Das Nest Gesamtausgabe Bd.1 (Régis Loisel, Jean-Louis Tripp)

Verlag: Carlsen; (September 2020)
Gebundene Ausgabe : 256 Seiten
ISBN-13 : 978-3551760951

Genre: Drama/ Historik


Klappentext

Die Zwanzigerjahre waren auch
in der kanadischen Provinz eine Zeit
des Aufbruchs. Marie, die nach dem Tod
ihres Mannes den einzigen Laden des Dorfes führt,
löst einige Skandale aus und eine Welle der Emanzipation.
Eine Geschichte, wie sie damals wohl in vielen Orten der Welt
vorgekommen ist, und eine Aufforderung
zu Toleranz und Offenheit.

Die Serie wird als Gesamtausgabe
in drei Bänden neu aufgelegt und es
wird deutlich, was sie schon immer war:
eine großartige Graphic Novel.


Rezension

Kanada in den 1920ern. In dem kleinen Örtchen Notre-Dame-des Lacs spielt sich das alltägliche Landleben ab. Es wird geliebt, getrauert, gestritten und sich versöhnt. Es geschehen gute Dinge und Tragödien. Im Mittelpunkt des Dorflebens steht der Krämerladen, der die Verbindung zur Außenwelt ist und durch den all die Sachen ins Dorf kommen, die nicht selbst hergestellt werden können. Der Besitzer des Ladens ist vor kurzem gestorben und seine Frau Marie übernimmt den Laden. Und während die Bewohner des Ortes sie immer wieder um Hilfe bitten, versucht Marie zu trauern.

Hin und wieder weiß man als Rezensent nicht, was man schreiben soll. Meistens weil der Roman oder Comic so schlecht ist, dass sich kaum Worte dafür finden lassen. Manchmal allerdings ist man einfach sprachlos, weil der Roman/ Comic eine emotionale Saite in einem zu klingen bringt, eine die vielleicht bisher unbekannt war und zutiefst berührt. Weil jedes Wort das darüber verloren wird, die Stimmung und die Gefühle, die in einem sind, zerstören würde und einen in den grauen Alltag zurückbringt. Das Nest von Régis Loisel und Jean-Louis Tripp ist so ein Fall. Mit einer ungeheuren erzählerischen und poetischen Kraft, in Wort und Bild, erzählen sie vom Leben in dem kleinen Ort Notre-Dame-des Lacs. Sie ziehen einen hinein in das Leben der Figuren, ohne dass es einem bewusst wird. Eigentlich will man vielleicht nur kurz hineinlesen und ein paar Minuten mit den Charaktere verbringen und plötzlich schaut man auf und es sind Stunden vergangen und der Band ist an seinem Ende angelangt. Manch einer wird über so ein Werk wie Das Nest stundenlang dozieren, beschreiben können, wieso es so meisterhaft ist und es intellektuell auseinandernehmen, aber letztlich bleibt es dabei: Loisels und Tripps Geschichte ist am Besten auf einer emotionalen Ebene zu erfassen. Nicht das Nachdenken darüber lässt einen die Geschichte erst richtig erfahren, sondern das Zulassen, dass sie einen berührt und man sich ihr öffnet. Nur wenige Autoren beherrschen es so zu erzählen und diese Beiden beherrschen es auf ungleichnamige Art und Weise.
Das Nest ist leider außerhalb des Kreis der Comicleser bisher relativ unbekannt. Ein Umstand der unendlich schade ist, denn es ist einfach ein großer Roman, der in Bildern erzählt wird und so viel zu sagen hat. Und deshalb stellen sich, sobald die letzte Seite des ersten Bandes der Gesamtausgabe gelesen und der Buchdeckel zugeklappt wurde, eigentlich nur zwei Fragen:
Wann kann ich an diesen Ort zurückkehren?
Und
Wieso bin ich auf diese Reihe nicht früher aufmerksam geworden?
Die erste lässt sich leicht mit einem Blick auf das Programm von Carlsen beantworten, die zweite hingegen nicht, denn dies stellt ein persönliches Versäumnis dar, welches umgehend behoben werden sollte.
Allzu oft wird das Wort Meisterwerk gebraucht, hier trifft es zu und wird doch dem Werk nicht gerecht.

Die Zeichnungen besitzen die gleiche Poesie wie die Geschichte an sich. Jean-Louis Tripp setzt Régis Loisels Vorzeichnungen in seinen Stil perfekt um. Einige Szenen können aufgrund ihres Könnens ganz ohne Wort auskommen und erzählen doch alles, was nötig ist. Sie erzählen von Verlust, Wut, Trauer und vielen anderen Emotionen und brauchen dafür keinen Text, ein Bild reicht dafür oft genug alleine aus und lässt den Leser nicht mehr los. Die Farbgebung von Francois Lapierre ist brillant und hilft die entsprechenden Emotionen beim Leser hervorzurufen.

Neben wenigen Skizzen, ist ein Nachwort von Sarah Hurlburt, einem Doktor der Literatur, die sich analytisch mit dem Werk auseinandersetzt, enthalten. Gebraucht hätte es dies mit Sicherheit nicht, denn Das Nest spielt sich auf einer anderen Ebene beim Leser ab, aber für manchen ist es vielleicht interessant.


Fazit

Das Nest ist nichts, dass mal eben nebenbei zu lesen ist, es ist ein Werk zum Genießen. Loisel und Tripp haben hier ein Personen- und Beziehungsgeflecht erschaffen, das einen vom ersten Bild der ersten Seite an nicht mehr loslässt. Seite um Seite wird gelesen, bestaunt und umgeblättert, in der Hoffnung diese warmherzige, nostalgische Erzählung mit ihren vielen wunderbaren Figuren möge nie aufhören.


Pro & Contra

+ wundervoll erzählt
+ äußerst emotional
+ Bild und Text gehen eine Symbiose ein

Bewertung:

Handlung: 5/5
Charaktere: 4,5/5
Zeichnungen: 4,5/5
Lesespaß: 5/5
Preis/Leistung: 5/5


Literatopia-Links zu weiteren Titeln von Régis Loisel:

Rezension zu Der Schweinehung Bd.1

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