Alessandra Reß (16.11.2020)

Interview mit Alessandra Reß

alessandra ress 2020Literatopia: Hallo, Alessandra! Kürzlich ist Deine neue Space Fantasy „Die Türme von Eden“ im Lindwurm Verlag erschienen. Was erwartet die Leser*innen auf dem Planeten Eden?

Alessandra Reß: Hallo Judith. Die Lesenden erwarten Spione, sinistere Organisationen, Engel, Türme, ein bisschen Drama, Action und Auseinandersetzungen mit Idealen.

Weniger kryptisch ausgedrückt erwartet sie erst einmal eine Antwort auf die Frage, ob es Eden überhaupt gibt. Innerhalb des von Menschen bevölkerten Sternensystems Aditi, in dem die Handlung spielt, ist Eden eine Art Mythos. Hierhin bringt die Organisation der Liminalen schwerstverletzte Menschen, angeblich um ihnen ein neues Leben als Engel zu ermöglichen.

Was tatsächlich dahinter steckt, steht aber in den sprichwörtlichen Sternen – zumal außer den Liminalen noch nie jemand diesen ominösen Planeten auch nur gesehen hat.

Literatopia: Was ist Dein Protagonist Dante für ein Mensch? Warum fungiert ausgerechnet er als Spion auf Eden?

Alessandra Reß: Dante ist ein Geflüchteter, der zufällig von seinem in einem Krieg verwüsteten Heimatplaneten entkam. Er ist eine Weile durch Aditi geirrt, ehe er sich unter neuem Namen den Suchenden angeschlossen hat. Für sie ist Wahrheit der zentralste Wert und sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Geheimnisse und Verschwörungen aufzudecken. Hinter das Geheimnis von Eden zu kommen, ist ihnen dabei ein ganz besonderes Anliegen.

Dass ausgerechnet Dante dabei nun als Spion fungieren soll, halten allerdings nicht alle Suchenden für eine gute Idee. Er ist voreingenommen und verachtet die Liminalen, die junge Menschen als Noviz*innen in eine ungewisse Zukunft locken, und deren Ethik Dantes Heimat auch nicht retten konnte. Ohnehin ist seine Vergangenheit ein wunder Punkt, mit der er nicht so abgeschlossen hat, wie er selbst glaubt – sobald er unter den Liminalen ist, zeigt sich, dass ihn das angreifbar macht. Andererseits ist er mit ganzem Herzen dabei, den Suchenden treu ergeben und versteht sich darauf, sich an neue Situationen anzupassen.

Literatopia: Dantes Schwester Misaki war zunächst nur eine Nebenfigur, gehört nun aber zu den Perspektivträger*innen. Wie kam es dazu?

Alessandra Reß: Anfangs waren tatsächlich nur Dante und Keri Perspektivtragende. Aber beide gehören zu den Noviz*innen der Liminalen, wodurch der Blick auf die Geschehnisse relativ eingeschränkt war. Es gibt einige Ereignisse, die parallel zur Handlung rund um die beiden stattfinden und die einen Einfluss auf die Liminalen nehmen. In der ersten Version ist vieles sehr plötzlich passiert, da Dante und Keri die Entwicklung dieser Ereignisse größtenteils nicht mitbekommen haben, sondern nur ihren Ausgang. Es gab dann so Deus-Ex-Machina-Momente, in denen scheinbar kontextlos Personen in die Handlung gepurzelt sind, außerdem wurde vieles nur berichtet, aber nicht gezeigt. Ich habe also gemerkt, dass ich noch jemanden mit Außenperspektive einbringen muss, der die Ereignisse aus erster Hand miterlebt und für die Verbindungen zwischen Eden und der Außenwelt sorgt. Misaki, die ebenso wie Dante für die Suchenden arbeitet, hat sich dafür am besten angeboten.

Literatopia: Deine dritte Perspektivfigur ist Bibliothekarin Keri. Sie schließt sich den Liminalen an, um eine Schuld zu begleichen – doch glaubt sie an die Engel? Oder steht sie den Liminalen wie Dante eher kritisch gegenüber?

Alessandra Reß: Keri hat in ihrer Vergangenheit bereits mit den Liminalen zu tun gehabt. Ihre Erlebnisse lassen sie an deren Lehren zweifeln, aber sie kann sich der Hoffnung, dass es Eden und die Engel gibt, nicht ganz verwehren. Insofern ist sie skeptisch, aber nicht so ablehnend wie Dante.

Literatopia: Erzähl uns mehr über den religiösen Hintergrund. Welche Aufgaben erfüllen die Liminalen? Und inwiefern mischen sie sich in die Politik ein?

Alessandra Reß: In Aditi gibt es eine ganze Reihe an Religionen und Weltanschauungen – im Prinzip ist für jeden was dabei. Das bedeutet aber auch eine große Unsicherheit, denn wenn so viele Weltanschauungen nebeneinander bestehen, werden deren Wahrheiten und Ideale zwangsläufig relativ. Der Engelsglauben der Liminalen, der mehr Ethik als Religion ist, füllt dabei eine Lücke bzw. zieht eine Verbindung zwischen vielen der Religionen. Er verlangt nicht, zu beten oder in Tempel zu gehen, sondern weckt in erster Linie die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod – vorausgesetzt, man verhält sich im Leben altruistisch.

Gerade nach dem verheerenden Krieg, der einige Jahre vor Beginn der Handlung einen ganzen Planeten unbewohnbar gemacht hat, sehnen sich viele Menschen nach solchen Idealen, zudem ist der Engelsglaube mit vielen Lokalreligionen kompatibel. Entsprechend treffen die Liminalen auf fruchtbaren Boden mit ihren Lehren und einige Regierungen sehen in ihnen eine Chance, die verschiedenen Kulturen auf einen gemeinsamen Wertekanon zu bringen. Liminale können daher auf den Planeten sehr unbehelligt agieren und sie treten als Regierungspartner auf. Umso schwieriger ist es für Kritiker*innen, sich Gehör zu verschaffen.

Literatopia: Der Roman spielt in einem fernen Sternensystem, in das die Menschen mit Hilfe außerirdischer Technologie gelangt sind. Wie hat sich die Menschheit dort entwickelt? Wie viele Planeten bewohnt sie? Und haben sie noch Kontakt zur Erde?

Alessandra Reß: In Aditi gibt es vier bewohnte Planeten – Legba, Cuchulain, Demeter und Adad – plus den bewohnten Mond Cyberia, den im Krieg zerstörten Ruinenplaneten und Eden. Früher wurden diese Orte von der Spezies der „Schweigenden“ bewohnt, die der Legende nach die ersten Menschen nach Legba brachte. Das ist allerdings schon einige Jahrhunderte her und es besteht keinerlei Verbindung mehr zur Erde. Außerdem haben sich die Menschen nach und nach ausgebreitet, während die Schweigenden immer weniger wurden.

Die Entwicklung auf den vier Planeten ist unterschiedlich verlaufen: Cyberia ist eine progressive, technokratische Enklave, die sich allen SF-Schnickschnack von Cyborgs bis hin zu Simulationen gönnt. Cuchulain, Demeter und Adad erscheinen aus unserer Sicht dagegen eher rückständig, sowohl in sozialer als auch technologischer Hinsicht. Die Kulturen und Regierungsformen variieren und reichen von Monarchien bis zu akephal organisierten Inseln.

Auf dem Ruinenplaneten wurde mit der Technologie der Schweigenden experimentiert, die auf die Menschen oft wie Magie wirkt. Legba wiederum hat von allem ein bisschen. Aber auch wenn es z. B. für die interplanetarischen Flüge Transporter, also Raumschiffe, gibt, ist die technische Entwicklung insgesamt vergleichsweise konservativ verlaufen. Die meisten waren damit beschäftigt, neue Planeten zu besiedeln – kreativ wurden die Menschen erst, als sie anfingen, einander zu bekämpfen.

spielende goetterLiteratopia: Was zeichnet gelungenes Worldbuilding für Dich aus? Und für welche Elemente von „Die Türme von Eden“ hast Du am meisten recherchiert?

Alessandra Reß: Als Leserin brauche ich keine seitenlangen Landschaftsbeschreibungen oder Mythen- und Geschichtskompendien. Wichtiger ist mir eine … sagen wir, implizite Tiefe. Das Gefühl, dass der oder die Autor*in eine durchdachte Welt kreiert hat, auch wenn wir von dieser als Leser*innen nur einen Teil präsentiert bekommen. Außerdem bin ich jemand, der vor allem Gefallen an sozialen Visionen findet. Entsprechend spielen die in meinen Werken oft eine größere Rolle als ausgefeilte technische oder geographische Überlegungen (idealerweise greift aber natürlich all das ineinander).

Bei der Recherche haben Konzepte wie die Cybermystik eine Rolle gespielt (die habe ich mir nicht ausgedacht, die gibt’s tatsächlich ;)). Die meiste Detailrecherche ist aber für die beiden Kapitel draufgegangen, die in einem Dschungel spielen: Ich hatte hier sehr klare Ideen, wie die beiden Kapitel ablaufen sollten, war aber etwas zu sehr von Vorstellungen aus diversen Abenteuerfilmen geprägt. Liebe Leute, lasst euch gesagt sein: Es ist nicht so leicht bzw. nahezu unmöglich, mit Lianen von Baum zu Baum zu schwingen oder gar ein Seil zu knoten! Na ja. Ich habe also einige Tage zu Flora und Fauna tropischer Wälder recherchiert und mich nebenher mit so aufbauenden Fragen beschäftigt wie „Wie weit hört man deinen Schrei, wenn du in einer Grube mitten im Dschungel um Hilfe rufst?“

Literatopia: Welche Verbindungen gibt es zu Deinem früheren Roman „Spielende Götter“?

Alessandra Reß: Beide spielen im selben Universum und in „Spielende Götter“ gab es am Ende eine offene Frage – diese wird in „Die Türme von Eden“ geklärt. Ich fürchte, mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne zu spoilern. Es ist ein kleines Gimmick für alle, die „Spielende Götter“ gelesen haben, weil ich als Leserin solche Verbindungen zwischen Romanen selbst sehr gerne mag. Aber es nimmt keinen großen Raum ein und man kann beide Bücher völlig unabhängig voneinander lesen.

Literatopia: Zu „Die Türme von Eden“ hast Du ein Video gemacht, in dem Du über Handlung und Hintergründe sprichst. Wie wichtig ist es heutzutage, seinen Leser*innen verschiedene Formate anzubieten?

Alessandra Reß: Wenn sich verschiedene Formate ergänzen, kann man damit praktische Synergieeffekte erzeugen. Das habe ich vor allem letztes Jahr durch „Die Sommerlande“ festgestellt. Hier hatte ich den Text der Novelle geschrieben, Fräulein Kirsten hat sie illustriert, und ich habe aus den Illustrationen wiederum einen kleinen Trailer gebastelt. So etwas ist für das inzwischen sehr visuell orientierte Marketing in sozialen Medien hilfreich, aber auch, um z. B. Online-Lesungen aufzulockern.

Es kommt aber auch auf die Zielgruppe an und letztlich sind die Kanäle erst mal wichtiger als die Formate. Früher habe ich meine Bücher vorrangig über Conventions und Foren beworben. Heute sind sowohl die analogen als auch die digitalen Plattformen sehr ausdifferenziert. Das bietet uns Autor*innen mehr Möglichkeiten, verlangt aber auch ein gewisses Gespür für die jeweilige Community (und die Bereitschaft, selbst auszutesten, was einem liegt). Die Communitys bringen dann wiederum unterschiedliche Formatvorlieben mit sich und da eine gewisse Bandbreite anbieten zu können, ist sicher hilfreich – 2020 mehr denn je.

Allerdings mache ich solche Videos vornehmlich aus Spaß an der Sache. Die Views sind nicht hoch, ich lade sie ja auf Vimeo hoch und bewerbe sie nur über meinen Blog. Insofern sind sie nicht erfolgreicher als ein normaler Text-Blogpost, dabei aber sehr ressourcenaufwendig und verlangen noch mal spezifische Überlegungen zum Thema Barrierefreiheit. Dennoch finde ich es ab und zu nett, mich vor die Kamera zu setzen und hinterher ein bisschen herumzuschnippeln. Vielleicht gehe ich das Ganze irgendwann auch ernsthafter an und wechsle zu YouTube oder Twitch. Derzeit fehlt mir leider noch die Zeit, das überlegt anzugehen.

Literatopia: Auf Deinem Blog fragmentansichten.com veröffentlichst Du regelmäßig Monatsrückblicke mit News aus der Phantastikszene. Wie hat sich diese in den letzten Jahren verändert? Welche Themen treiben die Phantast*innen um?

sommerlandeAlessandra Reß: Angefangen habe ich mit diesen Rückblicken im Januar 2015. Damals ging es z. B. oft um Fragen der Anerkennung phantastischer Literatur als „ernsthafte“ Belletristik, außerdem gab es … nennen wir es Generationenkonflikte zwischen der „älteren“, von Fanzines geprägten Szene und den Blogger*innen, denen mangelnde Professionalität, eine Abgreifmentalität, ein eingeschränkter Blickwinkel und Egozentrik vorgeworfen wurden. Das fiel in eine Zeit, in der viele Fanzines eingestellt wurden oder selbst Blogs gewichen sind.

Die Diskussion zwischen U- und E-Literatur ploppt auch heute immer mal wieder auf, aber sie wird derzeit nicht so umfassend geführt. Vielleicht, weil es da durchaus Erfolge zu verbuchen gibt. Klar, insbesondere als Fantasyautor*in weiß man, dass man nach wie vor mit vielen Vorurteilen konfrontiert wird. Aber insbesondere Science Fiction wird inzwischen auch außerhalb der expliziten Genremedien besprochen, es gibt prominent platzierte Panels im Rahmen der Buchmessen, über die Szene hinaus beliebte Onlineportale usw.

Generationenkonflikte gibt es auch nach wie vor, auf eine Art sind sie vielleicht sogar stärker geworden. Aber ich musste etwas müde grinsen, als kürzlich bei Twitter ein paar Artikel herumgingen, in denen der Niedergang der Bloggingkultur zugunsten der Instagram-Buchcommunity beweint wurde – im Prinzip mit derselben Argumentation wie es früher Fanzine vs. Blogs hieß, nur sind es jetzt die „Bookstagrammer“, die angeblich immer nur dasselbe bewerben, vorrangig für sich selbst Werbung machen, die Blogs verwaisen lassen usw.

Die Blogs sind tatsächlich sehr zurückgegangen, aber das mag in fünf Jahren schon wieder ganz anders aussehen – aktuell erleben auch viele Fanzines ein Revival. (Habe zum Beispiel gerade gesehen, dass ich in den Februaransichten 2015 geschrieben habe, dem PHANTAST drohe das Aus. Heute hat er bei euch ein neues Zuhause gefunden und ist aus meiner Sicht eines der etabliertesten E-Mags.)

(Anmerkung: Oh, dankeschön für das Lob! :D )

2015 gab es auch bereits einige Beiträge zu Themen wie Rassismus, Diskriminierung oder Kolonialismus in der Fantasy und Science Fiction und deren Szenen. Aber spätestens seit 2017 ist dieser Themenkomplex quasi explodiert und auch 2020 sicher nach wie vor eines der dominantesten Diskussionsthemen.

Zugleich ist es aber schwierig, von DEN Phantast*innen zu sprechen, da die Szene inzwischen sehr ausdifferenziert ist. Ich versuche, möglichst viele Kanäle im Blick zu haben, wähle letztlich aber bei den Monatsansichten auch das aus, was mir am wichtigsten oder interessantesten erscheint, und schon aus Zeitgründen komme ich nicht dazu, mich mit allen Facetten zu beschäftigen, so schade ich das auch finde.

Literatopia: Wie sehr hast Du in diesem Jahr Conventions und Messen vermisst? Und welche Alternativen hast Du gefunden, um mit Kolleg*innen und Leser*innen in Kontakt zu bleiben?

Alessandra Reß: Ich empfand die bisherigen digitalen Alternativen der Cons und auch der Barcamps als sehr gut. Die Online-Conventions waren inhaltlich breiter und interessanter aufgestellt als ihre analogen Vorgänger und z. B. der BuCon hat mit seinen Babbeltischen in Discord auch eine schöne Möglichkeit für einen privateren Austausch geboten, ähnlich den Tischecken in der Stadthalle. Also hier bin ich echt positiv überrascht worden, diesen Transfer ins Digitale haben andere Bereiche nicht so gut gemeistert.

Was mir aber gefehlt hat, war das „Eye-Candy“ der Media-Conventions und Märkte, und während der digitalen FBM habe ich auch das Hallengewusel vermisst. Zudem vermute ich, dass die Verkäufe meiner Romane dieses Jahr zurückgegangen sind, da sowohl die Verlage als auch ich selbst keine klassischen Stände hatten (genau kann ich das aber erst nach den Abrechnungen in 2021 sagen). Nach Online-Lesungen lief es zwar solide, aber normalerweise verkaufe ich halt über meine Stände auf Conventions auch noch ältere Titel, die sonst nicht mehr so stark beworben werden. Auch den Start von „Die Türme von Eden“, dessen Veröffentlichung eigentlich zum (Analog-)BuCon hätte sein sollen, hatten der Verlag und ich uns etwas anders vorgestellt. Aber nun, das Problem teile ich mit vielen Kolleg*innen.

Mit Kolleg*innen habe ich gelegentlich geskypt, wenn auch lange nicht so oft, wie ich gerne würde. Der Kontakt zu Lesenden lief viel über Social Media, aber ich habe auch Foren und Mails wieder stärker zu schätzen gelernt. Ganz weg fiel zum Glück auch der RL-Austausch nicht, beispielsweise treffe ich mich regelmäßig mit einer in der Nähe wohnenden Bloggerin, die ich über den lokalen Phantastik-Stammtisch kennengelernt habe.

Literatopia: Für TOR online schreibst Du gelegentlich Artikel, zum Beispiel über verschiedene Subgenres in der Phantastik. Wo siehst Du persönlich das größte Potential für die Zukunft? Wovon würdest Du gerne mehr lesen?

Alessandra Reß: Oh, ich bin schlecht bei solchen Vorhersagen. Noch im Frühjahr hatte ich in einem Interview zu Protokoll gegeben, dass ich in der deutschsprachigen Szeneliteratur keinen Trend zur Climate Fiction sehe. Aber plötzlich ist das Thema en vogue und es erscheinen auch einige Neuveröffentlichungen dazu.

ahnung freiheitGenerell sehe ich bei Near Future derzeit ein wieder erstarktes Potenzial, da die Nachfrage nach (vom Grundsatz her umsetzbaren) Zukunftsvisionen hoch ist – und hier nicht zuletzt auch nach positiven Spielarten. Aber auch Dauerbrenner wie Grimdark oder Romantasy werden ihre Fangemeinden erhalten. Und die „Basisgenres“ wie High oder Urban Fantasy laufen da ohnehin immer mit; die Frage ist nicht, ob die weiter bestehen, sondern was aus ihnen gemacht wird. Gespannt bin ich, inwiefern internationale SFF von außerhalb des angloamerikanischen Raumes Einfluss nehmen wird. Momentan wird ja z. B. die chinesische SF vergleichsweise stark rezipiert und auch sonst gibt es international viele Ansätze, die der Phantastik ganz neue Facetten entlocken können.

Persönlich würde ich mir mehr Urban oder Contemporary Fantasy wünschen, die nicht nur in der Gegenwart spielt, sondern im Hier und Jetzt. Oft habe ich das Gefühl, dass solche Bücher in einer Art Unzeit spielen, in der die Figuren zwar U-Bahn oder Cabrio fahren, aber weder Smartphones kennen noch sich um irgendwelche politischen Begebenheiten seit dem Jahr 2000 Gedanken machen. Das ist schade, weil doch gerade die Contemporary Fantasy (auch außerhalb von humoristischen Ansätzen!) das Potenzial hätte, die Gegenwart spielerisch zu kommentieren. Klar, es gibt durchaus entsprechende Titel, ich schätze da beispielsweise sehr die „Flüsse von London“-Reihe. Aber da ginge noch mehr. (Ja ja, ich kehre auch vor meiner eigenen Haustür.)

Literatopia: Zu guter Letzt, ein bisschen Werbung für die Konkurrenz: Welche Romane haben Dich in den letzten Jahren wirklich begeistert?

Alessandra Reß: Hui, „in den letzten Jahren“ ist eine weite Zeitspanne. Ich grenze es mal auf Phantastik ein: Generell mag ich die Bücher von Oliver Plaschka sehr gern; normalerweise schreibt er sehr melancholisch, seine letzter Veröffentlichung „Der Wächter der Winde“ war dagegen leichtherziger, aber nicht minder zu empfehlen.

Eines meiner Jahreshighlights war Susan Fletchers „Das Geheimnis von Shadowbrook“. Das Buch erzählt eine klassische Mystery-Geschichte, die kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in einem Herrenhaus von England spielt. Hier hat irgendwie alles gepasst: der Schreibstil, die Figuren, die Handlungsauflösung, die sich erst ganz zum Ende hin offenbart. Zudem greift das Buch viele soziale Themen auf, die intelligent in die Handlung eingewoben werden. Writinggoals :)

Literatopia: Herzlichen Dank für das Interview!

Alessandra Reß: Ich hab zu danken!


Autorenfoto: Copyright by Alessandra Reß

Autoren-Website: https://fragmentansichten.com 

Interview mit Alessandra Reß (Januar 2014)

Rezension zu "Vor meiner Ewigkeit"


Dieses Interview wurde von Judith Madera für Literatopia geführt. Alle Rechte vorbehalten.

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