Barbarotti und der schwermütige Busfahrer (Håkan Nesser)

nesser barbarotti

btb, 2020
Originaltitel: Den sorgsne busschauffören från Alster (2020)
Übersetzung von Paul Berf
Gebunden, 411 Seiten
€ 22,00 [D] | € 22,70 [A] | CHF 33,90
ISBN 978-3-442-75887-6

Genre: Krimi, Belletristik


Rezension

Dies ist der 7. Krimi in der Reihe um den Kriminalkommissar Gunnar Barbarotti, die 2006 mit Mensch ohne Hund startete, gefolgt von Eine ganz andere Geschichte, Das zweite Leben des Herrn Roos, Die Einsamen und Am Abend des Mordes. Nach einer längeren Pause erschien 2018 Der Verein der Linkshänder, in dem Barbarotti gemeinsam mit seinem Vorgänger, dem pensionierten Kommissar Van Veeteren, ermittelt.

Es ist interessant die Entwicklung des ungewöhnlichen Kommissars zu verfolgen, der auf der Suche nach Antworten mit Gott und dem Geist seiner verstorbenen Frau Marianne spricht, bevorzugt auf geistigen Nebenwegen ermittelt, geduldig Mustern und Ahnungen nachspürend. Auf Mariannes Wunsch hat er sich seiner Kollegin Eva Backmann angenähert und sich 2012 mit ihr verpartnert, in aller Heimlichkeit, was bedeutet: alle Kollegen wissen es. Gemeinsam kümmern sie sich um ihre acht Kinder. Zugegeben, die meisten sind schon erwachsen. Backmanns Sohn steht vor der ersten Scheidung, Barbarotti hat mittlerweile einen kleinen Enkel namens Max.

Barbarotti und Backmann, im Jahr 2016 zu Kommissaren ernannt, sind auch im Dienst ein Team. An einem Tag Ende August 2018 sind sie unterwegs zu einer Befragung, als sie zwei Personen beim Abfackeln einiger Autos sichten. Um das Leben eines ahnungslosen Pärchens zu retten, muss Backmann schießen. Es gibt einen Toten. Die Interne aus Stockholm ermittelt. Um Abstand zu gewinnen, reisen Barbarotti und Backmann nach Gotland, quartieren sich im Ferienhaus eines Kollegen in Valleviken ein.

Bei einem Spaziergang glaubt Barbarotti einen Mann zu sehen, der eigentlich tot sein müsste. Albin Runge verschwand 2013 von einer Finnlandfähre. Die Chancen, in der eiskalten Ostsee zu überleben, waren gleich Null. Seine Leiche wurde nie gefunden. Wochen vor seinem Tod hatte sich Runge mit einem Stapel anonymer Drohbriefe an die Polizei Kymlinge gewandt. Barbarottis Jagdinstinkt ist geweckt. Gemeinsam geht er mit Backmann die alten Akten durch, die einige Fragen aufwerfen. Die alles entscheidende Frage lautet jedoch: Ist der Unbekannte mit dem roten Rad wirklich Albin Runge, Ideenhistoriker, ehemaliger Universitätsmitarbeiter und ehemaliger Busfahrer, der 2007 in einen Unfall verwickelt war, bei dem achtzehn Menschen starben? Über Mangel an Feinden konnte er sich nicht beklagen.

Die Handlung spielt in der fiktiven Stadt Kymlinge in Schweden, in dem sich das Klima verschärft, Vandalismus und Bandenkriminalität zugenommen und die organisierte Kriminalität sich fest verankert haben. Die Polizei reagiert mit dem Tragen von Schusswaffen, auch wenn man nur zu einem Gespräch mit einem Lehrer fährt. Was zum Tod eines Menschen und zur Reise nach Gotland führt. Es ist in mehrfacher Hinsicht eine Reise in die Vergangenheit. Auf Gotland scheint die Zeit stillzustehen. Das Leben ist einfach, einsam, naturverbunden. Dort werden die Hauptfiguren mit einem alten Fall konfrontiert und der Erkenntnis, ihn vielleicht vermasselt zu haben.

Barbarotti scheint Van Veeteren zu folgen, jedenfalls was das Versagen angeht. Im Linkshänder-Fall wird die verrottete Leiche eines Mannes ausgegraben, den Van Veeteren für einen Mörder gehalten hatte, der sich aber als weiteres Opfer erweist. Nun taucht überraschend ein Totgesagter wieder auf, und die Polizisten müssen sich fragen, ob auch sie auf ein geschicktes Täuschungsmanöver hereingefallen sind. Barbarotti glaubt einen schicksalhaften Hinweis in Ingmar Bergmans Film Persona zu erkennen, denn der Regisseur lebte dort, wohin ihn die Spur führt, auf Gotlands Nachbarinsel Fårö.

Die Romanhandlung spielt auf zwei Zeitebenen, wobei Runge als sein eigener Erzähler in Form von Tagebuchaufzeichnungen, die er nach einem Werk von Gustaf Fröding benennt, über die Tragödie seines Lebens berichtet. Nesser zeichnet mit Runge eine Figur, deren Leben eine Abfolge von Katastrophen ist, eine Art Hiobsfigur, doch ohne Gottesglauben. Nach Runges Verschwinden gerät das Tagebuch in die Hände von Barbarotti und Backmann. Mehr über ihn erfahren wir aus einem Gesprächsprotokoll mit der Polizei sowie aus der Sicht von Barbarotti und Backmann. Die halten ihn für etwas seltsam und meinen ein gewisses Misstrauen zu spüren. Was Runge von ihnen hält, können sie übrigens auch in den Tagebüchern nachlesen.

Die Handlung im Jahr 2018 wird fast nur aus der Sicht Barbarottis und Backmanns erzählt, wobei sie herauszufinden versuchen, was damals wirklich geschah. Sie rollen den Fall nochmals auf, rekonstruieren die Ereignisse, betrachten das Verschwinden Runges in anderem Licht, interpretieren die Geschichte neu. Angetrieben wird Barbarotti wie üblich von der Suche nach der so genannten Wahrheit. Jede Geschichte wird chronologisch erzählt, doch wechselt Nesser immer wieder geschickt zwischen den beiden Zeitebenen, hält mit dem Arrangement des Stoffs die Spannung aufrecht.

Wir beginnen unweigerlich mitzurätseln, wer hinter den Drohungen stecken und was es mit dem Verschwinden Albin Runges und auch seiner immer rätselhafter werdenden Person auf sich haben könnte. Unter der Spannungsoberfläche zieht Nesser eine andere Ebene ein, eine weitaus interessantere und bedrohlichere, in der Fragen nach der menschlichen Existenz gestellt werden, dem Sinn des Lebens, einem Gott, der Objektivität von Wahrheit, dem Narrativ, das wir unserem Leben geben.


Fazit

Ein spannender Roman um ein mysteriöses Verschwinden, der vordergründig den Regeln des Rätsel-Krimis folgt und zugleich literarisch ist. Ironisch und verständnisvoll thematisiert Nesser Aspekte der menschlichen Existenz. Dabei geht es um Schein und Sein, die Wahrheit und das Narrativ.


Pro und Kontra

+ raffinierter Fall für Barbarotti und Backmann, zum Miträtseln
+ komplex gezeichnete, ambivalente Charaktere
+ intensive Atmosphäre

Wertung:sterne4

Handlung: 4/5
Charaktere: 4/5
Lesespaß: 4/5
Preis/Leistung: 4/5


Rezension zu Himmel über London

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