Mord in Highgate (Anthony Horowitz)

horowitz mord in highgate

Insel-Verlag, 2020
Originaltitel: The Sentence Is Death (2018)
Übersetzung von Lutz-W. Wolff
Gebunden, 347 Seiten
€ 22,00 [D] | € 22,70 [A] | CHF 31,50
ISBN 978-3-458-17872-9

Genre: Krimi


Rezension

In der Reihe um den Privatdetektiv und ehemaligen Detective Inspector Daniel Hawthorne und seinen Biografen, Assistenten und Stichwortgeber Anthony Horowitz, der Ahnung vom Krimischreiben hat, aber nicht von realen Verbrechen, ist Mord in Highgate der zweite Band nach Ein perfider Plan (The Word Is Murder).

Promi-Scheidungsanwalt Richard Pryce wurde in seinem eleganten Haus am Rande von Hampstead Heath mit einer über zweitausend Pfund teuren Flasche 1982er Château Lafite Rothschild Pauillac massakriert. Der Killer hat in grüner Farbe eine Botschaft an die Wand gepinselt: 182. Sein Ehemann Stephen Spencer war angeblich am Mordabend in Clacton-upon-Sea. Er will gerade mit Pryce telefoniert haben, als jemand an der Tür klingelte, den Pryce wie einen guten Bekannten begrüßte und einließ. Ein Nachbar bestätigt, um die Uhrzeit einen Mann in Pryces Haus gehen gesehen zu haben. Für eine Beschreibung war es bereits zu dunkel.

Pryce hat die Weinflasche von seinem letzten Klienten Adrian Lockwood als kleines Dankeschön für sein erfolgreiches Scheidungsverfahren bekommen. Allerdings hatte Pryce auch entdeckt, dass der Bauträger und Multimillionär seine Finanzen verschleiert und die Scheidungsvereinbarung gefährdet hat. Offenbar wollte Pryce deshalb die Ethikkommission der Anwaltskammer anrufen. Die Hauptverdächtige der Polizei jedoch ist Lockwoods Exfrau, die feministische Autorin und Prozessverliererin Akira Anno. Sie hat in einem Restaurant ein Glas Wein über Pryce geschüttet und ihm Schläge mit einer Flasche angedroht.

Zwei Personen profitieren finanziell von Pryces Tod, neben Stephen Spencer die verwitwete Innendekorateurin Davina Richardson. Sie war eine enge Freundin, Pryce war Pate ihres Teenager-Sohnes Colin und unterstützte sie finanziell seit dem Tod ihres Mannes. Ein zweiter Todesfall erregt Hawthornes Aufmerksamkeit. Am Vortag des Mordes ereignete sich ein tödlicher Unfall im Bahnhof King’s Cross. Das Opfer, Gregory Taylor aus Yorkshire, war ein Studienfreund von Pryce.

Taylor hatte Pryce an dem Tag besucht, weil er Geld für eine lebensrettende Operation benötigte. Laut Taylors Ehefrau Susan hatte Pryce es ihm zugesagt. Pryce und Taylor waren Höhlenkletterer, bis vor sechs Jahren ihr Studienfreund Charles Richardson, Davinas Mann, bei einer gemeinsamen Klettertour in den Yorkshire Dales tödlich verunglückte. Seit dem Tag mieden sich Pryce und Taylor. Und nun sind alle drei Freunde tot.

Die Detektivgeschichte um ein rätselhaftes Verbrechen verbindet die Rätselkrimis von Agatha Christie mit den Sherlock Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle, letztere durch die offensichtliche Nachbildung von Holmes und Watson in den Hauptfiguren und Parallelen zu Eine Studie in Scharlachrot. Die Jagd nach dem Täter führt Hawthorne und Horowitz im Oktober 2013 kreuz und quer durch London bis nach Yorkshire und wieder zurück, durch die verschiedensten sozialen Schichten, von den Reichen und Gefeierten zu den Verlierern, von der Gegenwart in die Vergangenheit.

Dabei wird die Liste der Verdächtigen immer länger. Alle lügen, jeder hat ein Geheimnis. Wirklich anständige Menschen gibt es kaum, die meisten stellen sich bald als Heuchler, Lügner, bösartig und korrupt heraus. Während Hawthorne einem nach dem anderen die Geheimnisse entreißt, setzt er alles daran, seine eigenen vor den neugierigen Augen seines Biografen zu bewahren. Horowitz soll sich, bitteschön!, nicht auf ihn, den genialen Ermittler, konzentrieren, sondern auf die eigentliche Hauptsache, den Mord.

Hawthorne, ein einsamer Mann mit Vergangenheit und düsterem Geheimnis, ist als Ermittler brillant, als Mensch ein Fiasko. Er ist so unsympathisch wie im ersten Fall, bleibt weiterhin ein Rätsel, ein ständiges Ärgernis für seine Mitmenschen. Horowitz möchte nicht nur den Fall vor Hawthorne aufklären, sondern auch das Geheimnis des Detektivs lüften, möchte ihn sympathischer darstellen. Er vermutet ein schweres Trauma in der Kindheit. Eine seltsame Begegnung in Yorkshire scheint ihm recht zu geben.

Überraschende Wendungen, eine wilde Verfolgungsjagd, ein geheimnisvoller Unbekannter, falsche Fährten, ein halbes Dutzend Verdächtige: der brillant erzählte Plot zieht den Leser in die Geschichte hinein, animiert zum Miträtseln, ohne dabei zuviel preiszugeben. Leichthändig verstreut Horowitz kleine Details, versteckt linguistische Hinweise, die sich später als bedeutsam erweisen und sich am Ende so smooth zu einem Ganzen zusammenfügen wie die Airfix-Flugzeugmodelle, an denen Hawthorne während der Auflösung des Falls arbeitet.


Fazit

Der zweite Kriminalroman um Privatdetektiv und Expolizist Daniel Hawthorne und seinen Biografen Anthony Horowitz seziert wie schon der erste genüsslich die Boshaftigkeit, Verlogenheit und Heuchelei hinter der Fassade britischer Kultiviertheit. Dabei treibt die spannende Kriminalstory im klassischen Stil des cosy murder mystery von Agatha Christie die Handlung ebenso voran, wie die Dynamik zwischen den beiden gegensätzlichen Hauptfiguren.


Pro und Kontra

+ teuflisch unterhaltsam: spannend, witzig, temporeich
+ dialogstark
+ faszinierende Charaktere mit dem Autoren Anthony Horowitz in einem pseudorealen Fall als Ich-Erzähler, der nebenbei auf seine Probleme als Autor eingeht
+ ernster Hintergrund

Wertung:sterne4.5

Handlung: 5/5
Charaktere: 5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 3/5


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