vor allem Greedy als Protagonistin gewünscht, immerhin handelt es sich um einen „Greedy-Roman“. Warum tritt sie dann nur als Sex Interest des unsympathischen Protagonisten auf? Greedy ist eine erstklassige Pilotin, studiert Handelswirtschaft und Raumfahrttechnik und zeigt Adrian gnadenlos seine Schwächen auf. Gleichzeitig beweist sie viel Geduld mit ihm und wirkt unheimlich empathisch und sympathisch. Aus dieser Figur hätte man so viel machen können. Und warum ist die nackte Dame auf dem Cover eigentlich weiß, während Greedys Haut als braun beschrieben wird?


Fazit

Ein paradiesischer Planet, ein spannender Gesellschaftsentwurf und jede Menge Klischees, die die guten Ansätze in „Arkadia“ ersticken. Bernhard Kempen hat die Perspektive des unsympathischen Adrian schlecht gewählt und der eigentliche Star dieser Geschichte, die taffe Greedy, wird zu stark auf ihren reizvollen Körper und seine tatsächlich besonderen Fähigkeiten reduziert. Schade, dass die Utopie einer offenen, respektvollen und empathischen Gesellschaft unter ekligen Witzen und Übergriffigkeit zerbricht.


Pro und Contra

+ interessante Biologie und Geologie des Planeten Arkadia
+ Greedy ist eine wirklich interessante, starke Frau
+ ein paar gute Ansätze, die zum Nachdenken über Vorurteile anregen
+ utopischer Gesellschaftsentwurf 

- Adrian ist als Moralapostel unglaubwürdig
- die Arkadier entpuppen sich als intolerant und respektlos
- klischeehafte Frauenbilder
- Diversität wird der Lächerlichkeit preisgegeben
- Amüsement über pädophile Neigungen
- allgegenwärtige sexuelle Anspielungen und kein Hauch Erotik

Wertungstern2

Handlung: 2/5
Charaktere: 2/5
Lesespaß: 1,5/5
Preis/Leistung: 1,5/5

Kommentare  

#1 Rezi ArkadiaBernhard Kempen 2020-09-14 18:20
Kleines Statement des Autors:
Natürlich wimmelt es in meiner Geschichte von Widersprüchlich keiten – das fängt ja schon auf der Erzählebene an, wenn Adrian sich ständig selbst widerspricht. Natürlich sieht er zunächst überall nur Klischees, die aber sogleich wieder gebrochen werden. Menschen und Gesellschaften sind in sich widersprüchlich – genau das möchte ich mit diesem Buch bloßstellen. Welcher Standpunkt richtig oder falsch ist – oder ob die „Wahrheit“ eine ganz andere ist –, möge sich jede/r selbst überlegen.

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