Bienen oder die verlorene Zukunft (Hrsg. Grit Richter)

Art Skript Phantastik (Oktober 2020)
Taschenbuch, 192 Seiten, 12,50 EUR
ISBN: 978-3-94504541-1

Genre: Dystopie / Endzeit / Steampunk / Fantasy


Klappentext

Die Zukunft ist ein trostloser Ort mit bröckelndem Ökosystem und alles begann mit dem Verschwinden der Bienen. Doch auch in dieser Zeit gibt es tapfere Held*innen, die versuchen die Natur wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Vom kleinen Mädchen, dass in einem geheimen Hinterhof auf ein Meer aus Blumen stößt über Wissenschaftler*innen aus allen Teilen der Welt, die versuchen Bienen zu züchten oder zu klonen, bis hin zu magischen Wesen, die sich der Macht der kleinen schwarz-gelben Helfer bewusst sind, beschreiten alle ganz verschiedene Wege um ihre Welt zu retten.

Diese zehn Geschichten nehmen Sie mit auf eine Reise in die Zukunft, in der Magie und Technik gar nicht so weit voneinander entfernt liegen


Rezension

Bienen und Space Opera, was für eine seltene, spannende Kombination! Da denkt man gleich an fremdartige Bienenvölker auf fernen Planeten, raumreisende Bienen, interstellare Kämpfe um die letzten Bienen oder Bienen als Crewmitglieder auf Raumschiffen. Leider findet sich nichts davon in dieser Anthologie. Hier steht zwar Space Opera drauf, doch drin sind allerlei andere (Sub-)Genres wie Dystopien, Endzeit, Fantasy und Steampunk. Wer sich auf Geschichten in den Weiten des Alls gefreut hat, wird daher enttäuscht sein, denn meistens befinden wir uns auf der Erde und kommen niemals weiter als bis zur Venus. Um dieser Anthologie etwas abgewinnen zu können, muss man sich zuerst von der Erwartung „Bienen in Space“ freimachen, denn der Fokus liegt hier auf der verlorenen Zukunft:

Sebastian Loy entführt seine Leser*innen auf „Die dunkle Seite des Mondes“, in deren unwirtlicher Einöde ein bienenähnliches Insekt entdeckt worden ist. Eine Sensation, da Bienen seit den Pestizidkriegen als ausgerottet gelten. Chipuna und Madu fliegen zum Mond, da die Afrikanische Union das Insekt dringend braucht. Würden sie es den anderen Staaten überlassen, würden sie wieder einmal leer ausgehen. Auf dem Mond erleben Chipuna und Madu schließlich eine böse Überraschung … Die Auftaktgeschichte bietet immerhin ein bisschen Weltraumfeeling und entwirft auf wenigen Seiten eine spannende, dystopische Zukunft voller Konflikte. Dazu gibt es eine magische Auflösung, über die man schmunzeln kann.

“Schwarmträger“ von Nikolaj Kohler ist endzeitlicher Steampunk mit Mysteryelementen und begeistert mit seiner dichten, unheimlichen Atmosphäre. Die kleine Xià durchsucht die Ruinen, die der Letzte Krieg übrig gelassen hat. Ihr einziger Begleiter: Ihre Drachenhandpuppe Yá. Als wäre ihre zerstörte Welt nicht lebensfeindlich genug, machen auch noch die Schraubenköpfe des Fabrikanten Jagd auf sie. Stimmungsvoll und packend geschrieben – und das Highlight dieser Anthologie.

Veronika Lackerbauer entwirft in „Die Invasion“ eine Zukunft, die auf den ersten Blick nicht ganz so düster erscheint. Allerdings fällt hier bald das Fehlen von Insekten und Vögeln auf. Das kleine Mädchen Mable ist sehr besorgt deswegen, doch ihre Eltern nehmen sie nicht ernst. Einzig ihrem dementen Großvater kann sie sich in seinen klaren Momenten anvertrauen. Aber warum verbringt ihr Opa so viel Zeit in seiner Werkstatt? Und was befindet sich im Garten hinter dem Haus? Mable ist eine liebenswerte Protagonistin, doch der Geschichte mangelt es an Spannung und der SF-Hintergrund bleibt zu schwammig.

Kornelia Schmid erzählt in „Das Summen unter der Sonne“ ein orientalisches Märchen in dystopischem Gewand. Salman forscht an einer Technologie, die Dschinn sichtbar machen kann. Er glaubt fest daran, dass es sie gibt – und setzt all seine Hoffnung in sie. Denn seit die Bienen ausgestorben sind, mangelt es an Nahrung. Die Dschinn sollen mit ihren Verwandlungskünsten helfen und die Bienen ersetzen. Doch dafür verlangen sie einen sehr hohen Preis. Die Geschichte punktet mit dem arabischen Setting und ist wie die meisten Beiträge dieser Sammlung eher Fantasy als SF.

Auch in „Wespennest“ von Silke Pahl sind Bienen ausgestorben, wobei die Autorin beachtet, dass viele Pflanzen wie beispielsweise Getreide nicht auf Bestäuberinsekten angewiesen sind. Obstbäume und -sträucher jedoch schon. Für die leckeren Früchte müssen die Menschen selbst Hand anlegen, wobei es neuerdings Minidrohnen gibt, die die Arbeit der Bienen erledigen. Für viel Geld natürlich. Als Bäuerin Sophia ihre gemieteten Drohnen abhauen, geht sie der Sache auf den Grund und sticht sprichwörtlich in ein Wespennest. Eine Dystopie mit Horrorelementen und Schockmoment.

In “Bidrottning“ von Kai Focke sind zusammen mit Bienen auch 99% der Menschen ausgestorben. In Kriegen um die letzten Ressourcen haben sie sich gegenseitig vernichtet und die wenigen Überlebenden schlagen sich als postapokalyptische Jäger und Sammler durch. Die Wissenschaftler Phil und Amy haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben und suchen nach dem genetischen Bauplan der Bienen sowie einem intakten Labor. Doch nicht die Wissenschaft, sondern ein archaisches Ritual scheint ihre letzte Hoffnung zu sein. Was in „Bidrottning“ passiert, erinnert an nordische / keltische Mythologie, welche gut mit dem Endzeitsetting harmoniert. Allerdings ist auch hier zu früh abzusehen, worauf alles hinausläuft.

In „Biene Christine und die Wunder im Holunder“ von Nele Sickel sind die Bienen immerhin noch nicht ganz ausgestorben. Aber fast, denn die altersschwache Christine ist die letzte ihrer Art. Zauberer Natter will beweisen, dass Bienen über eine Art Bienenmagie verfügen und will dazu Christine untersuchen. Auf einem Holunder passiert schließlich das Wunder. Die Geschichte ist sehr dialoglastig und bietet spannende Ideen, führt diese jedoch nicht konsequent genug aus. Und auch hier ist das Ende absehbar.

Anne Dancks „Drei Bienen für Aschenputtel“ erinnert an die Jugenddystopien, die vor einigen Jahren im Trend lagen. Leider im negativen Sinne. In der Zukunft heißt die Währung BaEUmE: Beitrag zum allgemeinen Erhalt des Umwelt-Equilibriums. Die Protagonistin liegt chronisch knapp im Minus, weil sie ihre wissenschaftliche Neugier befriedigt und nicht für den Frühlingsball des größten Ökostrommoguls spart. Einen „Ökoprinzen“ gibt’s auch, den Erben des Energieriesen. Auch wenn das Ende versöhnlich stimmt, sind hier zu viele Klischees drin. Die Protagonistin ist eine der wenigen Ausnahmen, während alle anderen Frauen oberflächlich und "brav" sind.

Miriam Hutterer bringt uns in „Der Honigschmuggel“ zur Venus. Mehr „Space“ wird man in dieser Anthologie nicht finden. Nachdem die Menschen die Erde ausgebeutet haben, haben sie sich auf der Venus eine neue Existenz aufgebaut. Die magisch begabten Zwerge sind zurückgeblieben. Zwergin Nuru ist Honigschmugglerin und zieht jede Menge Neid auf sich. Als man ihr auf die Schliche kommt, gilt es, die Bienen vor ihren Verfolgern zu retten. Diese befinden sich in einem Habitat auf der Venus und ausgerechnet die drogenabhängige Schwester von Nurus Kontaktperson fängt ihren Funkspruch ab. Miriam Hutterer schreibt unterhaltsam, zudem freut man sich, dass es in dieser Geschichte endlich mal lebende Bienen gibt, um die man kämpfen kann.

Auch “Ein Zirkus auf Reisen“ von Emilia Bach ist mehr Fantasy als SF und handelt von Ursina, die mit ihrem kleinen Zirkus von Stadt zu Stadt zieht. Dort führt sie seltene Tiere vor wie Tauben, Fische und sogar Bienen, womit sie ihren Zuschauer*innen Staunen entlockt. Für ihre Bienen kauft Ursina regelmäßig duftende Blumen und hegt und pflegt sie mit besonderer Fürsorge, denn sie scheinen die letzten ihrer Art zu sein. Eine magische und ruhige Geschichte, die wenig überrascht, aber sehr charmant erzählt ist.

Die Anthologien von Art Skript Phantastik bestechen immer wieder mit ihrer Vielfalt und Kreativität, allerdings ist „Bienen oder die verlorene Zukunft“ die bislang schwächste des Verlags. Einerseits weil das Thema Space Opera schlicht verfehlt ist, aber auch weil viele Geschichte die gleiche Prämisse haben: Bienen sind ausgestorben, die Menschen sind schuld. Statt wissenschaftlicher Lösungen, die man in einer SF-Anthologie erwarten würde, trifft man hier überwiegend auf magische und zu oft lässt sich das Ende zu früh erahnen. Einigen der Geschichten fehlt es an Dynamik und Kraft, um die Leserschaft zu begeistern. Positiv fällt jedoch die Vielseitigkeit der Beiträge auf. Verschiedene Kulturen von Afrika über China bis in den Nahen Osten sind hier vertreten.

“Bienen oder die verlorene Zukunft“ ist eines der schönsten Bücher, das der Verlag bisher veröffentlicht hat. Das Cover schürt die Hoffnung auf Space Opera, insofern ist es bei einem Mix aus Fantasy und Dystopien zwar unpassend, aber schlicht wunderschön anzusehen. Auch innen ist die Anthologie liebevoll mit Waben- und Bienengraphiken gestaltet. Die Autor*inneninformationen finden sich vor jeder Geschichte, wo sie immer stehen sollten, da sie am Anhang seltener gelesen werden. Ein echtes Sammlerstück. 


Fazit

”Bienen oder die verlorene Zukunft“ ist optisch die schönste Anthologie von Art Skript Phantastik, kann jedoch inhaltlich die Erwartungen nicht erfüllen. Statt Space Opera finden sich hier Dystopien, Endzeit, Fantasy und ein bisschen Steampunk. Wer sich von der Erwartung, Bienen in der Weite des Alls anzutreffen, freimachen kann, kann immerhin ein paar herrlich atmosphärische Geschichten genießen. Leider neben einigen ungewohnt schwachen Beiträgen.


Pro und Contra

+ dichte Endzeit- und Steampunk-Atmosphäre bei „Schwarmträger“
+ arabisches Setting bei „Das Summen unter der Sonne“
+ unterhaltsamer „Honigschmuggel“ (mit ein wenig Space)
+ sehr unterschiedliche Settings
+ wunderschöne, liebevolle Gestaltung

o Dystopien, Endzeit, Fantasy und Steampunk

- keine Space Operas = Thema verfehlt
- Prämisse zu oft gleich: Bienen sind ausgestorben
- mehrere Geschichten sind zu vorhersehbar

Wertungsterne3

Texte: 3/5
Auswahl: 1/5
Gestaltung: 5/5
Lesespaß: 3,5/5
Preis/Leistung: 3,5/5


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