Quantenträume (Hao Jingfang, Qiufan Chen, Wang Jinkang, Jing Dr. Bartz (Hrsg.))

Heyne (September 2020)
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann, Karin Betz, Johannes Fiederling,
Eva Lüdi Kong, Michael Kahn-Ackermann
Originaltitel: KI-Anthology People’s Literature
Originalverlag: People’s Literature
Paperback , Broschur, ca. 420 Seiten, 15,99 EUR
ISBN: 978-3-453-31904-2

Genre: Science Fiction / Künstliche Intelligenz


Klappentext

Ein intelligenter Plüsch-Seehund, der eine eigene Sprache erfindet … Eine Maschine, die sich in ein buddhistisches Kloster zurückzieht … Ein Haushaltersroboter, der eines Mordes verdächtigt wird … Die fünfzehn in diesem Band versammelten Erzählungen zeigen, wie intelligent, emotional und kritisch sich die chinesische Science Fiction mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzt.


Rezension

„Quantenträume“ ist die zweite chinesische SF-Anthologie des Heyne-Verlags und profitiert sehr von dem Fokus aus das Thema Künstliche Intelligenz. Autor*innen aus fünf Generationen widmen sich verschiedenen Formen der KI beziehungsweise künstlichem Leben und der Frage, ob und inwiefern dieses ein eigenes Bewusstsein und Emotionen besitzt. Wie bereits „Zerbrochene Sterne“ beeindruckt „Quantenträume“ mit der großen Vielfalt der Beiträge, wobei mancher Text leicht am Thema vorbeischrammt. Ausgerechnet die Eröffnungsgeschichte von Xia Jia, die im Klappentext mit intelligenten Plüsch-Seehunden angepriesen wird, enttäuscht etwas, da der Fokus nicht auf den kuschligen KIs, sondern auf einem das Sprachzentrum befallenden Virus liegt. Die Autorin erzählt eine hoffnungsvolle und bewegende Geschichte über Kommunikation und Freundschaft, die schlicht die Erwartungen nicht erfüllt. In den vierzehn anderen Geschichten hingegen ist das Thema Künstliche Intelligenz meist klar zu erkennen.

“Quantenträume“ beinhaltet einige herausragende Texte, die unterhalten, überraschen und nachdenklich stimmen. Zu den Perlen gehört „Der Wannengeist“ von Shuang Chimu, eine Geschichte über eine KI in einer Fußwanne, die eine Persönlichkeit entwickelt, zu der auch Fragmente ihrer Vorbesitzer gehören. Es gilt nun vor Gericht zu klären, ob die Wanne im rechtlichen Sinne eine Person ist. Sehr unterhaltsam liest sich „Hotel Titania“: Während der jahrelangen Betriebsferien wollen die Roboter, die das Hotel betreiben, groß renovieren. Sie tun alles dafür, um die Wünsche ihrer Gäste nach mehr Komfort umzusetzen, kommen jedoch teils zu ganz anderen Schlussfolgerungen als Menschen. Autor Luo Longxiang zeigt auf humorvolle Art, wie kreativ und anders die Denkweise von KIs sein kann, und das Setting auf dem Uranusmond Titania ist ungemein atmosphärisch. Auch Liu Weijia widmet sich in „Mission: Rettung der Menschheit“ der Gedankenwelt eines Roboters, der sich darum bemüht, Menschen zu helfen und ihre Leben zu schützen – was alles andere als leicht ist in einer Welt, in der sich die Menschen im Krieg fast gegenseitig auslöschen.

In „Tochter des Meeres“ zeigt Baoshu eine durch einen kosmischen Unfall zerstörte, sehr heiße Erde, auf der selbst der Pazifik verdampft ist und wo die Protagonistin, die zugleich Mensch und Maschine ist, nach Überlebenden sucht. Dazu gibt es noch spannende Einblicke in die Evolution. Han Song beschäftigt sich in „Der Erleuchtete“ mit der Frage, ob Roboter einen Glauben haben können und somit auch eine Seele, die wiedergeboren wird. Während der lebende Buddha von einem Roboter verkörpert wird, denken die Protagonisten darüber nach, was das für den Buddhismus bedeutet und ob Maschinen nur ihrer Programmierung folgen oder ein Selbst-Bewusstsein haben. Ling Chen entwirft in ihrer Geschichte das Szenario eines erschreckend realistischen Computerspiels, in dem der Spieler den Weltuntergang 2012 verhindern soll und das auf die Spur der geheimen Pläne eines Supercomputers führt. Qiufan Chen überrascht mit einer Liebesgeschichte, in der Menschen und KIs sich virtuell daten und herausfinden müssen, ob ihr Gegenüber menschlich ist oder ein Programm.

In weiteren Erzählungen geht es unter anderem darum, ob Roboter morden können (wobei Parallelen zu „I, Robot“ zu erkennen sind) und ob man Menschen nach ihrem Tod wiederherstellen kann beziehungsweise ob man dann wirklich noch dieselbe Person ist wie zuvor. Es geht um geschichtenerzählende- und erfindende Roboter und immer wieder um die Frage, ob Maschinen ein eigenes Ich/eine Persönlichkeit besitzen und sich dieser bewusst sind und ob sie zu echten Emotionen fähig sind. Der Fokus liegt dabei meist auf Robotern, also humanoiden Maschinen, in die wir leichter Ähnlichkeiten hineininterpretieren können als in einen Supercomputer oder eine Intelligenz, die sich im Internet entwickelt hat. Was man etwas vermisst, sind Cyberspace-KIs, wie man sie aus dem Cyberpunk kennt und die ihre eigenen, für Menschen mysteriösen Ziele verfolgen.

Wie bereits bei „Zerbrochene Sterne“ merkt man auch hier, dass viele der Autor*innen aus der Wissenschaft kommen und einen eher positiven Blick auf technologischen Fortschritt haben. Zwar wird auch hier gewarnt, doch insgesamt zeichnet diese Anthologie ein positives Bild der Künstlichen Intelligenz und widmet sich mehr ihrer Natur und ihren Möglichkeiten als den Gefahren, die sie darstellen könnte. Eher wird Kritik an den Menschen und der Gesellschaft geübt, die die KI ungerecht behandeln, sie teilweise sogar misshandeln oder auch einfach ihre Lebendigkeit nicht anerkennen wollen. Während bei "Zerbrochene Sterne" viele Geschichten eher dem Magischen Realismus zuzuordnen waren, sind hier alle Beiträge eindeutig Science Fiction, überwiegend mit einem starken naturwissenschaftlichen Hintergrund. 

Die Schreibstile ähneln sich in ihrer Distanziertheit, wobei für den westlichen Leser nicht erkennbar ist, ob das schlicht der chinesischen Erzählweise entspricht oder an der Übersetzung vom Chinesischen ins Deutsche liegt (was sicher keine leichte Aufgabe ist). Positiv fallen sowohl die kulturellen Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten auf. Letztlich beschäftigen uns die gleichen Fragen und gerade bei den jüngeren Autor*innen merkt man, dass unsere Lebenswirklichkeiten gar nicht so verschieden sind. 

Leider fallen die Informationen zu den Autor*innen dieses Mal knapper aus und beschränken sich meist auf die Erwähnung des Berufs und einiger Auszeichnungen. Zudem liest sich das Vorwort von Cixin Liu uninspiriert, so als würde sich der Autor gar nicht so sehr für das Thema interessieren. Er wurde wohl aufgrund seiner Bekanntheit ausgewählt. Ansonsten ist die Gestaltung wieder sehr gelungen, neben dem Vorwort gibt es einleitende Worte sowie ein Nachwort der beiden Herausgeber, dazu einige zusätzliche Infos zu den Texten.


Fazit

”Quantenträume“ ist eine extrem vielseitige, kreative Anthologie, die das Wesen Künstlicher Intelligenz in all seinen Facetten beleuchtet. Das Niveau ist hoch, neben einigen sehr guten Geschichten finden sich viele gute, die sich mit der Persönlichkeit, dem Denken und Fühlen von KIs beschäftigen und dabei ein tendenziell positives Bild zeichnen, teilweise auch leise warnen. Dagegen wird offen Kritik am Menschen und seinem Umgang mit der Natur, den KI und sich selbst geübt.


Pro und Contra

+ kreative, sehr vielseitige Anthologie
+ insgesamt positiver Blick auf das Thema KI
+ sowohl Bezüge zur chinesischen als auch zur westlichen Kultur
+ wissenschaftlicher Hintergrund vieler Autor*innen erkennbar
+ viele weibliche und junge Stimmen
+ bewegend, humorvoll und nachdenklich stimmend
+ sehr cooles, passendes Cover

- Xia Jia schrammt leicht am Thema vorbei
- Vorwort von Cixin Liu liest sich seltsam unspiriert

Wertungsterne4.5

Texte: 4/5
Gestaltung: 4/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 4/5


Rezension zu "Zerbrochene Sterne"

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